27.02.2014 Nasser Saghafi-Ameri

Aktivierung einer Track-2-Diplomatie zwischen Iran und Saudi-Arabien


Der damalige saudische Kronprinz und jetziger König Abdullah ibn Abdel Aziz beim religiös-politischen Staatsoberhaupt Irans, Ayatollah Ali Khamenei, in Teheran im Jahr 1997

Der damalige saudische Kronprinz und jetziger König Abdullah ibn Abdel Aziz (l.) beim religiös-politischen Staatsoberhaupt Irans, Ayatollah Ali Khamenei (r.), in Teheran im Jahr 1997.

Um den derzeitigen diplomatischen Stillstand zu überwinden, sollte eine Track-2-Diplomatie aktiviert werden. Der Austausch und die Begegnung zwischen Wissenschaftlern und Experten beider Länder wären bei der Herbeiführung neuer Einblicke für die Verbesserung der Beziehungen hilfreich.

Seit den Ereignissen des 11. Septembers steht Saudi-Arabien vor vielen Herausforderungen. Zu jener Zeit hat eine etablierte US-Denkfabrik die Monarchie als „Sponsor des Terrors auf allen Ebenen“ bezeichnet. Diese Vorwürfe haben bis heute überlebt, aber nicht nur die über die wahrscheinliche Involvierung Saudi-Arabiens in den Ereignissen des 11. Septembers, sondern in jüngster Zeit auch die über die Unterstützung von Gruppen, die direkt mit den Terroristen in Syrien und anderswo im Zusammenhang stehen. Zu diesen Problemen kommen die zunehmenden Schwierigkeiten, mit denen sich die Saudis in einem Wettbewerb mit dem wachsenden iranischen Einfluss in der Region konfrontiert sehen.

In diesem Sinne hat das Königreich mehrere Fronten gegen Iran eröffnet - vom Aufflammen der ideologischen Konflikte zwischen der wahhabitischen-salafistischen Konfession und den Schiiten bzw. Iran bis hin zum Kräftemessen im Irak, Libanon und in Syrien mit diesem Land. Inzwischen ist das "Arabische Erwachen" an den Türen Saudi-Arabiens am klopfen und bringt die fragile, alternde Königsfamilie in eine beispiellose Bedrohung. Es gibt wenig Zweifel, dass Saudi-Arabien in naher Zukunft durch eine Reihe von internen Veränderungen gehen wird.

Nichtsdestotrotz war vielleicht die schmerzvollste Entwicklung für die Monarchie die Nachricht über das bevorstehende Tauwetter in den Beziehungen zwischen Iran und den USA. Inmitten dessen, was die Saudis als „Alles-oder-nichts“-Machtkampf gegen Iran in den verschiedenen regionalen Fragen - einschließlich der Entwicklungen im Irak, Libanon, Jemen und in Syrien - wahrnehmen, ist die saudische Außenpolitik dabei, sich von ihrem traditionellen Ansatz der Vergangenheit zu distanzieren und eine radikale Haltung einzunehmen, die nach Ansicht von Beobachtern nicht nur nachteilige Auswirkungen für das Königreich bringt, sondern auch die regionale Sicherheit weiter beeinträchtigen  kann. 

Die Unzufriedenheit Saudi-Arabiens mit der Weltpolitik - und insbesondere mit dem westlichen Ansatz gegenüber Iran - hat das Land dazu gebracht, eine trotzige Außenpolitik zu betreiben. Jeder war überrascht, als die Saudis im vergangenen Oktober einen prestigeträchtigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UNO) ablehnten -  offensichtlich aus Protest gegen das, was die Monarchie als schwache und versöhnliche Haltung des Westens gegenüber der syrischen Krise und Irans wachsende regionale Rolle sehen.

Einige Wochen später beklagte sich der saudische Botschafter in Großbritannien in einem Artikel in der New York Times über den Westen für das, was er als eine Außenpolitik bezeichnet, die „die Stabilität der Region und möglicherweise die Sicherheit der gesamten Arabischen Welt riskiert“. Der Artikel reflektiert den Groll der Monarchie über das Weltgeschehen und war schroff in der Verurteilung der westlichen Syrien- und Iran-Politik. Darin heißt es: „Wir glauben, dass viele der westlichen Politiken im Bezug auf Iran und Syrien die Stabilität und Sicherheit der Region gefährden.“ 

Dies war eine klare Abkehr von der Vergangenheit, in der die Saudis ihre Außenpolitik auf eine stille und diskrete Weise führten. Offenbar waren sie gewillt, ihre Missachtung gegenüber dem Westen zu demonstrieren, und drohen, dass wenn der Westen nicht ihren Wünschen entsprechen würde, Iran zu konfrontieren, würden sie „im Alleingang gehen“!

Der ehemalige US-Verteidigungsminister Robert Gates schreibt in seinem neuen Buch „Duty: Memoiren eines Verteidigungsministers im Krieg“, dass König Abdullah von Saudi-Arabien ihm unverblümt sagte, dass „Iran die Quelle aller Probleme und eine Gefahr sei, die bekämpft werden müsse“. Auch aus den WikiLeaks-Dokumenten hat sich ergeben, dass die saudische Monarchie „häufig die USA ermahnte, Iran anzugreifen, um sein Atomwaffenprogramm ein Ende zu setzen.“ „Schneiden Sie den Kopf der Schlange“ ab, sagte der saudische Botschafter in Washington und zitierte dabei den König während eines Treffens mit amerikanischen Offiziellen im April 2008. Zufälligerweise wurde innerhalb weniger als einem Jahr bekannt gegeben, dass das Königreich militärische Ausrüstungen im Wert von 60 Milliarden Dollar von den Vereinigten Staaten zu kaufen plant.

Inzwischen als ein klares Zeichen der Unzufriedenheit mit der US-Politik im Nahen Osten, intensiviert Saudi-Arabien sein diplomatisches Zugehen sowohl auf Russland als auch auf China. Die Saudis waren verärgert als die USA den Sturz des Präsidenten Husni Mubaraks in Ägypten unterstützten. Eine weitere Enttäuschung war, als Washington den Angriff auf Syrien abblies. Aber der endgültige Schlag kam, als die Saudis erfuhren dass Teheran und Washington in einem klaren Dialog engagiert sind mit dem Ziel einer Annäherung zwischen den beiden Ländern.

Daher wissend, wie der Westen angewiesen und besorgt ist über die Sicherheit der Öl- und Gaslieferungen, machten die Saudis eine Ouvertüre in Richtung Osten an Russland, China und Indien. In dieser wurden die Beziehungen zu China akzentuiert. Saudi-Arabien wurde bereits seit 2009 zum führenden Rohöllieferanten Chinas, und es wird erwartet, dass bis 2015 der Handel einen Umfang von 60 Milliarden Dollar erreichen wird. Wie in militärischen Kreisen berichtet wird, ist Saudi-Arabien chinesische ballistische Raketen vom Typ CSS-3 (DF-3) am erwerben, die geeignet sind als Träger für nukleare Sprengköpfe und sie ergänzen und ersetzen die CSS-2 atomwaffenfähigen Raketen, die Saudi-Arabien 1988 aus China erhielt.

Offensichtlich beabsichtigt das Königreich, eine Botschaft an den Westen zu senden, dass sie einen wertvollen Verbündeten verlieren könnten, wenn der derzeitige politische Kurs fortgesetzt wird.. Aber die Saudis wissen besser als alle anderen, dass sie nicht mehr in der Position sind, ihre alten Freunde im Westen mit der sogenannten „Ost-Politik“ zu beeindrucken. Die Welt hat sich verändert, und es werden noch weitere Veränderungen folgen.

Zum Beispiel ist es so, dass in den kommenden Jahren dramatische Änderungen auf dem Energiemarkt auftreten werden. Die Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) von 2012 gehen davon aus, dass die Vereinigten Staaten bis 2017 Saudi-Arabien und Russland als weltweit führenden Ölproduzenten überholen werden. Die Vereinigten Staaten, die derzeit rund 20 Prozent des Gesamtenergiebedarfs importieren, werden um etwa 2030 ein Netto-Ölexporteur. All das bedeutet nicht, dass die Amerikaner die Saudis ignorieren werden oder den Nahen Osten verlassen würden.

Wenn man allerdings die neuen amerikanischen Öl- und Gaspotentiale - zusammen mit anderen großen Nennern im Energiebereich, einschließlich der gesamten Ölreserven von Iran und vom Irak, die größer sind als die von Saudi-Arabien in der Persischen Golf Region, in Betracht zieht - könnten sie eine wesentliche Auswirkung auf die US-Außenpolitik und ihren Ansatz hinsichtlich des Königreichs haben.

Noch wichtiger ist, dass die Gefahr von wahhabitischen-salafistischen Gruppen und Jihadisten in dem Maße gewachsen ist, dass die westlichen Großmächte sich nicht mehr erlauben können, wie zuvor ein Auge zuzudrücken. Ein aktueller Bericht für das Europäische Parlament schätzt, dass Saudi-Arabien durch saudische Stiftungen über 10 Milliarden Dollar für die Förderung des Wahhabismus ausgegeben hat. Die Saudis müssen sich mit der Realität arrangieren. Unverkennbar sind gute und konstruktive Beziehungen mit den Machtzentren der Region, darunter Ägypten, die Türkei und insbesondere Iran als einer aufstrebenden Macht, essentiell für Saudi-Arabien. Es ist für sie Zeit, sich den veränderten Realitäten in Iran und in der Region zu stellen. Die Zeit der Beendigung der auferlegten Isolation Irans rückt immer näher. Ob es die Saudis wollen oder nicht, Iran ist in der Lage, seinen rechtmäßigen Platz in der Region wieder zu erlangen.

Während Iran bei jeder Gelegenheit seinen Wunsch über gute und freundschaftliche Beziehungen mit Saudi-Arabien demonstriert hat, gab es bisher aus Riad nur eine kalte Antwort.

Um den derzeitigen diplomatischen Stillstand zu überwinden, sollte eine Track-2-Diplomatie aktiviert werden. Der Austausch und die Begegnung zwischen Wissenschaftlern und Experten beider Länder wären bei der Herbeiführung neuer Einblicke für die Verbesserung der Beziehungen hilfreich. Derzeit gibt es kein Sicherheitsforum im Nahen und Mittleren Osten, wo Iran und Saudi-Arabien am selben Tisch sitzen und ihre Ansichten austauschen. Verschiedene offizielle und inoffizielle Foren für eine Interaktion zwischen Saudi-Arabien und Iran dürften nicht zu einer unmittelbaren Annäherung führen, aber sie würden weitere Missverständnisse bei der Formulierung ihrer gegenseitigen Beziehungen verhindern und dies hilft, Vertrauen aufzubauen.


Nasser Saghafi-Ameri ist ein ehemaliger hoher iranischer Diplomat und ein Wissenschaftler und Autor in den Bereichen Außenpolitik, internationale Sicherheit und nukleare Abrüstung.

Erstmals veröffentlicht am 29. Januar 2014 bei Institute for Middle East Strategic Studies. Übersetzt von Thomas Effe.


said28-02-14

ich wusste allerdings nicht, über welche bedeutende Wissenschaftler od. experten die saudies verfügen, um mit denen man einen austausch durchführt !!!

Marc28-02-14

Zitat..Jeder war überrascht, als die Saudis im vergangenen Oktober einen prestigeträchtigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UNO) ablehnten - offensichtlich aus Protest gegen das, was die Monarchie als schwache und versöhnliche Haltung des Westens gegenüber der syrischen Krise und Irans wachsende regionale Rolle sehen...

eher wohl, weil die UNO keine GERECHTE Vereinigung ist, da dort die sogennanten VETO-Mächte jederzeit eine Mehrheit zu Fall bringen können. Saudi-Arabien wäre wie die anderen NICHT-VETO-Mächte nur eine Marionette !!!






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