14.11.2013 Shayan Arkian

Interview: Todenhöfer über seine Vermittlung von Ahmadinejads Friedensangebot an die USA


Dr. Jürgen Todenhöfers Buch "Du sollst nicht töten - Mein Traum vom Frieden"

Jürgen Todenhöfers neustes Buch berichtet über seine dramatischen Erlebnisse in Syrien, Ägypten, Libyen, Gaza, Afghanistan, Iran und im Irak.

Dr. Jürgen Todenhöfer landete mit seinem neusten Buch "Du sollst nicht töten - Mein Traum vom Frieden" wieder auf die Bestsellerliste. Im Gespräch mit Irananders erläutert der ehemalige Rüstungskontrollexperte der CDU/CSU-Fraktion, wie es vor drei Jahren zu seiner aufschlussreichen Vermittlung zwischen der Islamischen Republik Iran und den Vereinigten Staaten von Amerika gekommen ist und was die Iraner den Amerikanern damals angeboten haben.

Irananders: Herr Todenhöfer, Sie haben am 26. April 2010 der US-Administration ein iranisches Verhandlungs- und Friedensangebot überbracht. Wie kam es zu dieser Vermittlung?

Jürgen Todenhöfer: Das ist eine lange Geschichte. Vermittlung ist auch übertrieben. Ich war eher eine Art Bote. Bei mehreren Gesprächen in Iran hatte ich erfahren, dass es zwischen Iran und den USA seit über 30 Jahren auf Ministerebene keine direkten Kontakte mehr gab. Eine absurde Situation angesichts der Gefährlichkeit der Spannungen zwischen beiden Ländern.

Ich hatte dabei von meinen Gesprächspartnern gehört, dass Teheran bereit wäre, mit der amerikanischen Führung zu einer grundlegenden Entspannung zu kommen, wenn die Amerikaner substantielle Zugeständnisse der Iraner mit ebensolchen substantiellen Zugeständnissen ihrerseits beantworten würden. In einem der Gespräche mit einem führenden iranischen Politiker habe ich mir die wichtigsten Punkte notiert und ihn gebeten, diese mit der obersten iranischen Führung abzustimmen. Nachdem diese Abstimmung stattgefunden hatte, habe ich die deutsche Bundesregierung über die iranische Verhandlungsbereitschaft informiert. Diese vereinbarte für mich einen Termin in Washington.

Dort habe ich ein führendes Mitglied der US-Administration über alle Details informiert und dann „versehentlich“ das mitgeführte Papier, das die wichtigsten Punkte der iranischen Position enthielt, liegen lassen. Ich gehe davon aus, dass das Weiße Haus unmittelbar danach informiert wurde.

Irananders: Was war der Inhalt des iranischen Angebots? Ging das Angebot weit genug oder konnte es zumindest als Grundlage für umfassende bilaterale Verhandlungen fungieren?

Jürgen Todenhöfer: Das iranische Angebot war sehr interessant. Es enthielt Garantien zur Verhinderung der Entwicklung der Atombombe, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus und die Bereitschaft zur Kooperation bei der Lösung des Afghanistan- und Irakkonflikts, um nur drei Punkte zu nennen. Die Details können Sie alle in meinem Buch „Du sollst nicht töten“ nachlesen. Aus meiner Sicht war es ein sehr weitreichender, im Grunde genommen sogar sensationeller Vorschlag eines sehr selbstbewussten Landes.

Irananders: Zu diesem Zeitpunkt waren die letzen UN-Sanktionen gegen Iran noch nicht verhängt, zumal der Verhandlungsspielraum noch groß genug schien. Unter anderem begannen auch Brasilien und die Türkei mit Zustimmung Obamas sich als Vermittler einzuschalten. Wie hat die US-Regierung unter diesen Gesichtpunkten auf die iranische Offerte reagiert? Und konnten Sie bei Ihren US-amerikanischen Ansprechpartnern bei der Überbringung dieses Angebots ein Entgegenkommen registrieren?

Jürgen Todenhöfer: Die Reaktion meiner Gesprächsteilnehmer in Washington war unterschiedlich. Teilweise glaubte man der iranischen Führung einfach nicht. Ich habe gesagt, dass man die Glaubwürdigkeit derartiger Angebote sehr schnell herausfinden könne. Man müsse nur miteinander sprechen. Die spätere Reaktion der US-Regierung auf die iranische Verhandlungsbereitschaft jedoch war erstmal negativ. Die USA haben die Sanktionen gegen Iran radikal verschärft. Iranische Atomwissenschaftler wurden ermordet. Zivile iranische Nuklearanlagen wurden mit Computerviren angegriffen. Und es gab ständige Kriegsdrohungen. Das war eine ziemlich zynische Antwort auf ein faires Verhandlungsangebot. Aber ich vermute, dass es Barack Obama vor seiner Wiederwahl zum Präsidenten nicht riskieren wollte, den Kongress in der Iranfrage herauszufordern. Im Kongress gibt es eine antiiranische Mehrheit.

Irananders: Sind die US-Amerikaner nicht auf das Angebot der Iraner eingegangen, weil zu jenem Zeitpunkt– aufgrund der anhaltenden aber sporadischen Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen 2009 – allmählich die trügerische Hoffnung in Washington entstand, die Islamische Republik durch massive Sanktionen stürzen zu können?

Jürgen Todenhöfer: Es kann sein, dass die Amerikaner tatsächlich glaubten, dass man Iran mit Sanktionen zerbrechen könne. Ich war mehrfach in Iran, zuletzt im November vergangenen Jahres. Ich hatte in den westlichen Medien gelesen, dass Iran wirtschaftlich endgültig am Boden liege. Aber das Land liegt überhaupt nicht am Boden. In Teheran und auch in anderen Städten herrscht eine Dynamik, die mich verblüffte. Auch wenn die Sanktionen vor allem den kleinen Mann in Iran hart treffen, hat das Land noch viel Substanz. Ich glaube nicht, dass man Iran mit Sanktionen in die Knie zwingen kann. Iran ist ein stolzes Land, das sich den USA nie unterwerfen wird. Das gilt auch für jene Menschen in Iran, die das System ablehnen.

Irananders: In dem iranischen Angebot heißt es: "Iran will Frieden mit den USA". Haben Sie eine Idee, wieso sich die Iraner bei diesen gewünschten bilateralen Verhandlungen auf höchster Ebene mit den US-Amerikanern ausgerechnet den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble als „Facilitator“ vorstellen konnten?

Jürgen Todenhöfer: Verhandlungen nach 30-jähriger „Sendepause“ können sehr schwierig sein. Da kann ein „Facilitator“, der keine Eigeninteressen vertritt, sehr hilfreich sein. Schäuble gilt als Freund der USA mit vorzüglichen Kontakten zur US-Regierung. Er wäre dadurch völlig unverdächtig gewesen. Ich fand die Idee gut. Schäuble selbst weiß bis heute nicht, wie die Iraner auf ihn gekommen sind. Aber letztlich war das ein großes Kompliment für seine Kompetenz und Fairness.

Irananders: Das Angebot wurde ja von der damaligen Regierung Mahmoud Ahmadinejads der damaligen US-Regierung mit der nicht gerade als iranfreundlich bekannten Außenministerin Hillary Clinton unterbreitet. Wie würde Ihrer Einschätzung nach die jetzige US-Administration mit dem neuen Außenminister John Kerry auf ein ähnliches Angebot der neuen Rouhani-Regierung reagieren?

Jürgen Todenhöfer: Das Angebot Irans an die USA hat sich bis heute im Kern nicht verändert. Es war ja mit dem religiös-politischen Staatsoberhaupt Ayatollah Ali Khamenei abgestimmt. Damals hatten die Iraner den Amerikanern in der Nuklearfrage angeboten, die für ihren Forschungsreaktor in Teheran erforderliche Uran-Anreicherung auf 20 Prozent unter Umständen sogar in den USA durchführen zu lassen. Wenn die USA das angenommen hätten, hätte es das heutige Problem, dass Iran über relativ viel auf 20 Prozent angereichertes Uran verfügt, überhaupt nicht gegeben.

Die iranische Position des Jahres 2013 scheint zu sein, das überschüssige, auf 20 Prozent angereicherte Uran der „Internationalen Atomenergie-Agentur“ (IAEA) zu unterstellen oder an andere Länder zu verkaufen - vielleicht sogar an die USA. Im Grunde genommen ist das dieselbe Position wie 2010. Sie heißt: Iran will auf 20 Prozent angereichertes Uran nur besitzen, soweit es dieses für den medizinischen Forschungsreaktor in Teheran benötigt. Ich halte das für eine faire Position. Es kann sein, dass das nicht alles im ersten Zug auf den Tisch gelegt wird. Aber das ist in etwa die Kernposition Irans.

Wichtig ist, dass die amerikanische Regierung und die westlichen Medien nicht bei jedem Zugeständnis Irans in Triumphgeheul ausbrechen, wie sie das in der Vergangenheit leider mehrfach getan haben. Das macht es der iranischen Delegation äußerst schwer, Zugeständnisse zu machen, weil diese Zugeständnisse dann von den innenpolitischen Gegnern in Iran als Niederlage dargestellt werden. Kurz gesagt: Es gibt eine große Chance zu einer völligen Neuordnung des Verhältnisses zwischen den USA und Iran, zum Frieden zwischen beiden Ländern. Wir sollten diese Chance klug nutzen.

Irananders: Warum haben Sie das iranische Verhandlungsangebot so spät veröffentlicht?

Jürgen Todenhöfer: Ich möchte – wie viele Menschen - im Interesse der westlichen Welt, aber auch Irans, dass dieses Angebot Erfolg hat. Deswegen habe ich vieles vertraulich behandelt. Und deswegen halte ich auch heute noch manche Details zurück. Aber leider wird jetzt im Westen behauptet, es seien die schweren Sanktionen gegen Iran und die angedrohten Militärschläge gewesen, die Iran zu Verhandlungen gezwungen hätten. Das ist eine völlig unzutreffende Darstellung der Ereignisse.

Iran hatte sein Angebot zu einer Bereinigung des Verhältnisses zu den USA zu einer Zeit unterbreitet, als es diese schweren Sanktionen, Kriegsdrohungen, Ermordungen von Nuklearwissenschaftlern und Computerviren-Angriffe auf Nuklearanlagen noch gar nicht gab. Ich habe den iranischen Vorschlag von 2010 öffentlich gemacht, damit klar wird, dass Iran aus freien politischen Überlegungen das Verhältnis zu den USA bereinigen wollte - und nicht auf Druck der Sanktionen und der Kriegsdrohungen. Es sollen damit nicht wieder irgendwelche Falken im Westen auf die Idee kommen, man könne es ja noch mal mit Sanktionen und Kriegsdrohungen versuchen.

Irananders: Erlauben Sie mir noch eine letzte Frage. Sie überbrachten der US-Administration drei Jahre später auch die Verhandlungsbereitschaft der syrischen Führung. War in diesem Angebot auch die Distanzierung Damaskus von Iran und Hisbollah enthalten?

Jürgen Todenhöfer: Das Angebot Präsident Assads war sehr umfassend und konstruktiv. Es betraf alle Konfliktfelder mit den USA. Aber es enthielt ausdrücklich keine Distanzierung von der Islamischen Republik Iran. Assad erklärte sehr deutlich, er werde selbstverständlich auch bei einer umfassenden Friedenslösung die Partnerschaft mit seinen Verbündeten, also zum Beispiel Iran und Russland, nicht aufgeben. Der Rest ist vertraulich – aber sehr interessant.

Irananders: Das kann ich mir vorstellen. Vielen Dank für das Interview.


siglinde14-11-13

Sehr guter Beitrag und lange überfällig, denn als aufmerksame Beobachterin der Geschehnisse ist mir nicht entgangen, wie viele Angebote der Iran auch vor Rohani den USA gemacht hat.
Ich kann nur weiterhin erstaunt über die Verlogenheit der USA und der westlichen Presse sein.

Tobi17-11-13

Typischer deutscher Größenwahn.

Arash18-11-13

@Tobi

Typisch deutscher Duckmaus.




* Bitte haben Sie Verständnis, dass die Redaktion Beiträge editiert oder nicht freigibt mit dem Ziel einen moralischen Austausch zu gewährleisten.