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12.11.2010 Shayan Arkian

Iranische und westliche Geisteswissenschaften


Iranische Universitätsabsolventinnen

Im Bild iranische Universitätsabsolventinnen. Nach der islamischen Revolution ist die Analphabetenrate rapide gesunken und prozentual gibt es mehr weibliche Universitätsdozentinnen als in Deutschland. (Photo: ISNA)

Vor drei Wochen gab das iranische Bildungsministerium bekannt, dass vorläufig keine weiteren Studiengänge im Bereich der Geisteswissenschaften eingerichtet werden dürfen. Hintergrund sind konzeptionelle Veränderungen am Lehrplan. Solange diese nicht vervollständigt sind, sind keine weiteren Institutsgründungen gestattet. Dagegen wird der Betrieb der bereits existierenden Fakultäten aufrechterhalten.

Die Debatte über eine konzeptionelle Reform der Lehrpläne für die Geisteswissenschaften ist ziemlich alt und geht bis in der Schah-Ära zurück. Die Reform zielt darauf ab, die geisteswissenschaftlichen Disziplinen nicht nach den im Westen herrschenden Auffassungen zu begründen. Dies ist ein Anliegen der Islamisten, das es schon vor der islamischen Revolution gab. Aber was bedeuten die angestrebten Reformen?

Aus islamistischer Sicht sind die Errungenschaften der westlichen Geisteswissenschaften aus der westlichen Historie und der dortigen Entwicklung entstanden. Das heißt, dass sie  nicht universell sein können und einfach auf andere Kulturen übertragen werden können, da sie von bestimmten Voraussetzungen und philosophischen Anthropologien ausgehen, die mit der eigenen Kultur nicht immer übereinstimmen müssen. Mit anderen Worten: Man ist bestrebt, die modernen Geisteswissenschaften neu zu erfinden. Wer nun meint, dass es sich hier um ein tendenziell freidenkerisches Projekt handelt, der muss nicht unbedingt falsch liegen.

Anders als die meisten anderen islamischen Schulen gehört die schiitische Denkschule zu den rationalistischen Denkschulen. Ein wesentlicher Grundsatz in der schiitischen Denkschule ist es, dass Religion und Vernunft sich nicht widersprechen können und dürfen. Daraus entsteht ein großer Spielraum für Qur’an-Exegesen und Interpretationen. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Iran schon zur Beginn des 20. Jahrhunderts als quasi einziges islamisches Land von unten heraus eine konstitutionell-parlamentarische Bewegung herausgebildet hatte, die von den Traditionalisten (heute „Islamisten“ genannt) überwiegend unterstützt und getragen wurde (s. „Konstitutionelle Revolution“). Auch heute ist der Reformdiskurs in der islamischen Theologie im Iran am fortschrittlichsten. Wenn der ägyptische Reformtheologe Nasr Hamid Abu Zayd kein Ägypter gewesen wäre und im Iran gelebt hätte, dann wäre er wohl kaum ins Exil verbannt und zwangsweise geschieden worden. Aus diesem Grund sind die Schriften des deutsch-ägyptischen Intellektuellen und Islam-Kritikers Hamed Abdel-Samad irreführend, wenn er stets von „der islamischen Welt“ spricht, aber in der Regel Beispiele aus dem stagnierenden Ägypten anführt.

Allerdings bedeutet das nicht, dass die Reformdebatten in der Islamischen Republik zu einer gänzlichen Assimilation an westliche Ideen und Anschauungen führen werden. Dafür sind die Restriktionen gegenüber einigen wenigen religiösen Reformintellektuellen, die quasi die göttliche Botschaft verleugnen, ein ausreichender Beleg (s. bespw. die neuen Ideen von Abdul Karim Soroush). Der gesellschaftliche Konsens über die Religion und über die Essenzen der Identität wird nicht angetastet werden können. Staatspolitisch bedeutet die Verteidigung dieser nicht nur den bloßen Schutz von ideellen Gütern, sondern dies ist ein Anliegen des nationalen Interesses (siehe u. a. schiitischer Halbmond in der Region und die Nutzung der persischen Kultur in Zentralasien). Deshalb ist die Erwartung, dass der Iran so wie der Westen werden wird, aus iranischer Sicht unbegründet und entspringt entweder der eigenen Arroganz oder dem typischen Wunschdenken über dieses geschichtsträchtige Land.

Der angestrebte Balanceakt der Flexibilisierung und Modernisierung der eigenen nationalen und religiösen Praktiken einerseits und der Bewahrung der Prinzipien und Werte anderseits, erfolgt wegen der parteipolitischen Auseinandersetzungen und Querelen - mitunter unterstützt und gefördert von ausländischen Interventionen - jedoch nicht immer ohne Spannung.

Wer vom Iran Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erwartet, ist gut beraten, den Iran und die Islamische Republik als Ganzes anzunehmen und sich von den festsitzenden und naiven Denk- und Bewertungsschablonen (Reformer = „die Guten“ und Konservative = „die Bösen“) zu lösen. Ein „Wandel durch Handel“ und der Dialog mit allen iranischen Gesprächspartnern wäre das geeignete Instrument. Die breite Zivilgesellschaft im modernen Persien wartet auf diese Signale, auch wenn sie nicht immer die von uns favorisierten Kandidaten wählen.


Homayoun H.12-11-10

Das ist ein interessanter Artikel Herr Arkian.

Meiner Meinung nach ist das Hauptproblem der Eurozentrismus der sich in fast allen Belangen niederschlägt und z.B. bei der Beurteilung Irans (aber auch auf andere Länder und Kulturen) vielfach unbewusst (weil im Westen als selbstverständlich verinnerlicht) als Maßstab genommen und angewandt wird.

Akademischer Imperialismus und der Orientalismus an sich (weil eurozentrisch) sind es, wogegen sich auch der Iran zunehmend wehren möchte und die sich vielleicht in solchen Entscheidungen niederschlagen und nicht so sehr die Angst vor "Allem was gegen Religion ist", wie uns Spiegel und Co. (aber auch Stimmen aus dem Iran, die anscheinend eine zu einfache Erklärung dafür geliefert haben) erzählen wollen.

Ich denke einfach man sucht im Iran längerfristig nach Alternativen um sich dieser beschränkten und "aufgezwungenen" Sicht (ihrer Selbst) zu befreien ??

SA14-11-10

@Homayoun H.

Kurz zur Sicherheitspolitik: Jede Herrschaft hat einen Selbsterhaltungstrieb. In Deutschland gibt es 17 legitime Inlandsgeheimdienste (Bundesverfassungsschutz), der keine andere Aufgabe hat als die aktuelle Herrschaft bzw. Verfassung zu schützen. Das was für uns in Deutschland als "islamistischer Gedankengut" gilt und somit zu bekämpfen ist, ist im Iran der "westliche Gedankengut". Wenn man in diesem Sinne die Phänomene Bi-perspektivisch betrachtet, erkennt man oft gleiche Handlungsmuster.

Kurz zu Geisteswissenschaften: Die islamische Republik ist nicht per se gegen alles was gegen Religion ist, sondern viel mehr herrscht dort die Überzeugung, dass man die Geschichte Europas nicht ohne Weiteres nachahmen kann und soll, sondern neue Wege zu beschreiten und zu entdecken sind. Eigentlich folgt der Iran damit in gewissermaßen die westliche Relativität und erteilt somit ironischerweise dem Absolutheitsanspruch des Westens eine Absage.
Es sind zwei Kulturen mit einem Missionierungsdrang und beide nutzen ihre Werte und Kultur politisch ein.

Le Mec14-11-10

Wow, so habe ich das noch nicht betrachtet. Manchmal ist es nicht so einfach aus seinem Eurozentrismus auszubrechen

Homayoun H.15-11-10

@LeMec:

Hierzu passend:

Es gab vor einigen Monaten in der Al-Zahra Frauenuniversität Tehran, eine interessante Internationale Konferenz über "akademischer Imperialismus" mit verschiedenen Gästen aus verschiedenen Ländern.

Hier sind ca. 3 Stunden Videomaterial dazu.

Teil 1: http://vimeo.com/14140115

Teil 2: http://vimeo.com/14262779

Wer keine Lust hat Alles anzuschauen, kann sich ja mal dieses 15 minütige Video mit Prof. Marandi anschauen.

http://www.youtube.com/watch?v=dMUF8leJ_mM

TE15-11-10

Vielen Dank Homayoun.

Bzgl. des letzten Abschnitts von Marandis Vortrag können Freund von mir inzwischen einen Lied davon singen.

Sie sind bemüht Wikipedia-Einträge über Iran zu ergänzen. Das heißt sie korrigieren nicht einmal die Fehlinformationen, sondern bieten alternative anders lautende Informationen – neben den bereits bestehenden - an. Sie werden alle uneingeschränkt zensiert, weil ihre Quellen keine westlichen Medien sind. Das zeigt wie mächtig Kultur ist, die sogar die Idee einer freien Enzyklopädie untergräbt.

Ich habe mir jedoch sagen lassen, dass es in englischen Wikipedia nicht so restriktiv ist. Das politische Klima in Deutschland ist im Vergleich zu den USA, was zumindest den Punkt Iran angeht, ziemlich geschlossen und anspruchslos.

Markus16-11-10

Die einen nennen es Reformen im Lehrplan, die anderen staatliche Umerziehung durch Indoktrinierung. Das zweite scheint meiner Meinung nach eher der Fall zu sein, denn es ist Teil von großangelegten Maßnahmen (z.B.: Basij werden in Schulen zu Überwachung stationiert, Bücher umgeschrieben, Professoren und Lehrer entlassen) die dazu dienen die Jugend des Landes im Schach zu halten. Doch statt auf sie einzuprügeln und durch Zensur zu versuchen, dass wissen einer Zivilisation in den Köpfen der Menschen auszuradieren, sollten Aufklärungsteams in den Schulen stationiert werden, die Fragen der Jugendlichen beantworten, aber auch nur auf freiwilliger Basis. Das sind jugendliche, verbieten sie Ihnen etwas, wird es für sie nur interessanter. Daher ist die Idee zum Scheitern verurteilt. Das würde vielleicht vor 100 Jahren ohne große Probleme funktionieren, aber nicht im Zeitalter der Kommunikation. Es wäre besser für die islamische Republik, ihrer Bevölkerung mehr zu zutrauen. Die Menschen brauchen nicht weniger Information, sondern mehr. Zum Beispiel könnten die Regierung sie darüber aufklären, dass die westliche Staatengemeinschaft nicht hinnehmbare Forderung an den Iran stellt, die eine Beschneidung seiner Souveränität bedeuten. Dass die Sanktionen die Wirtschaft des Landes ausbluten lassen sollen, um einen Krieg zu erleichtern. Das es schlimme Menschenrechtsverletzungen gibt im Iran und diese bekämpft werden müssen, aber das die USA sicher kein Beschützer der Armen und Schwachen ist. Der Staat darf seine Souveränität nicht verlieren, aber die Bevölkerung darf auch nicht ihre Rechte verlieren nur um des Systems willens. Ich denke, noch kann die Regierung handeln und ihre Fehler korrigieren. Nach außen Stärke zeigen und nach innen Bereitschaft zu Reformen. Das zeichnet einen fürsorglichen Staat aus. Wenn sie diesen Weg der Zensur und Gewaltindoktrinierung aber weiter geht, werden die Menschen wieder bei der kleinsten Gelegenheit versuchen aus diesem System auszubrechen.Denn nur eine Reformbereite Regierung kann auch der jungen iranischen Gesellschaft gerecht werden.

Abdul16-11-10

@Markus

Sie schreiben an dem Inhalt des Beitrages vorbei und stellen einige Behauptungen auf, die nicht stimmen. Der Iran hat das Recht, sein Lehrplan selbst zu gestalten, und Lehrer zu suspendieren. Will man nun auch diesem Recht ihm weg nehmen und es unter UNO Aufsicht stellen? Nur weiter so.

Le Mec @Markus@Abdul16-11-10

Im Prinzip haben beide Recht. Wenn die Änderung eines Lehrplans mit Indoktrinierung gleichgesetzt wird, dann führt das Kultusministerium eines jeden Bundeslandes in Deutschlands, das für die Inhalte von Lehrbüchern verantwortlich ist, nichts anderes durch. Ich erinnere mich noch gut an das Kommunisten-Bashing in unseren Politikbüchern, an die Darstellung der USA als Heils-Land in unseren English-Büchern usw. Es ist nunmal üblich, dass der Lehrplan von der Regierung mitgestaltet wird, die das Land regiert und die vom Volk gewählt wurde, ob im Iran oder in Deutschland. Das Problem, weshalb man bei Iran einen Dorn im Auge zu erkennen vermag, der (wenn es ihn dort denn gibt, dann) auch bei uns drin steckt, bei uns aber nicht, ist widerrum, dass wir dreisterweise im Westen davon ausgehen, dass die Regierung in Iran nicht legitimiert ist. Auf gutdeutsch: Wir legitimieren, wen die Iraner wollen und auch, was die zu lernen haben. Das meinte ich mit dem krassen Euro-Zentrismus

Anonymous20-11-10

Auch guter Vortrag:

http://www.youtube.com/watch?v=OaUatXESYnw

Dumm nur, dass man solche Themen nicht wie angekündigt im Rahmen des UNESCO Philosophentages im Iran besprechen konnte!

http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article11014768/Ein-Verrat-am-Denken.html

Lori23-03-15

Interview mit Shayan Arkian​: Warum der Westen die Islamische Republik Iran nicht versteht: http://www.promosaik.com/interview-von-promosaik-mit-shayan-arkian-warum-der-westen-die-islamische-republik-iran-nicht-versteht/




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