16.12.2013

Berater des Präsidenten prangert Populismus in Iran an


Dr. Mahmood Sariolghalam

Dr. Mahmood Sariolghalam

Populismus bedeutet, dass Menschen ein wenig Geld erhalten und einen Monat lang zufrieden sind. Populisten erreichen mit dieser Methode politische Zugeständnisse und niemand fragt danach, ob diese Methode logisch ist oder nicht.

Mahmood Sariolghalam, Professor für internationale Beziehungen an der Shahid Beheshti Universität [in Teheran, Anm. d. Red.], sagte: „Es gibt eine versteckte und manchmal eine aktive Ebene von Populismus im iranischen Gemüt und deshalb werden Iraner vom Populismus beeinflusst.“

Dr. Sariolghalam, der in seinen Abhandlungen versucht, die politische Kultur der Iraner einzuschätzen und zu analysieren, begann seine Rede am Kulturinstitut ‚Imam Musa Sadr‘ mit den Worten: „Der Begriff Populismus, abgeleitet von populus, was ‚das Volk‘ bedeutet, stammt ursprünglich aus Lateinamerika.“

Dann sagte er, dieser Begriff stehe gegen Rationalismus, Weisheit, Elitedenken und Expertentum: „Populismus ist eine Art Trend. Es bedeutet, Entscheidungen zu treffen basierend auf Ereignissen, die in der nahen Vergangenheit und in der Zukunft liegen. Populismus hat nichts mit der Vergangenheit und der Zukunft zu tun. Populismus hat nichts mit Argumentation und Forschung zu tun; er wird vielmehr dazu verwendet, um Menschen zu täuschen, um sie für die nächsten paar Tage zufriedenzustellen.“

Nach der Beschreibung des theoretischen Rahmens des Konzepts von Populismus erklärte Sariolghalam dann, warum er behauptet, „es gibt eine versteckte und manchmal aktive Ebene von Populismus im iranischen Gemüt, und deshalb werden die Iraner vom Populismus beeinflusst.“

Er legte dar, dass Populismus in Iran zwei historische Wurzeln hat: „Erstens wirtschaftliche Armut und zweitens kulturelle Armut. Eine Studie über die Geschichte der Kommunisten in Iran zeigt auf, dass viele von ihnen aus armen Familien stammten, die in abgelegenen Gebieten des Landes lebten und mit den sozialen Gegebenheiten, in denen es zahlreiche Vakuen gab, unzufrieden waren. Deshalb kann Kommunismus in Iran nicht mit dem Kommunismus in, beispielsweise, Ungarn verglichen werden.“

Er fügte hinzu: „Im Buch mit dem Titel ‚Autoritarismus in der Epoche der Kadscharen‘ kam ich zum Ergebnis, dass es nicht das Problem von uns Iranern ist, dass wir unterschiedliche Meinungen haben, da es nicht schwer fällt, unterschiedliche Auffassungen in einem Land mit antiker Geschichte zu akzeptieren. Sondern das Hauptproblem ist der Individualismus, der durch die Reflexion des Autoritarismus und unserer monarchischen Geschichte im iranischen Gemüt hervorgerufen wird und in der iranischen Persönlichkeit verwurzelt ist. Deshalb können Iraner nicht miteinander interagieren. So ist das, während in einem Land wie China Menschen problemlos miteinander interagieren und am Ende, auf Basis der Pyramide bestehend aus Partei oder Familie oder Gesellschaft, zu einer gemeinschaftlichen Meinung neigen und dementsprechend handeln. Doch in unserer iranischen Kultur entfernen wir uns voneinander, sobald es eine Meinungsverschiedenheit zwischen uns gibt.“

Sariolghalam erwähnte die jüngste Erfahrung der Iraner, in dem er den Populismus erklärte und sagte: „Populismus bedeutet, dass Menschen ein wenig Geld erhalten und einen Monat lang zufrieden sind. Populisten erreichen mit dieser Methode politische Zugeständnisse und niemand fragt danach, ob diese Methode logisch ist oder nicht. Es bedeutet, dass anstatt die Arbeitsatmosphäre und das Steuersystem reformiert wird und angemessene internationale Beziehungen hergestellt werden, es das verfolgt, was Menschen fälschlicherweise wollen. Das Ergebnis schafft zahlreiche Probleme für die Gesellschaft.“

Er bekräftigt folgendes Argument: „Wir müssen zwischen Weisheit und Intelligenz unterscheiden. Iraner gehören zu den Besten im Bereich der schulischen Intelligenz, doch sie sind sehr schwach in sozialer Weisheit. Die soziale Intelligenz der Iraner ist populistisch. Wenn zwei Menschen einen Autounfall haben, versammeln sich alle um sie und geben ihre Expertise ab! Soziale Intelligenz bedeutet, den Aspekt zu verstehen, wann eine Person das Recht hat, seine Meinung zu äußern und wann nicht.“

Sariolghalam erklärte dann, dass es einen Unterschied zwischen Populismus und Achtung der Menschen gibt: „Imam Musa Sadr sorgte sich um die Menschen, er respektierte sie und suchte nach Lösungen für ihre Probleme und versuchte, die vielen Knoten im Leben der Menschen zu lösen. Er bereiste viele Orte, um die notwendigen Mittel zu finden, doch wenn er Pläne fassen musste, konsultierte er die besten Berater.“

Er führte weiter aus: „Das ist die Grenze zwischen Populismus und Achtung der Menschen. Diejenigen, die ihm nahe standen, sagen, er habe umfangreiche Beratung erhalten über jede Entscheidung, die er im Begriff war zu fällen. Das ist so, während den Populisten die Universitäten und die Eliten und Expertisen egal sind.“

 
Dr. Mahmood Sariolghalam ist ein Berater des neuen iranischen Präsidenten Hassan Rouhani, Autor zahlreicher Bücher und Forscher auf dem Gebiet der Entwicklung, Politikwissenschaft und Zeitgeschichte Irans.

Erstmals veröffentlicht am 13. Dezember 2013 bei Iranian Diplomacy (IRD). Übersetzt von Yaz Theder.


Le Mec16-12-13

Ist Imam Musa Sadr sehr populär in Iran? Kennt jeder ihn dort?

siglinde19-12-13

Da scheinen die Iraner den Deutschen wieder einmal sehr ähnlich zu sein, in ihrem Streben nach Individualismus. Man muss in der Erziehung darauf achten, dass die Maßstäbe der Vernunft eingehalten werden und es nicht immer nur um die persönlichen Befindlichkeiten geht.

Thomas20-12-13

Ich finde es schon erschreckend, wie Dr. Mahmood Sariolghalam über die Nöte der Unterschicht hinweggeht. Gerade in sich entwickelnden Ländern kann es nicht nur Akademiker geben, egal wie gut das Bildungssystem ist. Der Populismus, der hier kritisiert eben auch, dass bestimmte soziale Schichten das Nötigste zum Leben haben. Ich hoffe sehr, Iran entwickelt sich nicht in eine neoliberale Richtung, wie es ansatzweise schon unter Rafsandschani war.

Homayoun H.22-12-13

@siglinde

dem kann ich nach jahrelanger Beobachtung beider Kulturen (und das Leben in beide Ländern) so nicht zustimmen.

In Deutschland habe ich sehr wenig Streben nach Individualismus bemerkt und ein Vergleich zwischen Iraner und Deutsche diesbezüglich würde mir nicht in den Sinn kommen. Ganz im Gegenteil: Iran und Deutschland sind zwei unterschiedliche Extreme, quasi zwei Gegenpole was Populismus und Individualismus angeht.

Während im Iran jeder von sich behauptet Experte in allen Fragen zu sein und Teamwork sehr schlecht funktioniert, sind die Deutschen Spezalisten in Organisation und Arbeitsteilung, was sich einerseits sehr positiv auf das Funktionieren des Staates, der Volkswirtchaft, usw. auswirkt, andererseits aber einige Opfer verlangt, vor allem den angesprochenen Individualismus.

Populismus hat in Deutschland (ausgenommen einige historisch und sozialpsychologisch bedingte komplexe Themen die sich alle paar Jahre in degenerierte Ablassventile wie Sarrazin entladen) wenig Chancen auf Erfolg und die Menschen wählen meist das "Vernünftige" und Unpopulistische, auch wenn die Wahl der Lösung eines Problems kurzfristig "schmerzhaft" sein sollte. Dies ist natürlich ebenfalls historisch bedingt. Bei Populisten läuten meist sehr schnell die Alarmglocken bei den meisten Deutschen, auch wenn manchmal die Versuchung groß ist.

Im Iran hingegen geht man sehr abenteuerlich damit um, manchmal sogar auf selbstzerstörerische Weise. Zusaätzlich gibt es im Iran das "Nach mir die Sintflut" Verhalten was weniger mit Populismus zutun, sondern vielmehr einfach purer Egoismus ist. Sowohl den nachfolgenden Generationen gegenüber (Stichwort Umwelt, usw.) aber auch unmittelbar
den anderen Mitbürgern gegenüber.

Das Problem in Deutschland ist dass die Deutschen sich völlig dem Staat "hingegeben" haben. Sogar bei äußerst privaten und höchst individuellen Themen und Problemen.

Und wenn die Deutschen über politische Themen diskuttieren wollen, lesen sie meist ihre "Quellen" und geben diese wieder. Die einen diese Quellen, die anderen jene Quellen, was auf den ersten Blick pluralistisch aussieht, aber im Endeffekt eine vorgegebene Auswahl an wenigen Möglichkeiten ist von denen die allermeisten Deutschen dann eine Auswahl für sich treffen.

Wenn die Iraner über politischen Themen diskuttieren wollen, wird erstmal davon ausgegangen dass alle "Quellen" lügen oder keine Ahnung haben und jeder Iraner hat eine eigene (teilweise abenteuerliche) Theorie über alle Geschehnisse auf der Welt.

Wie gesagt, zwei Extreme die meiner Meinung nach beide ihre Nachteile und Vorteile haben.

Eine gesunde Mischung wäre eigentlich das Optimale.

siglinde30-12-13

@Homayoun
Ich lasse mich gerne von Ihnen belehren, da Sie beide Seiten kennen.

Ich möchte aber trotzdem meine Sichtweise noch einmal darlegen.

Ein halbes Jahrhundert lebe ich nun als Deutsche unter Deutschen, immer sehr gerne und ich gebe auch gerne zu, dass ich als Kind schon mehr als glücklich war, in dieses Volk hineingeboren worden zu sein. Fast täglich habe ich Gott dafür gedankt.

Natürlich hat man uns versucht zum Selbsthass zu erziehen, was bei mir nicht ganz funktioniert hat, bei anderen schon.

Heute aber stehe ich hier und fange an mich immer weniger mit meinem Volk zu solidarisieren und zu identifizieren, weil ich es als weitestgehend kaputt erachte. Da gibt es Tendenzen, die sich gerade in das Privatleben ausbreiten und Privatleben bedeutet eben auch Familienleben, die Stütze jedes Staates, jeder Gesellschaft, jedes Volkes, die eben so individualistisch sind, dass die Familien keinen Bestand mehr haben. Ich habe gestern Abend noch einmal darüber nachgedacht, hier in meiner Umgebung gibt es nicht eine einzige intakte Familie und die Ursachen sind vielfältig, aber eine Art Zusammenhalt oder einen Sinn für das Gemeinsame, ein zurückstellen der eigenen Bedürfnisse scheint es nicht mehr zu geben. Und gerade Familienleben bedeutet, dass man seinen eigenen Egoismus auch zurückstellen kann und für eine Ganzheit Verantwortung übernimmt.

Was das angeht, und ihre Annahme, dass auch im privaten Bereich quasi der Staat regiert, interpretiere ich mal in der Hinsicht, dass der Staat bestimmte Normen vorgibt, wie Emanzipation der Frau, Toleranz, gewaltfreie Erziehung etc. Das funktioniert auch an der Fassade, aber ich stelle immer wieder fest, dass die Menschen zwar denken, sie seien politisch korrekt und auch so reden, aber nichts davon in ihrer Persönlichkeit integriert haben. Und die wahren Absichten brechen dann hervor. Hier gibt es Dinge trotz sogenannte Emanzipation, dass Mann und Frau arbeiten gehen, die Frau ihr ganzes Geld in der Haushalt steckt, den Haushalt sowieso macht, die Kinder erzieht und der Mann kauft sich von seinem Verdienst die schönsten Dinge und sowas zum Bespiel erlebe ich oft. Aber fragen sie solche Frauen einmal, ob sie emanzipiert sind oder ab sie von ihrem Mann unterdrückt werden. NEINNNN...Das ist lachhaft.

Und da könnte ich ihnen 100te solcher Bespiele nennen.

Vieles ist eben doch Fassade und diese bröckelt und dahinter steht nur das Bedürfnis die eigenen Befindlichkeiten durchzusetzen.

Ich denke, dass die Ursachen vielleicht grundsätzlich gleich sind, nämlich ein Menschentypus, der nach Individualismus strebt, die Erscheinungen aber nicht, weil es sich um ganz andere Völler mit anderen gesellschaftlichen Systemen und anderen Geschichten handelt.
Ich habe mich am Rande auch mit Anthropologie beschäftigt und da gab es die Feststellung, dass gerade nordid geprägte Völker einen enormen Individualismus in sich haben. Die Iraner sind wie die Deutschen ebenfalls nordid geprägt, man sehe sich die vielen irano-nordiden Typen an.

Und gerade deshalb waren es die Germanen, anders als viele meinen, die den Europäern den Freiheitsgedanken gebracht haben.

Heute ufert es einfach aus.

Ladan Mokhtari29-01-14

Ich stimme allen beiden, Homayoun H. und Fr. Siglinde zu. Ich bin auch Iranerin und habe mit Sicht einer genaueren Geisteswissenschaftlerin für 5.5 Jahre, die ich in Deutschland gebracht hatte (seit etwa 8 Jahren davor hatte ich täglich über beiden Ländern und Völkern gelesen und recherchiert), die Deutschen tatsächlich unter die Lupe genommen. Das, was daraus heraus gekommen ist, besagt uns, glaube ich, alles: 'Die Deutschen sind durch ordentliche sehr präzise funktionierende (durch Bestrafungen und besonders haargenaue Kontrollmaßnahmen bundesweit) irgendwie von dem Staat, den Parteien, den Vereinen-Benimm-Regelungen, kapitalistischer privatisierter Arbeitswelt, ... nach zusätzlichen Kriterien umerzogen worden, was man über den Iranern nicht behaupten kann. Die haben vielleicht durch kranke im Lande durch und durch herrschende Systeme so'n privates Eigen-Wehr-System entwickelt, was sich nicht zwingend aber doch unter den Mitgliedern verschiedener Gesellschaft-Schichten manchmal durch speziellen Duktus heraus kristallisiert hat, als besondere Verhaltensweise unter jeder verschiedenen Bevölkerungsschicht je aus einer gelegentlich unterschiedlichsten Hypokulturen des Landes, trotzt eines vorhandenen gemeinsamen Verhalten-Duktus, der fast wie eine klare Linie stimmend für alle Iraner zu sein scheint. kurz gesagt: ''Die ursprünglichen Eigenschaften jeder Nation werden als das Paket ihrer anthropologischer politischer wirtschaftlicher Geschichte irgendwie eine besondere zusätzliche manchmal komplett verändernde Richtung nehmen, wobei auch hin und wieder passiert, dass sie sich, so zu sagen, einer balancierten Translokation der charakteristischen Verhalten-Kriterien unterordnen, u. zwar innerhalb mehreren Jahrhunderten!, obwohl sie vielleicht gründliche Gemeinsamkeiten zeigen, wie die Iraner und die Deutschen''




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