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21.01.2013 Dr. Gholam Ali Haddad-Adel

Gründe für das Interesse an Immanuel Kant in der Islamischen Republik Iran


Dr. Gholam Ali Haddad-Adel

Dr. Gholam Ali Haddad-Adel gab seine bedingte Kandidatur bei der kommenden iranischen Präsidentschaftswahl in Juni bekannt.

Replik des hochrangigen iranischen Politikers und ehemaligen Parlamentsprechers, Dr. Gholam Ali Haddad-Adel, an den deutschsprachigen Geisteswissenschaftler Dr. Roman Seidel (Universität Zürich) anlässlich seines SZ-Artikels „Kant lesen in Teheran“. Vorwort und Übersetzung von Dr. Hossein Pur Khassalian.

Am 18.7.2012 erschien in der „Süddeutschen Zeitung“ ein Artikel von Dr. Roman Seidel unter der Überschrift “Kant lesen in Teheran“. Er stellt darin seinen Lesern zwei hochrangige Politiker Irans vor: Zum einen den Parlamentssprecher Dr. Ali Larijani und zum anderen den Gegenschwäher des religiösen Staatsoberhauptes, Ayatollah Ali Khamenei, der ehemalige Parlamentssprecher und amtierender Parlamentsabgeordnete Dr. Gholam Ali Haddad-Adel. Obwohl beide als tiefreligiöse muslimische Fundamentalisten gelten, beschäftigen sie sich intensiv mit dem Philosophen Immanuel Kant und dessen Werken. Beide rivalisierende Politiker werden darüber hinaus als Kandidaten für die kommenden Präsidentschaftswahlen gehandelt.

Roman Seidel kommt in seinem Artikel aus dem tiefen Staunen nicht heraus, wie die islamischen Werte mit den Lehren Kants zu vereinbaren wären. Das war ein Grund für mich, den Artikel auf Persisch zu übersetzen und ihn an beide Herren zu schicken. Während ich von Dr. Ali Larijani keine Rückmeldung erhielt, wünschte sich Dr. Gholam Ali Haddad-Adel ein Treffen mit mir, wahrscheinlich doch wegen seinen Ambitionen im Hinblick auf die bevorstehende Präsidentschaftswahl.

Ende September empfing mich Dr. Haddad-Adel nun endlich. Er sprach mir seinen Dank für die Übersetzung aus und war glücklich, dass die deutschsprachigen Leser über die „Süddeutsche Zeitung“ von seiner Nähe zum Immanuel Kant erfuhren. Schon gleich am Anfang erfuhr ich, dass Haddad-Adel bereits seit 26 Jahren über das Leben und die Werke Kants an der Universität in Teheran doziert. Auf meine Frage, was ihn dazu veranlasste, sich so intensiv mit Kant zu beschäftigen, gab er mir  - mit der Bitte deren Inhalt an Herrn Seidel weiterzuleiten - eine Replik, die im Folgenden frei übersetzt ist:

Gründe für die Beliebtheit Immanuel Kants in der Islamischen Republik Iran

Eigentlich darf es nicht überraschen, dass Immanuel Kant in Iran eine große Beliebtheit genießt. Ein Philosoph seiner Größenordnung kann nur die Herzen aller Denker und Gelehrten in dieser Welt erobern. Viele sind der Meinung, dass Immanuel Kant für die moderne Zeit die selbe Bedeutung hat, die Aristoteles in der antiken Philosophie genießt. Seine Ideen und Werke waren für die Philosophie ebenso revolutionär, wie die Ideen und Werke des Kopernikus für die Astronomie. Kant forschte nicht nur in allen philosophischen Denkrichtungen, sondern er lieferte anderen Denkern einen neuen wissenschaftlichen Maßstab. Seine Werke kann man sich wie einen dickstämmigen Baum vorstellen, von dem mehrere Wurzeln in alle Richtungen ausgeschlagen haben: in die Metaphysik der Natur (nicht aber in die Metaphysik jenseits der Natur), in den Bereich der Ethik, der Ästhetik, der Erkenntnistheorie, der Religionsphilosophie, der politischen Philosophie und der praktischen Philosophie. Ja man kann sagen, dass Kant die Kultur der Aufklärung verkörpert, die auf dem Humanismus basiert.

Die Entwicklung der westlichen Philosophie kann man wie folgt beschreiben: René Descartes hat das Feld der Philosophie mit seinem „Ich denke, dann bin ich“ beschritten, dann entstand daraus ein dickstämmiger Baum wie Kant und Friedrich Nietzsche war dessen Produkt.

Nach all dem ist es kein Wunder, wenn Kant seit 230 Jahren - seit dem Erscheinen seines epochalen Werkes „Kritik der reiner Vernunft“ – weiterhin im Gespräch ist und nicht wie viele andere seiner Kollegen bereits Geschichte geworden ist. Seine Werke haben innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte andere Gelehrte beeinflusst: Metaphysiker, Existenzialisten, Positivisten und Theologen. Dennoch darf man daraus nicht schließen, dass man seine Ideen überall, speziell in Iran, ausnahmslos unkritisch aufnimmt. Der vorliegende Text möchte auf einige kritische Punkte hinweisen.

Historie der Kant-Lesung in Iran

Das älteste Werk im persischsprachigem Raum über Kant findet man im "Bada’iy Al-Ahkam", ein Buch von Agha Ali Moddaress Zanuzi (1855-1928). In diesem Buch werden sieben Fragen beantwortet, die von Prinz Badiʻ al-Mulk Mirza (bekannt als ʻImad al-Dawlah) gestellt wurden. Auf die siebte Frage antwortet der Autor, dass Immanuel Kant und Johann Gottlieb Fichte zwei Philosophen ohne ehrwürdige Eigenschaften und ohne den Glauben an die Schöpfung seien.

In der Antwort vermisst man eine ausführliche Beschreibung der Kant`schen Lehre, geschweige denn der Philosophie von Fichte. Das zeigt aber, dass der Fragende selbst ein Interesse an deutscher Philosophie haben musste. Der französische Geisteswissenschaftler Prof. Henry Corbin bezeichnete ʻImad al-Dawlah als einen Stolz der iranischen Oberschicht.

1936 hielt Hassan Khan Wossough (1874-1950) einen Vortrag über Kant und seine Ideen an der Theologischen Fakultät Teherans. Kurze Zeit nach dem Vortrag von Wossough erschien das bedeutende Buch „Geschichte der Entwicklung der Philosophie in Europa“ von Mohammad-Ali Forughi. Erst durch dieses Buch konnten die studierenden Iraner Kant und seine Werke näher kennenlernen.

Noch besser gelang es Yahya Mahdawi (1910-2000), Kant in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, nach dem er das Buch von Paul Foulquie auf Persisch übersetzt hatte. In diesem Buch sind fast 30 Seiten Kant und seinen Lehren gewidmet. Dies ist ein Werk, das seit mehreren Jahren als Lehrbuch der Philosophie im Philosophischen Institut Teherans verwendet wird.

Auch wenn die genannten Arbeiten einen großen Dienst geleistet haben, war - mit wenigen Ausnahmen – bis zur Islamischen Revolution 1979 kein Werk allein Kant gewidmet. Ferner ist bis dahin kein Werk von Kant übersetzt worden.

Ich kann mich gut erinnern, als Yahya Mahdawi mein Interesse für die Übersetzung der Prolegomena als Dissertation erwecken wollte. Bis dahin gab es auf Persisch insgesamt nur zwölf Seiten über dieses Werk - und zwar in einem Buch von Manutschehr Bozorgmehr, einem Kritiker der Islamischen Philosophie.

Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass das, was über Kant bis vor 1979 erschienen ist, sehr mager ist - nicht zu vergleichen ist mit der Zeit danach.

Sprunghafte Kant`sche-Lesung in Iran

In den letzten 32 Jahren, also erst in der Ära der Islamischen Republik, kann man eine sprunghafte Verbreitung der Kant`sche Lehre in Iran beobachten. Das Buch „Kritik der reinen Vernunft“ hat sehr viel Leser gefunden. Wenn auch der Übersetzer die Kunst der persischen "Philosophen-Sprache" nicht gut beherrscht, so hatte das Buch doch seine dritte Auflage.

Meine Übersetzung der Prolegomena ist innerhalb der letzen 20 Jahre viermal gedruckt worden. Zwei weitere Werke Kants, die „Kritik der praktischen Vernunft“ und die „Kritik der Urteilskraft“ sind 2005 übersetzt worden, von der „Kritik der praktischen Vernunft“ existieren sogar zwei verschiedene Übersetzungen.

Darüber hinaus sind innerhalb der letzten 30 Jahre über keinen anderen Philosophen so viel Dissertationen und sonstige Forschungsarbeiten geschrieben worden, wie dies über Kant der Fall ist.

An dieser Stelle stellt man sich die Frage:

Warum gerade Kant und warum gibt es so viel Interesse für seine Werke?

Es ist eine Tatsache, dass sich sowohl die Philosophiestudenten als auch die Studenten der islamischen Theologie mit größtem Interesse mit Kant befassen. Ein Grund kann darin liegen, dass die Methode Kants, nämlich die komparative Philosophie, der islamischen Philosophie nahesteht. Schon im Vorfeld der Islamischen Republik haben Geistliche wie Allameh Tabatabai (der auch einer der geistigen Urheber der Revolution war) und der Revolutionär Ayatollah Morteza Motahhari sich mit komparativer Philosophie beschäftigt und somit dieser alten Tradition der islamischen Forschungsmethode eine gebührende Geltung verschafft.

Die Kant`sche Philosophie, ein großes Feld der komparativen Philosophie

Die Philosophie von Kant wird in Iran aus mehreren Gründen bewundert. Dies zum einen deshalb der Fall, weil Kant in seinen Ausführungen ständig die Aussagen anderer Gelehrten mit einbezieht und vergleichend behandelt. Die muslimischen Studenten spüren ganz genau, mit welchen Mittel Kant in seiner Denkwerkstatt arbeitet. Sie finden sich in dieser Werkstatt heimisch. Sie fühlen sich heimischer, als wenn sie sich mit Descartes oder John Locke beschäftigen.

Zweitens finden die muslimischen Studenten die Ideen von Kant reizvoll, nicht nur reizvoll zu lesen, sondern auch sich damit kritisch auseinanderzusetzen. Die Philosophiestudenten, die auch in der islamischen Philosophie bewandert sind, sind in der Lage, auf die schwache Seite der Kant`schen Philosophie und die seiner Kollegen - wie David Hume - hinzuweisen. Denn für Kant und andere (wie etwa bei Hume) haben nur die Dinge eine Bedeutung, die umfassend und notwendig sind und somit innerhalb des menschlichen Denkens einen Platz finden. Auf dieser Weise halten sie sich nur an die logische Sekundärkategorie. Diese Betrachtungsweise ist aus der Sicht der islamischen Philosophie etwas schwach. Denn gerade die philosophischen Sekundärkategorien, ein wesentliches Merkmal der islamischen Philosophie, öffnet nach deren Auffassung weitere Horizonte. Muslimische Studenten und Denker finden mit Leichtigkeit heraus, wo die Schwächen der Aufklärung liegen.

Das ist nicht das einzige Problem der Kant`schen Lehre. Es gibt eine Reihe von Streitthemen, zum Beispiel die Seinsfrage oder die Frage nach dem verbindenden Glied, um Sachverhalte miteinander in Beziehung zu setzen. Dann gibt es offene Fragen, wenn es um die Religion oder um die Priorität der Essenz geht und Themen, die mit Raum oder Zeit zu tun haben.

Aus alledem kann man sehen, wie reizvoll und spannend die Kant`sche Lehre für die muslimischen Lernenden ist. Sie haben Freude daran, auf seine schwache Seite hinzuweisen, was sie eben im Sinne der komparativen Philosophie tun.

Um nur auf etwas von den Differenzen zwischen der islamischen und der Kant`schen Theorien hinzuweisen, zitiere ich Ayatollah Motahhari, der sich wie folgt äußerte: 

„Die Sache mit einigen philosophischen Begriffen kann man nicht ernst genug nehmen. Falls wir die Aufklärung nur im Rahmen der ersten Kategorie einschränken, werden wir das erleben, was Hume ergangen ist. Nach Hume sind welche gekommen und haben seinen Fehler korrigiert. Denn auf Basis der ersten Kategorie kann man doch keine Wissenschaft und keine Aufklärung aufbauen. Kant und Hegel haben es irgendwie versucht, und sie haben schließlich etwas erreicht, obwohl ihre Vorgehensweise nicht gänzlich ordentlich war. Sie selbst sahen später ein, dass man mit Hilfe der ersten Kategorie kein wissenschaftliches Werk aufstellen kann. Man müsste andere Elemente zur Hilfe nehmen.“

Es ist aber zu unterstreichen, dass es entzückend ist, sich mit der Lehre Kants zu beschäftigen und seine präzise Argumentation bei der komparativen Philosophie kennenzulernen. Das ist für die herangehenden Philosophen sehr wichtig. Man kann sich mit Freude von Kant inspirieren lassen.

Was bietet Kant den an der westlichen Philosophie Interessierten an?

Die Fülle der wissenschaftlichen Arbeiten und Dissertationen zeigen, wie groß das Interesse für die Kant`schen Lehre in Iran ist. Mit der Errichtung der Islamischen Republik hat sich eine Ansicht durchgesetzt, die westlichen kulturellen Elemente kritisch zu untersuchen, die atheistisch-säkularen Auslegungen zu meiden und stattdessen die islamischen Grundprinzipien neu zu interpretieren. Gleichzeitig unterstützt der Staat Forschungen und Studien in den Bereichen der Religionsphilosophie, der politischen Philosophie und der Moralphilosophie. In diesem Rahmen ist auch die intensivere Forschung zur Kant´schen Lehre zu verstehen. Vor diesem Hintergrund - und weil Kant ohnehin die Kultur der Aufklärung verkörpert - werden seine Werke als Lehrmaterial geschätzt und angewendet. Seine Werke sind für die Muslime deshalb von Bedeutung, weil sie der Ansicht sind, dass die Aufklärung durch die Auseinandersetzung mit der geistig im Mittelalter verharrenden Kirche entstanden ist.

Das folgende Zitat von Stephan Körner (1913-2000) zeigt die Bedeutung Kants für unsere Zeit:

- „Der schönste und hervorragendste Abschnitt der deutschen Kulturgeschichte fängt mit der Geburt Lessings an und endet mit dem Tod Goethes. In dieser Zeit sind Meisterwerke von Weltrang entstanden, so die von Lessing (1729-1781), die des Philosophen und Historikers Johan Gottfried von Herder (1744-1803), die von Goethe (1749-1832), Schiller (1759-1805) und die des Komponisten Beethoven (1770-1804). Diese und andere Persönlichkeiten waren in unterschiedlichen Bereich Meister, doch haben sie ihren Dienst im Sinne des klassischen Humanismus geleistet. Sie wandten sich gegen die Engstirnigkeit, Kurzsichtigkeit und Intoleranz ihrer Zeit.

- Sie setzten sich für die Belange des Bürgertums ein. Sie waren für die Trennung zwischen Religion und Staat, zwischen irdischen und himmlischen Belangen.

- Sie distanzierten sich von nationalistischen und lokal-patriotischen Interessen.“

Immanuel Kant war der Fahnenträger dieser Entwicklung, dieser Kultur. Er setzte eine Trennlinie zwischen Vernunft und Theologie. Eine Folge seiner Philosophie war die Ablehnung der Metaphysik.

Aus seiner Sicht ist die Vernunft nicht in der Lage, sich mit den Bereichen zu beschäftigen, die zum Bereich des Göttlichen bzw. Überirdischen gehören, wie theologische Überzeugungen und der Freiheit des Willens. Demnach kann man die Existenz Gottes nicht bestätigen, aber auch nicht verneinen. Kant vertrat die Meinung, dass man Gott nur mit Hilfe der Ethik erkennen kann, das heißt, dass der Weg der Ethik zu Gott führt. Nach Kant sind die religiösen Verordnungen nicht mit Vernunft zu erklären, Vernunft und Glaube sind demnach Rivalen. Von ihm stammt der Satz: „Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.“

Nach alledem muss man Kant als Vater des Säkularismus bezeichnen. Viele bedeutsame Gelehrte stützen sich auf seine Lehre. Einer von ihnen ist Ludwig Wittgenstein (1889-1951).

Kant und Wittgenstein verfolgten ähnliche Ziele. Beide wollten die Grenze der Erkenntnis so festlegen, damit für Religion und Glaube Raum bleibt. Nach Wittgenstein ist es die Aufgabe der Philosophie, die Grenze der Wissenschaft festzulegen, danach muss sie sich verabschieden. Somit verlässt derjenige, der sich mit den religiösen Werten beschäftigt, die Grenzen der Wissenschaft. Es sind alle Versuche gescheitert, für den Glauben und für die Ethik - aber auch für die spekulative Metaphysik - eine Ideologie zu begründen. Unsere Glaubensauffassungen mögen überzeugend sein, sie sind aber nicht objektiv.

Schlusswort

Kant ist nicht nur ein Philosoph, sondern ein Sinnbild für eine Kultur, ein Planer und ein Architekt der modernen Kultur. Mit seiner Kritik an der zeitgenössischen Gesellschaftsordnung und an den geltenden Philosophien ist er ein Wegbereiter moderner Ideen geworden. Seine Ideen werden überall diskutiert. Nicht zuletzt wegen seines kritischen Denkens hat Kant in heutigen Iran einen festen Platz sowohl bei den Religiösen als auch bei den Befürwortern der Moderne erhalten.


Leitz21-01-13

Vielen Dank, sehr interessant!

siglinde21-01-13

Nur Kant?
Fast alle deutschen Dichter und Denker können für den Islam interessant sein, da alle einen Teil der Wirk-lich-keit und des Wesen-tlichen ergründen und so ewige Wahrheiten formulieren. Für jeden geeigneten Geist erfrischend und inspirierend, seine eigene Religiosität dort zu spiegeln, zu ergründen und auch zu widersprechen.

Max22-01-13

Es ist immer wieder schön zu sehen, dass es Menschen gibt die über den eigenen Tellerrand schauen. Ihr Artikel ruft bei mir und sicher auch bei anderen aufgeklärten Menschen gemischte Gefühle hervor. Ich selbst halte die Religion für eine kulturelle Errungenschaft der Menschen die den Weg hin zu Aufklärung bereitet hat. Sie spiegelt einen gelungene Methode wider, um eine Gesellschaftsordnung aufzubauen und diese über ethische und moralische Werte selbst ungebildeten Menschen zugänglich zu machen. Dennoch ist Religion bzw. Theokratie, meiner Meinung nach, ein Relikt der Vergangenheit, das zwar einen individuellen Wert darstellt, jedoch für eine gesellschaftliches zusammenleben, in der modernen Welt, weitestgehend keine Notwendigkeit mehr besitzt. Nun hat die Religion, speziell im Iran, auch andere Funktionen übernommen. Sie dient der islamischen Republik unter anderem als Mittel den vielvölker Staat zusammen zuhalten und die von der religiösen Führung größtenteils abgelehnte Nationale Identität zu ersetzen. Der Umstand dass bereits vor der Revolution im Iran die meisten Menschen der schiitischen Religion anhängig waren hat sicherlich dazu beigetragen das diese Staatsform in der Moderne Welt überhaupt erneut entstehen und Bestand haben kann. Die islamische Republik versucht den Gegensatz von Wissenschaft und Glauben aufzuheben indem es beides zu einem Brei vermischt. Trotzdem wird es sich, meiner Meinung nach, über kurz oder lang von innenher selbst aushöhlen und Wandeln, wenn es eine kritische Masse an Aufgeklärten erreicht hat. So sind Ihre Bestrebungen nach wissenschaftlichen Fortschritt und das ansteigen des Bildungsniveau im Land ein zwei schneidiges Schwert. Der Weg des Iran wird vermutlich, ob nun gut oder schlecht, in Richtung eines sekulären Staates mit besonderer Gewichtung der Religion führen, ironischerweise ähnlich des heutigen Israels. Das ebenso wie der Iran die Religion als identitätstiftendes Mittel nutzt. Eines der wenigen Möglichkeiten den Bestand der heutigen Staatsform zu erhalten wird wahrscheinlich entweder eine militärische Diktatur sein oder ein Krieg indem das Land in seiner Entwicklung wieder auf das Niveau vor der Revolution zurückgeworfen wird. Wobei beide Szenarien nur ein Aufschub bedeuten würden. In diesem Sinne kann man der iranischen Bevölkerung nur Erfolg wünschen und dem Einzelnen eine Kant' schen Ausruf mitgeben : Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Steffen22-01-13

"Ich glaube auch, dass die Islamische Republik islamisch bleibt, aber sie wird langfristig demokratischer werden."

http://irananders.de/interviews/news/article/interview-mit-dem-iran-experten-dr-walter-posch-iran-wird-demokratischer-bleibt-aber-islamisch.html

TE22-01-13

Ich halte es für gewagt, zu behaupten, dass Iran ein säkularer Staat wird. Die Zeichen der Zeit in der Region sprechen eher für eine weitgehende Islamisierung, in diesem Sinne bleibt Iran islamisch.

Einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Islamischen Republik wird aber meines Erachtens das Ausland haben. Bleibt das Ausland konfrontativ, so wird Iran autoritärer, öffnet sich das Ausland gegenüber Iran, so wird die Republik offener.

Auch interessant: "Ich würde sagen, Iran hat diktatorische, autoritäre und demokratische Elemente. Jeder, der versucht, eines dieser Elemente zu absolutieren, wird der gesamten Vielschichtigkeit der Islamischen Republik nicht gerecht" Aus: http://irananders.de/interviews/news/article/nahost-experte-tilgner-iran-sanktionen-schaden-die-zivilgesellschaft.html

siglinde22-01-13

@max

Sie bringen meines Erachtens viele Dinge in Ihrem Statement durcheinander.
1. Es gibt keinerlei Hinweise, dass die moderne Welt sich selbst reguliert und religiöse Werte überflüssig wären. M.E.befindet sich die moderne Welt daher sogar kurz vor dem Kollaps.
2. Die moderne Welt ist ein Refugium von Fehlannahmen, ihre Irrtümer sind nicht weiniger gefährlich, als die der traditionellen Welt einst. Aber für diese Irrtümer war in Europa das Christentum mit seinen Eigenarten verantwortlich. Der Islam ist da an vielen Punkten einfach anders, in dem er z.B. Wissenschaft nicht ausklammert und nicht auf Wunderglauben basiert.
3. Den aufgeklärten Menschen gibt es ebenfalls in der Moderne nicht aus sich selbst heraus, nur weil sie modern und damit materialistisch-reduktionistisch ist; der aufgeklärte Mensch erschafft sich immer in seiner Zeit selbst...der aufgeklärte Mensch wird am Ende u.U erkennen, dass es ebenfalls keine Abtrennung des Geistigen,also die reine Hinwendung zum Materiellen in einer Herrschaft für das Volk geben darf.
Von daher kann auch der aufgeklärte Mensch eine Theokratie schließlich als sinnvoll betrachten, wenn die Moderne dem Menschen nicht mehr gerecht wird.
Sie verwechseln den aufgeklärten Menschen mit dem informierten Menschen, in dem Wort steckt das Wort INFORM...und hier ist es wie immer wichtig zu schauen, wem es nützt.

siglinde23-01-13

Dennoch...ich finde Hegels Gottesbeweis (Gott als den absoluten Geist) wirklich interessanter für den Studierenden des Islams. Und wer schon mal bei Kant gelandet ist, kommt an Hegel nicht vorbei.

Beobachter27-01-13

Keine Sorge! Postulatorische Gottesbeweise sind Gedankenspiele.

Philosophchen29-01-13

Der Beweis dafür, dass sämtliche Gottesbeweise unempirisch sind, ist ein Beweis für die Existenz Gottes. Andernfalls wäre Gott begrenzt und abhängig von Ort und Zeit und damit kein Gott mehr, da kein Schöpfer allen Seins.

siglinde29-01-13

@philosophchen

Es reicht schon, an das zu denken, was mit absolut gemeint ist. Es gibt in der Natur und im Universum nichts Absolutes, alles ist bereits ausdifferenziert und bedingt einander. Das Absolute kann nur in Gott sein, sonst nirgends. Von daher ist Hegel da schon sehr nah dran, indem er Gott als den absoluten Geist definiert.
@beobachter
Warum keine Sorge. Es ist doch gerade uns Menschen zu eigen, dass uns die Fähigkeit gegeben ist, durch das Denken wenigsten Ansatzweise Gott zu schauen. Gerade diese Gedankenspiele sind es !!!




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