03.05.2015 Seyed Mohammad Marandi

Saudis Krieg im Jemen: Frage nach der Legitimität und iranische Stellvertreter?


Karikatur ISIS ISIL Islamischer Staat Yemen Houthi

Für Saudi-Arabien hat der Kampf gegen die im Jemen lokal agierende Huthi-Miliz mehr Priorität als der Kampf gegen den in der gesamten Region agierende IS.

Im Folgenden geben wir zu Dokumentationszwecken einen Kommentar von Seyed Mohammed Marandi, Professor für Nordamerikastudien und Dekan der Fakultät für Weltstudien an der Universität Teheran, wieder, der die iranische Perspektive zu den anhaltenden saudischen Luftangriffen auf jemenitisches Gebiet gut reflektiert.

Bei dieser Aggression geht es nicht um die regionale Dominanz Irans, sondern darum, die Forderungen des jemenitischen Volkes verstummen zu lassen.

Westliche Regierungen, ihre Nahost-Verbündeten und einige Medienvertreter haben viel mit Lewis Carrols Goggelmoggel gemeinsam. „Wenn ich ein Wort gebrauche“, sagte Goggelmoggel in recht hochmütigem Ton, „dann bedeutet das Wort genau das, was ich für richtig halte – nicht mehr und nicht weniger.“ In vergleichbarer Weise sind im Wörterbuch der westlichen Mächte und ihrer regionalen Partner die Bedeutung solcher Worte wie „Gemäßigte“, „Legitimität“, „Menschenrechte“, „Demokratie“, „Extremismus“, „Terrorismus“ und „Fundamentalismus“ in etwa so beständig wie die Farbe eines Chamäleons.

In der Ukraine unterstützten und erleichterten die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten den Sturz eines demokratisch gewählten Präsidenten und haben das nachfolgende Regime unverzüglich als „legitim“ erachtet. Im Jemen aber erachten die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten Abd-Rabbu Mansour Hadi - obwohl er der einzige Kandidat bei der Präsidentschaftswahl war, obwohl seine Amtszeit als Übergangspräsident nach zwei Jahren abgelaufen ist, obwohl ihm der Rückhalt in der Bevölkerung fehlt, obwohl er im Januar zurücktrat, obwohl er aus seiner Hauptstadt und später aus seinem Land geflohen ist – weiterhin für den „legitimen“ Präsidenten.

Frage der Legitimität

Als Hadi fremde Mächte dazu einlud, die schwache Infrastruktur und das Militär seines Landes zu bombardieren, beeilten sie sich, dies zu tun. Die logistische und geheimdienstliche Unterstützung der USA erklärt wohl auch, warum das saudische Königreich Amerikas Lieblingstaktik „Schock und Ehrfurcht“ für seinen Krieg gegen den Jemen ausgewählt hat. In die gleiche Kerbe schlägt der israelische Premierminister Netanyahu, der die Luftangriffe gegen Jemens fragile Infrastruktur und seine Streitmacht unterstützt. Vielleicht hätten die Saudis ihn besser vorher fragen sollen, warum mehrere barbarische Angriffe des israelischen Regimes auf vergleichsweise viel kleinere Gebiete wie auf Gaza und auf den Südlibanon alle in Niederlagen und Blamagen endeten.

Nun wiederholt sich aber die Geschichte wie ein Schurkenkarussell. Dieselben Staaten, die, wie US-Vizepräsident Joe Biden einmal zugab, dabei halfen, einen Großteil Libyens, Syriens und des Iraks zu zerstören, kämpfen nun auf der gleichen Seite wie die „Al-Qaida der Arabischen Halbinsel“ (AQAP). Ist es wirklich eine gute Idee, den gefährlichsten Zweig al-Qaedas längsseits des Bab El Mandab, der schmalen Wasserstraße, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet, zu stärken, insbesondere da Somalia keine effektive zentrale Regierung hat und al-Qaedas Ableger, wie al-Shabab, auf der anderen Seite der Meeresenge sind?

Es waren schließlich Vetternwirtschaft, Armut, Ungerechtigkeit, Korruption und Jahrzehnte der Fremdbestimmung, die zu Hadis Sturz führten. Die endlosen Versuche, dies abzustreiten, sowie die jemenitische Situation als einen konfessionellen Konflikt darzustellen ist ein abgekartetes Spiel. Genau diese konfessionalisierte Strategie brachte fatalerweise die Bildung von Gruppen wie die Taliban, der IS, Boko Haram, die Al-Qaida, die „Al-Qaida im Islamischen Maghreb“, die Ansar al-Sharia und Jundullah hervor. Sie hat Leid und Verwüstung über Nordafrika verursacht, wo es nicht einmal schiitische Muslime bzw. „Majus“ und „Safavide“ gibt, um die abwertende Terminologie der Dutzend gut-finanzierten konfessionellen, ethnozentrischen und extremistischen Satellitensender zu verwenden.

Iranische Stellvertreter?

Die Houthis oder Ansarallah als Stellvertreter Irans zu bezeichnen, beleidigt ihre Millionen Anhänger und Verbündete im Jemen, einschließlich derer aus dem Süden, die sich gut an die ihnen zugefügte vergangene Leid und Zerstörung durch dieselben Mächte von heute erinnern. Es ist ein offensichtlicher Versuch, ein nicht-konfessionelles Land in Richtung Konfessionalismus zu stoßen, obwohl diese Politik bereits in Syrien gescheitert ist.

Es ist schwer vorstellbar, wie diese Luftangriffe auf den Jemen – das Töten einer bedeutenden Anzahl unschuldiger Zivilisten, einschließlich Frauen und Kinder, die sich in ein Flüchtlingslager drängten – die „Koalition“ als Befreier aussehen lassen werden. Dass diese Piloten nirgends in der Nähe von Palästina flogen als das israelische Regime Gaza 2014 überfiel ist ebenfalls niemandem entgangen.

Die Iraner haben bemerkt, dass die von den Saudis geführte Operation „Sturm der Entschlossenheit“ mit den sensibelsten Phasen der Verhandlungen zwischen der Islamischen Republik Iran und der E3+3 im schweizerischen Lausanne zusammenfiel. Es ist seit einiger Zeit offensichtlich, dass das israelische und saudische Regime ein erfolgreiches Ergebnis dieser Verhandlungen um fasten jeden Preis verhindern wollen.

Unabhängig vom endgültigen Ausgang des Krieges sollten sich die Peiniger des Jemen daran erinnern, was entlang der saudi-jemenitischen Grenze bereits im Jahr 2009 geschah, als Ansarallah noch eine viel kleinere, isoliertere und weniger erfahrene Militärmacht war. Der Ankauf pakistanischer oder ägyptischer Truppen wird das Problem daher nicht lösen - beide Regime befinden sich ohnehin in der Krise und sind nicht einmal in der Lage, ihre eigenen Extremisten einzudämmen.

Die Wertschätzung für Iran unter Irakern, Syrern, Bahrainern, Omanern und Jemeniten begründet sich auf Irans Unabhängigkeit, partizipativ-islamistische Regierung (der Westen behauptet nichtsdestotrotz das Gegenteil), Zivilisation, Toleranz und Ablehnung von spalterisch-konfessionellen Ideologien.

Entgegen der faulen Vorwürfe, die zweifellos weiter gegen Iran erhoben werden, geht es bei der Aggression gegen Jemen nicht um die angebliche regionale Dominanz der Islamischen Republik, sondern darum, die Bestrebungen der jemenitischen Bevölkerung zum Schweigen zu bringen.

Wer Bürgerkrieg, Extremismus und Krieg verbreitet, der sollte über die letzten Worte Lady Macbeths nachdenken: „Noch immer riecht es hier nach Blut; alle Wohlgerüche Arabiens würden diese kleine Hand nicht wohlriechend machen.“


Erstmals veröffentlicht am 2. April 2015 bei Al Jazeera. Übersetzt von Rebecca Chen.


Wir sind auf Ihre regelmäßige Spende chronisch angewiesen! Bitte hier klicken.



Gerne können Sie den ersten Kommentar schreiben.




* Bitte haben Sie Verständnis, dass die Redaktion Beiträge editiert oder nicht freigibt mit dem Ziel einen moralischen Austausch zu gewährleisten.