30.05.2014 Ali Özkök

Der iranische Markt ist zu wichtig


Iran Supertanker

Iranischer Supertanker.

Die Sanktionslockerungen, die im Genfer Interimsabkommen mit Iran beschlossen wurden, scheinen einem hochrangigen Vertreter der iranischen Ölindustrie zufolge erste Früchte zu tragen. Teheran verkauft nun erstmals wieder Rohöl nach Südafrika und Sri Lanka.

Der Direktor für  internationale Angelegenheiten bei der National Iranian Oil Company (NIOC), Mohsin Kamsar, erklärte vorige Woche, dass die Rohölexporte des staatseigenen Konzerns nach Südafrika und Sri Lanka zwar derweil noch in Form von „Einzelbestellungen“ gehandelt werden, die iranische Regierung aber überhaupt „keine Probleme mit der Unterzeichnung langfristiger Lieferverträge mit diesen Staaten hätte“.

Mohsin Kamsar fügte hinzu, dass die großen Raffinerien Asiens, darunter auch viele in Indien, China, Südkorea, Japan und der Türkei, ihre Ölimportverträge mit dem Iran erneuerten. Erst kürzlich, am 16. Mai, gab der iranische Ölminister Bijan Namdar Zanganah bekannt, dass die Rohölexportmenge erstmals wieder eine Höhe von 1,5 Millionen Barrel pro Tag erreicht habe.

Nach knapp drei Jahren massiver Sanktionen ist ein Lichtblick am Horizont der iranischen Volkswirtschaft sichtbar geworden. Bereits seit 35 Jahren versuchen die Vereinigten Staaten von Amerika, das größte Land des Nahen Ostens künstlich vom internationalen Handel, von der Globalisierung und vom Wohlstand fernzuhalten. Es gibt heute mehr denn je ein  Zusammenrücken der internationalen Gemeinschaft untereinander, die sich schwer davon abbringen lassen wird, wieder das wirtschaftliche Engagement mit Iran zu suchen.

Selbstverschuldete europäische Energiekrise als Chance

Die Amerikaner wollen ihre Hardpower künftig dezentraler und konzentrierter über die Einbeziehung von NATO-Mitgliedern geltend machen. Washington ist zudem einfach zu sehr in innenpolitische Fragen verstrickt. Es strebt daher eher die Konsolidierung seiner heimischen Wirtschaftskraft als geopolitische Alleingänge in der Welt an. Auch Europa wendet sich dem gestiegenen Marktwert Irans zu, denn es sucht händeringend nach energiepolitischen Alternativen zu Moskau, das mittels Rohstoffexporten versucht, politischen Druck auszuüben. Mit der Ukraine-Krise rissen schließlich die letzten Stränge. Nun, so scheint es, ist ein Platz an der Seite von Europas Energielieferanten frei geworden.

Es ist eine Chance für Iran, sich neue Freunde zu machen. Die Großmächte des Westens, die Teheran lange wirtschaftlich und politisch bedrängt hatten, suchen nun den Kontakt. Im Nahen Osten selbst sind die Iraner eine Macht. Sie können ihre Interessen vom Libanon bis nach Afghanistan hinein geltend machen. Hinzu kommt, dass das Land nach wie vor reichlich ungenutzte Ressourcen im Energiesektor aufweist, die praktisch nur darauf warten, exploriert zu werden.

In einer Zeit, in der ein Großteil Europas ökonomisch noch lange nicht wieder bei Kräften zu sein scheint und es von etwaigen russischen Großmachtinteressen bedroht wird, erscheint das Land am Persischen Golf für Europa sprichwörtlich als ein Rettungsanker.

Bereits jetzt haben viele internationale Ölkonzerne - darunter Shell, British Petroleum (BP), Malaysias Petronas, das spanische Repsol, Russlands zweitgrößter Ölproduzent Lukoil, das französische Total und Italiens Eni - signalisiert, dass sie Interesse an einem Markteintritt in Iran haben.

Der Westen braucht Iran

Das Genfer Interimsabkommen vom November 2013 zwischen Iran und den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates plus Deutschland ist im Grunde keine Frage von Prinzipien, sondern vielmehr ein Mittel zum Zweck, um einander wechselseitige Konzessionen abzuringen. Vor allem die Vereinigten Staaten könnten vor dem Hintergrund einer weiteren Deeskalation der Syrien-Krise Iran in der Region weitreichend aufwerten, denn die Stabilisierung der Region ist ohne das Zutun Teherans nicht realisierbar. Von einer Abkehr von der Marginalisierung der Islamischen Republik in der internationalen Politik erhofft man sich letzten Endes die Befriedung des arabischen Flickenteppichs im Nahen Osten.

Das Genfer Interimsabkommen regelt einvernehmlich die Lockerung von Sanktionen bei gleichzeitiger Reduzierung nuklearer Aktivitäten Irans. Es besteht seit dem 20. Januar und soll vorerst für ein halbes Jahr in Kraft bleiben. Die Chancen auf eine dauerhafte Lockerung der Sanktionen gegen Iran aber scheinen im Anbetracht der globalen und regionalen Entwicklungen aussichtsreich zu sein.


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