23.09.2014

Interview: Irans „strategische Tiefe“ und ihr Schrecken als taktisches Mittel


Hossein Sheikholeslam außenpolitischer Berater Irans Parlamentssprecher Ali Larijani

Hossein Sheikholeslam

Anfang September hat das religiös-politische Staatsoberhaupt Irans, Ayatollah Ali Khamenei, Gruppierungen wie die Hamas als „strategische Tiefe“ der Islamischen Republik Iran bezeichnet. Zwei Wochen später sprach der Mitgründer und ranghohe Führer der Hamas, Mahmoud al-Zahar, Teheran eine Teilhabe beim jüngsten „Sieg“ gegen Israel zu. Im Folgenden geben wir daher ein Interview von IRDiplomacy mit dem außenpolitischen Berater des iranischen Parlamentssprechers, Hossein Sheikholeslam, wieder, in dem er die Sicht der Islamischen Republik gut darlegt, warum diese Entitäten wie die Hamas in militärischen Konflikten mit Israel auf der Siegerstraße sieht.

IRDiplomacy: Bevor es den Waffenstillstand akzeptierte, hatte Israel keine Bedingungen des Widerstands [Hamas, Islamischer Jihad und weitere palästinensische Widerstandsgruppen, Anm. d. Red.] akzeptiert und hatte angegeben, seine Angriffe bis zur vollständigen Entwaffnung weiterzuführen. Aber plötzlich akzeptierte Israel die vom Widerstand vorgegebenen Bedingungen. Warum akzeptierte Israel diese Bedingungen?

Hossein Sheikholeslam: Israel besitzt nicht die Fähigkeit, einen Krieg über längere Zeit zu führen. Auf Grund seiner Strategie der geringen Tiefe ist sein Militär strukturell so beschaffen, dass Kriege sehr schnell, effizient und früh enden müssen. Israels Militärtheorie basiert auf drei Säulen:

  1. Das Militär soll stark, repressiv und gewissermaßen präventiv wirken.
  2. Das Militär soll eine intelligente Armee darstellen, die in allen Situationen Informationen sammeln und dem Gegner überlegen bleiben kann.
  3. Das Militär soll fähig sein, einen Konflikt schnell und auf entscheidende Weise zu beenden.

Keine dieser Säulen kam bei den Geschehnissen in Gaza erfolgreich zum Tragen. In der Tat besaß die israelische Armee nicht die notwendige präventive Fähigkeit und Intelligenz und war nicht in der Lage, den Krieg schnell zu beenden. Währenddessen nutzte der Widerstand in diesem Krieg neue Aktionen, die wichtigste davon war das „Thema Tunnel“. Die Tunnel bedrohten die Sicherheit der Zionisten. Das zionistische Regime hatte Bunker für alle Israelis gebaut, aber unter diesen Bunkern und auch unterhalb der Siedlungen wurden Tunnel gebaut, durch die Menschen als Geiseln genommen werden konnten. Israel konnte dies nicht tolerieren, folglich konnte es den Krieg nicht fortführen. Dieser Krieg war der längste Krieg, in den Israel involviert war und der, der Israel die meisten Schäden zugefügt hat.

IRDiplomacy: Welche Sichtweisen bestehen innerhalb der verschiedenen Bewegungen in Israel in Bezug auf Netanyahus Handeln, und welche Folgen wird es für die Region haben?

Hossein Sheikholeslam: In der Vergangenheit griff Israel gewöhnlich die Palästinenser an, vertrieb sie und zwang sie, umzusiedeln. Diesmal aber griff Israel an, Palästina reagierte und die Zionisten migrierten. In den vorherigen Kriegen verbreitete Israel Angst, aber diesmal waren es die Palästinenser, die Angst verbreiteten. In dieser Hinsicht war Israel nicht erfolgreich und konnte seine Ziele nicht verwirklichen.

Der Widerstand bestand bis zur letzten Minute und oktroyierte seine eigenen Forderungen. Das Ziel der Zionisten war es, den Widerstand und die Tunnel zu zerstören sowie die Raketenabschüsse zu stoppen. Aber keines diese Ziele wurde erreicht. Sie werteten die geheimdienstlichen Informationen falsch aus. Sie nahmen an, dass sie ihre Ziele durch Luftangriffe erreichen könnten, aber diese waren vergebens. Obwohl sie wussten, dass ein Bodenkrieg für sie einen hohen Preis haben würde, begannen sie mit der Bodenoffensive und wurden gestoppt.

Nun sehen wir Enthusiasmus für den Wiederaufbau auf der palästinensischen Seite, während die israelische Seite sich sehr enttäuscht zeigt und versucht, die Gründe für die Niederlage zu finden. Mittlerweile wurde der Befehlshaber der Luftwaffe abgesetzt. Es gibt nun Forderungen nach einem Rücktritt Netanyahus, so dass ein neues Kabinett formiert werden könnte. Während des 33-Tage-Kriegs existierte ein Gleichgewicht der Angst. Das heißt, dass falls Israel angreift, die Libanesen zurückschlagen werden. Ein Gleichgewicht der Angst existiert nun auch im Süden Palästinas - das heißt, falls Israel angreift, werden auch die Palästinenser kraftvoll reagieren.

IRDiplomacy: Was werden die Auswirkungen dieser Ereignisse auf regionale Themen sein?

Hossein Sheikholeslam: Israels Grandeur in der Region ist gebrochen. Israel hatte erklärt, dass es nicht unter Feuer verhandeln würde; aber diesmal musste es verhandeln. Israel, die USA, Frankreich und Großbritannien hatten gesagt, dass ein Waffenstillstand nicht ohne die Entwaffnung Gazas möglich wäre. Das ist aber nicht passiert. Der Widerstand strich das Thema der Entwaffnung von der Verhandlungsagenda, weil das seine rote Linie ist.

Gaza hat nun neue Standards bei der Standhaftigkeit gesetzt und vollbrachte beim humanitären Widerstand gegen die Eindringlinge neue Rekorde. Israel war mit militärischen Engpässen konfrontiert, aber der Widerstand besitzt immer noch Waffen. Die Israelis baten sogar die USA um Waffen aus ihren Waffenlagern im besetzten Palästina, die sich vorsorglich dort befinden.

Der wichtige Punkt ist aber, dass die Zeit für Verhandlungen und Politik gekommen war. Der Widerstand glänzte auch auf diesem Gebiet. Natürlich wird der Verhandlungstisch vom Grad des Widerstands der Unterhändler beeinflusst. Alle palästinensischen Parteien, sogar solche, die zu einem Kompromiss bereit sind, waren bei diesen Verhandlungen dabei. Obwohl sich die generelle Strategie der Kompromissbereiten von der des Widerstands unterscheidet, verhandelten sie in einem vereinten Team. Auf der anderen Seite sind just ernsthafte Differenzen zwischen den Israelis entstanden.

IRDiplomacy: Welche Auswirkungen würden diese Ereignisse auf den Friedensprozess zwischen Israel und Palästina haben?

Hossein Sheikholeslam: Ich glaube, dass durch den Fehler Israels die Friedensverträge von Oslo unter den Ruinen des Krieges begraben werden. Heute sind die Friedensverträge von Oslo tot. Es wurde über mehr als 30 Jahre hinweg verhandelt, aber erreicht wurde nichts. Aber jetzt ist es der Widerstand, der Forderungen aufstellt. Die Israelis unterliegen nur dem Zwang. Das Ergebnis von 30 Jahren Verhandlungen war Schande und das Ergebnis von zehn Jahren Widerstand war Würde.

Jetzt ist der Widerstand im Westjordanland das wichtige Thema. Die rechtlichen, geographischen und strategischen Voraussetzungen im Westjordanland unterscheiden sich von denen in Gaza. Die Israelis und Besatzungstruppen sind im Westjordanland präsent. Im Westjordanland gibt es auch Siedler, während in Gaza keine Siedler leben. Die Entfernung zwischen dem Westjordanland und Jerusalem oder Tel Aviv ist gering. In dem jüngsten Krieg betrat erstmals der Widerstand im Westjordanland die Szene. 20 Menschen wurden dabei zu Märtyrern. Jetzt ist es nötig, dass das Westjordanland jegliche Maßnahme ergreift, um sein eigenes Schicksal zu bestimmen und sich vom Joch der Besatzer zu befreien. Auch andere Länder müssen versuchen, ihm dabei zu helfen.


Erstmals veröffentlicht am 30. August 2014 bei IRDiplomacy. Übersetzt von Lena Späth.


siglinde24-09-14

Man kann sich solch schreckliche Dinge, wie die verherrend große Opferzahl Schönreden.
Für mich um so bitterer, da ich davon überzeugt bin, dass es auch einen anderen und besseren Weg gibt, auch wenn er im Moment etwas langfristiger angesetzt ist und erst zu einem Paradigmenwechsel führen muss.

rehenbürge24-09-14

ich habe nur tote, verstümmelte kinder, mütter und väter gesehen !! hamas ist der ausdrück der politischen unfähigkeit ..
herr Sheikholeslam fantasiert...

@rehenbürge25-09-14

Sogar israelische Experten sagen, dass die Hamas strategisch gewonnen hat: http://irananders.de/nachricht/detail/763.html

Babs25-09-14

Es hat wegen des israelischen menschenverachtenden Bombardements leider wieder viel zu viele palästinensische Opfer gegeben. - Die plästinensischen selbstgebastelten "Bomben" haben keinen großen Schaden anrichtet.- Aber auch Israel musste mehr Verluste als sonst erleiden.

Chris27-09-14

Auch ich kann hier nur schwer von einem "Sieg" sprechen, wenn es so viele Menschenleben gekostet hat. Sicherlich ist es so, dass Israel seine Ziele nicht erreicht hat, und in der Politik wird der Sieg nach dem Erreichen solcher Ziele von einer Partei bemessen. Ich kann die Wertung als strategischen Sieg andererseits insofern nachvollziehen, als dass Israel nicht gewonnen hat. Und manche meinen, dass solange Israel nicht gewinnt, das bereits ein Sieg Palästinas darstellt, das mit wenigen Ressourcen und Mitteln einem Goliath gegenübersteht.

Tim27-09-14

Mag sein, dass ein israelischer Experte gesagt hat, dass die Hamas strategisch gewonnen hat. Es gibt doch aber genau so iranische "Experten", die Iran total falsch und übertrieben darstellen. Gegner der eigenen Regierung findet man doch in jedem Land, und da ist Israel keine Ausnahme

Kurze Kriege27-09-14

Zu Punkt 3 in der Auflistung am Anfang:

Ist es denn nicht für alle Parteien besser, wenn ein Krieg möglichst kurz gehalten wird? Es ist doch besser, als wenn ein Krieg jahrelang andauert wie zwischen Iran und Irak.

Machiavelli27-09-14

@Kurze Kriege

Zunächst sollte man nicht vergessen, dass ausgerechnet Israel und die USA jeweils Iran und Irak finanziert und unterstützt haben, um sich zu bekriegen.

In diesem Fall geht es um die Effizienz, die Israel in einem Krieg anstrebt, und dieses Mal hat es mit der Effizienz nicht so geklappt. Die israelische Regierung hat auch ihre Ziele nicht erreicht.

Wenn man glaubt, dass das Ziel Israels war, viele Menschen umzubringen, dann könnte man von einem Sieg sprechen. Andernfalls kann man nur schwer von einem Sieg sprechen, wobei ich auch nur schweren Herzens annehmen kann, dass Palästina, oder präziser formuliert, die Palästinenser hier strategisch gewonnen haben, denn diese Strategie hat zwar Israel daran gehindert, seine politischen Ziele zu erreichen, aber diese Strategie hat tausende Menschen nicht schützen können.






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