31.10.2014 Seyed Hossein Mousavian

Die Urgründe für den IS-Terror und wie er politisch zu bekämpfen ist


Demonstration Salafisten Kairo Ägypten Protest Salafismus Wahhabismus

Demonstration von Salafisten im ägyptischen Kairo.

Im Folgenden geben wir die Ausführungen des ehemaligen iranischen Spitzendiplomaten Seyed Hossein Mousavian wieder, die er in der Debatte bei der BBC mit dem Terrorismusexperten Charles Lister vom „Brookings Doha Centre“ führte.

Der US-geführte „Krieg gegen den Terror“ seit dem 11. September hat die strategische Position Amerikas geschwächt, Billionen von Dollars verschwendet, Zehntausenden Menschen das Leben gekostet und die Präsenz Amerikas im Nahen Osten delegitimiert. 

Die Invasion durch die USA und ihrer Verbündeter in Afghanistan im Jahre 2001 und im Irak im Jahre 2003, zusätzlich zu ihrer Politik der Unterstützung für die syrische Opposition seit 2011, haben schlicht nicht zur Beseitigung von Terrorgruppen geführt. Stattdessen haben diese Aktionen diese Teile der Welt in einen sicheren Zufluchtsort für Terroristen und Extremisten gemacht.

Die aktuelle US-Strategie leugnet die kulturellen und sozialen Ursachen, die dem Aufstieg des Terrorismus im Nahen Osten zugrunde liegen. Die US-Entscheidungsträger sollten realisieren, dass die Al-Qaida, die Al-Nusra-Front und ähnliche Gruppen nicht nur Terrororganisationen sind, sondern vielmehr eine Ideologie vertreten, die aus dem Herzen der Wahhabi-Salafi-Hanbali-Doktrin kommen.

Diese Denkschule genießt eine Menge Unterstützung in den sunnitisch-arabischen Ländern. Aus ihrer Sicht sind die USA praktisch dabei, den „Krieg gegen den Islam“ nach dem 11. September erneut zu führen. Es ist nun einmal eine Tatsache, dass die USA eine Ideologie durch Luftangriffe alleine nicht bekämpfen können.

Ironischerweise haben die arabischen Verbündeten der USA, die derzeit in der Koalition gegen den IS beteiligt sind, seit Jahrzehnten zig Milliarden von Dollar für die Verbreitung dieser extremen Ideologie in der gesamten muslimischen Welt ausgegeben, und bedauerlicherweise setzt sich diese Politik bis zum heutigen Tag fort. Solange eine solch eng gefasste und intolerante Auslegung des Islams weiterhin gepredigt wird, wird es die Bedrohung durch den Extremismus weiterhin geben.

Darüber hinaus gibt es auch andere wichtige Ursachen für den Terrorismus und Extremismus, darunter fällt die ausländische Einmischung, Armut, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, Demütigung und Ungerechtigkeit – keines von diesen Faktoren wird in der US-Strategie thematisiert.

Die US-geführte Koalition gegen den IS ist weder international noch regional einbeziehend. In der Liste der Länder fehlt die Mehrheit der westlichen Verbündeten Washingtons, einschließlich des einzigen NATO-Partners in der Region, der Türkei.

Die derzeitige US-Strategie zur Bekämpfung des IS durch Luftschläge dürfte einige kurzfristige Erfolge verbuchen, dennoch wären, wie in Afghanistan, im Irak und in Libyen, Bodentruppen im Kampf gegen Guerilla- und irreguläre Kampfeinheiten auch im Irak und in Syrien unabdingbar.

Die USA und ihre arabischen Verbündeten haben weder die Bodentruppen noch zuverlässige lokale Verbündeten, um eine Bodenoffensive zu starten. Mit der gegenwärtigen US-Luftangriffsstrategie wäre die bedrängte syrische Opposition nicht in der Lage, es mit dem IS, der Al-Nusra und der Khorasan-Gruppe aufzunehmen. Im Irak würde die Mehrheit - also die schiitische Bevölkerung - davon Abstand halten, sich den USA beim Kampf gegen den IS anzuschließen.

Allerdings kann die schiitische Welt - als die einzig organisierte, einheitliche und hoch motivierte Macht - als wichtiger Akteur im Kampf gegen den IS dienen. In der Realität sind sie die stärksten natürlichen Verbündeten gegen die Terroristen. Fakt ist, dass Iran, die syrische Regierung, Hisbollah und die Kurden (innerhalb Kurdistans) die natürlichen Verbündeten in diesem Kampf sind.

Letztendlich, wenn die USA ernsthaften den IS beseitigen will, muss sie mit Iran zusammenarbeiten - ein weiterer Grund, warum ein US-Iran-Engagement eine große Wende wäre.

Um den IS und ähnliche terroristische Takfiri-Gruppen und deren unerträgliche Ideologie zu entwurzeln, brauchen wir umfassend und realistisch ausgelegte kurz-, mittel- und langfristige Strategien. Alle wichtigen regionalen und internationalen Akteure sollen sich beteiligen und kooperieren.

Die Entstehung und der Aufstieg vom IS wurden vor allem durch die Verbreitung der Ideologie ermöglicht, die jahrzehntelang finanziell unterstützt wurde und zuletzt durch direkte finanzielle und militärische Hilfen von sunnitischen Ländern und westlichen Verbündeten, die Mitglied in der derzeitigen Koalition sind, um die Schiiten und Iran einzudämmen. Nun hat die Koalition realisiert, dass der IS genau diese sunnitischen Staaten heimsuchen will und eine große Bedrohung für die Sicherheit im Westen darstellen wird.

Nichtsdestotrotz hat sich nun auch eine Chance für die Schiiten und Sunniten ergeben, die Ressourcen, Fähigkeiten und Anstrengungen zu vereinigen, um zusammen mit der Unterstützung der internationalen Gemeinschaft, den IS und andere terroristische Takfiri-Gruppen zu bekämpfen.

Die friedliche Lösung des Atomstreits könnte die Tür für einen thematisch breit ausgelegten Dialog und ein Engagement zwischen Iran und den USA eröffnen. Allerdings wird die US-Politik, die allein auf die Nuklearfrage fokussiert ist, ein großer strategischer Fehler bleiben.

Iran war bereit, an den 2013 in Genf gehaltenen Genf-II-Gesprächen über Syrien teilzunehmen, aber die USA und ihre regionalen Verbündeten verweigerten Iran die Teilnahme.

Selbst der damalige Präsident Mahmud Ahmadinedschad wollte Gespräche mit den USA über eine Vielzahl von Themen führen. So lud er im Februar 2011 Marc Grossman, den damaligen US-Sonderbeauftragten für Afghanistan und Pakistan, zu Gesprächen über Afghanistan zu einem offiziellen Besuch in Iran ein, doch erneut lehnte Washington ab.

Es ist eine Tatsache, dass ohne eine aktive Beteiligung und Zusammenarbeit mit Iran,  Washingtons internationale Koalition gegen den IS aus den gleichen Gründen zum Scheitern verurteilt ist, aus denen sie nach dem „Krieg gegen den Terror" 2001 gegen Al-Qaida und nach 2011 in Syrien gescheitert ist.

Die Realitäten in der Region haben die Notwendigkeit eines dringenden Paradigmenwechsels im Hinblick auf den Kampf gegen den Extremismus und Terrorismus erreicht. Die Politik der USA und ihrer arabischen Verbündeten, Iran zu isolieren, kann nicht mehr länger aufrechterhalten werden.

Ironischerweise ist heute der stabilste und sicherste Staat in der Region Iran, mit der Weitsicht und der Fähigkeit, proaktiv zur Lösung regionaler Krisen beizutragen. Es besteht nicht die Notwendigkeit anzunehmen, dass nur in einer idealen Welt Iran eine wertvolle Rolle spielen könnte - er ist dies bereits jetzt und Teherans zeitnahe Unterstützung für die Regierung in Bagdad war der entscheidende Faktor, um das weitere Vorrücken des IS zu stoppen.

Der jüngste Ausschluss Irans von der Pariser-Konferenz mit dem Ziel einer Koalitionsbildung gegen den IS war ein großer Patzer. Anstatt dessen sind genau jene Länder Teilnehmer der Konferenz – nämlich die USA und ihre arabischen Verbündeten - die dem „Islamischen Staat“ die finanzielle, logistische und militärische Unterstützung  zur Verfügung gestellt haben und die es ihm dadurch erst ermöglichten, das Monster zu werden, das er heute ist.

Wie es der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif ausdrückte, war die Konferenz eine Versammlung einer "Koalition der Bereuenden", die etwas zu zügeln versucht: „Frankenstein, der gekommen ist, um seinen eigenen Schöpfer heimzusuchen.“

Um es kurz zu machen: Der Kampf gegen den IS lässt für die Amerikaner und ihre Verbündeten keine Alternative zu, außer der Möglichkeit, mit Teheran zu interagieren, mitzuwirken und zusammenzuarbeiten.

Diese Koalition, wenn sie einst realisiert ist, könnte die Tür für den Aufbau einer regionalen Sicherheitsordnung, die die grundlegenden Ursachen dieses Phänomens behandeln wird, öffnen.


Erstmals veröffentlicht am 29. September 2014 bei BBC. Übersetzt von Pourya Nabipour.


schallundrauch31-10-14

WER soll sich den GAAAAANZEN Text denn durchlesen, lest mal lieber die Killersuren im Koran, DANN findet mal heraus WAS die NewWorldOrder der Bilderberger BEINHALTET. ...zum Beispiel: WeltbevölkerungsREDUKTION.....es herrscht ein WELTWEITER FINANZFEUDALISMUS, der nichts anderes bedeutet als der alte FEUDALISMUS !Die amerikanische und weltweit propagierte und höchstangebetete Demokratie ist so hohl wie die "Statue of Liberty" in N Y !

Orientalist31-10-14

Der Text ist nicht lang. Wer Bildzeitungslänge und Blogverschwörungstheorien lesen möchte, kann sich dort bei entsprechenden Medien bedienen.

Wer Text und Qualität lesen will, ist bei IranAnders gut bedient.

Andreas31-10-14

Wer meint, die Welt mit nur drei Zeilen erklären zu können, ist bei der Bildzeitung besser aufgehoben.

Babs01-11-14

Ich bin schon lange der Überzeugung, dass die mörderischen US-Kriege gegen arabische/moslimische Länder (Afghanistan, Irak, Lybien... + die noch jahrzehnte andauernden schrecklichen Folgen!) erst zu dieser Radikalisierung vieler Moslime geführt haben. "Der Geist ist nun aus der Flasche" - und die "Weltmacht" kann ihn nicht mehr einfangen.
Die Saudis kann man auch mit ISIS gleichsetzen. Aber sie haben Öl - und dafür verbündet sich die "Weltmacht" auch mit dem Teufel, zumal wenn er ihnen schmeichelt.

Marie-Luise08-11-14

Sehr vernünftige Gedanken von S.H. Mousauin! Aber es gibt keine Vernunft bei den Rechten Republikanern in den USA. Das Pentagon sieht sich nur dem Militär verpflichtet. [...]* Es geht um die Geostrategie der US. Nachzulesen auf www.anderweltonline.com oder wsws.org . Das neue Dokument wurde Mitte Oktober auf der Konferenz der Association of the US-Army (AUSA) offiziell vorgestellt.- Es ist erschütternd, das zu lesen! Was bisher von dieser Militär-Doktrin im Mittleren Osten angerichtet wurde, spielt bei den Strategen keine Rolle, kein Umdenken ist erkennbar! Jetzt ist Russland u. die EU in der Zange dieser verachtenswürdigen Strategen. - Dank an Iran, dass es bei seiner vernünftigen Haltung bleibt.!


*MODERATION: Bitte bleiben Sie beim Thema des Artikels und schweifen Sie nicht aus. Vielen Dank.




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