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Rafi Pitts "Zeit des Zornes": Alles grün oder was?


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"Zeit des Zornes": Ein fehlinterpretiertes Meisterstück?

Rafi Pitts ist ein mehrfach ausgezeichneter iranisch-britischer Filmregisseur, dessen letzter Film „Zeit des Zornes“ bei der Berlinale für den Goldenen Bären nominiert wurde. Dass er diesmal keine Auszeichnung erhielt, ist aufgrund der  gehegten falschen Prämissen und Erwartungen nicht überraschend. Der Verdacht erhärtet sich, dass allein wegen den Unruhen im Sommer 2009 sein Film zuvor Lorbeeren und gute Kritik erhalten hat.

Man ist gewohnt, iranische Filme die in Iran selbst nicht als politisch wahrgenommen werden, im Westen politisch gedeutet werden. Hinter jeder Aussage und jeder Gestik, hinter jeder Kulisse und Bewegung meint man, ein politisches Symbol, eine politische Botschaft und eine politische Kritik gegen das Herrschaftssystem erkennen zu können.

Der Film „Zeit des Zornes“ reiht sich harmonisch in dieser Logik ein. Die zufällige Farbe Grün des Autos des Protagonisten wird von Kritikern und Feuilletonisten ausgeschlachtet als das politische Symbol der Grünen Bewegung. Es fällt diesen wohl nicht auf, dass der von den Protagonisten erschossene Polizist auf der Autobahn ebenfalls grün trägt. Mehr noch, die Bäume schmücken sich ebenfalls mit der Farbe Grün.

Relevant zu wissen ist es, denn der Film wurde schließlich weit vor den Wahlen in Iran gedreht als Unruhen und Demonstrationen weder vorhersehbar war und Grün keine politische Hoheit hatte. Darauf berufen sich zwar auch alle Kritikschreiber, aber dennoch wird versucht, aus einem Film, der über ein Einzelschicksal erzählt, eine politische Mission heraus zu erkennen.

Schon beim Lesen der Feuilletons fällt auf, dass keine Substanz für diese Einstufung geliefert wird. Augenfälliger wird es, dass in all den Lobeshymnen nicht das Ende des Filmes einer Reflektion unterzogen wird. Ein Kritiker verwahrt sich explizit sogar davor, in dem er es schlicht als nicht nennenswert bezeichnet. Gerade aber der letzte Teil verleiht dem Film das nötige Instrument zur Deutung:

Der Film „Zeit des Zornes“ trägt im Persischen den Titel „Jäger“. In anderen Staaten, wie bei dem internationalen Filmfestival in Hong Kong, lief er ebenso unter diesem Titel. Ein Titel, der Bezug auf den Hauptdarsteller nimmt und somit ihn zum Objekt der Beschreibung macht, nicht die iranische Gesellschaft, nicht die politischen Verhältnisse und auch nicht die iranische Polizei. Dafür spricht, dass der Film mit der Person des Jägers beginnt und ihn und seine Handlungen ständig sehr überspitzt in Nahaufnahmen zeigt - abgeschottet von jeglicher Außenwelt. Zwar tauchen am Anfang ab und zu die Radioansprachen des iranischen politische-religiösen Staatsoberhauptes, Ayatollah Ali Khamenei, mit auf und in einer anderen Szene hört man einen Fernsehbericht über die kommenden Wahlen und wiederum in einer anderen hört man eine Demonstration gegen die Regierung. Doch alle diese Ereignisse nimmt Rafi Pitts, der den Jäger spielt, reglos, desinteressiert und unbeteiligt auf - sie geben lediglich die Zeit und den Rahmen des Filmes wieder, in der seine Ehefrau und Tochter zufällig sterben.*

Der Film zeigt sich fast durchgehend trostlos. In seiner freien Zeit geht der Protagonist seinem Hobby, dem Jagen im Norden Irans nach. Dass er ein Familienmensch ist, zeigen die kurzen Szenen über das Glück und Freude der Familie beim Volksfest, fast reglos bleibt Rafi Pitts dennoch nachdem er von deren Tod erfährt. Dabei hat sein einziges Kind ihm während seiner Haft (offensichtlich wegen Drogendelikte) die Hoffnung zum Leben wieder gegeben, dass es jedoch adoptiert ist, erfährt er erst nachdem deren Leichnamen entdeckt worden sind.

Ehefrau und Kind wurden im Zuge einer Demonstration - an dem sie nicht teilgenommen haben - von einem oder mehreren Unbekannten erschossen. In diesem Moment geht wohl etwas mit ihm durch, auch wenn es äußerlich nicht festzustellen ist (Pitts zeigt in seinen Film generell kaum Gesichtszüge). Der Protagonist geht mit seinem Gewähr auf einen der Hügel Teherans mit dem Blick auf die weite Autobahn. Er verfolgt mit seinem Zielfernrohr - beliebig und ohne Muster - die fahrenden Autos. Als ein Polizeiwagen in seinem Fadenkreuz gelangt, verfolgt er auch diesen bis er dieses Mal schießt. Einmal; der Fahrer ist tot. Dann ein zweites Mal; der ausgestiegene Beifahrer kommt um.

Dass das im Westen als ein gezielter Affront gegen das Regime interpretiert wird, ist im Anbetracht der zahlreichen Krimifilme in Iran an den Haaren vorbeigezogen, zumal in einer späteren Szene ihm ein Polizist zu bedenken gibt, dass der Zufallstod seiner Familie, auch ihm hätte passieren können.

Insgesamt porträtiert der Film ein deprimiertes und verzweifeltes Einzelschicksal, und ruft eher zur Differenzierung, Besonnenheit und Versöhnung auf. Eine Kritik an dem politischen System ist der Film nicht, und von einem Kampfaufruf gegen das System – wie schärfere Kritiker ihn deuten - kann nicht die Rede sein. Am Ende des Filmes ist nicht mehr deutlich, wo die Grenzen zwischen gut und böse liegen. Jeder kann der Mörder sein, jeder kann für einen Moment der Jäger oder der Gejagte sein – manchmal mit Absicht und manchmal ohne es zu wollen.

Bezeichnenderweise hört man vom Hauptdarsteller, Regisseur und Drehbuchautor Rafi Pitts selbst kaum politische Statements zu seinem Film. Auch auf der deutschen Homepage des Filmes vom deutschen Filmverlag Neue Visionen Filmverleih GmbH geht man in der Beschreibung des Filmes ebenfalls nicht auf die Politik ein. Der Film ist ohnehin in Iran erlaubt, die Kritiker die allesamt eine politische Dimension in ihm erkennen wollen, teilen dies richtigerweise in ihren Essays und Kommentaren mit, beschreiben aber zugleich die angebliche Anrüchigkeit des Filmes in Iran, in dem sie ausführen, dass er in der Kategorie C des iranischen Kulturministeriums aufgeführt wird, was bedeutet, dass der Film nicht subventioniert wurde.

In der Regel werden überall mehr oder weniger erstklassige Filme entsprechend der jeweiligen Staatszielen subventioniert, im iranischen Fall sind es meist religiöse Filme, wie der Film über den Propheten Yusuf, oder der heiligen Frau in Christentum und Islam Maria. Das der Film Shekarshi (pers. Jäger) künstlerisch nicht auftrumpft, kann man in der einmaligen Filmkritik des Kulturwissenschaftler Ekkehard Knörer beim Kulturmagazin perlentaucher.de nachvollziehen. Umso auffälliger ist es, dass sämtliche Zeitungen, Kritiker und Feuilletonisten den Film bejubeln und feiern. Arte, das Goethe Institut, ZDF und viele andere sind sogar Sponsoren des Films geworden.

Die Zeit hat es nicht gut gemeint mit Rafi Pitts im Film, doch sehr gut mit ihm gemeint in der realen Welt Dank politische Wunschdenkens.

*Diese Hörspielszenen sind nach Informationen von IranAnders nachträglich in dem Film eingebaut worden, nachdem der Regisseur bemerkt hatte, dass die westlichen Kritiker den Film politisch deuten. Man erkennt sehr leicht, dass diese nachträgliche Audioszenen künstlich eingebaut sind, weil sie mit dem Rest des Films in keinem Zusammenhang stehen. Mehr dazu hier.


Muhsina14-12-12

Sehr gute Analyse!

Insider14-12-12

"Zwar tauchen am Anfang ab und zu die Radioansprachen des iranischen Staatsoberhauptes Khamenei mit auf, und in einer anderen Szene berichtet das Fernsehen über die kommenden Wahlen, und wiederum in einer anderen hört man eine Demonstration gegen die Regierung."

Das sind alles Audio-Sequenzen, die Rafi Pitts im Nachhinein eingefügt hat und im Originalfilm nicht enthalten waren. Der Grund ist, dass man im Westen den Film sofort als politisch deutete und Rafi Pitts daraufhin die Stunde der Gunst nutzte und diese Sequenzen einfügte um Profit daraus zu schlagen. Im Filmteam gab es daraufhin großen Krach, weil der Film nie politisch gemeint war und dadurch die Botschaft des Films im Nachhinein entstellt wurde.

Richtig14-12-12

"Amir Esfandyari sagte ferner im Hinblick auf Rafi Pitts, mit dem er überdies befreundet ist, dass – nachdem einige im Westen begonnen haben, Pitts Film nach den Wahlunruhen politisch zu deuten (Pitts Film wurde vor den Wahlen gedreht und ausgestrahlt) – er einige Dialoge im Film entsprechend hinzufügte und andere bearbeitete. So starb im Ursprungsfilm die Familie des Protagonisten nicht bei einer Demonstration, sondern bei einem Überfall in der Nähe eines Goldgeschäfts. Ferner ist die Radio-Ansprache des iranischen Staatsoberhauptes Ayatollah Khamenei komplett erst im Nachhinein eingefügt worden. De facto sind diese Nachbearbeitungen als Fremdkörper erkennbar, da sie mit dem Rest des Filmes und ihrer Botschaft kaum im Kontext stehen."

Quelle: http://irananders.de/home/news/article/berlinale-und-politisierte-filme.html




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