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Irans Atomprogramm im Kontext des technologischen Unabhängigkeitswillens


Surena 2 ist ein humanoider Roboter aus Iran

Surena 2 ist die zweite Generation humanoider Roboter in Iran.

Immer öfters zeigen internationale Statistiken, dass Länder der islamischen Welt mit der weltweiten technologischen Entwicklung nicht Schritt halten können. In der Tat waren die wissenschaftlichen Errungenschaften der vergangenen Jahrhunderte hauptsächlich anderen - wie Europäern, Amerikanern und Ostasiaten - zuzuschreiben. Seit etwa 30 Jahren aber zeichnet sich eine Wende ab, die überraschenderweise von Iran ausgeht.

Kürzlich veröffentlichte das kanadische Beratungsunternehmen „Science-Metrix“ eine Analyse zur weltweiten Entwicklung von Technologien und Forschungsanstrengungen, die zu unerwarteten Schlussfolgerungen gelangte. Laut dem Bericht der Kanadier liegt die wissenschaftliche Entwicklung Irans 14,4 Mal höher als im Weltdurchschnitt. Mit 250 Mal mehr veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten wird diesen Entwicklung besonders auf dem Gebiet der Kernenergie sichtbar. Auf dem zweiten Platz folgt Südkorea, das mit 9,8 Mal mehr wissenschaftlichen Publikationen gegenüber dem Weltdurchschnitt deutlich hinter Iran liegt.

Die wenigen westlichen Wissenschaftler, die die iranischen Universitäten besuchen, bewundern häufig die Qualität der Arbeiten und Einrichtungen. So auch Professor Burton Richter, ein amerikanischer Physik-Nobelpreisträger, der im Mai 2008 die Sharif-Universität in Teheran  besuchte. Richter stellte Folgendes fest: „Die Studenten hier sind sehr beeindruckend. Ich bin mir sicher, dass ich von Ihnen in Zukunft noch viel Positives hören werde.” Professor Abdolhassan Vafai kommentierte den Besuch wie folgt: “Unsere Gäste aus dem Ausland sind sehr oft verblüfft, wenn sie unsere modernen Laboratorien und vor allem auch unsere weiblichen Promotionsstudentinnen sehen. Oft hatten sie vor ihrem Besuch ein völlig anderes Bild von Iran, das für sie nicht als akademisches, gebildetes Land galt. Wir bilden hier unsere Studenten darin aus, Lösungen für Probleme zu finden, die die ganze Menschheit betreffen - Probleme wie Hunger, globale Erwärmung und Wasserknappheit”. Surena 2, ein humanoider Roboter, der in derselben Universität entwickelt worden ist, schaffte es ebenso zur internationalen Aufmerksamkeit in der Fachwelt.

Erfolge konnte Iran auch mit seinem Weltraumprogramm erzielen, dass von der iranischen Weltraumorganisation “ISA” (Iranian Space Agency) betrieben wird. Trotz anfänglicher Rückschläge konnte Iran ein Raumfahrt- und Satellitenprogramm auf die Beine stellen. Uzi Rubin, ehemaliger Chef des israelischen Raketenabwehrprogramms, sprach in Jerusalem, im Zentrum des Ministeriums für öffentliche Angelegenheiten, über das iranische Weltraumprogramm und wie es iranische Ingenieure schafften - nur sechs Monate nach dem ersten Fehlstart - alle Mängel zu beheben. Er kommentierte dies mit den Worten: “Wäre ich ein iranischer Ingenieur, wäre ich stolz auf diese Leistung”. Der erste in Iran gebaute Telekommunikationssatellit “Omid” (zu deutsch:  „Hoffnung“) wurde 2009 mit einer “Safir”-Trägerrakete in den Orbit befördert. Ein erster bemannter Raumflug ist für das Jahr 2022 geplant.

Auch im militärischen Bereich konnte Iran im vergangenem Jahrzehnt Durchbrüche erzielen. Während sich die Konzentration der internationalen Gemeinschaft auf die Lieferung des russischen S-300PM Langstecken-Luftabwehrsystems konzentrierte, gingen einheimische Errungenschaften Irans unter. So beispielsweise eine Eigenkonstruktion des amerikanischen HAWK Mittelstrecken-Luftabwehrsystems, das Iran unter dem Namen “Shahin” vertreibt, welches in das Luftabwehrsystem “Mehrzad” integriert wurde. Im Laufe der letzten landesweiten Manöver im November 2010 testete das iranische Militär nach eigenen Angaben erstmalig eine modernisierte und aufgerüstete Version des russischen S-200 Langstrecken-Luftabwehrsystems, das nach Angaben von General Ahmad Miqani den Möglichkeiten des Nachfolgermodells S-300 angeblich nahekommt. Ein wichtigerer Durchbruch war die Implementierung eines fortschrittlichen Radar-Systems, das speziell zur Detektierung von Stealth Bombern und Jägern konzipiert wurde – dem russischem NEBO-System. Auch in der zivilen Luftfahrt sorgte Iran für Beachtung, als er die Inbetriebnahme eines eigenen Boeing 737-Simulators bekanntgab - den einzigen im gesamten Nahen Osten. Weiterhin fand im Februar 2010 offiziell die Indienststellung des ersten Zerstörers der “Mowdge”-Klasse statt. Das Schiff (welches der Wasserverdrängung zufolge aber eher eine Fregatte ist) soll über neueste Radar- und Raketensysteme verfügen und wurde angeblich mit der Fähigkeit zur elektronischen Kriegsführung ausgestattet.

Die auffallende Geschwindigkeit, mit der die technologische Entwicklung des Landes voranschreitet, ist tief in der Kultur und der schiitischen Ausrichtung des Islams verwurzelt. Wissenschaftliche Errungenschaften gelten im Schiitentum als erstrebenswerte Taten, die auch vom Klerus gefördert und betrieben werden. Als Paradebeispiel für die  Symbiose von Wissenschaft und Religion kann die heilige Stadt Qom herangezogen werden. Hier können Gelehrte - neben dem Studium des Islams - zwischen Stammzellenforschung, Gentechnologie und vielen weiteren Fachgebieten wählen. Ein weiterer Antrieb des Fortschrittes ist die wissenschaftliche Einstellung des Staatsoberhauptes, Ayatollah Ali Khamenei, welcher vor über 20 Jahren das Rooyan-Institut in Teheran finanzierte, das heute zu den führenden Stammzellen-Forschungseinrichtungen der Erde gehört. Anders als man allgemein annimmt, sind die Rechtsurteile (Fatwas) Khameneis im Vergleich zu manch anderen hohen Geistlichen (Marajas) oft liberaler und lassen den Wissenschaftlern genügend Spielraum für Forschungen.

Der Fortschritt der letzten Jahrzehnten zeigt den bedeutenden Aspekt auf, dass der Staat Iran, aufgrund der bitteren Erfahrung im 8-jährigen Krieg gegen Irak - wo das Land weder im Westen noch im Osten starke Freunde hatte und im Krieg hauptsächlich auf sich selbst gestellt war-, auf alle Ebenen einen großen Unabhängigkeitsdrang hat, der auch zum Staatsräson der islamischen Republik gehört. Der unbedingte Wille nach Beherrschung der atomaren Technologie ist auch aus diesem Gesichtspunkt zu verstehen und ist – wie dargestellt – nicht nur auf diese beschränkt. Im Rahmen der Atomverhandlungen darf dieser Aspekt nicht unberücksichtigt bleiben. Für das Regime ist jeder technologischer Fortschritt auch ein Punktsieg im Innern und eine Befriedigung des stark vorherrschenden Patriotismus in Iran. Summiert dürfte es nicht schwer fallen anzunehmen, dass das Atomprogramm Irans zum nationalen Konsens gehört, das nicht ohne weiteres von der Staatsführung aufgegeben werden kann.


william wolfo18-01-11

Die technologischen Ziele von anderen Menschen einmal nicht vulgär, oberflächlich, kurz: materialistisch zu betrachten tut Not. Steckt hinter dem Bemühen - angefangen von der Entwicklung der Mathematik bis zum ersten Kraftfahrzeug - doch nichts weiter als die uns alle verbindende menschliche Natur. Sich zu entwickeln, Nutzen aus der Schöpfung zu ziehen, das Leben seiner Mitmenschen zu erleichtern - das wollen wir doch alle und niemand hat mehr Rechte als der andere.
Offenbar haben Menschen allesamt auch noch Fähigkeiten und Bedürfnisse fern von Futterneid und Affenangst.
Ich freue mich jedenfalls zu sehen, wie andere Völker auf ihrem Weg der Unabhängigkeit voranschreiten. Für jeden, der sich erhoffte, mit Rüstungsgeschäften reich zu werden, mögen dies freilich unheilvolle Botschaften sein, baut ihr Geschäftskonzept doch auf Spannungen. Diese armen Zwerge…

jamal@Wolfo18-01-11

Der letzte Satz ist nicht sehr diplomatisch ausgedrückt, aber im Rest Deines Postings hast Du Recht!

Fahad19-01-11

Was ist mit Daneshjoo, Kordan. Wissenschaftliches Fehlverhalten gibt's natuerlich ueberall. Aber derart primitiv? Keine Frage, Iran hat Potenzial. Aber da ist auch dieses orientalische Moment. Peer review fuehrt immer wieder zu Gesichtsverlust. Dieses schiitische Element, Opfer sein zu wollen. Beleidigt. In meinem Fach kommt wenig, wenn ueberhaupt, in die internationalen wissenschaftlichen Journale. Dann gruenden die lieber 'ne eigene Zeitung in Englisch (auch das liest dann niemand). An den meisten Fachbereichen leiten assistant professors die Abteilungen oder sind sogar Dekan, ganz einfach, weil denen die notwendigen Meriten fehlen. Staendig diese Anfragen, ob man ein bestimmtes Material (mit dem man sonst nichts zu tun hat) publizierbar zu machen, dann wuerde man Ko-Autor. Dass Letzteres aus prinzipiell ethischen Gruenden nicht geht (Ersteres mache ich gerne), wird nicht verstanden. Verstehen Sie mich nicht falsch, seit Jahren versuche ich zu helfen. Aber warum ist das derart schwer?

Sobhan19-01-11

Vielleicht hat jemand andere Erfahrungen?

william wolfo @fahad19-01-11

Über die Ursachen für eine zurückhaltende Rezeption ihrer Arbeiten haben sich auch europäische Wissenschaftler Gedanken gemacht. Hier gibt es Tendenzen, die als Fakten bewiesen sind. Bedeutende Selektionsmechanismen für die Rezeptionstätigkeit sind zum einen die Determinanten Gesellschaft, Universitätssystem, Fachdisziplin. Ein Beispiel: In einem Land wird einer moderner, interdisziplinärer Ansatz verfolgt, z. B. Wirtschaft mit philosophischer Anthropologie betrachtet, statt an sturer Volkswirtschaft neokonservativer Denkschule festzuhalten. Die Ablehnung durch eine derart geprägte Zeitschriften darf dann als Lob verstanden werden.
Auf Mikroebene sind funktionale (Distanzierung, Legitimation, Inspiration, Information, Innovation, Adaption), institutionelle (Herausgeberschaft) und soziale (biographische und intellektuelle Netzwerke) Aspekte maßgeblich. Beispiel: Für viele Disziplinen ist bekannt, dass sich auch in bekannteren, deutschsprachigen Zeitschriften bestimmte Freundeskreise herausgebildet haben, die sich gegenseitig bedienen. Alles in Allem zeigt sich in der Tendenz: Der Schwerpunkt der herrschende Wissenschaft richtet sich nach den Gravitationszentren der wirtschaftlichen Macht aus. Ihr Legitimationsproblem: Eine solche Wissenschaft verliert die empirische und menschliche Realität aus den Augen (siehe heute z. B. die Wirtschaftswissenschaft der Universitäten) und bietet damit keine allgemein akzeptablen Konzepte an. Freilich gibt es auch unterschiedliche Ressourceneinsätze: In den USA hat man jetzt mit Milliarden die neuesten Drohnen- und Kameratechnologie entwickelt, 30 Millionen Bürger leben währenddessen von Essensmarken.

Ohne Frage ist es gut, sich durch englischsprachige Beiträge Gehör zu verschaffen und dem Leser ein Angebot zum Nachdenken zu unterbreiten. Was Sie als Flucht in eine „Opferrolle“ bezeichneten, ist in Wahrheit aber nichts weiter als das Eintreten in den Diskurs mit neuen Alternativen. Die Tränen derjenigen, die nicht auf das Gruppenbild mit den Königen dieser Welt dürfen (z. B. mit dem aus der Presse bekannten und umtriebigen König von Schweden anlässlich der Nobelpreis-Verleihung), trocknen mit Luft.




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