Wie die Syrien-Krise Iran geopolitisch gestärkt hat


Naher Osten Mappe

Seit dem März dieses Jahres geht die Krise in Syrien ins vierte Jahr. Nahezu sämtliche westliche Analysten und Experten hatten damals nicht mit einem derart lang andauernden Konflikt gerechnet. Im Gegenteil waren sie sich einig, dass der syrische Präsident Bashar al-Assad innerhalb von wenigen Monaten stürzen würde.

Eine weitere Prognose dieser Experten lautete, dass die Unruhen und der Krieg in Syrien die Position der Islamischen Republik Iran im Nahen Osten immens schwächen würde. Man verband damit die Hoffnung, dass die Instabilität in Syrien Teheran im Hinblick auf dieses Land, den Libanon und Israel handlungsunfähig machen würde.

Heute ist es allerdings nicht zu bestreiten, dass die Islamische Republik Dank der Krise in Syrien ihren Einfluss in diesem Land - mehr als jemals zuvor - ausweiten konnte. Das syrische Baath-Regime ist wie nie zuvor von Iran abhängig geworden. Dabei leistet Teheran Syrien nicht nur essentielle zivile Hilfen, sondern greift Damaskus ebenso massiv militärisch unter die Arme. Nach den Auskunftsplänen des syrischen Flugverkehrs fliegt kein Land Syrien so häufig an wie Iran.

Allen voran die Berater und Ausbilder der iranischen Revolutionsgarden (IRGC, Sepah-e Pasdaran) haben dazu beigetragen, die syrischen Streitkräfte in Guerillataktik und Städtekampf einzuweisen und zu schulen. Denn das syrische Militär war zuvor lediglich auf den klassischen Krieg gegen einen Staat - vornehmlich Israel - vorbereitet.

Während am Anfang des Aufstands das syrische Militär nach sowjetischer oder chinesischer Manier versuchte, die Unruhen lediglich mit Kampfpanzern niederzuschlagen und das Regime nicht einmal eine effektive Polizei besaß, um Proteste aufzulösen, haben die syrischen Sicherheitskräfte nun aufgrund der  iranischen Ausbildung gelernt, die Guerillakriegsführung erfolgreich gegen ihre militanten Widersacher anzuwenden.

Eine weitere iranische Errungenschaft in Syrien ist die maßgebliche Hilfe bei der Umgestaltung der berüchtigten Shabiha-Miliz in eine straffere und diszipliniertere Volksmiliz namens „National Defence Force“ (NDF). Diese meist ortsansässige, indigene Miliz ist wichtig, wenn es darum geht, Ortschaften zu sichern, die „befreit“ oder gesäubert wurden. Sie haben das syrische Militär wesentlich entlastet und ihre Kämpfer haben eine weitaus bessere Kampfmoral als Soldaten der regulären syrischen Armee.

Neben diesen militärischen Hilfen unterhält die Islamische Republik Iran eine Reihe von schiitischen Milizen in Syrien, die letztlich unter ihrer Befehlsgewalt stehen. Die Unterstützung Irans für die Syrer infolge des Zustroms extremistischer Salafisten hat damit nicht nur Assads militärisches Überleben garantiert, sondern vor allem auch den Aktionsradius Irans in der Region ausgeweitet und damit geopolitisch gestärkt.

Keine Schwächung der pro-iranischen Hisbollah

Auch das militärische Engagement der pro-iranischen Hisbollah in Syrien hat die „Partei Gottes“ nicht - wie im Westen vorhergesagt - im Libanon geschwächt, sondern ganz im Gegenteil erheblich gestärkt. Indem die Hisbollah begann, die libanesisch-syrische Grenze zu stabilisieren, nachdem es Übergriffe von Jihadisten von Syrien aus auf die Grenzregion gab, hat das auf das religiös-politische Staatsoberhaupt Irans, Ayatollah Ali Khamenei, eingeschworene Paramilitär das Überschwappen der militanten Salafisten nach Libanon unterbunden. Ohne die militärische Intervention der Hisbollah in Syrien wäre dem Libanon voraussichtlich ein ähnliches Szenario wie dem Irak als der „Islamische Staat“ (IS) das Land überrollte widerfahren. Heute genießt die schiitische Hisbollah daher vor allem bei den Christen im Libanon, die insgesamt 45 Prozent der libanesischen Bevölkerung ausmachen, eine enorme Popularität.

So ergab eine repräsentative Umfrage des „Beirut Center for Research and Information“ vom Oktober 2014, dass 66 Prozent der Christen Libanons die Hizbullah als Beschützer ihres Landes vor den salafistischen Extremisten ansehen. Eine Prozentzahl, die vermutlich aufgrund der anhaltenden Gräueltaten der Jihadisten gegen Christen inzwischen noch höher liegen dürfte. Selbst der Journalist und scharfe Kritiker der Hizbullah Lokman Slim, glaubt, dass mittlerweile 80 bis 90 Prozent der Christen im Libanon auf Seiten der Hizbullah sind.

Somit müssen ebenso hier westliche Strategen ihre fehlerhaften Analysen eingestehen, die Hizbollah würde durch das „militärische Abenteuer“ in Syrien massiv im eigenen Land sich selbst schaden. Demgegenüber hat allein IranAnders bereits im Mai 2013 prognostiziert, dass - im Zuge des Erstarkens des militanten Salafismus im Nahen Osten - Iran und seine schiitischen Verbündeten gewissermaßen in die Rolle einer Schutzmacht der Christen im Orient fallen werden.

Irans Beziehung zu den palästinensischen Widerstandsgruppen

Als nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien die Hamas ihr politisches Büro von Damaskus nach Katar verlegte und damit ein gewisser Riss in der „Achse des Widerstands“ entstanden ist, verkündeten westliche Medien einen Bruch in der Beziehung zwischen Teheran und dem Gazastreifen. In Wirklichkeit hat aber die Islamische Republik Iran die Hilfe an die gemäßigte sunnitische Hamas - entgegen wunschdenkerischen Verlautbarungen - nie gestoppt, und nach Aussagen mehrere führender Hamas-Mitglieder, wie der des Mitbegründers Mahmoud al-Zahar, sei Iran gar Teilhaber beim „Sieg“ gegen Israel im 50-Tage–Krieg des letzten Jahres.

Hinzu kommt, dass Teheran seine Beziehungen zum pro-iranischen „Islamischen Jihad“ in Palästina intensiviert und zur arabisch-nationalistischen PFLP systematisch ausgeweitet hat. Selbst mit der Fatah, der Partei des Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas, sind die Beziehungen verbessert worden und mehrere ranghohe iranische Entscheidungsträger und Offizielle kündigten ernsthafte Schritte zur Bewaffnung des Westjordanlandes an.

Abschließend lässt sich feststellen, dass die westlichen Strategen abermals Irans Fähigkeit, von Krisen zu profitieren, unterschätzt haben. Nicht nur, dass der syrische Konflikt die Führung in Teheran nicht wie erhofft Schachmatt setzte - nein, er hat ihr sogar ermöglicht, sich als Regional- und Schutzmacht zu profilieren und ihr militärisches Potential auszudehnen.


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Unbekannt02-04-15

Darüber hinaus liefert die Umfrage weitere sehr interessante Fakten:

"The survey also revealed that 65 percent of those surveyed do not believe that the threat of takfiris attacking Lebanon is in retaliation for Hezbollah’s presence in Syria, contrary to what certain political factions believe. Furthermore, 73 percent of those surveyed said they 'do not believe that the US-led airstrikes in Iraq and Syria aim at eradicating ISIS'.”

http://english.al-akhbar.com/content/two-thirds-lebanese-christians-believe-hezbollah-protecting-lebanon-survey

Gast02-04-15

So ist es. Im Gegensatz dazu ist die vom Westen hofierte oppositionelle Interimsregierung vor dem Aus: http://www.swp-berlin.org/de/publikationen/kurz-gesagt/die-syrische-interimsregierung-vor-dem-aus.html

Libanese02-04-15
Freidenker03-04-15

Das Ganze ist doch erfreulich!

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