28.08.2014 Ali Özkök

Die iranische Sicherheitsdoktrin - Wie Khamenei einen Krieg in Afghanistan verhinderte


Ayatollah Ali Khamenei Befehlshaber Kommandeure Iran Revolutionsgarde Sepah-e Pasdaran IRGC

Ayatollah Ali Khamenei mit Befehlshabern der iranischen Revolutionsgarde (Sepah-e Pasdaran, IRGC).

Als Paradebeispiel der iranischen nationalen Sicherheitsdoktrin, wie sie bis heute Geltung hat und die auch nun im Zusammenhang mit dem Konflikt im Irak Anwendung findet, kann man mit Fug und Recht jenen Zeitabschnitt im August 1998 ansehen, als die fanatischen Taliban-Milizen Masar-e Scharif stürmten, eine Stadt im Norden Afghanistans, die zuvor von der dortigen Nordallianz gehalten worden war.

Die Nordallianz war mit Iran verbunden und unter ihrem Schutz standen mitunter die Persisch sprechenden sunnitischen sowie schiitischen Völker Afghanistans. Als die Taliban unter den diesen ein Massaker in der Stadt Masar-e Scharif anrichtete und in diesem Zusammenhang acht iranische Diplomaten gefangen nahm und tötete, wurde im Nationalen Sicherheitsrat Irans (SNSC) der Ruf nach einer militärischen Operation mit dem Ziel der Vernichtung der Taliban laut – drei Jahre, bevor die USA nach den Anschlägen vom 11. September einen ähnlichen Gedanken fassen sollten.

Die Mehrheit im obersten Sicherheitsgremium der Islamischen Republik unterstützte den Vorschlag, eine Streitmacht von 100.000 Mann zusammenzustellen und diese an die afghanische Grenze zu verlegen. Die Taliban und die mit ihr verbundenen terroristischen Elemente, wie al-Qaida, wurden als ernsthafte Gefahr für die Sicherheit Irans, der gesamten Region und sogar der gesamten Welt betrachtet. Drei Jahre später sollte sich selbst die dritte dieser Einschätzungen als richtig erweisen.

Und trotzdem sprachen nicht nur gewichtige Argumente gegen ein aktives Eingreifen in Afghanistan, sondern auch wurden diese von damals wie heute bedeutsamen Persönlichkeiten des iranischen Establishements vorgetragen. Der damalige Sekretär des SNSC, Hassan Rohani, war einer der Wortführer der Minderheit, die sich gegen einen solchen weitreichenden Schritt aussprach. Ein anderer war das religiös-politische Staatsoberhaupt der Islamischen Republik, Ayatollah Ali Khamenei.

Was waren die wesentlichen Beweggründe für sie, nicht die direkte Konfrontation mit der Taliban zu suchen? „Zu allererst haben die Taliban nicht unser Territorium betreten oder unser Land infiltriert“, betonte Khamenei und fügte hinzu: „Der Einmarsch Irans auf afghanischem Territorium kann dazu führen, dass andere Akteure reagieren.“

Iran möchte also keinen Krieg mit einem seiner Nachbarn beginnen. Die Taliban wurden darüber hinaus auch nicht als legitime Vertreter Afghanistans oder irgendeiner anderen Nation betrachtet. Khamenei zog eine sehr unmissverständliche rote Linie: Nur eine Verletzung des iranischen Territoriums könnte einen Grund liefern, offen militärisch zu intervenieren. Darüber hinaus strebte Khamenei keine Eskalation an. „Im Moment wurden dreizehn Menschen zu Märtyrern und ihr wollt Rache nehmen“, äußerte sich das religiös-politische Staatsoberhaupt. Eine Entsendung von iranischen Truppen auf breiter Basis würde aber diese Zahl ansteigen lassen: „Es ist nicht so, dass nur ihr töten werdet“, sagte der Obebefehlshaber aller Streitkräfte Irans. 
 
Die damalige Situation war außerordentlich gefährlich. Die Mobilmachung der Truppen entlang der Grenze zu Afghanistan schuf eine Situation, in der beide Länder von einem möglichen langen und blutigen Krieg nur einen Schritt entfernt waren.

Ayatollah Khamenei wurde ein letzter Zustandsbericht zugesandt. In mehr als 90% der Fälle, so berichtet das damalige hohe Mitglied des SNSC, Seyed Hossein Mousavian, in seinem Buch „Iran and the United States; the Failed Past and the Road to Peace”, hat sich Khamenei der Einschätzung des Nationalen Sicherheitsrates angeschlossen bzw. der Mehrheitsmeinung nicht widersprochen. Hier aber machte er von seiner Ermächtigung gemäß Artikel 176 der iranischen Verfassung Gebrauch, ein Veto gegen die Mehrheitsentscheidung des SNSC über eine militärische Intervention in Afghanistan einzulegen. Auf diese Weise verhinderte er einen blutigen Krieg. Wenige Jahre später sollte Iran ausgerechnet den von vielen innerhalb des iranischen Systems als Erzfeind betrachteten USA beim Sturz der brutalen Fanatiker des Taliban-Regimes maßgeblich unterstützend zur Seite stehen – ohne dass dabei Teheran in einen Abnutzungskrieg geriet oder iranisches Leben geopfert wurde. Im Gegenteil gerieten die Vereinigten Staaten in einem blutigen und kräftezehrenden Konflikt mit zahlreichen Verlusten.

Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass die Außenpolitik Irans nicht von Emotionen bestimmt wird. Auch heute, wo die Islamische Republik in Syrien und im Irak gleich von zwei Bedrohungen seines Bündnissystems heimgesucht wird, wird sich dies nicht ändern. Während in Syrien der anfangs unter Druck geratene Staatschef Bashar al-Assad wieder die Oberhand zu gewinnen scheint, ist die Lage im Irak noch prekär. Der Konflikt folgt aber Mustern, die der Islamischen Republik keineswegs neu sind.

Die militärischen Erfahrungen des Krieges gegen Saddam Husseins Irak in den 1980er Jahren haben die Islamische Republik sehr stark dahingehend geprägt, direkte Interventionen möglichst zu unterlassen und stattdessen verdeckte Operationen zu forcieren. Darüber hinaus erwiesen sich Versuche der im gesamten islamischen Welt der Islamischen Republik Iran gegenüber loyalen Gruppen, die von der “Bewegungsabteilung” (Vorläuferin der al-Quds-Einheit) unterstützt oder gebildet wurden, als erfolgreich und kosteneffizient.

Die Grundsätze der iranischen Sicherheitspolitik folgen der Überlegung, nach außen nur einen leichten Fußabdruck zu hinterlassen – so sollen die Mitglieder der Quds-Einheit nicht selbst als Militäreinheit außerhalb der iranischen Grenzen fungieren, sondern dabei helfen, das eigene, heimische Einheiten vor Ort funktionieren. Das heißt, man will mit indigenen Partnern vor Ort kooperieren und unkonventionelle Kriegsführung praktizieren. Beispiel dafür ist die Nordallianz in Afghanistan, die Hisbollah in Libanon, die Hamas und der Islamische Jihad in Gaza und diverse schiitische, christliche und kurdische Milizen in Syrien und im Irak.

Vor allem aber will man dort, wo man sich um Einfluss bemüht, als nicht-sektiererische Kraft wahrgenommen werden. So arbeitet man mit der Mehrheit der Christen im Libanon, mit einer breiten, überkonfessionellen Allianz in Syrien und mit Kurden im Irak zusammen.
 
Im Irak sucht Iran außerdem seit jeher einen Ausgleich mit gemäßigten sunnitischen Kräften, da ein in mehreren Teilen zerfallener Staat der Islamischen Republik weniger von Nutzen ist. Die Erhaltung der Einheit des Irak ist für Teheran sicherheitspolitisch jedenfalls einem Kurdenstaat, der Begehrlichkeiten der kurdischen Minderheit im eigenen Lande wecken könnte, und einem salafistischen Staatswesen entlang der eigenen Grenzen vorzuziehen.


Sicherheitsexperter04-09-14

Eine sehr aufschlussreiche Analyse, vielen Dank!

Friedensaktivist04-09-14

Iran hat in den letzten 250 Jahren keinen Krieg begonnen, diese historische Begebenheit unterstreicht diesen Faktum wieder.

Diplomat04-09-14

Eine äußerst interessante Begebenheit, die aufzeigt, dass Ayatollah Khamenei ein äußerst kluger Stratege ist.

Leser04-09-14

Faszinierend, wie Iran zwei seine Erzfeinde - die USA und Taliban - ausgespielt hat, ohne selber irgendeinen Schaden dadurch zu erleiden.

Engelhardt05-10-14

Sehr guter Artikel über die iranische Qudsbrigade von Walter Posch: http://www.zenithonline.de/deutsch/politik/a/artikel/soleimanis-auftrag-004207/

Engelhardt16-02-15

Khamenei war auch 1982 dagegen, den Krieg gegen Irak auf irakischen Boden auszudehnen, nachdem Iran seine Gebiete wieder zurückerobert hatte.

http://www.academia.edu/7228155/Der_konservative_Revolution%C3%A4r_Chamenei_




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