12.12.2013 David Patrikarakos

Iran, vom Feind zum Verbündeten


US-Präsident Barack Obama und der iranische Präsident Hassan Rohani

US-Präsident Barack Obama und Irans Präsident Hassan Rouhani

Das jüngste Atomabkommen mit Iran hat einen vorhersehbaren Aufruhr unter den Falken des Nahen Ostens verursacht. Doch es bietet die Möglichkeit für einen noch größeren Durchbruch: Annäherung und schlussendlich sogar eine strategische Kooperation mit Iran.

Internationale Allianzen verwandeln und verschieben sich; Beziehungen frieren ein und tauen auf. Während der letzten 30 Jahre waren die amerikanisch-iranischen Beziehungen in einem Zyklus von Argwohn und Misstrauen festgefahren, zum Nachteil beider Länder.

Amerika muss nun damit beginnen, über eine allmähliche Neuausrichtung seiner Nahost-Politik nachzudenken, eine, die zum Ziel hat, Iran in die internationale Gemeinschaft wiedereinzugliedern und mit der Zeit einen Feind in einen Verbündeten zu verwandeln.

Es wird nicht einfach sein. Doch langfristig gesehen wäre es gut für die Vereinigten Staaten, Israel und das iranische Volk.

Es gibt viele Vorteile. Iran, der sich zwischen dem Kaspischen Meer und dem Persischen Golf befindet, kann den chinesischen Zugriff auf entscheidende Energiequellen kontrollieren, während er als Puffer gegen ein immerwährend aufsässiges Russland fungiert. Er beeinflusst  auch Ereignisse im Libanon, durch seine Beziehungen mit Hisbollah, und in Israel und den palästinensischen Gebieten durch seine Verbindungen mit Hamas. Und es wird ohne ihn keine Lösung für Syriens Bürgerkrieg geben.

Derzeit bekämpft Iran die Vereinigten Staaten in all diesen Konflikten – vor allem aufgrund der historischen Feindschaft mit Washington statt ideologischer Feindseligkeit allein. Er nutzt Hisbollah, um seine regionalen Interessen zu fördern und wettert gegen Israel, um Unterstützung beim arabischen Volk zu sammeln, nicht aufgrund eines aufrichtigen Engagements für die Sache. Und während seine Unterstützung für Präsident Baschar al-Assad in Syrien aufrichtiger ist, deutet Irans Verhalten in der Vergangenheit auf eine Bereitschaft zu Kompromissen hin.

Im Jahr 2003 wandte sich Iran aus Angst vor einem amerikanischen Militärschlag, über die Schweizer, an amerikanische Offizielle. Er bot an, alles – einschließlich seiner Unterstützung für Hamas und Hisbollah – zur Diskussion zu stellen. Es gibt Kontroversen betreffend des Angebots, das Washington letzten Endes ablehnte. Doch es zeigte, dass Iran bereit war, seine Unterstützung für militante Kräfte als Druckmittel bei Verhandlungen zu benutzen.

Und die Vereinigten Staaten und Iran haben mehrere sich überschneidende Interessen. Verbunden durch die gemeinsame Antipathie gegen die Taliban kooperierten die beiden Länder im Krieg in Afghanistan im Jahr 2001. Heute kämpfen beide gehen Al-Qaida; Iran kann mit Geheimdienstinformationen und regionalem Wissen in diesem Kampf helfen.

Iran würde eindeutig von besseren Beziehungen profitieren. Von seinem Krieg gegen Irak von 1980 bis 1988 bis hin zu den heutigen Sanktionen hat er gelitten. Das Land benötigt Investitionen in seinem Öl- und Finanzsektor und ausländisches Know-how, um seine Wirtschaft zu entwickeln, doch all das ist unmöglich ohne seine Beziehung zu den Vereinigten Staaten in Ordnung zu bringen.

Man vergisst leicht, dass die beiden Nationen einst Verbündete waren. In den 1970er Jahren bildeten Iran und Saudi-Arabien Richard M. Nixons „Zwei Säulen“-Strategie, um dem sowjetischen Einfluss in der Region entgegenzuwirken. Ein Teil von Amerikas Unbeliebtheit in Iran rührt von seiner Unterstützung des verhassten Schah, Mohammed Reza Pahlavi, bevor er in der Revolution von 1979 gestürzt wurde. Aber eine Neuordnung heute auf Basis einer neuen Interessenskonvergenz wäre ein ziemlich andersgeartetes Unterfangen.

Eine Art Partner zu werden von einem Mitglied der „Achse des Bösen“ wäre für Amerika außerordentlich hart. Zum einen wären die Saudis entsetzt.

Doch Saudi-Arabiens Widerstand spielt in diesen Tagen keine große Rolle. Die Vereinigten Staaten gründeten ihre Beziehungen zu den Saudis auf einem Bedürfnis nach Öl, das in demselben Ausmaß nicht mehr vorhanden ist; die Beziehung ist künstlich und anachronistisch.

Neue Fracking-Technologien haben Amerika zum größten Produzenten der Welt von Kohlenwasserstoffen und Exporten außerhalb der OPEC gemacht, während kanadische, südamerikanische und afrikanischen Quellen zunehmend im Überfluss verfügbar werden. Die Saudis beeinflussen noch immer die Ölmärkte, doch sie können die Weltwirtschaft nicht mehr derart erschüttern, wie sie es mit dem Öl-Embargo von 1973 taten. Im Gegensatz zu Iran hat Saudi-Arabien außer Öl wenig anderes zu bieten; es hat keine demokratische Tradition und seine Finanzierung des wahhabitischen Islam hat die amerikanischen Interessen überall auf der Welt ernsthaft beschädigt.

Wie Saudi-Arabien lehnt Israel das Atomabkommen erbittert ab. Doch das ist kurzsichtig. Die Entspannungspolitik zwischen Iran und Amerika könnte auf lange Sicht gut für Israel sein. Sowohl der jüdische Staat als auch der persische schiitische Staat sind Außenseiter in einem überwiegend sunnitisch-arabischen Nahen Osten. Vor 1979 waren sie Verbündete. Und obwohl Iran die Hisbollah und die Hamas unterstützt, hat sich seine Armee nie an den vielen arabischen Kriegen gegen Israel beteiligt.

Selbst nach dem Sturz des Schah und der anschließenden Krise rund um die Geiselnahme, setzte sich Israel kräftig für die neue islamische Republik in Washington ein. Im Streben nach dem Bewahren von Irans Freundschaft in einem Meer von feindlichen arabischen Staaten, half Israel Iran sogar in seinem Krieg gegen Irak.

Ganz gleich wie viele Friedensverträge mit arabischen Führern unterzeichnet werden, einzig Iran hat bewiesen, dass er mit Israel zusammenarbeiten kann. Darüber hinaus kann Iran nicht ewig in Schach gehalten werden; es ist weitaus besser für die beiden Länder, sich auf Grundlage gemeinsamer Interessen zu arrangieren.

Iran verstößt immer noch gegen Menschenrechte und ist ein Sponsor von Terrorismus. Doch 30 Jahre Sanktionen und Funkstille haben sein Verhalten nicht gemäßigt. Im Gegenzug stärkt eine Einbindung Irans moderate Kräfte. Eine der ersten Handlungen Hassan Rouhanis als Präsident war, politische Gefangene freizulassen. Er hat angedeutet, dass mehr Zugeständnisse folgen könnten, wenn sich die Beziehungen verbessern.

Das iranische Volk ist die größte Bereicherung des Westens. Während des Kalten Krieges blieben kommunistische Regierungen dem Westen feindlich gesinnt, doch die Sehnsucht ihrer Bürger nach westlichen Freiheiten trugen zum Sturz dieser Regime bei.

Auch die Iraner haben Sehnsüchte. Das Land hat eine starke Tradition des Konstitutionalismus, der mehr als 100 Jahre zurückgeht, und seine Bürger hegen Sympathie für eine Demokratie im amerikanischen Stil und sie wissen, ihr Leben würde sich durch eine Entspannungspolitik mit dem Westen erheblich verbessern. Darum stimmten sie Anfang des Jahres massenhaft für Herrn Rouhani und für den Reformer Mir Hossein Mussawi vor vier Jahren.

Entspannungspolitik wird nicht über Nacht stattfinden. Viele aus Irans klerikalem Establishment sind instinktiv anti-amerikanisch und die amerikanische Rechte bleibt jeder Annäherung an Iran feindselig eingestellt.

Doch sowohl Herr Obama als auch Herr Rouhani haben bewiesen, dass sie sich über ihre jeweiligen Hardliner hinwegsetzen können, um ein Abkommen zu vereinbaren. Der Nahe Osten des 21. Jahrhunderts ist ein neuer und gefährlicher Ort. Um die Region in eine bessere Zukunft zu führen, muss sich Washington anpassen und alte Feindschaften hinter sich lassen.


David Patrikarakos ist Journalist und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Iranistik an der Universität von St. Andrews und Autor des Buchs "Nuclear Iran: The Birth of an Atomic State".

Erstmals veröffentlicht am 8. Dezember 2013 bei New York Times. Übersetzt von Jila Hamrah.


siglinde13-12-13

Die USA, die USA...
scheint ja ach so wichtig.
Und was ist, wenn die USA ihre Macht verlieren, zum Beispiel wenn dort mal ein Bürgerkrieg ausbricht (man bedenke, wie viele US Bürger bewaffnet sind) und schließlich die USA in Einzelstaaten zerfällt ?!
Es gibt eine Unmenge Szenarien, die zeigen, dass die USA bald nicht mehr das Maß aller Dinge sein werden.

Freidenker14-12-13

Es ist naiv zu denken, dass in nächster Zeit die USA und EU mit Iran ein anderes Verhältnis einschlagen! Man kann weder den USA noch der EU Vertrauen. Die Fortsetzung der Sanktionen gegenüber Firmen und Personen, welche in letzter Zeit von der EU und USA in Kraft gesetzt wurden ist nur ein Beispiel hierfür. Iran ist zwar strategisch eher ein Verbündeter des Westens als Saudi-Arabien mit ihrem Wahabismus, welche dem Al Qaida und den Taliban nahe stehen.

Homayoun H.15-12-13

Was soll ich sagen.

Für "New York Times", garnicht mal übel um nicht zu sagen bemerkenswert der Artikel (irgendwo muss man ja anfangen ohne gleich auffallend von einem Extrem ins andere zu fallen).

Für mich persönlich ist der Artikel vorsichtig ausgedrückt "oberflächlich".

Thomas17-12-13

Wenn sich die USA mit den Mullahs verbünden, werden sie von nach Freiheit strebenden Iranern als Feinde empfunden. Das iranische Volk hat mehr verdient, als Gauner in Priestergestalt.

TE17-12-13

@Thomas

Wenn die Beziehung zwischen Teheran und dem Westen sich normalisiert, wird das iranische Volk mehr Luft bekommen.

Freidenker17-12-13

@Thomas,
Es gibt Gauner in Priestergestalt, wie auch Gauner in normaler Gestalt, wie in vielen Gesellschaften.
Wie soll man aber dann handeln? Gar nicht handeln und alles beim alten lassen?
So sind erst recht die Menschen in Iran die Verlierer.
Mit Handel und Diplomatie kann man eher auf langsame Änderungen hoffen, was letztendlich auch bei den Normalbürger ankommt.
Eine demokratische Zivilgesellschaft muss zuerst in den Köpfen der Menschen reifen und bei vielen Menschen in Iran ist die Reife noch nicht bedingt. Ich würde sogar sagen bei der Mehrheit der Iraner in Iran.

daniel22-04-14

@Thomas,
shau mal über den persischen Golf nach saudi Arabien und denk nach bevor du menschen die heilig sind negativ darstellst.mfg






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