07.01.2014 Suzan Haidamous und Ahmed Ramadan

Syriens Bürgerkrieg stellt die Beständigkeit der fast ein Jahrhundert alten Grenzen auf die Probe


Grenze von Syrien und Libanon

Die libanesisch-syrische Grenze: Wird der Krieg in Syrien die jahrhundert alte Grenze im Nahen Osten verändern?

AL-QASR, Libanon – Dass die eine Hälfte seiner Farm in Syrien liegt  und die andere Hälfte im Libanon, ist der Beginn des Rätsels und der Unannehmlichkeiten für Mohammed Al-Jamal, dessen Familie das Land besaß, schon lange bevor die Europäer auftauchten und Linien zogen, die die Grenzen des modernen Nahen Ostens erschufen.

Jamal hatte die unsichtbare Grenze, welche nur einige Meter von seinem Haus entfernt verläuft, meist ignoriert –  genau so, wie es der syrische Bürgerkrieg tat, als er nebenan ausbrach. Verwandte wurden gekidnappt, Nachbarn meldeten sich freiwillig zum kämpfen und einmarschierende Panzer töten einige seiner Kühe, verletzten drei Arbeiter und machten die Bedeutungslosigkeit dieser Grenze deutlich.

„Für all das, mache ich Sykes-Picot verantwortlich“, sagte Jamal in Bezug auf das geheime Abkommen aus dem Jahr 1916 zwischen Großbritannien und Frankreich, das die Reste des kollabierenden Osmanischen Reiches aufteilte. Das Resultat war die Schaffung von Nationalstaaten, die vorher nie existiert hatten - quer durch Familien- und Gemeinschaftsbindungen und es legte den Grundstein für einen Großteil der Instabilität, die die Region bis zum heutigen Tag erfasst.

Nach nur weniger als einem Jahrhundert nachdem sie gezogen wurden, wird die Widerstandsfähigkeit dieser Grenzen – und die Nationen, die sie formten –  geprüft, wie niemals zuvor. Der Krieg in Syrien schwappt nach Irak, Libanon, Türkei, Jordanien und Israel über und saugt an Orten, welche vor Jahrhunderten eine Einheit bildeten und an Menschen, deren Geschichte, Glaube und Existenz über die Länder hinausgehen, in denen sie geboren wurden.

Sunniten aus der gesamten Region strömen nach Syrien, um an der Seite der Rebellen zu kämpfen. Viele streben die Wiederherstellung der sunnitischen Herrschaft nach extremistischen Idealen an. Schiiten aus den gleichen Staaten strömene in Scharen nach Syrien, um Präsident Bashar al-Assads schiitisch-affiliiertes Regime zu verteidigen. Durch die Zusammensetzung der Konfessionen nimmt der Krieg eine weit über Syrien reichende Dimension an.

Zivilisten flüchten in die entgegengesetzte Richtung, 2,3 Millionen bis heute. Sie transformieren Gemeinschaften außerhalb Syriens in einer Weise, die möglicherweise irreversibel sein könnte.

„Von Iran zum Libanon gibt es keine Grenzen mehr“, sagte Walid Jumblatt, der Führer der libanesischer Drusen, einer Minderheitengemeinschaft. „Offiziell existieren sie noch, aber wird es sie noch in fünf Jahren geben? Wenn es noch mehr Verschiebungen gibt, wird der gesamte Nahe Osten in sich zusammenfallen.“

Niemand erwartet ernsthaft, dass die jetzigen Grenzen als Folge der anhaltenden Unruhen neu gezogen werden. Aber die Versammlung der Weltmächte in der Schweiz nächsten Monat zu Gesprächen, die auf die Beendigung des Syrien-Konflikts abzielen, ist ein genauso tiefgreifender Moment wie der, der auf den Ersten Weltkrieg folgte, als die Nationalstaaten geboren wurden, sagt Fawaz Gerges von der London School of Economics.

Bereits das Chaos des syrischen Bürgerkriegs hat die Karte durcheinander geworfen - es hat neue Grenzen geschaffen, die enger entlang der Bevölkerungsgruppen laufen. Vier Flaggen wehen nun über das Gebiet, das als Syrien bekannt ist. Sie repräsentieren die konkurrierenden Weltsichten der Konfessionen, der Identitäten und der Gefolgschaften, die der Krieg entblößt hat – und die Stücke, in die sie brechen könnte.

Das Ergebnis könnte eine weitere Fragmentierung der bestehenden Staaten sein oder vielleicht eine längerfristige Konsoldierung, die die Grenzen verwischt, die sie teilt, sagt Gerges.

„Alles ist derzeit in Frage gestellt und es ist alles sehr schwer zu prognostizieren“, sagt er. „Aber was wir erkennen, ist, dass das Nahost-Staatensystem, das nach dem  1. Weltkrieg entstanden ist, aus den Fugen gerät.“

„Die konfessionellen Grenzen sind real“

Der Nahe Osten, der schließlich aus dem Ersten Weltkrieg hervorging, hat wenig Ähnlichkeit mit dem einst getroffenen Sykes-Picot-Abkommen, welches nach den britischen und französischen Diplomaten benannt ist, die bei einem Treffen in London die Region - von Ost nach West - in zwei Teile teilten.

Aber das mühevolle Zeichnen von Linien gab nur den Ton für die zukünftig folgenden Tätigkeiten in Sachen Nationenbildung an. Bis zum heutigen Tage ist es Sykes-Picot, dass Erinnerung und Abscheu bei den Menschen hervorruft, die im Schatten seiner Folgen leben.

Pläne für ein unabhängiges arabisches Vaterland wurden verworfen. Stattdessen übernahmen die Briten die volle Kontrolle über die Gebiete Irak, Jordanien, Palästina und später Israel. Die Franzosen wählten Syrien und schnitzten aus ihm den Libanon als einen Zufluchtsort für Christen. Ein Verlust, den Syrien  offiziell nie akzeptierte.

Eine dieser Grenzen, die sie zogen, verlieft durch Al-Qasr - inmitten zahlreicher kleiner Bauerndörfer, üppige fruchtbare Länder punktierend, die durch die Ströme des Bergs Hermel in der abgelegenen nordöstlichen Ecke des libanesischen Bekaa-Tals versorgt werden.

Die überwältigende Mehrheit der schiitischen Gemeinde verkündet anhand von Porträts ihre Loyalität mit dem Syrer Assad und dem religiös-politischen Staatsoberhaupt Irans, Ayatollah Ali Khamenei. Neben ihnen aufgereiht ist die einzige libanesische Persönlichkeit – Hassan Nasrallah, Führer der militanten Hisbollah. Bilder von Männern der Dörfer, die in Syrien im Kampf für die Hisbollah gefallen sind, zieren die Schaufenster. Deren Beitrag hat sich als entscheidend für eine Reihe der jüngsten Siege der Assad-Regierung erwiesen.

„Zwischen uns gab es nie Grenzen. Wir verstehen uns als ein Territorium“, sagt Mohammed Shamas, 22 Jahre alt, dessen Geschäft an der Grenze liegt. „Aber vor einer langen Zeit kamen die Franzosen und zogen die Grenzen.“

Noch realer für die Bewohner ist hier jedoch die nicht-markierte Grenze, welche die schiitischen Dörfer im Ausläufer des Bergs Hermel von der nächstgelegenen sunnitischen Stadt, Arsal, die durch den Aufstand in Syrien zum Zentrum der syrischen Opposition transformiert wurde, trennt. 25 Meilen entfernt, versteckt im steinigen Gebirge, wimmelt die Straße nur so von syrischen Flüchtlingen, syrischen Rebellen, Krankenwagenüberführungen, an der Front verwundeten syrischen Kämpfern und Taxen, die die Route zur nächstgelegenen syrischen Stadt, Yabroud, pendeln.

Einige Menschen hier verreisen verängstigt in die entgegengesetzte Route in Richtung der libanesischen  Städte - nach einer Welle von Entführungen und Morden zwischen den libanesischen schiitischen und sunnitischen Gemeinden, die vom syrischen Krieg angeheizt wurden.

„Wir betrachten diesen Ort hier viel mehr als syrisch als libanesisch“, sagt Abu Omar, ein Bewohner Arsals, der in einer kleinen Klinik verwundeten Kämpfern hilft und seinen echten Namen aus Furcht vor Problemen mit libanesischen Behörden, aufgrund seiner Aktivitäten, lieber nicht verwenden möchte. Trotz des Beschusses und der Luftangriffe nimmt er seine Familie zum von Rebellen besetzten Yabroud zum einkaufen mit, weil er es nicht wagen würde, tiefer in den Libanon zu gehen. "Die konfessionellen Grenzen sind real", sagte er.

Jamal, der schiitische Farmer, dessen Land die syrischen Grenze überspannt, macht all seine Einkäufe in der syrischen Stadt Homs - und das nicht, weil er die Reise zu den anderen schiitischen Städten fürchtet, sondern weil Homs günstiger ist und näher liegt. „Ich würde nie nach Arsal gehen. Dort ist es voll von Takfiris ", sagte er im Hinblick auf die sunnitischen Extremisten.

„Mit dieser Grenzziehung stellten sie sicher, dass zwischen uns für immer Probleme herrschen wird“, fügte er hinzu. „Es war Absicht.”

Neugestaltung der Karte

Während der Bürgerkrieg in das dritte Jahr geht, nehmen ähnliche ungezogene Grenzen in der gesamten Region Gestalt an.

In dem Wüstengebiet zwischen dem Euphrat und dem Tigris – das Mesopotamien der Antike – baut der Islamische Staat Irak und Syrien sein Einflussgebiet in Syrien und Irak aus - mit gehissten Al-Qaida-Flaggen auf beiden Seiten der Grenze. Die Wiederherstellung eines sunnitisch-muslimischen Kalifats ist das Ziel, welches sunnitische Freiwillige  aus der gesamten Region anlockt. 

Im äußersten Nordosten Syriens haben Kurden ihre kurdischen Flaggen hissend mehrere Gebiete für autonom erklärt und hegen Hoffnung auf eine Unabhängigkeit, die sie verloren hatten, als die Karte nach dem Weltkrieg kreiert wurde.

Assads Anhänger, gestärkt von dem Zustrom schiitischer Freiwilliger aus dem Libanon und dem Irak, festigen ihre Macht in einem Gebiet, dass sich von der Hauptstadt Damaskus  bis hin zur Küste erstreckt, wo der größte Teil der schiitisch-affiliierten alawitischen Minderheit lebt. Sie erhalten das Einflussgebiet der syrischen Zweisternenflagge des vier Jahrzehnte alten Baath-Regimes aufrecht.

In jedem Ort korrodieren die Massaker und Verfolgungen von Konfessionen, die auf der falschen Seite der Linie sind, die Vielfalt, die das einst historische Syrien auszeichnete. Christen und Alawiten fliehen aus den von Rebellen kontrollierten Gebieten, Sunniten, die mit den Rebellen sympathisieren, entfliehen in Schwärmen aus den von der Regierung kontrollierten Gebieten in den Libanon, in die Türkei, nach Jordanien und in den Irak, und es gibt wenig Anzeichen dafür, dass sie in absehbarer Zeit in der Lage sein werden,  in ihre Heimat zurückzukehren. 

Und über jede Herrschaft walten ausländische Mächte und sponsern zu ihrem eigenen Vorteil ihre Schützlinge mit Geld und Waffen. Saudi-Arabien, Katar und andere Staaten des Persischen Golfs unterstützen die islamistischen Rebellen; Iran und Russland unterstützen die Regierung. Sie alle erinnern an die Rivalität der Großmächte, die die Karte vor einem Jahrhundert formte.

Die Vereinigten Staaten und Europa stehen hinter der vierten über Syrien wehenden Flagge - die mit drei Sternen, eine von den ursprünglich eher moderaten Befürworter des Aufstands, die die Assad-Diktatur durch eine Demokratie zu ersetzen versuchten. Aber ohne viel an Finanzierung und Ausrüstung ist ihre Flagge diejenige, deren Einflussgebiet am schnellsten schrumpft.

Wie ist die Lösung?

Doch die Aufteilung, die da dominiert, wo die Verschiebung unvermeidlich erscheint, ist ein Ergebnis, das nur von wenigen Leuten unterstützt wird - abgesehen von den Kurden, die seit langem einen eigenen Staat begehren.

Auch wenn die Herrscher es versäumt haben, aus Nationalstaaten eine tragfähige Entität zu bilden, haben die meisten Menschen die Identitäten der Staaten angenommen, in denen sie leben, sagte Malik Abdeh, ein in London lebender oppositioneller syrischer Autor.

„Es ist das Versagen der politischen Eliten, keinerlei Art von Vision anzubieten, die die Lehren, die das Sektierertum aufrechterhalten, überwindet“, sagte er. „Die Vorstellungen vom Nationalstaat sind noch sehr stark, auch wenn die Realität nicht mit den geltenden Idealen übereinstimmt.“

Sogar die Brutalität des Krieges spricht dafür, dass alle Parteien die Absicht hegen, einen vollständigen Sieg  zu erreichen - es gibt Regierungstruppen, die routinemäßig die von Rebellen besetzten Gebiete im Norden bombardieren, die diese schon lange vertrieben haben, und Rebellen, die mit immer neuen Offensiven nicht von Damaskus ablassen.

In einem Büro der Hisbollah in Hermel, der schiitischen Stadt, die Al-Qasr verwaltet, verurteilte ein  Offizieller unter der Bedingung, anonym bleiben zu dürfen, weil er nicht dazu befugt ist, zu den Medien zu sprechen, die Fragmentierung des Gebietes als eine amerikanische Verschwörung, deren Ziel es sei, die arabische Welt in kleine und schwache Kleinstaaten zu spalten, damit Israel sich als mächtigstes Land der Region etablieren kann.

Das sei nicht das, was er oder andere Schiiten wollen.

„Wenn die Entstehung konfessioneller Enklaven erlaubt werden, würden die Christen eine Minderheit sein; Schiiten und Alawiten würden eine Minderheit sein in einem Meer von Sunniten“, sagte der Offizielle.

Sunniten vermuten dieselbe Verschwörung, machen jedoch die Briten dafür verantwortlich - ein Rückgriff auf den Verrat ihrer Hoffnungen auf die Unabhängigkeit, nachdem der britische Armeeoffizier T. E. Lawrence alias Lawrence von Arabien dabei half, die arabische Revolte gegen die Türken zu leiten. Auch sie haben Angst vor den Folgen einer neuen Spaltung, die sie im Herzen der Wüste in der Region eingrenzen würde.

„Wenn Syrien aufgeteilt ist, dann wird ein 100 Jahre andauernder Krieg herrschen,“ sagte Abu Zeid, 37 Jahre alt, ein syrischer Flüchtling aus Damaskus, der ein Restaurant in Arsal betreibt. „Die Alawiten wollen die Küste haben, die Kurden wollen das Öl und die Sunniten werden in der Mitte nichts haben. Die einzige Lösung ist es, alles zu teilen.“
 
Die Herausforderung der Genfer Friedensverhandlung zwischen der syrischen Opposition und dem Regime wird es sein, eine Einigung über eine neue Form der Staatsführung herbeizuführen, wodurch ein Ende der Kämpfe erreicht werden soll. Wenn dies scheitert, scheint eine weitere Fragmentierung unvermeidbar, sagte Hilal Khashan, ein Professor für Politikwissenschaften an der Amerikanischen Universität Beirut.

Mit der Zeit jedoch könnte eine stärkere Dezentralisierung, in denen die lokalen Gruppierungen über ihre Angelegenheit selbst entscheiden, gerechtere und stabilere Gesellschaften schaffen, sagte er, und er beschreibt dabei „eine Art Schirm der Nationen, unter dem verschiedene Gruppen ihr eigene Kultur und Lebensweise leben können.“

Dass die Grenzen in der Region verschwinden, „würde wie Utopia sein“, sagte Issam Bleibeh, der stellvertretende Bürgermeister Hermels, als er mit eine Gruppe von Freunden in seinem Haus in der kleinen Stadt - deren Straßen genauso wie die in der nahegelegene Stadt Al-Qasr mit Bildern der Verstorbenen gesäumt sind - über Möglichkeiten grübelt, wie der Krieg ein Ende finden könnte.

„Kriege werden sich ändern, aber sie werden immer Kriege bleiben“, sagte Bleibeh. “Eines Tages könnte es ein muslimsch-christlicher, dann ein schiitisch-sunnitischer und dann ein sunnitsch-sunnitischer sein. Das einzig sichere ist, dass es immer Kriege geben wird.“

Aber, fügte er schnell hinzu, „natürlich ist das keine Lösung. Wir müssen einen Weg finden, uns  zusammenzusetzen und miteinander zu sprechen, um einen Weg zu finden, zusammenzuleben.“


Erstmals veröffentlicht am 27. Dezember 2013 bei The Washington Post. Übersetzt von Houda Jaber.


Unbekannt07-01-14

Der Artikel hat einen entscheidenden Fehler. Und zwar impliziert er, dass zwölferschiitische Milizen jemals Massaker in Syrien verübt hätten. Das ist unwahr, und so ein Vorwurf wurde auch niemals von seriöser Seite, wie etwa von Menschenrechtsgruppen, erhoben. Und soweit ich weiß auch nicht von anderen.

Locke08-01-14

Außerdem ist es kein Kampf zwischen Sunniten und Schiiten, sondern Salafisten gegen Sunniten und Schiiten.

Freidenker08-01-14

@Locke,

eher Salafisten und Al Qaida Ableger gegen die FSA, Sunniten, Shiiten Alawiten, Christen und Kurden etc.!
Freie Syrische Armee gegen Salafisten, Al Qaida Ableger, Sunniten, welche Regierungsreu sind, Shiiten, Alawiten, Kurden, Christen. etc. etc.

Marie-Luise09-01-14

Ich stimme der Analyse von S.Haidamous u. A. Ramadan voll zu ! Diese willkürliche Teilung der 'Großmächte', im besonderen Englands u. Frankreichs zu "Nationalstaaten" nach ihrem Ermessen, war sehr dumm und kurzsichtig ! Aber sie waren u. sind machtbesessen, u. fühlen sich auch als ehemalige Kolonialherren bis heute. Das gilt nicht nur für den Nahen Osten, sondern für ganz Afrika.- Ist man heute vernünftig genug auf allen Seiten für ein friedliches Miteinander der Ethnien u. Religionen ? Die Hoffnung stirbt zuletzt !- M.-L.




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