05.02.2014 Said Ghadimi

Rechte der Sunniten in der Islamischen Republik Iran


Sunnitisches Gebetshaus in der iranischen Hauptstadt Iran

Sunnitisches Gebetshaus in der iranischen Hauptstadt Iran.

In der heutigen Zeit werden wir oft Zeuge von Diskriminierungsvorwürfen gegenüber der Islamischen Republik Iran. Mal werden in den westlichen Medien Behauptungen über die Verfolgung von Christen gemacht, mal sind es die Juden, die unterdrückt werden, und im Zuge des zunehmenden innerislamischen Konflikts zwischen Salafisten und Schiiten auf der politischen Weltbühne - und besonders im andauernden Syrien-Konflikt - wird Iran als schiitischer Staat auch des Öfteren die Unterdrückung der sunnitischen Minderheit im Land vorgeworfen.

Ist an der Sache etwas Wahres dran, oder ist es lediglich ein weiterer Versuch, Iran zu dämonisieren und den innerreligiösen Konflikt zu schüren?

Statistik über die prozentualen Anteile an Moscheen

Die Einwohnerzahl des Irans beträgt nach CIA World Factbook knapp 80 Millionen, von denen 89 Prozent Schiiten und 9 Prozent Sunniten sind. Des Weiteren gibt es fast 70.000 Moscheen in Iran, hiervon sind etwa 60.000 schiitisch und ca. 10.000 sunnitisch (andere Zahlen sprechen von 15.000 sunnitische Moscheen.)

Betrachtet man nun die absoluten Zahlen in Relation zu den vorhandenen Moscheen, so kommt man zu dem Ergebnis, dass statistisch für alle 640 Sunniten eine Moschee existiert, welche von einem sunnitischen Vorbeter geführt wird.

Schaut man sich dieselbe Relation für die Schiiten an, so sieht man, dass für alle 1.017 Schiiten im Land eine Moschee existiert.

Das heißt verhältnismäßig stehen den ca. 6,4 Millionen sunnitischen Muslimen im Land mehr Moscheen zur Verfügung, als den verbleibenden 71,2 Millionen schiitischen Einwohnern.

Keine sunnitischen Gebetshäuser in Teheran?

Der häufig wiederholte Vorwurf, in Irans Hauptstadt Teheran wäre es den Sunniten verboten, eine Moschee zu bauen, ist einer der am meisten wiederholtesten Scheinargumente, um die Unterdrückung von Sunniten in der Islamischen Republik Iran zu belegen.

Wäre diese Behauptung richtig, so müsste sie aus dem Bestreben der Regierung resultieren, die sunnitischen Muslime in Iran unterdrücken zu wollen. Wäre dies jedoch ihr Beweggrund, so wäre es doch widersinnig, in Teheran dementsprechend zu handeln, aber in anderen Gebieten und Städten es dem nicht gleichzutun. Die Erklärung hierfür muss folglich woanders liegen.

Die Islamische Republik folgt dem Prinzip, dass die Muslime, die die Mehrheit an einem Ort stellen, über die konfessionelle Orientierung einer Moschee bzw. über den Vorbeter entscheidet. Selbst Gerichtsurteile werden entsprechend dieser Regelung vorgenommen, hierzu ein Ausschnitt aus Artikel 12 der aktuellen iranischen Verfassung:

"[…] Andere islamische Rechtsschulen wie die hanefitische, schafiitische, malikitische, hanbalitische und zaiditische Rechtsschule werden ohne Einschränkung anerkannt; ihre Anhänger sind frei, ihre religiösen Verpflichtungen gemäß ihrer eigenen Rechtsschule auszuüben, und religiöse Bildung und Erziehung, ebenso die Angelegenheiten des Personenstandes wie Heirat, Scheidung, Erbschaft und Testament selbst zu ordnen; diesbezügliche Streitsachen werden vor Gericht ihrem eigenen Recht entsprechend behandelt. In jeder Region, in welcher die Anhänger einer dieser Rechtsschulen die Mehrheit haben, werden die im Rahmen der Befugnisse der Räte stehenden Verordnungen nach Maßgabe dieser Rechtsschule erlassen. Dabei werden die Rechte der islamischen Rechtsschule geschützt. In jeder Region, in welcher die Anhänger einer dieser Rechtsschulen die Mehrheit haben, werden die im Rahmen der Befugnisse der Räte stehenden Verordnungen nach Maßgabe dieser Rechtsschule erlassen. Dabei werden die Rechte der islamischen Rechtsschule geschützt."

In den allermeisten Fällen - und so auch in der Hauptstadt Teheran - besteht jedoch die absolute Mehrheit aus schiitischen Muslimen und nur ein Bruchteil sind dort Sunniten. In Wirklichkeit gibt es in Teheran nicht einmal ein Viertel, das mehrheitlich sunnitisch bewohnt ist. Nichtsdestotrotz ist es so, dass in Teheran durchaus Dutzend sunnitische Gebetshäuser gibt, wo Sunniten ihre herkömmlichen Gebete verrichten können.

Grundsätzlich sind aber alle Moscheen - ob schiitisch oder sunnitisch - aus iranischer Sicht in erster Linie islamische Gotteshäuser, und kein Muslim wird von einer Moschee wegen der Konfession ausgeschlossen, sondern sie sind frei zugänglich und nutzbar für all jene, die in ihnen einen Gottesdienst praktizieren möchten. So sind in den mehrheitlich schiitischen Regionen und Städten die Sunniten dazu aufgerufen, sich ihren schiitischen Glaubensbrüdern im Gebet anzuschließen – so wie die Schiiten in den Orten, wo Sunniten eine Mehrheit darstellen, aufgefordert sind, sich den Sunniten hinzuzugesellen. Das Bestreben der Regierung ist es, die Spaltung und das Sektierertum zu verhindern.

Sunnitisch geprägte Provinzen

Schaut man beispielsweise auf die östliche Provinz Irans, Sistan und Belutschistan, die an Pakistan und Afghanistan grenzt, so findet man dort eine Region mit einer großen Anzahl an sunnitischen Muslimen vor. Dementsprechend gibt es dort viele sunnitische Moscheen und Gemeinden mit sunnitischen Rednern und Vorbetern. Bekanntestes Beispiel ist der Shaikh-ul-Islam Abdolhamid Ismaeelzahi und die von ihm geführte Großmoschee in der Provinzhauptstadt Zahedan. Er ist ebenfalls Direktor der dortigen sunnitischen Theologiehochschule „Jamiah Darul Uloom“, wo die schafiitische und deobandische Denkschule des Sunnitentums gelehrt werden. Die Hochschule hat über 1.500 Studenten und Studentinnen. Tatsächlich hat die Anzahl von sunnitischen Moscheen in Zahedan seit der islamischen Revolution vor etwa 35 Jahren sich verzehnfacht.

Ein anderes Beispiels findet sich nördlich von Teheran, in der Provinz Golestan. Ebenda gibt es große sunnitische Gemeinden, die meist der hanafitischen Rechtsschule folgen. Nach Aussagen des höchsten sunnitischen Gelehrten der Provinz, Akhund Hanafi, erhalten die Gemeinden staatliche Hilfen zum Bau von Moscheen, und den sunnitischen Muslimen wird - wie in der Provinz Sistan und Belutschistan - die Möglichkeit gegeben, das Islam-Studium an entsprechenden eigenen sunnitischen Hochschulen durchzuführen, um auch sunnitische Gelehrte auszubilden und ihre Form des Islam zu lehren.

Sunniten bekleiden politische Ämter

Wichtig ist ebenfalls zu erwähnen, dass Sunniten politische Ämter in der Islamischen Republik bekleiden und so die Republik aktiv mitgestalten. Im Parlament sitzen 18 sunnitische Abgeordnete aus 6 verschiedenen Provinzen. Selbst in der Expertenversammlung, welche aus 88 islamischen Geistlichen besteht und die Aufgabe hat, die höchste politische und religiöse Instanz des Staates (Waliy-e Faqih) zu erkennen und ihm dem Amt wieder aberkennen kann, sind drei sunnitische Rechtsgelehrten vertreten. Die Parlamentsabgeordneten sowie auch die Mitglieder der Expertenversammlung werden direkt vom Volk gewählt.

Einheitsbestreben der Islamischen Republik

Wie zuvor erwähnt, stellt es ein Bestreben und ein Ziel der Islamischen Republik dar, der Spaltung und dem Sektierertum innerhalb der Muslime entgegenzutreten. Das wird bereits durch die nach der islamischen Revolution 1979 in Kraft getretene Verfassung deutlich. In dem bis heute unmodifizierten Artikel 11 heißt es da:

„'Diese eure Gemeinschaft ist eine einheitliche Gemeinschaft. Und ich bin euer Herr, so dienet Mir.' Laut Anweisung des erhabenen Koranverses bilden alle Muslime eine Glaubensgemeinschaft; die Islamische Republik Iran ist verpflichtet, ihre allgemeine Politik auf das Bündnis mit den islamischen Nationen zu begründen und sich ohne Unterlass zu bemühen, die politische, wirtschaftliche und kulturelle Einheit der islamischen Welt zu verwirklichen.“

Auch die Aussagen hoher islamischer Geistlichen in Iran zeigen das gegenseitige Streben nach einer Einheit und friedlicher Koexistenz.
 
Das religiös-politische Staatsoberhaupt, Ayatollah Sayyid Ali Khamenei, sagt bezüglich der innerislamischen Einheit: "In der heutigen Zeit ist jede Stimme und jede Zunge, die die Muslime zur Einheit einlädt, göttlicher Natur. Und jede Stimme und jede Zunge, die die Muslime und die Denkschulen zur Feindschaft gegeneinander aufhetzen will, ist eine Teuflische."

Die Woche der Einheit

Vor einigen Wochen wurde in Iran die alljährige „Woche der Einheit“ zelebriert, welche am Geburtstag des Propheten des Islams nach sunnitischer Sicht beginnt und an seinem Geburtstag nach schiitischer Auffassung endet. Hochkarätige Persönlichkeiten wie Ayatollah Khamenei und die verschiedenen iranischen Präsidenten nehmen an der „Woche der Einheit“ teil.

Ein Woche, welche seit 1980 durch den Begründer der Islamischen Republik, Ayatollah Rohoullah Khomeini, ausgerufen wurde und seit jeher gefeiert wird, um die Wichtigkeit der muslimischen Einheit festzuhalten und jährlich aufs Neue daran zu erinnern. Neben den iranischen Würdenträgern und Staatsführern erscheinen zahlreiche muslimische Geistliche, Denker und Aktivisten aus der verschiedensten islamischen Denkschulen und aus den unterschiedlichsten Ländern, um auf Symposien und Konferenzen die muslimischen Gemeinsamkeiten zu betonen und Strategien zu entwerfen, wie die muslimische Einheit zu stärken ist.

In keinem anderen muslimischen Land der Erde findet eine solche alljährliche ökumenische internationale Veranstaltung wie die in der Islamischen Republik Iran statt.


Gast05-02-14

Passt sehr gut zum Artikel. UNBEDINGT ANSCHAUEN: http://www.youtube.com/watch?v=cIn2pxUUY6o

Guy Fawkes06-02-14

Also: die höhere Zahl der sunnitischen Moscheen pro Einwohner ist auf die Nachfrage zurückzuführen: Schiiten haben schlicht kaum einen Bedarf an Moscheen: das Freitagsgebet zB ist keine religiöse Pflicht sondern eine politische Veranstaltung die von einem Bruchteil einer Promille der Gläubigen in Anspruch genommen wird. Und die Regel mit der regionalen Mehrheit, die über die Moscheen entscheidet, gilt wohl nicht umgekehrt: siehe zB Kisch, wo die sunnitisch arabische Mehrheit ihre überlaufenen Moscheen hat, jedoch trotzdem schiitische Moscheen gebaut werden, die vorwiegend von örtlichen Angestellten oder Beamten genutzt werden.

MR06-02-14

Bzgl. der Anzahl der Moscheen: Die Annahme, Schitten hätte schlicht keinen Bedarf an Moscheen ist völlig an der Realität vorbeigezogen. Dem Argument könnte man auch entgegensetzen, dass die Schiiten um ein Vielfaches mehr religiöse Veranstaltungen haben als die Sunniten. Darüber hinaus gibt es eine Anzahl von Großayatollahs, die das Freitagsgebet als Pflicht sehen.

Bzgl. der regionalen Mehrheit: Kish ist ein touristisches Insel. Die Mehrheit der Anwesenden sind schiitische Touristen.

Ali06-02-14

Ein Vergleich: In Ägypten unter den säkularen Mubarak gab es keine einzige schiitische Moschee. Nach der Revolution gab es zwischenzeitlich eine, die aber von den Behörden wieder geschlossen wurde. Und Ägypten war einst ein schiitisches Land. Die berühmte sunnitische Al-Azhar Universität wurde von Schiiten gegründet und war am Anfang eine schiitische Lehranstalt.

Guy Fawkes07-02-14

Ich würde 100 Euro für jeden "schiitischen Touristen" bezahlen, der in Kish eine Moschee betritt. Und die Amir al Momenin Moschee in Zahedan ist wohl auch für die Massen an schiitischen Touristen?

Le Mec09-02-14

"Bzgl. der regionalen Mehrheit: Kish ist ein touristisches Insel. Die Mehrheit der Anwesenden sind schiitische Touristen."

Vielen Dank für den Hinweis @MR

MR17-02-14

Der Anzahl der Schiiten in Zahedan ist größer als der Anzahl der Sunniten in Teheran.

Und was die 100,- Euro angeht: Auch ohne diese werden die schiitischen Moschen in Kish besucht und sie stehen auch für Sunniten offen.

Documentary video of Makki mosque and Darululoom Zahedan: http://www.youtube.com/watch?v=i0vKO_2H61g

Guy Fawkes17-02-14

Bitte, Leute. Warum können wir nicht einfach sachlich festhalten: Die IR Iran ist per Selbstdefinition ein schiitischer Staat, indem Sunniten selbstverständlich nicht gleichberechtigt und auch nicht frei in Ihrer Religionsausübung sind. Ähnlich wie in Saudi Arabien: Im schiitisch bevölkerten Osten gibt es schiitische Moscheen, im Rest des Landes nur schiitische Gebetsräume (vgl obiges Foto aus Teheran). Ich habe selbst in Medina in einem gebetet.

SA28-02-14

@Guy Fawkes

Sunniten können in der Islamischen Republik Iran zwar ihre Religion ausüben, aber sie sind dennoch nicht gleichberechtigt. Denn wie Sie richtig anmerken, herrscht in Iran das Primat der Religionszugehörigkeit und nicht das Primat der Ethnie. So kann beispielsweise ein irakischer Schiit religiös-politischer Staatsoberhaupt werden, aber ein iranischer Sunnit oder Christ nicht. Nach dieser Leseart gelten Nicht-Schiiten als Ausländer. Und in keinem Staat der Welt können Ausländer Spitzenämter bekleiden.

Belke05-03-14

Kurz Doku über Sunniten in Iran: http://www.youtube.com/watch?v=Ue9rdcbzJjc&app=desktop

mohammad24-06-14

moslem oder christ,juden oder budisten haben den gleichen gott.alle menschen darunter auch heiden sollen in dieser welt miteinander friedlisch leben

Engelhardt30-09-14

Iran schließt Studios von ausländischen religiösen Sendern, die gegen Sunniten hetzen: http://lenziran.com/2014/08/03/ministry-of-intelligence-offices-of-religious-satellite-tv-were-shut-down/

Im Ürbigen hetzen diese Sender auch immer gegen die Islamische Republik, weil sie stets den Ausgleich mit den Sunniten sucht.

Engelhardt10-11-14

"Based on Islah web which is official website of the Iranian sunni party “Davah and Eslah”, Iranian Sunnis have 9 mosques througout Tehran which is under direction and control of the Tehran Sunnis committee. Prayers are performed in the mosques regularly and sometimes the number of participants in Sadeqiyyah mosque reaches over 3000 in Muslim festival of Eid Al Fitr."

http://dreamofiran.com/dossiers/iranian-sunnis-religious-freedom/

Aziz08-08-15

Sunnis have 15,000 mosques across Iran; 9 mosques in Tehran

http://en.abna24.com/service/iran/archive/2015/08/06/704292/story.html

Engelhardt16-11-15

Es gibt 9 sunnitische Moscheen in Teheran: https://www.facebook.com/146901135648582/videos/184558385216190/




* Bitte haben Sie Verständnis, dass die Redaktion Beiträge editiert oder nicht freigibt mit dem Ziel einen moralischen Austausch zu gewährleisten.