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Das iranische Misstrauen und die Rolle der USA im Nahen Osten


Angehörige der Opfer des Flugs Iran Air 655

Angehörige der Opfer des Flugs IR-655.

Wenn das religiös-politische Staatsoberhaupt Irans, Ayatollah Ali Khamenei, sagt: „Wir halten die US-Regierung nicht für vertrauenswürdig, sondern für überheblich, unsachlich und unzuverlässig.“ Dann ist dies eine Meinung, die aus jahrzehntelanger Erfahrung resultiert. Die diplomatische Initiative des neu gewählten Präsidenten Hassan Rouhani hat er nichtsdestoweniger ausdrücklich unterstützt. Zu den Ursachen für das tief verwurzelte iranische Misstrauen gegenüber den USA gehört auch eine Tragödie, an die Toby Craig Jones, Außerordentlicher Professor für Geschichte an der Rutgers Universität in New Jersey, in seinem Buch „Die Amerikanischen Öl-Kriege“ erinnert, das demnächst bei Harvard Press erscheinen wird.

Am 3. Juli 1988 stürzte das iranische Passagierflugzeug IR-655 auf dem Weg nach Dubai, sieben Minuten nach dem Start in Bandar Abbas, in den Persischen Golf. Grund: Der Beschuss mit zwei Flugabwehrraketen durch den amerikanischen Kreuzer USS-Vincennes. An Bord der Passagiermaschine befanden sich außer der Crew 290 Passagiere - ausschließlich Zivilisten. Alle Personen an Bord kamen ums Leben. Die nicht bei der Zerstörung der Maschine sofort Getöteten, fielen 4.200 Meter tief und starben beim Aufprall.

Sechs Wochen später veröffentlichte das US-Verteidigungsministerium einen 150-seitigen Bericht, in dem es den Abschuss der Maschine als einen tragischen und bedauernswerten Unfall bezeichnete, der sich durch eine Reihe unbeabsichtigter Fehler in einer komplizierten Gefechtsumgebung zugetragen habe. Vor allem gaben die USA den Iranern die Schuld an der Tragödie, denn die USS-Vincennes verfolgte zu diesem Zeitpunkt iranische Schnellboote, die angeblich Handelsschiffe am attackieren waren. Der Angriff der USS-Vincennes erfolgte allerdings in iranischen Hoheitsgewässern. Kapitän William C. Rogers setzte - entgegen der Befehle seines Kommandanten in Bahrain - die Verfolgung fort, unterstützt von Kampfhubschraubern. Rätselhaft auch, warum das Passagierflugzeug vom Flagcarrier Iran Air als Bedrohung betrachtet wurde, konnten  doch die Techniker an Bord messen, dass die Maschine an Höhe gewann und sich keineswegs im Anflug auf die USS-Vincennes befand. Diese Messergebnisse konnten später ausgelesen werden. Zudem habe man die Iran Air-Maschine, einen Airbus 300, mit einem F-14 Kampfbomber verwechselt.

Die „Newsweek“ bezeichnete den Bericht des Pentagons als ein „Meer von Lügen“ und beschuldigte die Regierung der Unterschlagung und Fälschung von zahlreichen Informationen über den Ablauf der Ereignisse. David Carlsson, Kapitän der USS-Sides, der US-Fregatte, die sich ungefähr 20 Seemeilen  von der USS-Vincennes entfernt aufhielt, widersprach sowohl der Schilderung, dass die Situation insgesamt gefährlich gewesen sei, als auch der Einschätzung einer möglichen Bedrohung durch die IR-655. Das Verhalten der iranischen Streitkräfte im Monat vor dem Vorfall sei demonstrativ nicht bedrohlich gewesen. Die USS-Vincennes habe den Konflikt mit den Schnellbooten provoziert und nicht umgekehrt. Die Behauptung, die Fehlentscheidung zum Abschuss der Iran Air-Maschine sei unter Stress im Kampfgetümmel entstanden, sei nicht nachvollziehbar. Carlsson unterstellte der Crew der USS-Vincennes eine gewisse Gier nach Ausprobierung ihrer neuen hochmodernen Ausrüstung. Zurückhaltung sei nicht ihre Stärke gewesen.

Toby Craig Jones sieht in der Tragödie einen entscheidenden Moment in der Geschichte des späten 20. Jahrhunderts. Die Beziehungen zwischen der weltweiten politischen Ökonomie, dem Energiebedarf und dem modernen Krieg begannen sich zu verändern und in dem Bestreben, den Fluss des Öls an die internationalen Märkte vor den Auswirkungen des Krieges zwischen dem Irak und Iran zu beschützen, hatten die USA ihre militärische Präsenz in der Region ausgedehnt. Ihre Unterstützung für das Regime von Saddam Hussein wurde nicht durch seinen Einsatz von chemischen Waffen gegen Iran gestört.

Nach Jones Einschätzung haben die USA von dem Abschuss der iranischen Maschine profitiert. Sie legitimierten vor sich selber den Einsatz von kriegerischer Gewalt, um die Energieversorgung zu beschützen, und sie behielten ihre Präsenz in der Region bei, auch nachdem der Krieg zwischen Irak und Iran nur drei Wochen nach dem Vorfall mit einem Waffenstillstand endete.

Seit Mitte der 80er Jahre bis zum Sommer 1988 hatten die USA ihre Anwesenheit im Persischen Golf ausgebaut. Außer der Eskortierung von Öltankern und Handelsschiffen bauten sie ein ausgeklügeltes Netzwerk zur Überwachung iranischer Aktivitäten auf. Kaum bekannt: Nur wenige Monate vor dem Abschuss des Passagierflugzeugs führten die Vereinigten Staaten von Amerika die größte maritime Konfrontation seit dem zweiten Weltkrieg gegen Iran aus. Die amerikanische Präsenz blieb bestehen, auch nachdem sich die USA von ihren irakischen Verbündeten abgewandt hatten. Der Angriff auf die IR-655 zeigt etwas über den größeren Rahmen des Konflikts, in dem sich das Geschehen abgespielt hat. Gewalt als Mittel zur Gestaltung der politischen Ordnung, der Zustand eines unterschwelligen Krieges und das Bestreben, Iran zu isolieren, waren bereits in den späten 80er Jahren Bestandteil der amerikanischen Strategie.

Ein Jahr vor dem Abschuss der zivilen Iran Air Maschine hatte der stellvertretende Staatssekretär Richard W. Murphy, Sprecher der Reagan-Administration für Militärpolitik am Persischen Golf, vor dem Kongress geäußert, dass der freie Zugang zum  Öl entscheidend für das wirtschaftliche Wohlergehen des Westens sei und der wachsende Einfluss einer feindlichen Regionalmacht eine strategische Niederlage. Die Trennung der Begriffe von „Energie“ und „Sicherheit“ verschwamm danach zu einer „Energiesicherheit“, deren Erhaltung einen zunehmenden Einsatz in der Golfregion rechtfertigt. Seither kämpfen die USA und ihre Verbündeten darum, die politische Geographie am Persischen Golf umzugestalten. Sie nehmen für sich das Recht in Anspruch, ein System von Kontrolle und Überwachung zu betreiben. Toby Craig Jones konstatiert, dass das eine dauerhafte Krise bedeutet und somit auch einen dauerhaften Krieg.

Eine Entschuldigung für den Abschuss der Maschine hat es bis heute nicht gegeben, Kapitän Rogers wurde für außergewöhnliche Pflichterfüllung im Einsatz ausgezeichnet.


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