14.02.2014 Thomas Erdbrink

Das jüdische Krankenhaus in Teheran als Begegnungsstätte


Dr. Sapir Krankenhaus und Wohltätigkeitsinstitut

Das jüdische Krankenhaus Dr. Sapir in der iranischen Hauptstadt Teheran liegt gegenüber einer der ältesten schiitischen Theologiehochschule der Stadt.

Ciamak Morsadegh sitzt in seinem Büro in Teherans einzigem jüdischen Krankenhaus, zündet sich eine weitere Zigarette an und erinnert sich zurück, wie seine Frau Iran in Richtung Vereinigten Staaten verlassen hat, nachdem er darauf bestanden hatte, zu bleiben.

Dr. Morsadegh, Direktor des „Dr. Sapir Krankenhaus und Wohltätigkeitsinstituts“, sagte, dass er ungleich wie Tausende anderer Menschen jüdischen Glaubens nie den Gedanken gehegt habe, die Islamische Republik zu verlassen, einfach aus dem Grund, dass Iran seine Heimat sei.

"Ich spreche Englisch, ich bete auf Hebräisch, aber denke Persisch", sagte Dr. Morsadegh, ein Chirurg, der auch Mitglied des Parlaments ist. "Ich bin Iraner. Jüdischer Iraner."

Viele waren letzte Woche überrascht, als die Regierung des Präsidenten Hassan Rouhani 400.000 US-Dollar an das Dr. Sapir-Krankenhaus spendete; Dr. Morsadegh zählte jedoch nicht zu ihnen.

"Wir Juden sind ein Teil von Irans Geschichte", sagte er. "Wichtig ist, dass Herr Rohani über uns große Schlagzeilen macht, in dem er uns unterstützt. Er zeigt damit, dass wir als eine religiöse Minderheit auch ein Teil dieses Landes sind."

Auf der Mostafa-Khomeini-Straße - benannt nach dem Sohn des Gründers der Islamischen Republik, Ayatollah Ruhollah Khomeini - liegt das Krankenhaus gegenüber der Theologiehochschule Imam Reza, eine der älteste schiitische Bildungsstätte in Teheran. Geistliche mit weißem Turban gehen vorbei und sprechen im Flüsterton mit ihren Studenten. Auch wenn das Krankenhaus Fehl am Platz erscheint, die Leute vor Ort scheinen nicht so zu denken.

"Wenn ich krank bin, gehe ich über die Straße", sagte der Theologiestudent Mohamad Mirghanin, als er gerade zum Unterricht eilte. "Sie haben zwar eine andere Religion, aber sie sind iranische Landsleute. Ich sehe keinen Grund, wieso ich nicht in ein jüdisches Krankenhaus gehen sollte."

Am Samstag wandte sich eine Frau im traditionellen schwarzen Schleier (Tschador) an Khoddad Asnashahri, dem Geschäftsführer des Krankenhauses und ein Muslim, und bat um Hilfe.

"Ich ging zum "Imam Khomeini Krankenhaus" mit meiner Tochter, die eine Sonografie benötigt, aber dort kostet es über 500.000 Toman", bzw. etwa 200 US-Dollar, sagte die Frau, Zahra Hajabdolmaleki.

Herr Asnashahri versprach: "Wir werden Ihnen für die Hälfte des Betrages helfen".

Benannt nach einem jüdischen Arzt, der 1921 beim Versuch Patienten während einer Typhus-Epidemie in Teheran zu heilen verstarb, begann das Krankenhaus als eine Klinik, in welche alle Iraner sich zu stark reduzierten Raten in medizinische Behandlung begeben konnten. Seit mehr als 50 Jahren ist es ein Treffpunkt für iranische Juden und Muslime und die bekannteste jüdische Wohltätigkeitsorganisation in der Hauptstadt.

Asnashahri, der fast 48 Jahre in diesem Krankenhaus gearbeitet hat, lobte die "gute Atmosphäre", bemerkt jedoch auch, dass nur fünf jüdische Ärzte geblieben sind. "Viele sind ausgewandert und haben Anteile an moderneren Krankenhäusern gekauft", so sagte er.

Über 96 Prozent der Patienten sind Muslime, so wie auch die meisten Mitarbeiter des Krankenhauses. Aber was am meisten zählt, fügt er hinzu, ist die Botschaft, dass "hier alle Menschen kommen können, egal mit welcher Religion, Hautfarbe oder Rasse".

Obwohl die Anzahl der jüdischen Bevölkerung Irans schwindet - aktuell liegt sie bei ca. 9.000 nach einer offiziellen Volkszählung des Statistischen Zentrums von Iran, andere Schätzungen reichen jedoch bis 20.000 - hat das Land die höchste Anzahl an Menschen jüdischen Glaubens im Nahen Osten nach Israel.

Der Chirurg Dr. Morsadegh hat sein Leben dieser schwindenden Gemeinde gewidmet. Er war einst der Führer des jüdischen Komitees in Teheran, einer Gruppe, welche Synagogen, Schulen und andere Facetten des jüdischen Lebens im Iran unterstützt, und wurde 2008 als jüdischer Abgeordneter ins Parlament gewählt, in dem fünf offizielle religiöse Minderheiten einen ständigen Sitz haben.

Er werde nicht sagen, dass die Situation der Juden und der anderen religiösen Minderheiten - christliche Armenier, Assyrer, Chaldäer und Zoroastrier - in Iran perfekt ist. Die fünf Minderheiten würden gerne ein modifiziertes islamisches Gesetz sehen, wonach beispielsweise nicht mehr ein Familienmitglied, das zum Islam konvertiert ist, das gesamte Erbe seiner oder ihrer nicht-muslimischen Familie erhält. Doch die Dinge sind schlimmer für evangelikale Christen und Bahai, die mit Freiheitsstrafen und in vielen Fällen mit Ausschluss von Hochschulbildung konfrontiert werden können.

Dr. Morsadegh meinte ebenso, dass die wiederholten Leugnungen des Holocausts durch den ehemaligen Präsident Ahmadinedschad psychische Narben hinterlassen haben. „Sehen Sie, alle Juden glauben an den Holocaust“, so sagt er. „Es wäre sehr viel besser gewesen, wenn er diese Frage nicht thematisiert hätte“.

Präsident Rouhani schweigt bis dato zum Thema Holocaust. Im September jedoch wünschte sein Sozial-Medien-Team allen Juden auf der Welt ein frohes Rosh Hashana.

„Es ist deutlich besser geworden“, sagt Dr. Morsadegh und erinnert daran, wie tausende Juden das Land nach der Revolution 1979 verlassen haben. Viele mehr sind seitdem aufgrund der schlechten Wirtschaftslage ausgewandert.

Auch wenn das Dr. Sapir-Krankenhaus in jüdischem Besitz ist, gibt es nicht viel, das an die jüdische Herkunft erinnern würde. An der Wand des Büros von Dr. Morsadegh hängen zwei Portraits, das des ehemaligen und des aktuellen religiös-politischen Staatsoberhaupt Irans mit Blick auf ein Gemälde von Moses, die Zehn Gebote in den Händen haltend.

Im September begleitete Dr. Morsadegh den Präsidenten Rohani auf seiner Reise zu den Vereinten Nationen in New York. Einige in Iran spielten auf eine Verbindung zwischen der Geldspende des Präsidenten an das Krankenhaus und der enthusiastischen Verteidigung Irans und der Lage der Juden im Land durch Dr. Morsadegh an.

Doch den Arzt kümmern diese Behauptungen nicht. „Ich half diesem Land im Krieg gegen den Irak, als Erste-Hilfe-Arzt“, sagte er. „Und ich würde es morgen wieder tun“.


Erstmals veröffentlicht am 9. Februar 2014 bei The New York Times. Übersetzt von Said Ghadimi.


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