20.05.2014

Interview mit dem indonesischen Botschafter in Iran


Indonesien Indonesischer Botschafter Dian Wirengjurit Iran

Der indonesische Botschafter Dian Wirengjurit in Iran.

Nur wenige Länder besitzen ähnlich komplexe und gleichzeitig paradoxe Beziehungen mit Iran wie Indonesien. Das größte muslimische Land und die einzige muslimische Theokratie der Welt kooperieren dabei in unterschiedlichem Maße. Während Indonesien das größte sunnitische Land der Welt ist, nimmt Iran diese Position für die schiitische Gemeinschaft ein. Neben dem verbindenden Faktor der Religion finden sich beide Staaten auch als Mitglieder der Bewegung der Blockfreien Staaten wieder. Den Vorsitz der Organisation, die vom ersten indonesischen Präsidenten Sukarno mitinitiiert wurde, hat derzeit Iran inne. Von internationaler Bedeutung ist ebenso die Wirtschaftskraft Indonesiens und Irans. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) war nach Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemäß Kaufkraftparität (PPP) 2013 Indonesien die fünfzehntgrößte und Iran die achtzehntgrößte Wirtschaftsnation der Welt.

Im folgenden Interview mit dem indonesischen Botschafter in Iran, Dian Wirengjurit, werden unter anderem diese Themen und Punkte behandelt und angesprochen:

  • Die Beziehung zwischen Sunniten und Schiiten in Indonesien.
  • Wie falsche Wahrnehmungen über Iran zu Hindernissen für den wirtschaftlichen Austausch werden können.
  • Softpower als Einflussfaktor: Indonesische Führungspersonen, die im Westen ihre Ausbildung genossen haben, tendieren dazu, den Westen und nicht Iran als ihren Partner zu sehen.
  • Wie Indonesien die unilateralen und nicht-völkerrechtsverbindlichen Sanktionen des Westens durch Drittländer umgeht.
  • Avancen Saudi-Arabiens an Indonesien, um mitunter Geschäfte mit Iran zu torpedieren.
  • Wie Indonesien Irans Rolle in Syrien sieht.
  • Der Einfluss Indonesiens auf die Menschenrechtsproblematik in Iran.

IranAnders: Wie gefällt Ihnen das Leben in Teheran, und seit wann sind Sie hier?

Dian Wirengjurit: Seit fast zwei Jahren. Ich habe auch viele andere Leute getroffen, die wie ich zum ersten Mal in Iran sind. Der erste Eindruck widerlegt den Eindruck, den man davor hatte. Mein Dienst vorher war als indonesischer Botschafter in Moskau, und als ich hörte, dass mein Minister anordnete, dass ich demnächst zum Botschafter in Iran ernannt werde.. also ich mag Abenteuer.. ich habe keine Probleme damit, irgendwohin zu gehen.. aber meine Familie! In Iran gehen? Warum Iran? Solche Fragen tauchten da auf. Und auch meine Verwandten in Indonesien fragten besorgt! Du bist in Iran versetzt worden? Ist es dort gefährlich? Sei vorsichtig! Kannst du das ändern? Ich selbst hatte dieselben Sorgen: Oh Iran, ich muss vorsichtig sein. Aber der erste Eindruck, nachdem ich in Iran gelandet war, war völlig anders. Denn auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt konnte ich einen normalen Alltag sehen: Verkehr, Infrastrukturen und Menschen, die beschäftigt sind. Und nachdem ich jetzt fast zwei Jahre hier lebe, habe ich überhaupt keine Probleme.

IranAnders: Was sind die Vorteile eines Diplomaten bei der Erkundigung und Ergründung eines Landes?

Dian Wirengjurit: Der Diplomatenjob bereichert nicht nur mein Wissen, sondern auch meine Emotionen, da ich nicht nur hier bin, um politische Themen oder den Handel - das ist natürlich unsere Hauptaufgabe – oder den Kulturaustausch voranzutreiben, sondern den Kontakt von Mensch zu Mensch zu fördern. Meiner Meinung nach ist es für meine Arbeit sehr wichtig, die Leute zu verstehen. Denn wenn ich mit ihnen spreche, das heißt mit Menschen aus verschiedensten gesellschaftlichen Stellungen und mit unterschiedlichen Lebensstilen, stellen sie mir ziemlich simple Fragen. Dadurch erhalte ich die Möglichkeit, den Menschen näher zu sein und sie somit besser zu kennen.

IranAnders: Beeinflusst dies Ihre Arbeit?

Dian Wirengjurit: Ja, weil ich zurück nach Indonesien berichte. Aber meine Analysen sollen nicht bloß auf Berichten von Zeitungen, dem Fernsehen oder Diskussion mit iranischen Vertretern basieren, sondern ich kann das Erlebte einbringen: zum Beispiel die Preise auf dem traditionellen Markt oder der echte Wechselkurs, nicht der, der in offiziellen Erklärungen angegeben wird. Das heißt, ich möchte zumindest den Bericht ausgewogen halten, in dem ich ihn nicht nur auf Basis der Medien - also Fernsehen und Zeitungen -, sondern auch auf Basis meiner persönlichen Erfahrungen erstelle. Deshalb, wenn Leute fragen: „Ist es richtig, dass…?“ Dann kann ich sagen: „Nein nein, das ist nicht richtig. Ich war auf dem traditionellen Markt, das Leben geht seinen normalen Gang.“

IranAnders: Bezüglich welcher Dinge unterscheidet sich die Meinung von Menschen, bevor und nachdem sie Iran besucht haben?

Dian Wirengjurit: Mir wurde diese Frage schon oft gestellt. Wissen Sie, das Hauptproblem ist die Wahrnehmung. Die Wahrnehmung wird von vielen Leuten, nicht nur in meinem Land, auch in anderen Ländern – ich habe darüber mit anderen Diplomaten und Botschaftern gesprochen - durch die Medien aufgebaut und geformt. Schauen Sie mal ins Fernsehen: CNN - leider muss ich auch sagen die BBC, Deutsche Welle, wer auch immer… Die meiste Zeit porträtieren sie die andere Seite Irans, eines Irans, der schwarz ist, der friedhofsruhig ist, und ich weiß nicht was noch… Dies erfolgt auch in anderen Medien wie Zeitungen und Magazinen. Das ist es, was in Indonesien für das indonesische Volk ausgestrahlt und veröffentlicht wird.

IranAnders: Aber berichten die Medien in Indonesien auf die gleiche Art und Weise?

Dian Wirengjurit: Exakt gleich, weil indonesische Medien die Nachrichten der westlichen Nachrichtenagenturen übernehmen. Wenn man eine indonesische Zeitung liest, wird am Ende einer Reportage geschrieben stehen, dass sie von AP oder Reuters stammt, weil nicht wirklich viele Indonesier nach Iran kommen. Seitdem ich vor zwei Jahren angekommen bin, war für mich das erste Jahr eine sehr schwierige Sache, weil ich Indonesier davon überzeugen musste, dass wir - auch wenn die Sanktionen in Kraft sind - immer noch die Möglichkeit haben, die wirtschaftlichen Beziehungen auszubauen, wie es zum Beispiel Malaysia vormacht. Malaysia ist Indonesien voraus, weil sein Handelsvolumen höher ist als das von Indonesien, obwohl seine Rohstoffvorkommen geringer sind als die indonesischen. Wie kommt das? Weil sie einen Weg wussten. Deshalb habe ich indonesischen Geschäftsleuten erklärt: Wenn Malaysia das schafft, wieso wir nicht? Denn das, was Malaysia besitzt - wie beispielsweise Holz, Papier, Palmöl oder Gummi - besitzt Indonesien in viel höherem Ausmaß. Aber unsere Handelsbilanz liegt weit unter der Malaysias. Das heißt, dass ich im ersten Jahr indonesische Geschäftsleute anziehen und überzeugen musste. Im zweiten Jahr lassen sich bereits Ergebnisse sehen. Denn in diesem Jahr, 2013, besuchten viel mehr Indonesier Iran und waren über das Leben hier erstaunt.

IranAnders: BBC führt jedes Jahr eine weltweite Umfrage zur Wahrnehmung von Ländern durch. Dabei bewerteten 2013 36 Prozent aller befragten Indonesier Irans Einfluss auf die Welt negativ und 34 Prozent positiv. Befragte aus anderen Ländern gaben als Grund für eine negative Wahrnehmung oftmals an, dass Iran ein großes muslimisches Land sei, mit einer Art Theokratie. Denken Sie, diese Verbindung mit der Religion könnte auch für die Indonesier eine Rolle spielen, Iran negativ zu betrachten?

Dian Wirengjurit: Indonesien ist das größte muslimische Land der Welt. Im Vergleich zu Iran sind wir viel größer. Aber hinsichtlich Schiiten und Sunniten ist Indonesien das größte sunnitische und Iran das größte schiitische Land. Tatsache ist, dass wir die zwei größten muslimischen Länder sind. Das Missverständnis bezüglich Schiiten und Sunniten kann man auch in Indonesien beobachten, denn es gab Konflikte zwischen den beiden Gemeinschaften in  einem Teil einer indonesischen Insel.

IranAnders: Welche Insel ist gemeint?

Dian Wirengjurit: Madura. Es ereigneten sich einige Vorfälle, als ein Mob von sogenannten sunnitischen Gruppen dort die schiitische Minderheit angriff. Das wurde nicht nur in Indonesien, sondern auch auf internationaler Ebene, speziell im UN-Menschenrechtsrat in Genf, zu einem Thema. Denn wir wurden sozusagen für den Vorfall verantwortlich gemacht, weil es ein zweites Mal passierte. Nach dem ersten Vorfall wurde ich von der iranischen Regierung sowie vom Parlament einbestellt. Sie beschwerten sich über den Umgang mit dem Fall. Zu diesem Zeitpunkt versprachen wir, dass die Regierung Indonesiens dem Thema Beachtung schenken werde, damit eine Wiederholung verhindert wird. Aber augenscheinlich passierte es noch einmal, und ich wurde wieder einbestellt, warum es ein zweites Mal passierte, obwohl die Regierung Indonesiens nach dem ersten Vorfall versprochen hatte, die Schiiten zu beschützen. Ja, wir haben versagt, das zu verhindern. Aber das Problem ist, dass in anderen Regionen Indonesiens, in denen ebenfalls schiitische Enklaven existieren, das Leben normal ist und sie in Frieden leben. Nur in diesem Teil, in Madura, nicht. Wenn wir die Angelegenheit näher untersuchen, stellt sich heraus, dass es nicht um Sunnitentum und Schiitentum geht, sondern um Familienangelegenheiten - und manche von ihnen sind Sunniten und andere Schiiten. Aber hier wurde für persönliche Ziele und persönliche Ambitionen konfessionalisiert und manipuliert.

IranAnders: Spielt somit die muslimische Identität eine Rolle in den Beziehungen zwischen Indonesien und Iran?

Dian Wirengjurit: Um ehrlich mit Ihnen zu sein: Wenn Sie mich fragen, ob ich Sunnit oder Schiit bin, muss ich sagen, dass es für mich gleichgültig ist, Sunnit oder Schiit zu sein. Ich bin Moslem und Punkt. Und viele Indonesier denken ebenso. Das ist der Grund, weshalb wir als moderate Muslime bezeichnet werden. Denn für uns gilt: Wir glauben an den gleichen Gott, das gleiche heilige Buch und den gleichen Propheten, wie sie es tun. Rituale können sogar unter den Sunniten und sogar unter den Schiiten variieren. Man kann auch unterschiedliche Arten der Lehrmeinungen und unterschiedlichen Gelehrten folgen.

IranAnders: Und für die Iraner?

Dian Wirengjurit: Die Iraner, Regierungsangehörige, die Ulema und Geistliche sagen mir: Ja, wir haben die gleiche Idee, nicht zwischen den beiden Konfessionen zu unterscheiden, sondern Gemeinsamkeiten zu finden und keine Unterschiede. Warum betrachten wir immer die Unterschiede und nicht die Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten? Das ist eine sehr gute Idee, und deshalb fördern wir sie. Aus diesem Grund habe ich gesagt, dass der persönliche, direkte Kontakt unsere Priorität sein soll. Denn wir sehen, dass diese Art von falscher Wahrnehmung geändert werden muss, nämlich die falsche Auffassung, dass Schiitentum und Sunnitentum völlig unterschiedlich sind.

IranAnders: Der iranische Präsident Hassan Rouhani sagte im Juli 2013, dass die Beziehungen zwischen Indonesien und Iran auf Freundschaft, Brüderlichkeit und gemeinsamen religiösen Glaubenssätzen beruhten. Nochmal: Religion spielt also eine spezielle Rolle?

Dian Wirengjurit: Exakt, ich möchte aber etwas hinzufügen. Es ist interessant, dass selbst in Indonesien nicht wirklich viele Menschen eine Sache realisieren: Wir sind das größte sunnitische Land, aber wir sind uns dessen nicht bewusst. Und die meisten Indonesier sind sich auch nicht bewusst, dass einige unserer Traditionen aus Iran und der schiitischen Tradition stammen, wie beispielsweise der Besuch der Gräber. Wir praktizieren diese Tradition bereits seit langer Zeit, aber wir realisierten nicht, dass diese Art von Ritual der schiitischen Tradition entstammt. Denn der Brauch, die Gräber zu besuchen, dem Tod von jemandem an gewissen Tagen zu gedenken, existiert beispielsweise in Saudi-Arabien nicht. Es gibt Rituale dafür, nicht aber in der saudischen Tradition. Dafür ist es aber ein gewöhnlicher Brauch in Indonesien. Sie wissen jedoch nicht, dass diese Praxis aus Iran stammt. Ein interessanter Punkt ist auch, dass wir immer denken, dass unser Islam aus Saudi-Arabien, Indien sowie aus dem Norden Chinas kam. Aber jetzt haben wir ein Grabmal im Norden Sumatras gefunden, das auf Iranisch also Persisch beschriftet ist, und dieses ist eintausend Jahre alt, was bedeutet, dass wir vor eintausend Jahren bereits Kontakt zu Iran hatten.

IranAnders: Das heißt, die muslimische Identität Indonesiens leitet sich eigentlich mehr von anderen muslimischen Regionen ab?

Dian Wirengjurit: Zumindest ist die Konnotation, dass unser Islam arabisch-orientiert ist, nicht gänzlich korrekt, weil wir Praktiken aus der iranischen Tradition besitzen. Es existiert also ein gewisser iranischer Einfluss.

Freundschaftsflagge Indonesien Iran Flagge

IranAnders: Seit wann existiert die indonesische Botschaft in Teheran?

Dian Wirengjurit: Seit ungefähr 65 Jahren. Und nach der Revolution respektierten wir die Entscheidung der Iraner, ein islamischer Staat zu werden. Während des Iran-Irak-Krieges ergriffen wir aber keine Partei. Deshalb wurde Indonesien auf UN-Konferenzen zwischen beiden positioniert - also Iran, Indonesien, Irak. Denn normalerweise wäre es in alphabetischer Reihenfolge Iran, Indonesien, Irak. Unsere heutige Position ist sehr deutlich: Sie sind unsere Freunde. Wir haben keine politischen Probleme, jedoch wirtschaftliche - aufgrund der Sanktionen und aufgrund der verzerrten Wahrnehmung in Indonesien über das Land. Indonesische Geschäftsleute zeigen sich wirklich widerwillig, Geschäfte mit Iran abzuschließen - und das wegen sehr simpler Dinge. In Indonesien macht das Gerücht die Runde, dass man nicht mehr in die USA einreisen kann, wenn man einen Visumstempel Irans im Pass hat. Jedes Mal, wenn ich nach Indonesien reise, muss ich erklären, dass das nicht stimmt. Was Fakt ist: 2012 waren unsere wirtschaftlichen Beziehungen rückläufig.

IranAnders: Zum ersten Mal?

Dian Wirengjurit: 2011 betrug der Umfang ungefähr 1,8 Milliarden US-Dollar, aber 2012 ging er auf 1,4 Milliarden US-Dollar zurück. Aber ich habe mit vielen Botschaftern gesprochen: Praktisch alle Länder verzeichneten 2012 einen Rückgang im Handelsvolumen mit Iran. Jetzt erwarten wir, dass wir zumindest auf das gleiche Niveau von 2011 zurückkehren können. Ich selbst bin ziemlich optimistisch, weil unsere Geschäftsbeziehungen mit Iran ziemlich intensiv sind. Es gab viele Geschäftsabschlüsse, weil unsere Waren sich komplimentieren: Wir brauchen ihr Öl, weil wir eine Importnation sind, was Öl und Gas angeht. Sie brauchen unser Papier, unser Palmöl und unser Gummi.
 
IranAnders: Wie entwickelte sich der Öl-Handel über die letzten Jahre?

Dian Wirengjurit: Wir importierten Öl und Gas aus Iran, aber natürlich wegen der Sanktionen nicht direkt, sondern über Drittländer wie den Oman. Die Handelsbilanz von 2012 mit 1,8 Milliarden US-Dollar fällt zugunsten Irans aus, weil wir für rund eine Milliarde US-Dollar Öl und Gas importierten, aber für nur 800 Millionen US-Dollar unsere Waren exportierten.

IranAnders: Sehen Sie, dass nach den erfolgreichen Verhandlungen in Genf im November, wo als Ergebnis die Sanktionen gelockert wurden, die Exporte demnächst gesteigert und vielleicht auch die Kooperation zwischen Iran und Indonesien im Energiesektor gefördert werden können?

Dian Wirengjurit: Was wir von der derzeitigen Situation, von den positiven Entwicklungen und der optimistischen Aussicht erwarten, ist, dass wir wieder den direkten Handel mit Iran betreiben können. Denn ein Drittland in unseren Geschäften kostet uns viel. Das ist es, was wir beabsichtigen, auch für den Öl- und Gas-Handel: Wir wollen wieder den direkten Handel.

IranAnders: Es war auch einmal in Kooperation mit Iran eine Raffinerie in Indonesien geplant.

Dian Wirengjurit: 2006 wurde die Vereinbarung unterzeichnet, und es ist einer der noch anhängigen Punkte zwischen Indonesien und Iran. 2009 war Iran bereit, dieses Projekt zu starten, eigentlich zwei Projekte. Eine Raffinerie in Indonesien, das zweite Projekt waren Düngemittel in Iran, in Asaluyeh. Aber diese zwei Projekte sind in der Schwebe, weil.. ich weiß nicht, warum. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Iran ist bereit, dieses Projekt sehr bald zu starten, aber ich muss ehrlich mit Ihnen sein: Indonesien, speziell die Führungselite, vertritt eine andere Auffassung. Ich habe vergessen zu sagen, dass die Wahrnehmung bezüglich Iran innerhalb des indonesischen Führungszirkels nicht gerade vorteilhaft ausfällt, weil die meisten indonesischen Führungspersonen - speziell solche, die im Westen ausgebildet wurden - dazu tendieren, westliche Länder als ihre Partner zu begreifen und nicht Iran. Wegen dieser Auffassung befindet sich dieses Projekt seit Jahren in der Schwebe. Ja, das Problem ist auch, dass Länder im Nahen Osten - wie Saudi-Arabien oder Kuwait - uns versprechen, dass wir in naher Zukunft diese Anlage nicht bauen müssen, weil sie die Lücke zwischen unserer eigenen Raffineriekapazität und unserem Bedarf ausfüllen können. Ich weiß nicht, aber ich glaube, dass dahinter auch politische Motive stecken. Das bedeutet, dass sie uns dies weiterhin versprechen, obwohl es für die arabischen Länder des Nahen Ostens schwieriger geworden ist, uns zu versorgen, weil die Kluft zwischen unserer eigenen Raffineriekapazität und unserem Bedarf immer größer wird. Aber noch einmal – man muss das vorsichtig ausdrücken – es ist ziemlich kompliziert, wir sind stark von ihnen abhängig, weshalb sie Indonesien nicht verlieren wollen. Zur gleichen Zeit verfügen unsere Nachbarn Malaysia und Singapur selbst über sehr große Raffinerien. Sie versorgen uns ebenfalls, denn das Rohöl geht an diese Länder. Es sieht so aus, als wollten sie nicht, dass Indonesien eine eigene Raffinerie haben könnte. Sehr kompliziert…

IranAnders: Wie beeinflussen regionale Themen, wie beispielsweise der Bürgerkrieg in Syrien, die Beziehungen zwischen Iran und Indonesien?

Dian Wirengjurit: Indonesiens Außenpolitik besagt: Wir wollen uns nicht in die Innenpolitik irgendeines Landes einmischen. Was in Syrien passiert, sehen wir als innere Angelegenheit an, und wir denken, dass sie die Fähigkeit besitzen, diese zu lösen. Viele Länder bieten ihnen, das heißt dem syrischen Volk und der syrischen Regierung an, das Problem zu lösen. Unserer Meinung nach verfügen sie aber bereits über Kanäle - in Genf oder auch einige andere. Deshalb wollen wir uns nicht einmischen. Denn es ist unsere Überzeugung, dass die blockfreien Staaten zwar nicht neutral sein sollten, aber dass sie sich nicht in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen sollten. Wir glauben, dass sie ihre Probleme selbst lösen können. Sollten sie jedoch Indonesien bitten, dann wären wir bereit, am Prozess teilzuhaben. Und Iran respektiert dieses Prinzip.

IranAnders: Und wie sieht Indonesien die Rolle, die Teheran in Syrien spielt?

Dian Wirengjurit: Sie ist in Ordnung, wenn sie von den Konfliktparteien akzeptiert wird. Und ich glaube, dass natürlich die Regierung Syriens die Rolle Irans akzeptiert und auch ein Teil der Opposition. Denn es gab zwei Syrien-Konferenzen in Iran. Ich weiß nicht, welcher Flügel der Opposition, aber zumindest Teile der Opposition, akzeptieren oder erwarten auch eine größere Rolle Irans. Das heißt, dass dies sogar der Wunsch der gegnerischen Partei ist.

IranAnders: Indonesien und Iran haben ein gemeinsames Problem: den illegalen Schmuggel von Menschen zwischen den beiden Ländern.

Dian Wirengjurit: Ja, der illegale Schmuggel von Menschen ist eines der größten Probleme zwischen den beiden Ländern. Aber man muss verstehen: Indonesien hat sich zum Drehkreuz für Menschen entwickelt, die nach Australien gehen wollen. Aber es ist nicht nur ein enormes Problem bezüglich Iran: 20 Länder befinden sich auf unserem Index. Ich möchte mit Ihnen ehrlich sein: Iran befindet sich auf Platz vier. Die Spitze führen, so glaube ich, Afghanistan und zudem afrikanische Länder an. Das heißt, Iran ist nur eines unter zwanzig Ländern, dessen Bevölkerung – ich meine manche davon – versucht haben, über Indonesien Australien zu erreichen. Es handelt sich um organisierte Kriminalität, weil Gruppen - nicht nur in Indonesien, sondern auch in Iran oder in anderen Ländern - dies organisieren. Sie schicken die Leute nach Indonesien. Im Falle der Iraner nutzen sie die Möglichkeit des Visums bei Ankunft.

IranAnders: Das bedeutet, Iraner können bei Ihrer Ankunft in Indonesien ein Visum erhalten?

Dian Wirengjurit: Ja, deshalb versuchen wir auch etwas zu ändern. Darum haben wir am 22. August 2013 das Visumsrecht bei Ankunft reformiert, um den illegalen Menschenschmuggel zu reduzieren. Auch wenn sich die iranische Regierung zu Anfang beschwerte, warum wir die Visumvergabe überarbeiteten, sie meinten, wir würden Ihnen nicht trauen… Aber es geht nicht um Vertrauen, dies geschah aufgrund der Tatsache, dass es Leute gibt, die das Visum bei Ankunft in Indonesien missbrauchen. Wissen Sie, sie versuchen nach Australien zu gelangen, weil sie ein besseres Leben wollen. Diejenigen, die wirklich Asylsuchende sind, werden von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) betreut und in Drittländer transferiert. Aber in Wirklichkeit sind 99 Prozent der Flüchtenden arme Leute, die ein besseres Leben wollen. Sie haben nur gehört, dass Australien das Land der Hoffnung ist. Deshalb versuchen sie - mit den verschiedensten Mitteln, auch mit leeren Händen - nach Australien zu kommen.

IranAnders: Das Problem der Menschenrechte in Iran, inklusive der Rolle der Frau, ist oftmals ein großes Thema in den westlichen Beziehungen zu Teheran. Spielt es auch in den Beziehungen zwischen Iran und Indonesien eine Rolle?

Dian Wirengjurit: Die Iraner haben ihr Interesse an einer bilateralen Menschenrechtskommission mit Indonesien gezeigt, was bedeutet, dass sie unsere Umsetzung des Islam in Indonesien respektieren. Auf internationaler Ebene haben wir jedoch versucht, sehr ausgewogen zu bleiben. In der letzten UN-Resolution bezüglich der Menschenrechte in Iran (Resolution A/C.3/68/L.57) stimmten wir gegen die Resolution, das heißt, wir waren auf Seiten Irans. 2012 hatten wir uns enthalten, nun waren wir dagegen, das heißt wir ergriffen Partei für Iran. Denn wir wollten der Welt auch erklären: Bitte, drängt Länder wie Iran nicht zu sehr! Denn umso mehr man sie drängt, umso mehr werden sie es ignorieren. Bei Ländern wie Iran benötigen wir andere Ansätze, um deren Situation zu erschließen. Zu einem gewissen Teil müssen wir verstehen, dass das islamisches Gesetz ist. Auf der anderen Seite erklären wir aber auch Iran, dass sie sich für die Tatsache öffnen müssen, dass Frauen sich auch auf vielen Gebieten betätigen können. Nicht nur in der Bildung oder der medizinischen Gesundheit, sondern auch in anderen Feldern - inklusive der Politik. Deshalb glaube ich heute, dass ein Wandel zu sehen ist. Mehr und mehr Frauen befinden sich im Parlament, und nun ist sogar die Pressesprecherin des Außenministeriums eine Frau. Zumindest hören Sie vielleicht auf uns Indonesier, weil wir ihnen gezeigt haben, dass im größten muslimischen Land Indonesien Frauen eine Rolle in allen Bereichen - im politischen, legislativen, judikativen sowie im NGO-Sektor - einnehmen können.

IranAnders: In Bezug auf Iran in Indonesien: Wie präsent ist Iran in Ihrem Land?

Dian Wirengjurit: Nochmals, Indonesien ist mit Iran befreundet, deshalb sind wir ihnen gegenüber offen. Wir erlauben ihnen sogar, Iran freier zu bewerben. Wir geben ihnen erwiesenermaßen mehr Freiheit dabei. Es gibt derzeit 170 indonesische Islam-Studenten in der heiligen Stadt Qom, hinzukommen ihre Familien. Diese Studenten werden im sogenannten „Iranischen Kulturzentrum" in Indonesien ausgewählt. Andererseits haben sie uns angeboten, ein indonesisches Kulturzentrum in Iran zu eröffnen - als Mittel, um Indonesien zu fördern. Jedoch haben wir nicht genügend Budget für solche Zwecke.

IranAnders: Existieren darüber hinaus auch iranische oder schiitische Medienorgane in Indonesien?

Dian Wirengjurit: Jegliche Förderung der iranischen Sache wird von diesem „Iranischen Kulturzentrum" durchgeführt. Sie sind auch in ganz Indonesien an den Universitäten zu finden. Darüber hinaus strahlt die iranische Rundfunkgesellschaft IRIB auch ein indonesisches Programm in indonesischer Sprache aus. Dort arbeiten auch Indonesier.

IranAnders: Zurück zu der Führungselite Ihres Landes und der falschen Wahrnehmung über Iran: Sehen Sie eine Veränderung?

Dian Wirengjurit: Ja, mehr und mehr offizielle Vertreter kommen in Iran, nicht nur von Seiten des Tourismus- oder des Wirtschaftsministeriums, sondern auch von Seiten anderer Regierungsagenturen und -organe.

IranAnders: Möchten Sie dem Gesagten noch etwas hinzufügen?

Dian Wirengjurit: Natürlich gibt es Höhen und Tiefen in Beziehungen zwischen Ländern, auch in Indonesien. Die Probleme der Schiiten in Indonesien sind eines dieser Themen, aber wir sind hier, um die guten Beziehungen voranzutreiben. Deshalb will ich mich darauf konzentrieren. Und weil ich weiß, dass wir generell über mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede verfügen, will ich meinen Fokus auf die Ähnlichkeiten legen, statt über Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten zu sprechen.

IranAnders: Herr Botschafter, haben Sie besten Dank für das ausführliche Gespräch.


Das Interview fand Ende Dezember 2013 in Teheran statt und wurde von der Iranistin Lena Späth geführt.


Guy Fawkes21-05-14

Äußerst ungewöhnlich, einen Diplomaten oder Politiker so offenherzig reden zu sehen! Ein paar mehr davon wären gut!

Orientalist21-05-14

Vielleicht ist es gar nicht an sich ungewöhnlich, sondern solche Töne und Informationen hören wir nur hier im Westen so selten, wenn es um Iran geht. Indonesien gehört zu den blockfreien Staaten, deshalb sieht man wahrscheinlich die Dinge über und um Iran ziemlich anders als die westlichen Ländern.

Guy Fawkes21-05-14

Hör mal, Orientalist, ist doch gar nicht so kompliziert: Das Ungewöhnliche hier ist nicht das Positive über die I.R., sondern die Ehrlichkeit des Herrn W.! Selbstkritik gegenüber der eigenen Regierung ist bei Politikern SEHR ungewöhnlich. Im Übrigen geht aus dem Artikel doch recht klar hervor, daß im blockfreien Indonesien die Haltung gegenüber der I.R. eben doch nicht so rosig ist, oder?

Orientalist22-05-14

Das stimmt, die Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Regierung in diesem Interview ist ziemlich ungewöhnlich und verdient Anerkennung und Respekt. Aber dennoch: Das Bild Indonesiens über Iran unterscheidet sich nicht unwesentlich von dem Bild der westlichen Ländern. Indonesien betrachtet Iran als sein Freund, wie der Botschafter es sagte.




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