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30.01.2011 Shayan Arkian

Regimestabilität der arabischen Staaten und Irans im Vergleich


Der Nahe Osten

Kann Iran der alte und neue Brückenkopf des Westens werden? Geopolitisch liegt er zwischen dem Nahen Osten, dem Kaukasus und Asien. Gemäß dem deutschen Ur-Vater der Nahost Experten Prof. Dr. Peter Scholl-Latour bleibt Iran eine „Insel der Stabilität“.

Inzwischen dehnen sich die Revolten, die in Tunesien ihren Anfang nahmen, auf mehrere arabische Länder aus und erfassen am stärksten Ägypten. Es ist naheliegend, weshalb die Unruhen am ehesten Ägypten erfassen. Das Regime von Husni Mubarak ähnelte dem tunesischen Regime in vielerlei Hinsicht, auch wenn das ägyptische sich als stabiler und resistenter erweisen wird, zumal man von den Erfahrungen der tunesischen Revolution und der ungeschickten Fernsehauftritten Zeynel Abidin Ben Ali profitiert.

Die momentanen Unruhen auf den arabischen Straßen haben sich bis dato nicht wirklich auf Iran ausgedehnt, trotz der vor einen Monat begonnenen starken Kürzungen von Subventionen, die die größte strukturelle Wirtschaftsreform in der jüngeren iranischen Geschichte darstellen. Einige westliche Kommentatoren nahmen die Reduzierungen der Subventionen als Erfolg der neusten Sanktionen wahr, obwohl der IWF Iran seit vielen Jahren empfiehlt, seine bombastischen Subventionen zu kürzen. Tatsächlich ist nämlich die jetzt erfolgte Kürzung ein Ausdruck der politischen Stabilität und wirtschaftlichen Prosperität Irans. Keine Regierung vor Ahmadinejads gelang es, die überfällige Reform anzugehen, obwohl die Debatte in Iran mehr als ein Jahrzehnt andauerte. Umso kurioser ist es, dass selbst einige wirtschaftsliberale Zeitungen in USA und Europa die gewagten Maßnahme nicht begrüßen. Letztlich erfolgte nach den drastischen Kürzungen auch keinerlei Proteste.

Ganz anders sieht es im Moment in der arabischen Welt aus, wo arabische Regime mit Ausweitung und Erhöhung der Subventionen Proteste vermeiden bzw. unter Kontrolle bringen wollen. Ungeachtet dessen werden die arabischen Demonstrationen öfters in Zusammenhang mit den vor zwei Jahren stattgefundenen Unruhen in Iran gebracht. Der Unterschied zwischen beiden Ereignissen ist bei genauerer Betrachtung aber bezeichnend.

In Tunesien beispielsweise gingen die Unruhen zunächst von der Unterschicht aus und dehnten sich dann langsam auf die Großstädte bis hin zu der Mittelschicht aus. In Iran dagegen wurden die Demonstrationen hauptsächlich von der Ober- und Mittelschicht der Hauptstadt Teheran getragen. Dazu kommt, dass im Falle Irans eine polarisierende Stimmung innerhalb der politischen Elite und der Wählerschaft, hervorgerufen durch erstmalige TV-Duelle, die Ursachen waren, dagegen fanden in den betreffenden arabischen Staaten bisher nie ernste Wahlen statt, geschweige denn öffentliche Fernsehduelle zwischen den Präsidentschaftskandidaten. Im Vergleich zu vielen islamischen Ländern der Welt gibt es im politischen System Irans weitaus mehr Präsidentschaftskandidaten zur Auswahl. So gab es im Jahr 2009 vier zugelassene Kandidaten, 2005 gab es acht zugelassene Kandidaten und 2001 gab es zehn zugelassene Kandidaten. Nur zweimal gab es in der 32-jährigen Geschichte des islamischen Regimes weniger als vier Kandidaten (1985 und 1989). Mehr zu dieser Thematik hier.

In Tunesien, Algerien, im Jemen und in Ägypten wurden die Revolten als einheimisch, arabisch und "rein" betrachtet, fern von unmittelbaren westlichen Interventionen. In Iran empfand man bisweilen dagegen, dass die „Grüne Bewegung“ für ausländische Interessen missbraucht werden. „Radio Israel“, „Voice of America“ und „BBC Farsi“ gehören zu den namhaften Medien, die die Proteste und Demonstranten mit angeleiteten Parolen* und vorgeschlagene Demonstrationstrategien halfen. Außer diesen Mainstream-Medien, gibt es eine Reihe weiterer Fernseh- und Radiostationen (zum Teil professionelle, aber auch amateurhafte bis absurde Stationen), die ihre Aufrufe zum Sturz des Regimes und ihrer entsprechenden politischen Beiträge hineinstrahlten. Freilich gibt die US-Regierung Millionen Dollars für die Unterstützung von regimekritischen Medien aus. Vermutlich hat kein Land mit so vielen oppositionellen Medien aus dem Ausland via Satellit, Radio und Internet zu kämpfen wie Iran. Die Revolution in Tunesien blieb indessen seiner „nationalen und einheimischen Wurzel“ treu und dementsprechend konnte das Ben Ali-Regime das Argument der ausländischen Verschwörung gegen die Revolution nie ernsthaft anführen.  

Das iranische Regime wird allerdings nicht nur durch den Faktor „Äußere Bedrohung“ stabilisiert, wodurch man in der Lage ist, das Volk um sich zu scharen, sondern vor allem auch aufgrund seiner  systemrelevanten Beschaffenheit und des ideologischen Überbaus.

Der größte ordnungspolitische Stabilitätsfaktor in der Islamischen Republik ist die Verfassung selbst. Iran ist nicht monolithisch, das heißt., dass es  gleich mehrere zueinander konkurrierende Machtzentren gibt, wie die Exekutive, Legislative und Judikative, die institutionell unabhängig voneinander sind. Hinzu kommen das „überparteiische“ Amt des religiösen Staatsoberhauptes (Wilayat al-Faqih) und einige weitere Machtzentren, wie die des Schlichtungrates. Das heißt buchstäblich das, was in der westlichen Rezeption als „Systemfehler“, „Machtkampf“ und „Risse im Regime“ empfunden wird, ist in Wirklichkeit eine der Grundsäulen der iranischen Stabilität.

Zur Gegenüberstellung: In Tunesien gab nur ein einziges Machtzentrum, nämlich das des Präsidenten. Alles war auf eine Person zugeschnitten, die seit mehr als 20 Jahren regiert. Sein Sturz kam daher dem Sturz des gesamten Regimes gleich, in Iran ist dies dagegen nur eine Frage der Personalentscheidung. Das heißt, dass die Islamische Republik im Falle von Unruhen fähig ist, durch den Austausch eines einzelnen oder mehrerer Verantwortungsträger oder einer politischen Strömung die Schuld von Miseren und Krisen auf einer einzelne Person bzw. einer politischen Strömung zu delegieren, wodurch neue glaubwürdige Versprechen möglich sind und neue Hoffnungen verbreitet werden können und der Volkszorn damit stark gedämpft wird.

Im vergleichsweise absolutistisch regierten Tunesien ist es dagegen nach mehr als zwanzig Jahren schwierig, die Verantwortung auf Einzelne zu schieben und neue Versprechungen abzugeben. Letztlich war die erste öffentliche Reaktion des aus dem Geheimdienst kommenden Ben Ali (der weder ein kluger Taktiker noch ein echter Politiker war) auf die Unruhen, dass er 300.000 neue Arbeitsplätze im nächsten Jahr zu schaffen versprach, zugleich sein Todesstoß. Zum einen zeigte er dadurch eine gewisse Schwäche und Verzweiflung und gab somit anderen gesellschaftlichen Gruppen den Mut zur Mitteilnahme an den Demonstrationen und zum anderen hat er seine eigene 20-jährige Propaganda über seine Kompetenz und Glaubwürdigkeit untergraben. In der Tat ist die Revolte seit diesem Fernsehauftritt erst zu einer Revolution geworden, davor war er selbst nicht Zielscheibe der Parolen und Proteste gewesen.

Hinzu kommt, dass Ben Ali für keine Staatsidee oder Ideologie stand - also weder für eine charismatische Monarchie wie in Jordanien oder Marokko, noch für einen „ideellen Wert“ wie in der Islamischen Republik Iran - sondern repräsentierte nur sich selbst. Insofern waren die Demoralisierung der tunesischen Armee und deren Weigerung, auf die Demonstranten zu schießen, plausibel. Das zeigt wiederum den Aspekt auf, dass Mubaraks Regime von allen arabisch-islamischen Staaten das instabilste bleibt, da es den tunesischen Herrschaftsstrukturen am meisten ähnelt.

Ein weiterer stabilisierender Aspekt in der Islamischen Republik ist die begrenzte aber garantierte politische Pluralität innerhalb der iranischen Staatsverfassung. Auch wenn seit den Unruhen vom vorletzten Jahr das gesellschaftlich-politische Klima verschlossener wurde, ist es dennoch weiterhin möglich, die Regierung, einzelne Minister und Verantwortliche zu kritisieren oder gar zu verspotten. Angesicht der fast alle zwei Jahre stattfindenden Wahlen sind die Spielräume groß genug, damit diese als ausreichendes Ventil für politische und ökonomischen Frustrationen funktionieren können. Tatsächlich könnte man das Regime von Teheran durchaus als das stabilste in der islamischen Welt bezeichnen. Man wird wahrscheinlich in keinem anderen Staat gleich so viele Staatsbürger finden, die ihr Leben allein für den Schutz ihres Regierungssystems freiwillig opfern würden wie in der Islamischen Republik Iran. Die Opposition zum Regime ist hingegen in der Regel auf weltlichen Gesichtpunkten begründet, und für das weltliche stirbt man nicht, man lebt für sie, wohingegen man für jenseitige Ideale sterben tut: Stichwort Märtyrerkult. Das ist etwas, wovon Tunesiens Ben Ali wohl geträumt hatte und wonach sich Ägyptens Husni Mubarak heute wohl tagtäglich sehnt (anzumerken ist zudem, dass fast kein Staatschef in der islamischen Welt so offen wie Ahmadinejad in der Menschenmenge „baden“ kann).

Des Weiteren hat Iran zwei ebenbürtige Armeen unter der Kontrolle des religiösen Staatsoberhauptes (und nicht des Präsidenten), die sich gegenseitig in Schach halten und somit einen militärischen Putsch und Militärdiktatur quasi unmöglich machen. Dazu gibt es noch die zahlenstarke Nationalgarde (Basij), die sowohl militärisch (wie im Krieg gegen Irak) als auch im Innern (wie im Fall der Studentenproteste in Teheran von 1999) einsetzbar ist (bei den Teheraner Unruhen von 2009 wurde die Basij lediglich anfangs eingesetzt, und weder die Armee noch die Pasdaran mussten bei der Niederschlagung einberuft werden).

Nicht zuletzt aufgrund der mangelhaften Analysen und der Fehleinschätzungen über die Region, steht die westliche Politik im Nahen- und Mittleren Osten vor einem Scherbenhaufen. Die hoch gefeierte „Insel der Stabilität“ Tunesien wurde in wenigen Wochen hinweggefegt und die seit der islamischen Revolution im Westen wiederholt totgesagte Islamische Republik in Iran ist dessen ungeachtet möglicherweise einflussreicher denn je zuvor geworden. In der Region macht sich die Erkenntnis breit, dass die USA – bedingt durch ihre Machtkorrosion – früher oder später aus dem Nahen- und Mittleren Osten sich zurückziehen wird - Persien bleibt dagegen.

Mit großer Aufmerksamkeit hat daher der Orient den Umgang Frankreichs mit seinem einstigen Verbündeten Ben Ali zur Kenntnis genommen. Er erhielt in seiner schwersten Zeit weder Beistand noch Asyl, überdies wurden sämtliche Konten von ihm und seiner Verwandtschaft gesperrt. Es scheint schlüssig, dass immer mehr politische Akteure nach alternativen Partnern Umschau halten. Die US-amerikanische Torpedierung der saudisch-syrischen Verhandlungen zur Beilegung des Streits über das Hariri-Tribunal brachte etwa nicht den erhofften Ausschluss der Hisbollah aus der Regierung, sondern - dank Umschwenkung ehemalige Verbündete des Westens – gleich eine Hisbollah nahe Regierung hervor. Und die iranischen Diplomaten verlangten erstmalig – unbeeindruckt von den neuen Sanktionen und aller Drohungen – mit gefüllter Selbstbewusstsein von der G5+1 in Istanbul die uneingeschränkte und bedingungslose Akzeptanz der iranischen Urananreicherung und das Ende der Sanktionen vor allen weiteren Atomgesprächen.

Es ist Zeit, dass wir im Westen die nahöstlichen Realitäten zur Kenntnis nehmen und eine auf Interessensausgleich betriebene Politik als Moderator und ehrlichen Schlichter anwendet - im ureigenen Interesse.


* "Obama, Obama, ya ba ma ya ba anha", zu Deutsch: „Obama, Obama, entweder mit uns oder mit denen“. Dies war eine von vielen Parolen, die in den persischsprachigen ausländischen Medien den Demonstranten erfolgreich empfohlen wurden. Ziel dieser konkreten Parole war offensichtlich, die damaligen Annäherungsversuche Barack Obamas zu Teheran zu torpedieren. Heute gehen viele iranische Kommentatoren - über die Parteien hinweg - davon aus, dass die „Grüne Bewegung“ eine der Hauptursachen für die neusten Sanktionen war.


Homayoun H.30-01-11

"Die Revolten in Tunesien, Algerien, im Jemen und in Ägypten sind ferner nicht durch ausländische Interventionen, wie zum Beispiel in Form von ausländischen Medien, aktiv unterstützt worden und konnten somit ihre „Reinheit“ bewahren"

Wirklich?

http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/africaandindianocean/egypt/8289686/Egypt-protests-Americas-secret-backing-for-rebel-leaders-behind-uprising.html

Ali Reza30-01-11

Sie schreiben, dass in keinem anderen Land der Welt es soviele Leute gibt, die ihr Leben für das politische Leben opfern würden.

Es ist aber auch so, dass es in keniem anderen Land der Welt es soviele Menschen gibt, die ihr Leben für den Sturz des politischen Systems opfern würden.
Dazu hat Iran die meisten politischen Flüchtlinge weltweit. Schätzungsweise 5 Millionen, was auch die Anzahl der regimekretischen Fernsehsander und Radiosender begründen würden.

In dem Punkt jedoch, dass das was in Tunesien und Ägypten passiert nichts bzw wenig Einfluss auf den Iran haben wird gebe ich Ihnen selbstervständlich recht

Iraner30-01-11

Bah bah Homayun ist wieder zurück. Wo waren Sie so lange?

TE30-01-11

@Homayoun H.

Ich grüße Sie.

Das Original ist hier: http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/africaandindianocean/egypt/8289698/Egypt-protests-secret-US-document-discloses-support-for-protesters.html

Beim Überfliegen finde ich dort keine Stelle, die von einer Unterstützung spricht. Jedoch fand ich folgende Stelle: "xxxxxxxxxxxx asserted that
Mubarak derives his legitimacy from U.S. support, and therefore charged the U.S. with \"being responsible\" for Mubarak's \"crimes.\" He accused NGOs working on political and economic reform of living in a \"fantasy world,\" and not recognizing that Mubarak -- \"the head of the snake\" -- must step aside to enable democracy to take root"

Wahrscheinlich möchte "The Telegraph" die Hände der US-Regierungen in Unschuld waschen. Am Ende, wenn es für die Despoten knapp wird, lässt man sie fallen, um nicht gänzlich jeglichen Einfluss auf die neue Herrschaft zu verlieren (s. auch Frankreichs Umgang mit Ben Ali, nach seinem - aus französischer Sicht überraschender - Sturz).

@Ali Reza

Um es überspitzt und polemisch auszudrücken, damit der Unterschied deutlich wird: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die 5 Millionen Iraner im Ausland die gleiche Todesbereitschaft haben wie die Regimeanhänger im Iran. Schließlich ist die große Mehrheit von ihnen keine politische Flüchtlinge und bereisen öfters den Iran. Zum anderen ist die Opposition zum Regime in der Regel aus weltlichen Gesichtpunkten begründet, und für das weltliche stirbt man nicht, man lebt dafür, wohingegen man für jenseitige Ideale sterben tut (Stichwort: Märtyrerkult).

Jawohl03-02-11

Der islamische Iran ist das stärkste Land des Mittleren Ostens. Israel hält sich nur durch die exzessive westliche Unterstützung über Wasser. Der islamische Iran aber gegen den Westen.

Von Iran lernen bedeutet Siegen lernen.

Homayoun H.04-02-11

@Iraner: vielen Dank für die nette Begrüßung!

@TE: so habe ich es zugegeben nicht betrachtet.

Ich kann mich aber irgendwie nicht von dem Gedanken befreien, dass der Schein bei all diesen Unruhen in den betreffenden arabischen Ländern, trügt. Das mag zwar an der Übersensibilität und Verschwörungstheoriementalität liegen, die man sich im Laufe der Jahre (zurecht wie ich finde) angeeignet hat. Aber es könnte auch sein, dass es sich auch diesmal um einen raffinierten Plan für all diese wankenden Länder handelt und dass man quasi einer unkontrollierten islamischen Revolution zuvor kommen wollte, und bereits im Vorfeld die wichtigen Stellen wie z.B. das Militär, den Geheimdienstchef usw. involviert hat um die Nachfolge von Mubarak und Co. nicht gänzlich an Muslimbrüder und Co. zu verlieren. Immerhin war Mubarak 82 Jahre alt, und ausserdem hat es schon seit langem in all diesen Ländern gebrodelt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Land wie USA die letzten Jahre einfach abgewartet hat, um dann durch Revolten und Revolutionen überrascht zu werden. Sie etwa?

Homayoun H.04-02-11

p.s. Glückwunsch! Die Seite scheint viele Leser dazu gewonnen zu haben und auch bei Google erschien Irananders (bei mir) ziemlich oft auf der ersten Seite beim Suchbegriff Iran in den letzten Tagen.

Wolfgang04-02-11

Es ist bezeichnend, dass hier die „Todesbereitschaft“ iranischer Staatsbürger ausführlich behandelt werden muß, um das Argument eines stabilen Regimes zu stützen. Wenn die wirtschaftliche Situation sich verschlechtern sollte – und Sie werden sicher nicht behaupten wollen, dass diese im Iran um vieles besser als in den arabischen Staaten ist – nutzt diese Bereitschaft zum Martyrium niemandem. Die Leute müssen in die Lage versetzt werden, ihre Lebenshaltungskosten einigermaßen begleichen zu können. Ob da diese vierzigtausend Tuman als Ausgleich für die Subventionskürzungen genügen, bleibt abzuwarten. Dass es momentan keinen Protest der Bürger gab, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass man sich in Ländern wie Iran zweimal überlegt auf die Strasse zu gehen.
Stabil ist heute nichts mehr in der Welt. In meinem kurzen Leben habe ich bisher viele angeblich stabile Systeme fallen sehen. Auch das korrupte Schah-System galt als stabil und das ein Riesenreich wie die Sowjetunion in relativ kurzer Zeit zusammenbrach überraschte ebenfalls die Welt.
Khamenei sprach jetzt von einer „islamischen Befreiungsbewegung“ im Zusammenhang mit den Ereignissen in Nordafrika. Damit scheint die bei Ihnen anklingende These westlicher Einflussnahme wackelig zu werden. Die Menschen dort empfinden den jahrzehntelangen Druck ihrer Regierungen als nicht mehr tragbare Last. Die jungen Leute sehen in die Welt hinaus und möchten sie für sich entdecken, ohne dabei gleich mit dem Verdacht konfrontiert zu werden, dem bösen Westen zu verfallen. Diese jungen Menschen sind auch im Iran die Zukunft ihres Landes. Man sollte mit ihnen reden und ihnen zuhören und vor allen Dingen: Ausbildung und Arbeit geben. Sonst ist garantiert, dass es auch im Iran zu einer „islamischen Befreiungsbewegung“ führt.

Übrigens schreiben Sie: [Die] „Islamische Republik in Iran ist dessen ungeachtet einflussreicher denn je zuvor geworden.“ Das ist erstmal nur eine Behauptung. Ein paar Beispiele wo und in welchem Ausmaß wären hier angebracht.

SA04-02-11

@Wolfang

Sie gehen von unseren westlichen Denkstrukturen aus. "Wenn die wirtschaftliche Situation sich verschlechtern sollte [...] nutzt diese Bereitschaft zum Martyrium niemandem."

Ein Staat erhält Akzeptanz im Innern durch zwei Wege. Entweder aufgrund ihrer materiellen Dienstleitung oder aufgrund ihrer Ideologie. Viele Staaten der heutigen Welt - u. a. auch unsere Demokratien im Westen - sind in einem hohen Grad wegen ihrer wirtschaftlichen Prosperität stabil. Der Fall Sarrazin und die Ausbreitung der Islamophobie in Europa zeigt inwiefern unser Verständnis von Demokratie, Humanismus und Rechtsstaatlichkeit vom wirtschaftlichen Gesamtwohl abhängig ist.

Abgesehen von den Opportunisten innerhalb des iranischen Regimes, die vermutlich keine Todesbereitschaft haben, ist doch aber die Treue der echten Regimeanhänger in Iran unabhängig von der materiellen Dienstleistung ihres Staates begründet. Zum Vergleich: Für Ben Ali zu sterben, bedeutete für Ben Ali zu sterben. Für die Islamische Republik zu sterben bedeutet aber für den Islam zu sterben, also für einen „ideellen und höheren Wert“. Dazu kommen noch eine Reihe weitere Faktoren, wie die, dass die Islamische Republik bisweilen als Bollwerk für die iranische Unabhängigkeit im Kampf gegen ausländische Mächte empfunden wird und daher die Stabilisierung der Islamischen Republik mit Patriotismus und Nationalismus einhergeht.

Bzgl. der Machtzuwachs Irans, hier kleines Beispiel: http://irananders.de/nc/home/news/article/machtzuwachs-irans.html

Wenn die derzeitigen Revolutionen in der arabischen Welt glücken sollten, aber jedoch keine „Islamisten-Regierungen“ hervorgehen würde, wird Iran dennoch der größte Nutznießer sein, denn ein distanzierteres Verhältnis zum Westen und USA wäre ohnehin vorprogrammiert.

@Homayoun H.

Seit einigen Jahren gibt es die Diskussion über die Nachfolge Mubaraks im Ägypten. Und es wurde aktiv für seinen Sohn geworben. Insofern wäre der größte Gewinner dieser Verschwörungstheorie Mubarak selbst, weil er die Revolte dann als „ausländisch gesteuert“ brandmarken könnte. Die USA ist bei weitem nicht so kompetent und intelligent wie es die Verschwörungstheorien stets suggerieren. Faktisch ist die USA der größte Profiteur solcher Verschwörungstheorien, weil man dadurch ihre Macht erheblich überbewertet und dieses mit dem Gefühl der eigenen Ohnmacht einhergeht und dieser wiederum den eigenen Spielraum an Initiativen minimiert. Man könnte meinen, dass die größte Verschwörung der Glaube an die Verschwörung selbst sei.

TE04-02-11

@Wolfang

"Damit scheint die bei Ihnen anklingende These westlicher Einflussnahme wackelig zu werden."

So eine Passage enthält der Artikel nicht. Im Gegenteil heißt es dort: "In Tunesien, Algerien, im Jemen und in Ägypten wurden die Revolten als einheimisch, arabisch und "rein" betrachtet, fern von unmittelbaren westlichen Interventionen."

Sobhan04-02-11

Klasse Artikel!

Homayoun, der Westen vergibt der tunesischen Revolution den Namen "Jasmin-Revolution", um seinen Stempel aufzudrücken und gesichtswahrend es so darzustellen, dass es ein westlich gesponserter Revolution war, wie alle andereren (verkorksten) "samtenen Revolutionen", die nach Farben und Blumen benannt sind.

Was Ägypten angeht, wenn die USA so einen Plan hatten, hätten sie es bei der Wahl gemacht. So wie bei allen "samtenen Revolutionen". Nein, das ist ein Auftstand auch gegen den Westen! Die Israelis haben begründet Angst!

Iraner05-02-11

@Wolfgang

Also ich muss Ihnen widersprechen. Iran ist wirtschaftlich kaum mit Ägypten zu vergleichen.

http://www.imf.org/external/pubs/ft/scr/2010/cr1074.pdf

Homayoun H.05-02-11

Wie erklären Sie sich dann z.B. die russische Berichterstattung? Warum spricht das russische Fernsehen teilweise von Parallelen zu anderen farbigen inszenierten Revolutionen und dass man bei sowas vorsichtig sein muss, wohingegen der Westen und die USA (und Aljazeera) so "euphorisch" über die Demonstrationen berichten? Es ist schon ein wenig lustig wenn man sieht dass sich der Iran und der Westen endlich mal "einig" sind (mit verschiedenen Deutungen der Revolution).

TE05-02-11

Ich denke nicht, dass die russischen Berichterstattungen der Maßstab sind. Oder handelt es sich um Einzelaussagen von russischen Experten?

Wenn ein Vakuum entsteht, versuchen ausländische Mächte ihren Einfluss Geltung zu verschaffen. Iran spricht von der "islamischen Erweckung" und der Westen spricht von "demokratischen Beben" und Russland der mit keinem von beiden sich identifizieren kann spricht von "samtenen Revolution".

Homayoun H.05-02-11

Ein Beispiel:

http://www.youtube.com/watch?v=XKI4kldoE48

Also das ist ja fast genau so, wie der Iran damals über die Grüne Revolution berichtet hat. Das will mir einfach nicht in den Kopf dass das alles purer Zufall ist.

Ausserdem müssen Sie doch eins zugeben: bei Iran waren wir uns mehr oder weniger letztendlich Einig, dass die USA die Finger im Spiel hatte. Da war nicht die Rede davon dass man die Möglichkeiten der USA überschätzt und zuviel Verschwörungstheorien im Spiel sind wie Sie jetzt behaupten. Allein wenn man sich Agenda der Think Tanks angesehen hat, war klar dass die Obama Administration diesen Weg in ihrer gesamten Außenpolitik bezüglich Naher Osten gewählt hat.

Jetzt plötzlich ist Alles "echt" und die Demonstranten haben die Macht in all diesen Ländern das gesamte System zu stürzen.

Letztendlich werden wir wohl in 1 oder 2 Jahren wissen, ob das Alles mit "rechten Dingen" zugegangen ist oder nicht. Bis dahin bleibe ich persönlich skeptisch. Wünsche mir aber natürlich dass ich Falsch liege.

TE05-02-11

Ich kann beim besten Willen keine Paralellen zwischen Tunesien/Ägypten und Georgien/Ukraine erkennen.

Mir scheint es, dass das russische Fernsehen die Ereignisse in Maghreb als Anlass nimmt, um einen Rundschlag gegen die "samtenen Revolutionen", die gegen ihre Interessen waren, zu betreiben.

Homayoun H.05-02-11

Wenn z.B. Suleiman den Mubarak ersetzt, dann war das ganze eine kosmetische Korrektur zu gunsten USAs, des Westens und Israels und kann sogar noch im Nachhinein als Wille des ägyptischen Volkes verkauft werden, sobald die Demos zu Ende sind und sich alles beruhigt hat. Dabei wissen wir alle dass Suleiman ein noch größerer Freund und Verbündeter Israels und USAs ist als Mubarak. Warten wir ab!

SA05-02-11

Auf Irananders und im User Kommentar Bereich wurde von Seiten Irananders Autoren nie die Behauptung aufgestellt, dass die Unruhen nach den Wahlen durch Einmischungen der USA entstanden sind. Ganz im Gegenteil wurde immer wieder betont, dass die Ereignisse nach den Wahlen voraussehbar waren, wenn man Kenntnis über die Stimmung und Polarisierung vor den Wahlen hatte. Insofern ist der Auslöser der Unruhen nach den Wahlen eher gewissermaßen Ahmadinejad selbst (aufgrund seines Fernsehduells mit Mousavi) als die USA.

Mag sein, dass während der Unruhe das Ausland sich stark eingemischt hat und vermutlich auch geheimdienstlich sich engagiert hat. Dafür sind (auch) Geheimdienste da. Beweisen lässt sich das jedoch nicht.

Die Ereignisse in Iran waren kein Zufall, sondern natürliche Ergebnisse von Kausalitäten.

TE05-02-11

Dazu muss man keine Unruhe anstiften. Eine Unruhe lässt sich in Amerika kritischen Ägypten schwer lenken und kontrollieren, weil dadurch ungewollte Kräfte freigesetzt werden und daher sie grundsätzlich als dynmaisch zu bezeichnen ist.

In Marokko, Jordanien Saudi Arabien und Syrien erfolgte die Nachfolge auch reibungslos nach dem die jeweiligen Herrscher starben.

Homayoun H.05-02-11

Selbstverständlich ist bei etwas so kompliziertem wie eine Revolution, mit Einmischung nicht eine von A bis Z geplante und durchgeführte Aktion gemeint (sowas kann man durchführen um z.B. einen iranischen Wissenschaftler umzubringen, wie es Mossad getan hat, aber keine Revolution). Die Bühne muss bereits vorhanden sein, damit man mitmischen kann. So war es auch im Iran. Die USA hat nicht alle Menschen auf die Strasse geholt oder Moussavi beauftragt. Nein Sicherlich nicht. Aber Sie hat die Situation ausgenutzt und ordentlich mitgemischt. Das meinte ich mit "wir sind uns einig". Nicht mehr.

Homayoun H.05-02-11

@TE: Sie können ein Land wie Saudi Arabien nicht mit Ägypten vergleichen. Und wie ich bereits gesagt habe, denke ich dass eine Revolte in Ägypten bereits vorherzusehen war. Man denke nur an El Baradeis Rolle letztes Jahr und seine Aussagen.

Wäre ich USA, würde ich mit Sicherheit alle nötigen Vorkehrungen treffen und ordentlich mitmischen anstatt zuzuschauen.

Ein Land wie USA mit so einer langen Geschichte an geheimdienstlichen Aktivitäten, wird bestimmt nicht von Heute auf Morgen ein Naiver Zuschauer des Weltgeschehens. Insbesondere nicht in diesem Gebiet. Israel übrigens auch nicht.

TE05-02-11

Jede Weltmacht überschreitet eines Tages sein Zenit. Eine Unruhe anzustiften ist unkalkulierbar. Es gibt weitaus mehr elegante und berechenbare Lösungen.

Entweder überbewerten Sie die Kompetenz der USA oder ich unterschätze sie. Irak, Afghanistan, Libanon und Iran zeigen mir, dass die USA seit langem nicht die Supermacht mehr ist, die sie war und ihre Entscheidungen durch Lobbys dominiert wird, die nicht die nationalen Interessen der USA wiedergeben.

Homayoun H.05-02-11

Ich bin mir auch absolut nicht sicher (wer kann das schon von sich behaupten). Vielleicht haben Sie auch recht und wir sind gerade Zeuge des Untergangs der Freunde und Marionetten USAs und Israels in den arabischen Ländern und Zeuge echter Revolutionen seit langem.

McCain nennt die Unruhen in den arabischen Ländern als VIRUS der sich ausbreitet und die größte Gefahr seit der gesamten Geschichte amerikanischer Politik im Nahen Osten! (ausgestrahlt bei FOX News). Das ist schon heftiger Tobak in der aktuellen Lage.

http://www.youtube.com/watch?v=OUoQsdKgagM

Solche Aussagen z.B. würden eher ihre Sicht der Dinge bestätigen.

Wie gesagt, abwarten und schauen was letztendlich das Ergebnis sein wird.

Iraner05-02-11






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