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11.10.2012 Leo Schmitt

Iran verurteilt Anschlag auf sunnitischen Geistlichen


Mahdi al-Sumaidaye

Mahdi al-Sumaidaye

Schiiten und Sunniten mögen sich nicht. So erklären sich zumindest viele Journalisten bestimmte Gegebenheiten im Nahen Osten. In der Regel wird die innerkonfessionelle Konkurrenz aber von fundamentaleren Interessen überlagert. So etwa im Falle des irakisch-sunnitischen Predigers Mahdi al-Sumaidaye.

Al-Sumaidaye hat turbulente Jahre hinter sich. 2004 wurde der ehemalige Prediger der Bagdader Al-Qura-Moschee von Koalitionstruppen festgenommen. Wiederholt hatte Al-Sumaidaye, der auch der Kopf einer salafistischen Gruppe war, zum bewaffneten Widerstand gegen die US-amerikanische Besatzung aufgerufen. Später flüchtete er nach Syrien. Nach dem Truppenabzug der Amerikaner kehrte er 2011 in den Irak zurück. Seither hatte er sich - für Salafisten untypisch - für die nationale irakische Versöhnung eingesetzt.

Vor dem Rückzug der US-Truppen gehörte Al-Sumadaye noch zu den Kritikern des höchsten schiitischen Geistlichen im Irak, Ayatollah Ali Sistani. Dieser hatte nicht zum bewaffneten Widerstand gegen die Amerikaner und ihre Verbündeten Besatzern mobilisiert. Seine Kritik an Sistani formulierte er dabei nicht auf der Grundlage von dessen schiitischer Andersartigkeit. Anfang 2012 bemühte er sich schließlich um die Formierung eines ökumenischen Gremiums. Das Ziel der Initiative war die Beendigung der innerreligiösen Gewalt.

Reaktion Teherans

Die Islamische Republik Iran erklärte zwar nie, dass sie den bewaffneten Widerstand gegen die US-Besatzung unterstützt hätte, ist mit dem Rückzug der Amerikaner aus dem Zweistromland aber dennoch zufrieden. Erklärtes Ziel Teherans ist - heute wie gestern - ein wirtschaftlich und politisch starker Irak. Bagdad wird als natürlicher Verbündeten angesehen, die innenpolitische Stabilität des Iraks ist somit auch für Iran ein wichtiges Ziel. Diese kann in einem multikonfessionellen und multiethnischen Land wie im Irak jedoch nur durch den Dialog und die Zusammenarbeit der vielen verschiedenen religiösen, ethnischen und politischen Gruppen verwirklicht werden.

Und so machte sich der neue Al-Sumadaye in Iran einen Namen als Pragmatiker und Partner. In Teheran hätte man es gerne gesehen, dass der Geistliche seinen Einfluss auf die irakischen Sunniten noch weiter ausbaut. Aber ausgerechnet dieser sunnitische Prediger wurde letzten August, pünktlich zum Ramadanfest der Muslime, Ziel eines Anschlags. Die bisher unbekannten Täter erreichten ihr Ziel nicht, Al-Sumadaye trug lediglich Verletzungen davon. Auf iranischer Seite verurteilte man den Angriff. Das Attentat habe die "wahre Natur" derjenigen offen gelegt, die solche "kriminellen Taten" verüben. Die Muslime müssten weiterhin auf "nationale Einheit und islamische Solidarität" setzen, sagte Regierungssprecher Ramin Mehmanparast im August.

Gerade weil bisher keine Organisation die Verantwortung für den Mordversuch auf Al-Sumadaye übernommen hat, gibt es Verdächtigungen in Richtung Saudi-Arabien und Israel. Beide hätten kein Interesse an moderaten sunnitischen irakischen Gruppen. Tatsächlich wäre es für die salafistisch-wahabitische Elite Saudi Arabiens äußerst ungünstig, wenn im Nachbarland Irak sogar die radikalen sunnitischen Führungspersonen wie Al-Sumadaye auf Tuchfühlung mit pro-iranischen Kräften gehen. Israel hat kaum weniger Interesse an einem geeinten iranfreundlichen Irak. Das weiß man in Teheran, und darum versucht man schon allein deshalb die putativen Gräben, die zwischen Sunniten und Schiiten entstanden sind, zu überwinden. Kaum irgendwo bietet sich das besser an als im Irak.


(von Moderation chiffriert)11-10-12

haya [...]

MODERATION: Bitte bleiben Sie argumentativ.

Orange24-10-12

An der Stelle der Führung Irans hätte ich den Anschlag auch in jedem Fall verurteilt.
Daraus Schlüsse über die Einstellung zu al-Sumaidaye zu ziehen halte ich für gewagt. Genauso wie irgendwelche anderen Verdächtigungen.

Rurik30-10-12

Nun. Ich bin kein Muslim. Ich weiß einiges über den Islam - vieles aber sicherlich nicht. Aber ich weiß vieles über die Geschichte meines Volkes.
Man schaue doch einmal auf das Europa des 17. Jahrunderts. Ein Krieg der Konfessionen (der sogenannte 30-jährige Krieg) zerstörte Europa, vor allem die Mitte des Kontinents - Deutschland. Ging es damals wirklich nur um religiöse Widersprüche zwischen Protestanten und Katholiken? - Nein! Es ging vor allem um die weltliche Macht! Und darum geht es auch heute im Nahen und Mittleren Osten! Es ist immer wieder das alte Spiel: "divide et impera!" - "Teile und beherrsche!"
Laßt Ihr Euch teilen, dann werdet Ihr beherrscht werden! Beherrscht von raum- und kultufremden Mächten, die Euch das Fell über die Ohren ziehen werden, denn das ist deren Ziel.
Sie werden die eine Seite unterstützen, um die andere zu schwächen, danach werden sie die andere Seite unterstützen, um die Erstere zu schwächen. Ihr werdet Euch bekämpfen und töten, Ihr werdet Euch hassen und verachten, aber Ihr werdet den gemeinsamen Feind nicht mehr erkennen der Euch beherrschen wird! Und DAS wird Eure einzige Gemeinsamkeit sein: Ihr werdet beide unfrei und der Ausplünderung wehrlos ausgesetzt sein!
So ergeht es meinem Volk nach zwei von ihm nicht gewollten Weltkriegen. Wir sind zerstritten, verblödet und umerzogen. Man hat uns zu Sklaven gemacht.
Es waren dieselben Mächte, die Euch nun gegenüberstehen. Bekämpft Eure Feinde - nicht Euch selbst!

Le Mec@Rurik31-10-12

einer der besten Kommentare, die ich bis jetzt hier gelesen habe. Das hat mir aus der Seele gesprochen




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