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22.12.2010 Shayan Arkian

Interview über Eurozentrismus und Philosophie im Iran


Dr. Hamid Reza Yousefi

Dr. Hamid Reza Yousefi

Dr. Hamid Reza Yousefi ist Autor mehrere Bücher und Publikationen und Privatdozent an der Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz. Dort lehrt er interkulturelle Philosophie und Geschichte der Philosophie. Er arbeitet über Toleranz, Menschenrechte, grundlegende Fragen der Hermeneutik, Religionswissenschaften und den Vergleich der iranisch-islamischen mit den europäisch-westlichen Geisteswissenschaften. Seit Mai 2010 ist Yousefi Referent der „Forschungsstelle für Interkulturelle Philosophie“ und deren Initiator er ist. Das Interview wurde per E-Mail geführt, die Links in den Antworten stammen vom Interviewpartner selbst.


Irananders
: Herr Dr. Yousefi, Sie gelten als Kenner der westlichen sowie der iranisch-islamischen Geisteswissenschaften. Deshalb möchten wir gerne mit Ihnen über die Aufgaben der interkulturellen Philosophie und den kürzlich stattgefundenen Weltphilosophentag im Iran sprechen. Zuallererst aber: Wie schätzen Sie das Verhältnis der europäisch-westlichen Philosophie zur iranisch-islamischen Philosophie ein?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Im Allgemeinen ist es so, dass die europäisch-westliche Art des Philosophierens in Europa - bedingt durch Expansionismus und Kolonialismus - als Maßstab rationalen Denkens angesehen wird, während die iranisch-islamische Philosophie und alle außereuropäischen Philosophien als Weisheiten, Religionen und im besten Fall als Epigonen der Griechen deklariert werden. Studiert man die Geschichte der Philosophie in Europa, insbesondere seit dem beginnenden 18. Jahrhundert, so ist dieses Vorurteil bis zu Richard Rorty und Jürgen Habermas allgegenwärtig. Das Verhältnis ist stufentheoretisch: wir sind das Zentrum oder wie Norbert Elias behauptet, der „Königshof der Zivilisation“ - und ihr Orientalen und Nicht-Europäer seid Peripherie, das Gegenteil von Aufklärung und Modernität. Dieses Bild scheint im europäisch-westlichen Denken tief verwurzelt zu sein.

Irananders: Woher stammt diese Einordnung?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Das Verhältnis zwischen den beiden philosophischen Richtungen ist von einer historisch bedingten Unkenntnis geprägt, welche die heutigen Verhältnisse massiv beeinflusst. Die Destruktionskraft dieser Einordnung kann man sich vergegenwärtigen, wenn man die Wahrnehmung des Eigenen und des Anderen in der philosophischen Landschaft Europas genauer betrachtet. Es ist bezeichnend, dass Immanuel Kant die Philosophie und Vollkommenheit nur in Europa verankert, während er Talentlosigkeit als eine Entelechie des außereuropäischen Menschentums betrachtet. Er hält die Orientalen für unverbesserlich und unterstellt, sie hätten keinen Begriff von Moral und Ästhetik. Für seinen Nachfolger Hegel existiert keine Philosophie in islamischen Kulturregionen. Im Islam glaubt er die „reinste Form des Fanatismus“ zu erblicken. Kant und Hegel haben in ihren zentralen Schriften eine Reihe von rassistischen Äußerungen gemacht, die wir zum größten Teil noch heute hören. Das Gleiche gilt auch für spätere Denker wie Edmund Husserl, Martin Heidegger und seinen Schüler Hans-Georg Gadamer, die Philosophie für eine ausschließlich europäische Erfindung halten und andere Philosophien als Religionen und Weisheiten marginalisieren. Es ist nicht verwunderlich, wenn sich zeitgenössische Philosophen wie Otfried Höffe oder Reinhard Brandt diesem Vorurteil gerne anschließen. Diesen dialoghemmenden Missstand habe ich in meiner kürzlich erschienenen Studie „Interkulturalität und Geschichte - Perspektiven für eine globale Philosophie“ eingehend analysiert.

Irananders: Sie sprechen in diesem Werk von „Interkulturalität“ und „Perspektiven für eine globale Philosophie“. Ist dies das Gleiche wie die „interkulturelle Philosophie“?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Ich möchte Ihre Frage in drei Schritten beantworten: Interkulturalität ist der Name einer Theorie und Praxis, die sich mit dem historischen und gegenwärtigen Verhältnis aller Kulturen (und der Menschen als ihrer Träger) auf der Grundlage ihrer völligen Gleichwertigkeit beschäftigt. Sie will auf beiden Ebenen einen Paradigmenwechsel und eine Perspektivenerweiterung in der Selbst- und Fremdwahrnehmung in Gang setzen. In der Tat setze ich globale mit interkultureller Philosophie gleich, möchte aber spezifizieren: Interkulturelle Philosophie ist der Name einer erkenntnistheoretisch verfahrenden Disziplin, die sich auf die Philosophie und ihre Geschichte beschränkt. Sie verfolgt, kurz formuliert, das Ziel, alle Formen des Denkens, Redens und Handelns in Theorie und Praxis der Geschichte und Gegenwart kritisch miteinander ins Gespräch zu bringen. Charakteristisch ist drittens für diese Form des Philosophierens, historisch gewachsene Vorurteile und Unkenntnisse zu überwinden. Betrachten wir Lehrbücher über die Geschichten unterschiedlicher Kontinente in britisch-amerikanischer Sprache, so sind diese fast ausschließlich eurozentrisch. Insofern versteht sich die interkulturelle Philosophie als ein Korrektiv zu allen traditionellen Formen des Philosophierens, die sich verabsolutieren. Dies lässt sich, um nur einige Beispiele zu nennen, bei Christoph Heumann, Kant, Hegel, Husserl und Martin Heidegger, Gadamer sowie Rorty und Habermas nachweisen.

Irananders: Demzufolge wurde der Eurozentrismus auch außerhalb Europas und Nordamerikas übernommen.

Dr. Hamid Reza Yousefi: Ja, diese eurozentrische Ausrichtung wurde kurioserweise in die iranischen Geisteswissenschaften unkritisch, oft unbewusst, als Maßstab übernommen. Eine Folge dieser Haltung ist die Institutionalisierung eines importierten Eurozentrismus im Iran. Wenn wir bedenken, dass dieser Eurozentrismus durch Übersetzungen europäischer Klassiker in das Land hineinsickert, so ist nicht verwunderlich, dass es Kräfte in diesen Ländern gibt, die einen solchen importierten Eurozentrismus formal und inhaltlich bekämpfen wollen. Es ist bedenklich, dass selbst die iranische Geschichte aus den Übersetzungen europäischer Werke schöpft. Betrachtet man allein die Sprachphilosophie, Psychologie und Soziologie, so wird ersichtlich, wie stark die europäisch-westliche Lehre und Forschung die iranischen Hochschulen beherrschen. Das Tragische daran ist, dass die eigenkulturellen Leistungen auf diesen Gebieten entweder nicht gesehen oder nach westlichen Maßstäben beurteilt werden. Dies hat dazu beigetragen, dass das eigene intellektuelle Vermögen von den Iranern selbst im Keim erstickte. Darin expliziert sich meines Erachtens ein unvermeidbarer „Kampf der Kulturen“, denn es geht um hegemoniale Ansprüche, die heute nicht mehr wie früher hingenommen werden. Dieser importierte Eurozentrismus, der im Westen noch heute auf medialer und politischer Ebene in verschiedenen Staaten unterstützt wird, hat zu einem internen Antagonismus zwischen unterschiedlichen Denkmodellen in Ländern wie dem Iran geführt. Die Konsequenzen sind teilweise verheerend.

Irananders: Gibt es Lösungsansätze, die diesen Konflikt beheben können?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Es gibt Wissenschaftler, die durch die europäisch-westliche Philosophie zu ihrer Philosophie finden wollen, während andere Wissenschaftler wiederum nur auf der Grundlage des eigenen Geschichtsverständnisses die Welt erklären. Im Iran scheint sich ein Mittelweg durchzusetzen, der darauf ausgerichtet ist, europäisch-westliche Modelle zu berücksichtigen, dabei aber auch die eigenen nicht zu vernachlässigen. Hier werden das eigene Geschichtsverständnis und die eigene Philosophie leitend sein müssen. Zu diesen Wissenschaftlern zähle ich mich selbst, weil ich denke, dass wir nicht bei der Überwindung des einen Zentrismus in einen anderen fallen dürfen: also Zentren ja, Zentrismus nein. Darin sehe ich die Möglichkeit einer kommunikativen Völkerverständigung, von der wir weit entfernt sind.

Irananders: Sie sprechen von verschiedenen Zentren, und dass Staaten wie der Iran bestrebt sind, einen Mittelweg zu gehen. Wie sieht es aber im Westen aus? Können die westlichen Geisteswissenschaften von den iranischen Geisteswissenschaften profitieren? Und wo gibt es mehr Pluralismus?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Es ist historisch gut dokumentiert, dass Mitteleuropa ab dem 18. Jahrhundert in allen denkbaren Bereichen eine Welteuropäisierung vorantreibt: Aus den vielen Sinnen wird der eine Sinn, aus den vielen Geistern und Buchstaben der eine Geist - und aus den vielen Geschichten die eine Weltgeschichte konstruiert. Bis in unsere Tage hinein betrachten sich die europäisch-westlichen Hemisphären als Modell, Prototyp und Maßstab des sozialen Fortschritts, wenn auch, wie Samuel Huntington sagt, durch die Anwendung von organisierter Gewalt. Im Westen wird ausschließlich die eigene Zivilisation, Rationalität und Entwicklung gefeiert. Die Anderen sind zwangsläufig die dunkle und verleugnete Seite. Der Westen könnte von den iranischen Geisteswissenschaften profitieren, wenn er bereit wäre, sich dem Iran gegenüber in Theorie und Praxis zu öffnen. Dazu gehört die Ersetzung einer jeden Bekehrungs- und Belehrungskultur durch eine gemeinsame dialogische Lernkultur. Der iranische Mittelweg, den ich als pluralistisch bezeichne, zeigt sich darin, dass man sich in diesem Kulturgefüge seit mindestens 30 Jahren bemüht, eine Mischung aus Spiritualität und Modernität auf der Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen einzugehen und diese für das menschliche Leben fruchtbar zu machen. Darin kann sich der Mensch gemäß seiner natürlichen Anlagen entfalten. Diese Offenheit sieht man in der Lehre und Forschung der iranischen Hochschulen, an denen wir, neben den historischen Figuren der europäisch-westlichen Geistesgeschichte, auch eine Reihe von Übersetzungen und Kommentaren von und über Husserl, Heidegger, Gadamer, Habermas oder Höffe finden. Iranische Philosophen hingegen sind hier im Westen kaum bekannt. Dagegen werden iranische Philosophen, die einen Eurozentrismus im In- und Ausland pflegen, im Westen gefeiert. Es ist für mich als Hochschullehrer intellektuell schmerzhaft, wenn manche meiner Kollegen den Weltphilosophen Molla Sadra mit dem Anführer der afghanischen Taliban, Molla Omar, verwechseln. Interkulturelle Philosophie verfolgt deshalb das Ziel, den europäisch-westlichen Universalismus- und Alleingültigkeitsanspruch als ein Konstrukt offenzulegen und die Stimme des Anderen zum Tragen zu bringen. Im Westen herrscht deshalb vorwiegend das Vorurteil, dass interkulturelle Philosophie relativistisch sei, weil sie diesen falschen und einseitig beschlossenen Universalismus- und Alleingültigkeitsanspruch als kriegerisch zurückweist.

Irananders: Liegt bezüglich des Iran nicht zudem ein größeres Missverständnis vor, da in den westlichen Universitäten ohnehin in der Regel die sunnitische Geisteswelt behandelt wird und die schiitische Geisteswelt als kleine Minorität innerhalb des Islam deshalb kaum bekannt ist?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Es ist so, dass in der westlich-europäischen Welt weder die sunnitische noch die schiitische Geisteswelt wirklich behandelt wird. Auch mit den Sunniten beschäftigen sich die hiesigen Wissenschaften nicht derart, dass sie in deren Geisteswelt eindringen würden, sondern sie arbeiten vorwiegend instrumentalisierend und beschränken sich auf solche Gesichtspunkte, die der eigenen Auffassung entsprechen. Damit werden sie als ein Mittel der Dichotomisierung zweckdienlich gemacht; dies sowohl innerhalb der sunnitischen Glaubensgemeinschaft selbst wie auch zwischen Sunniten und Schiiten. Es ist ferner eine unverständliche Tatsache, dass die orientalischen Philosophien an den deutschen Universitäten nicht in den philosophischen Fakultäten angesiedelt sind, sondern in den orientalistischen und islamwissenschaftlichen Instituten. Dort lehren aber keine Fachphilosophen, sondern eher Philologen mit einem philosophischen Halbwissen. Es ist eine logische Folge dieser konstruierten Einordnung, dass orientalische Philosophen in der Regel als theologische Philosophen und deren Philosophie als philosophische Theologie dargestellt wird, eine Art Apotheose. Es ist bekannt, dass in iranisch-islamischen Philosophien der Vernunft eine sehr große Rolle zukommt. Dies gilt auch für viele Philosophen im Orient. Die Marginalisierung in den europäisch-westlichen Geisteswissenschaften ist ein Grund, warum die sehr heterogenen orientalischen Philosophien im Westen weitestgehend verkannt geblieben sind. Ich halte die Vermengung zwischen dem Islam als Religion und den orientalischen Philosophien für unglücklich, um nicht zu sagen, für vorsätzlich falsch. Dies lässt sich im Umkehrschluss gut nachvollziehen, wenn man auch vom Christentum als Religion und den „christlichen Philosophien“ spricht. Ein europäischer Kollege würde über eine solche Bezeichnung schmunzeln. Ich unterscheide zwischen Islam und orientalischen Kulturen bzw. Traditionen, genauso wie zwischen Christentum und europäisch-westlichen Kulturen bzw. Traditionen. Nehmen wir an einer Einführung in die orientalischen Philosophien teil, so wird offenbar, dass die großen Philosophen des Orients gestern und heute überwiegend Iraner waren und sind, die sich aber niemals als sunnitisch oder schiitisch gesehen haben. Auch die europäisch-westlichen Philosophen unterteilen sich nicht in katholisch und protestantisch.

Irananders: Wie nimmt die Fachwelt Ihre Aktivitäten zur Kenntnis?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Die interkulturelle Philosophie ist ein relativ junges Fach. Aktiv existiert sie seit etwa 20 Jahren, so konnte ich die gesamte Entwicklung dieser Richtung beobachten und später teilweise mitgestalten. Weil diese Form des Philosophierens nicht nur eine Denk-, sondern eine Lebensform darstellt, ist eine Kollision mit der traditionellen Philosophie unvermeidbar. Es werden viele Animositäten gegen mein Fach gehegt, weil dort das Ziel verfolgt wird, mit historischen Vorurteilen aufzuräumen. Offenbar haben manche Kollegen, wenn auch unausgesprochen, kein Interesse daran, ihr historisches Gehäuse zu Gunsten eines offenen Dialogs aufzugeben. Meine zwei empirischen Studien „Interkulturelles Denken oder Achse des Bösen. Das Islambild im christlichen Abendland“ und „Kultur des Krieges“ haben mir das Leben in den letzten sieben Jahren schwer gemacht. Meine akademische Laufbahn wurde mit Telefonaten im Lehrstuhl des Soziologen und Friedensforschers Bernd Hamm verzögert, unter dessen Leitung ich seinerzeit lehrte. Persönlich gingen bei mir darüber hinaus wegen „Kultur des Krieges“ ernst zu nehmende Drohungen ein.

Irananders: Sie genießen aber die erforderliche Freiheit für Ihre Lehre und Forschung.

Dr. Hamid Reza Yousefi: Das sagen Sie. Ich bin eine öffentliche Person, und mir wurde des Öfteren gesagt, meine Loyalität solle letzten Endes Europa gelten. Ich sehe aber Sinn und Funktion der Wissenschaft darin, Theorien und Praktiken im Vergleich und Verständnis der Kulturen und Traditionen zu untersuchen und stets bemüht zu sein, Vorurteile und Stereotype offenzulegen, um einen gangbaren Weg des Dialogs in Aussicht stellen zu können. Weil mir oft Steine in den Weg gelegt werden, frage ich mich in letzter Zeit zunehmend, ob es überhaupt gewünscht ist, so zu verfahren. Meine Arbeiten sind dem Frieden gewidmet, ohne die Wurzel der gegenwärtigen Probleme aus den Augen zu verlieren. In meinem Buch zum Islambild habe ich dargestellt, dass in europäisch-westlichen Hemisphären, spätestens seit der Übersetzung des Korans durch Petrus Venerabilis, eine systematische Dämonisierung des Islam auf der Ebene der Politik und der Medien geführt wird.

Irananders: Führt es dazu, dass durch die Dämonisierung des Islam auch die islamische Republik Iran in den westlichen Medien überwiegend negativ dargestellt wird?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich feststelle, dass der Iran in fast allen politischen Talkshows, Reportagen und Studien als primitiv, mysteriös, exotisch und unfähig, sich selbst zu regieren, dargestellt wird. Schauen Sie sich selbst die Beiträge aus der so genannten Qualitätspresse - wie „Die Zeit“ und „DER SPIEGEL“ - an, dann werden Sie leider auch nicht zu einem anderen Urteil kommen. In meinem Buch zum Islambild habe ich mehr als 300 Zeitungsartikel und Studien zum Thema Islam und Iran analysiert. Das Bild hat kaum positive Züge. In „Kultur des Krieges“ habe ich Amerikanismus, Zionismus und Islamismus als die größten Gefahren der Weltpolitik im 21. Jahrhundert diskutiert. Mein Ziel war, mit dieser Studie zwischen dem amerikanischen Volk und Amerikanismus, dem Judentum und Zionismus sowie dem Islam und Islamismus zu unterscheiden. Mir geht es letzten Endes darum, ein Verstehen-Wollen des Eigenen mit dem Verstanden-werden-wollen des Anderen in Beziehung zu setzen. Diese Differenzierung scheint einigen ein Dorn im Auge zu sein. Hier liegen sicher auch die Gründe, warum eine interkulturell ausgerichtete Philosophie keine finanziellen Förderungen erhält.

Irananders: Nun komme ich auf ein Thema zu sprechen, das mit Ihren Ausführungen eng verbunden ist. Sie wissen ja, dass in Teheran vor einigen Wochen ein mehrtägiger Kongress für Philosophie unter dem Titel „Theorie und Praxis“ zu Ende ging. Ursprünglich war ein UNESCO-Weltkongress geplant, den die UNESCO quasi in letzte Minute absagte. Kritiker - darunter Ihr deutscher Kollege Otfried Höffe, den Sie bereits eingangs erwähnt haben - bemängelten nämlich die Einflussnahme des iranischen Staates auf die Gestaltung des Kongresses. Welchen Unterschied gibt es hinsichtlich der Meinungs- und Forschungsfreiheit an iranischen Universitäten im Vergleich zu deutschen Universitäten und wie sieht die staatliche Einflussnahme aus?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Wie erwähnt, ist die Forschungsfreiheit an den deutschen Universitäten auch nur so lange gewährleistet, wie man sich eines Mainstream-Themas annimmt. Bei der Beschäftigung mit politisch brisanten Themen wird diese aber schnell eingeschränkt und Forschungsergebnisse als wilde Spekulationen zurückgewiesen. Ich kann und will nicht behaupten, dass im Iran absolute Forschungsfreiheit besteht, jedoch werden die iranischen Universitäten im Westen maßlos unterschätzt. Auch hier wurde ein Klischee entworfen, welches die Forschung als religiös verbrämt darstellt und das nicht weiter hinterfragt wird.

Irananders: Wie lässt sich dieses Desiderat, das Sie hier ansprechen, am Beispiel der deutschen Universitäten verdeutlichen?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Ich muss zunächst gestehen, dass ich sehr gerne in Deutschland bin, sehr gerne diese Sprache spreche und die deutschen Denktraditionen sehr schätze, muss aber erwähnen, dass diese historischen Vorurteile, über die ich mehrfach gesprochen habe - bezüglich der „Ali Baba-“ und „Fliegende-Teppich-Mentalität“ der Orientalen - nicht nur in der Belletristik, sondern auch in ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Studien ein nettes Zuhause gefunden haben. Wenn man nämlich deutsche Forscher über die islamische Philosophie befragt, so zeigt sich, dass viele von ihnen in der erwähnten historisch bedingten Eindimensionalität befangen sind und über die Vielfalt der Forschungszweige in diesem Kulturgebiet kaum Bescheid wissen.

Irananders: Können Sie das bitte genauer erklären?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Betrachten wir Einführungen in die Philosophie in europäisch-westlichen Hemisphären, so stellen wir fest, dass die iranisch-islamische Philosophie als ein Nachläufer des Platonismus und Aristotelismus stigmatisiert wird und als ‚Briefträger der griechischen Philosophie’ abgewertet erscheint. Es ist intellektuell schmerzhaft zu sehen, wie die Originalität der iranisch-islamischen Philosophie unter den Teppich gekehrt wird. So ignoriert man hier, dass Farabi ein Überwinder des Aristotelismus war. Diese unphilosophische Marotte entsteht durch das – menschlich nachvollziehbare – Unvermögen anzuerkennen, dass wir Jahrhunderte lang über die anderen aus machtpolitischen Erwägungen falsch geurteilt haben. Gibt es iranische Philosophen, die hier als Philosophen behandelt werden? Wenn auch Namen erwähnt sind, so werden diese, wie Brandt dies ungeniert praktiziert, als „Glaubensmänner“ stigmatisiert, weil er wie viele seiner Kollegen nicht bereit ist, die iranisch-islamische Philosophie anders als durch diese kulturchauvinistische Brille zu sehen. Dass er dabei aus den Vorträgen von mehr als tausend Referenten nur einen, auf seine eigene Weise verstandenen Aspekt herausgreift und sich über die gesamte iranisch-islamische Philosophie einen willkürlichen Reim macht, scheint ihm dabei nicht bewusst zu sein.

Irananders: Wo liegt, Ihrer Meinung nach, der essentielle Unterschied zwischen der iranisch-islamischen und der europäisch-westlichen Philosophie?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Ich möchte vorausschicken, dass ein Unterschied zwischen diesen Philosophien in der Betrachtung des Menschen besteht. Während sich in europäisch-westlichen Hemisphären die Meinung durchgesetzt hat, der Mensch stamme vom Affen ab und müsse deshalb kultiviert und zivilisiert, genauer gesagt, domestiziert werden, sind viele iranisch-islamische Philosophen der Meinung, der Mensch als die Krone der Schöpfung müsse ein anderes Antlitz haben. Aber dieses plakative anthropologische Vorverständnis variiert von Schule zu Schule und von Philosoph zu Philosoph. Betrachtet man die Auseinandersetzung zwischen den Rechts- und Linkshegelianern oder den Kantianern mit den Hegelianern, dann ist meine Frage: Wer hat recht? Auch in der philosophischen Anthropologie in Deutschland stellen wir fest, dass es zwischen Helmuth Plessner, Arnold Gehlen und Max Scheler Differenzen gibt, die wir nicht einfach gegenseitig aufeinander reduzieren können. Philosophie und philosophisches Denken speisen sich aus dieser Mannigfaltigkeit. Das Gleiche gilt auch für die philosophischen Schulen und Theorien im Iran.

Irananders: Also Sie plädieren für einen pluralen Begriff der Philosophie, der offen ist und keine klaren Grenzen hat?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Den ersten Teil Ihrer Frage beantworte ich mit einem eindeutigen „Ja“, den zweiten Teil mit einem ebenso eindeutigen „Nein“. Den Begriff der Philosophie sowohl in den iranisch-islamischen als auch in den europäisch-westlichen Traditionen sollten wir also im Plural gebrauchen. Dementsprechend gibt es im Iran, wie auch hier, Philosophien, die sich gegenseitig ergänzen, ausschließen, widerlegen oder bekämpfen. Wer seine Lesart verabsolutiert, tut der gesunden Vielfalt der Denkformen Gewalt an. Wir dürfen bei unseren Urteilen die Pluralität innerhalb der iranisch-islamischen Philosophien weder unterschätzen noch außer Acht lassen. Das Wissen vieler Philosophen im Westen ist bei Ghazali hängengeblieben. Wenn also Höffe, Brandt oder Habermas diese Pluralität ignorieren und alles auf eine starre Theokratie reduzieren, tun sie der Möglichkeit eines kommunikativen Dialogs in Theorie und Praxis Gewalt an, weil sie eine Ideologie mit einer anderen bekämpfen, der sie selbst angehören. Das Destruktive an solchen Haltungen ist, dass die eigene Haltung zur Sache als „demokratisch-humanistisch“ deklariert wird. Zum zweiten Teil möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass eine prinzipielle Offenheit dem Anderen gegenüber stets mit prinzipiellen Grenzen verbunden sein muss. Ansonsten öffnen wir dem Anarchismus Tür und Tor.

Irananders: Sie räumen als ein, dass es eine relativistische Haltung ist, wenn man alles als ebenbürtig und gleichberechtigt bezeichnet, und dadurch möglicherweise menschenverachtenden Weltanschauungen eine gewisse Legitimation und Hoffähigkeit verleiht?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Genau so sehe ich die Sache. Interkulturelle Philosophie will dazu beitragen, dass wir das „Anders-Verstehen“ der Anderen nicht mit deren „Falsch-Verstehen“ gleichsetzen, sondern es geht darum, sich konstruktiv mit Mannigfaltigkeiten auseinanderzusetzen und eine dialogische Verbindung zwischen Philosophie und Gesellschaft herzustellen. Interkulturelle Philosophie will also kein Alibi des Relativismus sein, sondern diesen gerade überwinden.

Irananders: Für uns im Westen gibt es keine höheren Werte als Demokratie und Menschenrechte. Ist die interkulturelle Philosophie nicht eine Absage an die Universalität dieser Anschauung?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Die interkulturelle Philosophie, die ich vertrete, ist gegen jede selbstverabsolutierte Sichtweise, die den Freiheitsspielraum des Anderen einschränkt. Hier müssen die Dialogpartner sich ihrer Grenzen bewusst sein und einen dialogischen Umgang mit ‚Freiheit zu’ und ‚Freiheit von’ pflegen. Als allgemeinverbindlich sehe ich in diesem Zusammenhang nur die Würde des Menschen, die stets in einem gemeinsamen Diskurs ausgehandelt werden muss. Ghazali hat in seiner Schrift „Das Elixier der Glückseligkeit“ Folgendes gesagt: „Der Mensch ist nicht zum Scherz und für nichts erschaffen, sondern hoch ist sein Wert und groß seine Würde.“ Wir können dieser Feststellung nach nicht von unterschiedlichen Menschenrechtsvariationen ausgehen, sondern wir müssen diese stets mit dem kulturell und religiös Andersdenkenden aushandeln. Dabei müssen wir uns immer dessen bewusst sein, dass Menschenrechte stets mit Menschenpflichten einhergehen, die nicht gegeneinander ausgespielt werden können. Was Demokratie anbelangt, will ich kritisch anmerken, dass sie nicht „die“ Staatsform, sondern eine Staatsform unter vielen ist. Damit ich nicht missverstanden werde: Wer im Namen des Paternalismus bereit ist, seine eigene Haltung anderen Staaten überzustülpen, verhält sich so missionarisch wie jede Diktatur.

Irananders: Die westliche Politik tut sich immer wieder schwer, wenn in islamischen Ländern traditionelle oder konservative Strömungen an die Macht kommen oder Wahlen gewinnen. Oft meint man, es wären keine rationalen Akteure, mit denen man in der Sprache der Diplomatie gemeinsame Ziele oder Interessen verfolgen könne. Das führt quasi dazu, dass man bei den Staaten, mit denen man Probleme hat, die Gesprächspartner zum Dialog selbst aussucht und andere zu isolieren versucht, anstatt die Staaten und die dortigen Gesellschaften als Ganzes zu nehmen. Wie sehen Sie diese Diskrepanz?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Die iranische Politik ist ein gutes Beispiel dafür, wie die USA, die Briten und die Franzosen den Iran in Reformer und Konservative unterteilen. Hier geht es um die Auswahl zweier falscher Begriffe, die stark dichotomisiert sind. Daher möchte ich diejenigen Begriffe verwenden, die in der iranischen Politik benützt werden. Eslahtalaban, die hier als Reformer bezeichnet werden, und Osulgarajan, die hier als Konservative bekannt sind. Gleichsam möchte ich insistieren, dass diese Begriffe weder Kugeln noch Kreise darstellen, sondern sehr mannigfaltig sind, wie die Parteien im Westen. Dennoch werden die Eslahtalaban im Westen favorisiert und die Osulgarajan dämonisiert. Ich bin der Meinung, dass wir uns diesem Vorurteil, genauer gesagt, diesem politisch Diktum, nicht anschließen müssen.

Irananders: Die Philosophie hat ja einen maßgeblichen Einfluss auf Gesellschaft und Politik. Jede Politik unterliegt einer bestimmten philosophischen Grundlage. Was ist der philosophische Unterschied zwischen den Eslahtalaban und Osulgarajan im Iran und welchen Stellenwert hat die Rationalität bei diesen zwei Strömungen?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Die politische Landschaft im Iran ist mannigfaltig wie in Deutschland. Es gibt Parteien, die unterschiedliche Ziele verfolgen, die sich widersprechen oder aber auch ergänzen, was im Westen grundsätzlich verschwiegen wird. Stellen Sie sich einmal vor, in Deutschland reduzieren wir die gesamte Parteienlandschaft auf die CDU als Konservative (Osulgarajan) und die SPD als eine Partei der Mitte. Deutsche Politiker würden eine solche Haltung mit Recht als einen Witz auffassen. Das Gleiche gilt auch, wenn wir die Parteien in Deutschland auf die NPD und die Piratenpartei reduzieren und alle anderen ausblenden würden. In diesem Zusammenhang ist auch die interne Eigendynamik der Parteien zu betrachten. Beispielsweise ist die Partei, der der iranische Präsident, Dr. Mahmoud Ahmadinejad, angehört, zwar Osulgara, aber dennoch gibt es intern unterschiedliche Meinungen, die bisweilen sehr kontradiktorisch sind. Betrachtet man beispielsweise die Haltung des einflussreichen Osulgara Ahmad Tavakoli zu Ahmadinejad. Es scheint sehr schwer zu sein, diese Tatsachen der europäisch-westlichen Öffentlichkeit nahezulegen.

Irananders: Ich komme auf die Rationalität zurück. Wie sehen Sie den Stellenwert der Rationalität im Hinblick auf die iranische Politik? Hat Rationalität bei der politischen Kultur der Eslahtalaban einen höheren Stellenwert als bei den Osulgarajan?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Im Westen herrscht, wie gesagt, ein duales Bild von Staaten, die der eigenen Politik skeptisch gegenüberstehen. Diejenigen Politiker werden für vernünftig und damit für rationale Akteure gehalten, die entweder einen Eurozentrismus pflegen oder eher dem Diktat des Westens folgen. Solche dagegen werden für unvernünftig, unberechenbar und damit irrationale Akteure gehalten, die die vertikale Politik des Westens nicht akzeptieren. Es ist nicht verwunderlich, dass solche Politiker im Westen dann in unterschiedliche konträre Schubladen einsortiert werden. In Bezug auf den Iran bezeichnen sie die Eslahtalaban als „Regimegegner“ und die Osulgarajan mit ihrem Präsidenten als Diktatoren, Tyrannen oder Despoten, die sich gegeneinander bekämpfen. Weil aber die Eslahtalaban angeblich rational sind und nach der Freiheit des Volkes streben, müssen sie unsere westlich-demokratische Unterstützung bekommen. Diese willkürlichen Belohnungen und Sanktionen, die in der Politik als ‚Zuckerbrot und Peitsche’ bekannt sind, beobachte ich seit 20 Jahren. Politiker dieses Zuschnitts suchen keine kommunikative Völkerverständigung, sondern es geht um Macht und Einfluss. Dabei spielen Menschenrechtsverletzungen keine Rolle. Auch Philosophen wie Habermas, Höffe oder Brandt, die mit der iranischen Politik scharf ins Gericht gehen, schweigen über völkerrechtswidrige Kriege der westlichen Allianz im Irak und in Afghanistan. Ich möchte noch anmerken, dass mehr als 95 Prozent der Eslahtalaban und des Volkes prinzipiell gegen die westliche Politik in Bezug auf den Iran sind, was man im Westen nicht wahrhaben möchte.

Prof. Dr. Reza Davari Ardakani ist zeitgenössischer Philosoph im Iran, und ist neben den in USA lebenden Prof. Dr. Seyed Hossein Nasr der Gegenpart zum Reformphilosophen Dr. Abdul Karim Soroush.

Irananders: Ich komme zum Thema Weltphilosophentag in Teheran zurück. Wie sehen Sie die Auswirkung der Absage der UNESCO auf den weltweiten Dialog?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Einerseits bin ich verwundert, dass eine solche Weltorganisation die von langer Hand geplante Tagung abrupt absagt, andererseits wundert es mich nicht, weil diese Organisation in der Regel den politischen Wünschen der europäisch-westlichen Großmächte unterliegt. Diese Organisation verfehlt ihr ursprüngliches Ziel, als ein Ort des Weltdialogs zu fungieren, wenn sie sich instrumentalisieren lässt. Insofern ist die Absage der UNESCO eine Absage an den Dialog der Kulturen, Philosophien und Weltanschauungen. Dies widerspricht sogar den eigenen Vorgaben der europäisch-westlichen Diplomaten, die stets von einer so genannten ‚Politik der ausgestreckten Hand’ reden. Diese Hand, das wissen wir aus Erfahrung, ist leider eine Hand, die alle Rahmenbedingungen des Dialogs selbst bestimmen will und nach der unbedingt gehandelt werden muss. Die gleiche paradoxe Haltung beobachten wir bei Institutionen wie Amnesty International oder anderen Menschenrechtsorganisationen im Westen, die bei Bedarf Resolutionen verabschieden.

Irananders: Sie wiesen bereits mehrmals auf Otfried Höffe und Reinhard Brandt hin. Was halten Sie von den Stellungnahmen der beiden in Bezug auf den Weltphilosophentag im Iran?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Wer sich mit Philosophie beschäftigt, weiß, dass Sokrates ein Märtyrer der Philosophie war, weil Philosophie für ihn eine existentielle Frage ist. Höffe und Brandt, die in meinen eigenen Sammelbänden zum Thema "Toleranz" veröffentlicht haben, handeln theoretisch und praktisch unphilosophisch. Das ist dem sprachlichen Duktus ihrer Statements zu entnehmen, in denen sie von einem „Mullahregime“ und „Diktatoren“ reden, die iranischen Geistlichen, wie erwähnt, als „Glaubensmänner“ und die Politiker als „Dementiermaschinen“ diskreditieren. Dies ist nicht die Sprache eines dialogsuchenden Philosophen, sondern eines Chefideologen. Es ist bezeichnend, wenn Brandt nach seiner Teilnahme an dieser Tagung folgendermaßen Rechenschaft ablegt: „Ich nehme an, dass ich mit meinem Besuch politisch korrekt gehandelt und das Regime der Mullahs nicht nachhaltig gestärkt habe.“ Was will Brandt dem Leser vermitteln? Mit wem spricht er hier? Ist er allein deswegen hingereist, um nach seiner Rückkehr eine solche Rechenschaft abzulegen? Höffe und Brandt scheinen mir in diesem Zusammenhang keine würdigen Vertreter der deutschen Philosophie zu sein.

Irananders: Ist es nicht gut und wichtig, führende deutsche Philosophen einzuladen?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Ja freilich. Dagegen ist nichts einzuwenden. In Deutschland gibt es eine Reihe wunderbarer Philosophen. Meine Kritik richtet sich in Richtung der iranischen Veranstalter, weil ihre Auswahl nicht sorgfältig überprüft worden ist. Diese haben mit Brandt und Höffe Denker einer alten eurozentrischen Tradition eingeladen. Es wäre sinnvoller, Nachwuchswissenschaftler anzusprechen, die bereit sind, durch die Überwindung der wissenschaftlichen Epidemie des Eurozentrismus und Zentrismus jeglicher Art neue kommunikative Wege zu beschreiten, um über Differenzen und Gemeinsamkeiten auf gleicher Augenhöhe offen zu debattieren.

Irananders: Was schlagen Sie als interkultureller Philosoph vor?

Dr. Hamid Reza Yousefi: Ich sehe Sinn und Funktion der interkulturellen Philosophie darin, historische Monologe in kritische Dialoge zu überführen. Das Oberlandesgericht der philosophisch-kritischen Vernunft will verstehen, nicht urteilen; es will Lösungsansätze erarbeiten, nicht Partei ergreifen und verurteilen. Eine erste Voraussetzung auf diesem Wege ist die grundlegende Bereitschaft, in Wissenschaft, Politik und in den Medien eine Stunde null im Denken, Reden und Handeln der europäisch-westlichen Hemisphären im Hinblick auf den Iran einzuläuten. Ein Verteufelungsdiskurs kann niemandem helfen.

Irananders: Herr Yousefi, vielen Dank für die Zeit, die Sie uns gewidmet haben.


Johannes Döhnhoff22-12-10

Danke an Herrn Yousefi für die kritische Analyse des status quo des interkulturellen Dialoges. Cum ira et studio, so muss Wissenschaft sein. Schön, dass er einen Finger auf die offenen Wunden legt, die uns täglich schmerzen.
Zur Hochschul- und Forschungslandschaft kann ich aus eigener Erfahrung nur sagen, dass von zentraler Stelle mit subtilen Mitteln eine erhebliche Steuerung stattfindet (Befristete Verträge; Karrierewege; Gutachten). Auch über die Besetzung von Lehrstühlen entscheidet niemand anderes als ein Mensch oder ein Gremium. Hier wird mit eigenen Protokollsätzen gearbeitet, die sich jeder Transparenz entziehen (Der Wissenschaftlich ist ja ganz "objektiv"). Hunderte Fälle könnte ich namentlich aufzählen, in denen unter Juristen, Ökonomen, Geisteswissenschaftler unzweifelhaft nach ihrer Staatsnähe, Dogmahörigkeit und Zeitgeistaffinität aussortiert wurde.
Von Philosophen wie Habermas bin ich im höchsten Maße enttäuscht, mit großer Wortgewalt stützt sein positivistisches Denken doch immer nur die Mächtigen. Allenfalls übervorsichtigste Kritik im Subtext (denn: "in den USA ist bald wieder ein wichtiger Kongress"), niemals ein Sich-Gehör-Verschaffen gegenüber zerstörerischen Gegenwarttrends. Nicht einmal in der verbeamteten Professorenschaft. Nichts davon - stattdessen auf die andere Seite des Globus zeigen und sich Promi- Aufrufen anschließen, die vom nächsten Fernsehauftrag abhängig sind....
Nachdem ich diesen Exponenten unseres Geistes viele Jahre in guten Glauben viel Vertrauen entgegenbrachte, ist dies das Ergebnis. Überhaupt bin ich vom ganzen Innenleben der Universitäten nur noch enttäuscht. Die Produkte der Vielschreiber sind oft nicht mehr als Selbstgespräche. Zum Thema der Orientalisten verschiedener Disziplinen: Kürzlich las ich wieder einen Text, in dem die in Fachkreisen hochangesehende Verfasserin völlig zusammenhangslos anfing die Steinigung von Ehebrecherinnen als Norm darzustellen, wobei sie selbständig Qur'an-Stellen auslegte. Wird sie den erstrebten Lehrstuhl doch noch erhalten - ein mangel an Fachkompetenz scheint dafür zu sprechen. Was ist das für eine Freiheit? Schlimm auch die Lehre: Für Studenten werden in allen Disziplinen ohne Ende Exempel zum Terrorismus ausgebreitet, ein Modethema, dass sich in den allgegenwärtigen "Kulturchauvinismus" ganz wunderbar einfügt. Ehrlich gesagt, es reicht mir!

"Wissenschaft denkt nicht" - in dieser großen Tradition wird man sich ja wohl noch äußern dürfen in unserem Land der Dichter und Denker?

Philosoph22-12-10

Die Voraussetzung der Philosophie ist das freie Denken, ergo ist Brandt aus meiner Sicht kein Philosoph, sondern wie Herr Yousefi es vortrefflich benennt: Ein Chefideologe!

SA22-12-10

Voraussetzung des Philosophierens sollte auch sein, dass man sich von seinen inneren unscheinbaren Egoismen befreit, um zu erkennen, dass das Selbst, und seine eigene Geschichte und Identität nicht Maßstab aller Dinge sein kann. Wie sonst ist es möglich einen "Glaubensmann" im Iran das Philosophieren abzusprechen?

Selbst Abdul Karim Soroush bescheinigt, dass der beste zeitgenössische Mulla Sadra Kenner ein Ayatollah namens Mesbah Yazdi ist.

Monika Deventer22-12-10

Ich bin mit der These von Dr. Yousefi einverstanden und denke, daß es an der Zeit ist, wie er sagt, von einer Belehrungskultur abzusehen und den Weg einer gemeinsamen Lernkultur einzuschlagen. Nur so kann von Völkerverständigung die Rede sein.

Steffen22-12-10

Andere Geschichte, andere Kultur anderes Rechtsverständnis. Sehr interessant:

http://www.tagesschau.de/ausland/iran1258.html

Überraschenderweise ausgewogen, wenn man bedenkt, dass man das Thema ganz anders aufziehen könnte.

iranopoly.wordpress.com22-12-10

ich habe brandts artikel in der faz gelesen und bin schockiert von der triefenden arroganz und schnöseligkeit die er gegenüber seinen iranischen gastgebern an den tag legt.

auch ich musste mir schon von gewachsenen lehrenden anhören, dass wahre philosophie nur weltlich sein könne und nicht von religiösen ausgeübt werden dürfe.

herrvorragendes interview. wer thematisiert heute schon noch eurozentrismus?

Hr22-12-10

Molla Sadra, über den SA spricht, brachte durch seine Ansichten von der Natur der Realität neue philosophische Erkenntnisse hervor und bewirkte dadurch einen Übergang vom Essentialismus zum Existentialismus, und dies einige Jahrhunderte, bevor dies in den europäisch-westlichen Philosophien Einzug hielt. Molla Sadras Philosophie und Ontologie ist für die iranisch-islamische Philosophie der Gegenwart genauso wichtig erachtet wie Heideggers und Jaspers’ Philosophien es später für die europäisch-westliche Philosophie des 20. Jahrhunderts wurden.

M. Roth25-12-10

Ich kenne Herrn Dr. Yousefi persönlich; er ist sehr geradlinig und konkret, wenn es um Frieden und Menschenrechte geht. Es ist sehr bedauerlich, daß er wegen seines interkulturellen Ansatzes in Trier keine Veranstaltungen abhalten darf.

H. G. Miller30-12-10

Endlich sagt jemand klar und deutlich, wie negaitv von Kant und Hegel über andere Kulturen gedacht wird. Im universitären Bereich werden solche Aussagen quasi zensiert. Alle aus dem Kontext der Geschichte zu betrachten, ist keine Entschuldigung. Als wenn es keine Denker. Philosophen und Wissenschaftler gegeben hätte wie Leibnitz, Goethe und die Gebrüder Humboldt.

U. Diehl08-01-11

Weil ich dieses Interview für wichtig halte, habe ich gerade auch Herrn Yousefi geschrieben, sein Interview in vielen Sprachen übersetzen zu lassen.

M. Mohebi16-01-11

Die Herren Brandt und Höffe sollten uns Bürger sagen, wie sie zu den Mordanschlägen auf zwei Physikprofessoren Massoud Ali Mohammadi und Madgid Schahrijari stehen: Verurteilen Sie sie oder halten sie sie auch für ‚Glaubensmänner’.

discipulus solis18-01-11

有朋自远方来,不亦乐乎?
Freunde zu haben, die von weit her kommen - ist das nicht auch eine Freude?
孔夫子Konfuzius

F. Grandauer18-01-11

ich will nur danke sagen. Yousefi ist sehr mutig; ihm wünsche ich alles Gute.

S. Smit20-01-11

Herr Mohebi hat Recht; warum äußern sich Brandt und Höffe nicht.

A. Bauer21-01-11

fundiertes Interview. Danke!

S. Misch25-01-11

unsere Politiker sind unehrlich!

Thomas Reinhold25-01-11

Diejenigen Wissenschaflter, die uns in unserem Lande den Spiegel vorhalten und uns gewissermaßen die Folgen unserer Selbstverherrlichung vor Augen führen, werden wie Yousefi behandelt. Erkundigen Sie sich, wie die Fachvertreter der Philosophie in Trier mit ihm umgehen. Wenn das Wissenschaft sein sollte, so würde ich auf mein Studium verzichten. Und wenn das Philosophie sein sollte, was dort betrieben wird, dann bewahre uns der liebe Gott.

Christoph Weber04-03-11

gerade habe ich eine einführung von herrn yousefi in die interkulturelle philosophie gelesen. seine ansichten sind sehr gut und für unsere zeit wichtig.

Markus Thul04-03-11

die Geschichte muß neu geschrieben werden.

Christoph Weber05-03-11

das denke ich auch

Markus Thul05-03-11

Die antiwestlichen Bewegungen bilden die neue Geschichtsschreibung.

Christoph Weber06-03-11

meinst du in Ägypten und ...? Ich denke auch. Unsere Politiker sind scheinheilllliiiigggg;ich hoffe, daß die Beziehungen Irans und Deutschland sich bessern werden ...

Markus Thul07-03-11

ich wollte nur gesagt haben, daß die antiwestlichen Bewegungen in Ägypten und ... eine wichtige Grundlage der neuen Geschichtsschreibung sein wird, von der yousefi spricht.

Susanne09-03-11

schauen sie sich die verlogenheit unserer regierung and. der verklärte barack obama setzt wieder militärtribunale in guantanamo ein. was sagen höffe und brandt dazu? Sie werden bestimmt als philosophen tugenhaft handeln und lieber schweigen.

Christoph Weber09-03-11

Unsere Geschichtsschreibung ist eine reduktive und damit einseitige Geschichtsschreibung.

Markus Thul09-03-11

Yousefi hat dies in seinem Buch „Kultur des Krieges“ das Verhalten von Obama vorausgesagt. Ich habe sein Buch gelesen.

Iris Müller04-04-11

Es ist traurig zuzusehen, dass die westlichen Politiker wie ein Obama wegen ihrer Kriegsführung Nobelpreise erhalten. Ihm gilt es diesen Preis abzuerkennen.

Wie gehen Brandt und Höffe mit diesem Phänomen als Kantianer um? Jemand der mit der Menschenrechtsverletzung im Iran hart ins Gericht geht, muss auch mit der völkerrechtswidrigen Kriegsführung der westlichen Allianz genauso hart ins Gericht gehen.

Brandt und Höffe wissen, wie sehr unsere Politiker die gestrigen Diktatoren im Nahen Osten hofiert haben, weil sie ihre Interessen in ihren Ländern gewahrt und ihr eigenes Volk dadurch verraten haben.

Herr Yousefi darf recht haben, wenn er deutlich ausspricht, dass Brandt und Höffe keine guten Vertreter der deutschen Philosophie seien.

sabzandish20-04-11

Ich bin auch derselben Meinung

Wolfgang20-07-11

Wo liegt der Unterschied zwischen Obama, Bush, BilLaden und Hitler?

Markus12-08-11

was meint herr höffe über die proteste in london?

Wolfgang13-08-11

klar, schweigen!

Wolfgang0222-08-11

Liebe Leser dieser Zeilen,

nun geht das Verbrechen der Nato in Lybien zu Ende. Dieses Land ist von den (Demokraten
und Hütern der Menschenrechte) in seinen Grundfesten zerstört. Das ohnehin wenig
erschlossene Land hat nun so gut wie keine Infrastruktur mehr, durch den Bürgerkrieg
wurde es auch auf anderen Gebieten um mindestens 100 Jahre zurückgeworfen.

Den ehemaligen Präsidenten Gadafi, der einst ein Freund der Allianz der Willigen, allen
voran Herrn Sarkozy, gewesen ist, wird vermutlich das gleiche Schicksal ereilen, das
Herrn Saddam Hussein wiederfahren ist.

Sicher wird das zerbombte Land von den Firmen der Allianz der Willigen wieder aufgebaut,
zusätzlich ein Dauerstützpunkt der USA und Frankreichs eingerichtet und die Ausbeutung
Lybiens einen systematischen Lauf nehmen.

Was sagt Herr Höffe dazu? Ist er mit diesem Vorhaben einverstanden? Darüber wird er
bestimmt schweigen.

PD Dr. Hamid Reza Yousefi26-08-11

Sehr geehrte Herren Brandt und Höffe!

gerade ereichte mich eine Reportage über die Vorbereitungen des Irakkriegs. Schauen Sie
sich die Videos an:

http://www.youtube.com/watch?v=GxuQjzYzlJg

http://www.youtube.com/watch?v=nAgAW670M4E

Es wäre gut, wenn Sie, als ein ausgewiesener Experte, mir erklären könnten, was
Staatsterrorismus bedeutet. Ich versichere Ihnen, Ihre Definition in meine Bücher
aufzunehmen und mich öffentlich bei Ihnen zu bedanken.

Sollten Sie schweigen, so wird Ihr Schweigen der Öffentlichkeit Bände bedeuten.

Mit besten Wünschen auf dem Wege der Reflexion zu diesem Thema.

a part of the big picture28-08-11

Wer das ganze Leben ein Brunnenfrosch bleibt, muss neben der Realität vorbeilaufen. Hier ein kleiner Teil dessen, was sich wirklich abspielt.
http://www.youtube.com/watch?v=36xAO9XjZ-8&feature=related
Sollen wir so enden? Soll die Menschheit in diesen Zustand eintreten? Kant hat in der Anthropologie einmal gesagt, es gäbe gegenüber möglichen außerirdischen Beobachtern "nicht viel zu prahlen" mit der Menschheit. Aber sollten wir uns nicht alle vor uns selbst schämen? Wo bleibt unsere Würde?

Wer den Mut hat, möge lernen, global zu denken und beziehe auch scheinbar Unzusammenhängendes in großes Bild ein. Jeder gewonnene Standpunkt ist immer zu erweitern und mit dem, was scheinbar entgegensteht zu erweitern. Das schmerzt, weil alte feste Weltsichten verabschiedet werden müssen, um sie erweitern zu können. Das Lernen ist eben in Wirklichkeit endlos und anfangslos, wie das Universum, dessen Anteil jeder individuelle und soziale menschliche Lernprozess ist. Darin seine Gewissheit finden, bedeutet wahren Frieden finden und zum wahren Frieden beizutragen. Das meiste Schlimme geschieht oder wird geschehen gelassen aus falschem Idealismus, verbunden mit einer Brunnenfroschperspektive. Alles, was sich mit dieser festgefahrenen Perspektive beißt, wird wiederum als böse bewertet und unterstützen aus einem irrlichternden, da beschränketen Idealismus und Gutheitsdenken, dem aus bloßen Meinungen zusammengebastelten Gefühl "Ich stehe auf der richtigen Seite!" gerade das, was andere an Leib und Leben als Tod und Verderben zu spüren bekommen. Es ist meistens ganz anders als man denkt! Philosophen sollen über allen Seiten zu reflektieren versuchen und konstruktiv für das Gleichgewicht aller Seiten denken. Nur der Dialog der Philosophien und differenten Standpunkte wird die heutige Menschheit retten. Ansonsten ist das Feld wahnsinnigen Demagogen überlassen.

Albert29-08-11

Es wäre nur billig und recht, all jene, die den Irak-Krieg inszeniert haben, vor das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu stellen.

Markus06-11-11

Schauen Sie sich die Bilder des US-amerinakischen Verrechens an:

http://www.farsnews.com/imgrep.php?nn=13900815000840

Albert22-11-11
Albert03-12-11

Liebe Leute!
Eine kleine Biographie des Terrorismus:

http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=CLMmwkl9EPk#

Albert08-12-11
Hartmuth28-12-11

ich kenne Höffe, den ich in Köln kennengelernt habe.

Yousefi zeigt, daß Höffe, ein kleiner Geist ist, der nur sich und seine Ideologie liebt.

Das westliche Terrorsystem kennt keine Menschenrechte, keine Gerechtigkeit und keine Würde.

Hartmuth28-12-11

noch etwas: Die Entstehung der USA ist zurückzuführen auf die systematische Ausrottung der Indiana. Die Entstehung des Israels ist ebenfalls zurückzuführen auf eine systematische Austreibung und Tötung. Wer Tatsachen verschweigt, ist unterstützt den Terrorismus. Dazu gehören viele Politiker unseres Landes.

Mensch07-08-12

... das Interview ist sehr schön und wie ich finde wichtig für den wahren Dialog...

DANKE!

Freiheit14-09-12

Mohammed als Terrorist darzustellen ist erlaubt: Meinungs- und Pressefreiheit.

Holocaust zu leugnen ist nicht erlaubt: Meinungs- und Pressefreiheit ...

Alireza14-09-12

Das schöne Deutschland ist Dieter der Zionisten ...Deutschland ist kein freies Land ...(

Mensch19-09-12

Ich sehe es genauso :-(

Martin12-04-13

danke für dieses gute Interview. ich hoffe, dass wir im westen den anderen iran kennenlernen werden ... meine freundin in iranerin und ich werde mit ihr im sommer in den iran fliegen ...

Mensch13-04-13

Das finde ich gut und richtig.

Jürgen23-01-15

wunderbarer Artikel. Danke. Wer ist aber Otfried Höffe? Ist er wichtig?

Lori23-03-15

Interview mit Shayan Arkian​: Warum der Westen die Islamische Republik Iran nicht versteht: http://www.promosaik.com/interview-von-promosaik-mit-shayan-arkian-warum-der-westen-die-islamische-republik-iran-nicht-versteht/




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