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30.08.2012 Shahab Uddin

Falscher Verdacht – Militärkomplex Parchin im Visier


Parchin

Parchin liegt südöstlich von der Hauptstadt Teheran. Es ist keine Atomanlage - wie westliche Medien vermehrt darstellen -, sondern eine Militäranlage. Aus diesem Grund ist die IAEA laut Atomwaffensperrvertrag (NPT) nicht befugt, die Anlage zu inspizieren. (Kartendaten: © 2012 Google)

In den letzten Jahren wurde in einer Vielzahl von Medienplattformen über die Möglichkeit eines iranischen Atomprogrammes für militärische Zwecke berichtet. Abermals galt es als sicher, dass Irans angebliche Atomwaffenentwicklung belegt werden würde. Bis heute ist man bekanntlich auf keinen Beweis gestoßen. Laut des Artikels „Teherans Versteckspiel mit den Kontrolleuren“, erschienen in der Süddeutschen Zeitung, geschrieben vom Auslandsredakteur Paul-Anton Krüger, soll nun wieder einmal ein klarer Verdacht bestehen, dass eine Sprengkammer in Parchin existiert - eine Militäranlage, die nur wenige Kilometer von Teheran entfernt ist. Es soll eine Säuberungsaktion stattgefunden haben und das „Versteckspiel“ ginge nun weiter: „Wieder besteht der dringende Verdacht, dass Irans Wissenschaftler dort zumindest bis 2003 verbotene Forschung zum Bau eines Atomsprengkopfs betrieben haben. Wieder verweigert Iran den Zugang. Wieder rückten Bulldozer und Putztrupps an, als die Inspektoren Einlass begehren“, schreibt der Autor in seinem Artikel.  Wieder einmal bezieht man sich auf fragwürdige Quellen, und wieder einmal werden entscheidende Punkte außer Acht gelassen.

Dabei hatte die IAEA doch bereits im Jahr 2005 eine Inspektion durchgeführt, ohne auch nur auf ein Anzeichen für die Abweichung des zivilen Nuklearprogrammes zu stoßen. Nun wurde der Agentur Material zugespielt, das eine angebliche Sprengkammer in Parchin beschreibt. Dieser Behälter soll nach Angaben der IAEA bis zu 70 kg Sprengstoff beinhalten können. Der ehemalige IAEA-Inspektor Robert Kelley macht darauf aufmerksam, dass in anderen Staaten weltweit Behälter genutzt werden, die bis zu 10 kg Sprengstoff beinhalten können. Demnach sind die angegebenen 70 kg entweder eine Fehleinschätzung, oder der Behälter in Parchin wäre einer der größten Behälter der Welt. Es stellt sich die Frage, ob das Regime im Falle einer Abweichung vom Nuklearprogramm nicht eine weniger auffällige Methode für die Entwicklung atomarer Waffen in Erwägung ziehen würde.

Satellitenbilder sollen nahe gelegt haben, dass es sich bei dem Gebäude in Parchin um eine Sprengkammer handelt, wenn auch, wie Kelley es erwähnte, die frühesten Satellitenbilder lediglich ein fertig gebautes Gebäude zeigen. Als Quelle werden von Krüger außerdem westliche Geheimdienste angegeben, die der IAEA Material  zukommen ließen. Viele Kritiker werden schnell stutzig, da es sich hierbei um dieselbe Quelle handelt, die ehemals verlauten ließ, dass der Irak an einem Atomwaffenprogramm arbeiten würde. Dies hielt man damals für klar ersichtlich, weil das Land spezielle Aluminiumröhren geliefert bekommen hat. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass diese Aluminiumröhren für die Verwendung in einem Atomprogramm unbrauchbar waren.

Ähnlich unbrauchbar erscheint die „Sprengkammer“ in Parchin, um einen Test zur Entwicklung von Atomwaffen durchzuführen. So erklärt Kelley, dass die meisten Tests bei der Entwicklung von Atomwaffen aus technischen Gründen auf offenem Gelände durchgeführt wurden. Auch für Iran hätte eine solche Sprengkammer kaum einen Nutzen: Die Kammer sei viel zu klein, um sprengstoffsichere Tests in relevantem Ausmaße durchzuführen und gleichzeitig zu groß für kleinere Tests, die für Recherchezwecke gedacht sind. Kleinere Tests könnten mit viel weniger Aufwand überall im Land durchgeführt und die Spuren viel leichter verwischt werden. Aufgrund der Beschaffenheit des Raumes sei es zudem unmöglich, die hierfür wissenschaftlich relevante Methodik anzuwenden, so Kelley.

Der Atomexperte listet drei Szenarien auf, wie ein Test zur Entwicklung  von Atomwaffen in der angeblichen Sprengkammer durchgeführt werden kann und schließt durch seine darauf bezogenen Argumentation die Möglichkeit der Nutzung des Gebäudes zum Test für die Entwicklung von Atomwaffen aus.

Der ehemalige IAEA-Inspektor illustrierte ebenfalls, dass selbst das Auffinden von Uranpartikel kein ausreichendes Kriterium dafür sein muss, ob ein Test für die Entwicklung von Atomwaffen angestrebt wird. Wie schnell Uranpartikel potentiell überall gefunden werden können, zeigt sich in dem von Kelley erwähntem Beispiel im Irak im Jahre 1991, als dem Land vorgeworfen wurde, Uran auf 93,5% anzureichern. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass das nachgewiesene Uran von einem Inspektor stammt, der zuvor in einem US-Nuklearlabor gearbeitet hat. Darüber hinaus stellt Kelley fest, dass Uranspuren immer nachzuweisen sind, so dass etwaige Besorgnisse über angebliche Versuche Irans solche Spuren zu beseitigen – wie Krüger in seinem Artikel darauf hinweist – ins Leere laufen.

Ohnehin ist die Simulationen für die Entwicklung von Atomwaffen und selbst sämtliche Vorbereitungen für den Bau derselben kein Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag (NPT), sondern erst die tatsächliche Vollendung der Atombombe. Hinzu kommt, dass Parchin keine Atomanlage ist - wie westliche Medien unkorrekterweise vermehrt darstellen-, sondern ein Militärkomplex. Das heißt, dass die IAEA laut Atomwaffensperrvertrag (NPT) nicht befugt ist, diesen Komplex zu inspizieren. Wie Irans Botschafter bei der IAEA, Dr. Ali Asghar Soltanieh, in einem Interview mit Irananders darlegte, muss erst einmal eine Übereinkunft mit der IAEA getroffen werden, damit eine einwandfreie rechtliche Grundlage - zur Sicherheit aller Parteien – existiert, die dann solche Besichtigungen erst ermöglichen.

Es kommt noch eine andere gewichtige Problematik bezüglich des Zögerns Irans, den IAEA-Inspektoren Zugang zu ihrem wichtigsten Militärkomplex zu gewähren: Die Gefährdung der nationalen Sicherheit in Anbetracht der täglichen Kriegsdrohungen und den Terror- und Sabotageakten gegen das Land. Wenn kontinuierlich mit einer militärischen Operation gedroht wird, nötigt man Iran geradezu, intransparent zu werden und sensible Gebäude und Anlagen zu verlegen oder gar einzubuddeln, eben weil militärische Schläge auf solche Anlagen angedroht werden. Dies dokumentiert ebenfalls die Kontraproduktivität von militärischen Drohungen für die Erzielung einer diplomatischen Einigung.


Quellen:

Kelley, Robert: “Clouded Intent – Iran’s nucear conduct remains unclear”. Jane’s Intelligence Review, 14. Juni 2012.

Kelley, Robert: "The IAEA and Parchin: do the claims add up?". Stockholm International Peace Research Institute, 23. Mai 2012.


Mohsen01-09-12

Im Zusammenhang mit dem Thema ist diese Zusammenfassung sehr intressant:

http://www.schweizmagazin.ch/news/ausland/11043-Neues-aus-Absurdistan.html

zahra02-09-12

diese doppelmoral ist nur schwer auszuhalten..als würde irgendein land sich freiwillig ausspionieren lassen..aber iran soll das mit sich machen lassen.es wurden genug iranische atomwissenschaftler getötet..wer hat wohl deren identitäten weitergegeben an bestimmte geheimdienste..




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