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11.10.2011 Ray Takeyh

Wie Iran nahezu autark die Atomtechnologie geschafft hat zu beherrschen


Irans Atomprogramm

Irans Atomindustrie ist nahezu autark, so Ray Takeyh.

Jahrelang hat man angenommen, dass wirtschaftliche Sanktionen und Diplomatie aus Iran einen fügsamen Verhandlungspartner machen würden. Irans Hartnäckigkeit hat diese einst populäre Annahme jedoch gewissermaßen untergraben und die Internationale Gemeinschaft in Verwirrung und Fassungslosigkeit gestürzt. Die häufig nicht ausgesprochene Hoffnung war, dass die Verweigerung wichtiger Technologien zusammen mit Sabotageaktionen das Atomprogramm der Islamischen Republik irgendwie verlangsamen könnte, bis irgendwann irgendwie eine alternative Strategie oder ein Abkommen zustande kommt. Der Gedanke war, dass die Zeit zu Gunsten des Westens laufe und dass Irans schwache wissenschaftliche Basis durch solchen Druck weiter behindert werden könne. Ganz im Gegensatz zu diesen Annahmen gewannen Irans wissenschaftliche Einrichtungen in den letzten zwei Jahrzehnten jedoch an Erfahrung und Kompetenz.

In der Geschichte der Proliferation stellt Iran eine Ausnahme dar: nahezu jede Mittelmacht, die die Bombe erlangt hat, genoss wesentliche Hilfe von externen Förderern. China bekam von der Sowjetunion nicht nur technische Ratschläge, sondern auch die Mittel, um einen Atomreaktor zu bauen, Waffenbaupläne und die Bereitstellung ballistischer Raketen. China seinerseits belieferte Pakistan mit ausreichend Uran für zwei Bomben, unterstützte das Land beim Bau seiner Anreicherungsanlagen sowie seinen Plutoniumreaktoren und stellte Waffenbaupläne zur Verfügung. Israel bekam von Frankreich einen Atomreaktor, eine unterirdische Aufbereitungsanlage für Plutonium und Waffenbaupläne. Indien, das sein Atomprogramm lange als eine nationale Errungenschaft gepriesen hat, klammert zweckdienlich den Umstand aus, dass es von Kanada einen Atomreaktor und von den USA 20 Tonnen schweres Wasser erhalten hat. Das damals isolierte und geächtete Südafrika kommt dem iranischen Dilemma am nächsten. Es musste sich größtenteils auf inländische Ressourcen zum Bau der Atombombe stützen, aber es bekam auch Tritium von Israel, ein für die Explosion von Wasserstoffbomben wichtiger Bestandteil.

Obwohl Iran für die Fertigstellung eines nicht für militärische Zwecke zu gebrauchenden Leichtwasserreaktors russische Hilfe bekommen hat und – was noch bedenklicher ist – unentwickelte Zentrifugen vom Abdul Qadeer Khans Netzwerk erhalten hat, hat Teheran nie die Art von ausländischer Beihilfe genossen, die andere Entwickler von Nuklearwaffen bekamen. Darüber hinaus wurde kein anderes Land mit solch systematischen Versuchen konfrontiert, durch die Verweigerung von Technologien und durch Computervirenangriffe Druck auf sein Atomprogramm auszuüben. Hätten Pakistan und Israel die Hindernisse zu überwinden gehabt, die Iran im Weg stehen, wäre ihr Weg zur Bombe ein viel längerer gewesen. Irans schrittweises Durchbrechen technischer Grenzen, der Erfolg bei der Instandhaltung eines entwickelten und wachsenden Anreicherungsnetzwerks und die kommende Enthüllung einer neuen Generation von Zentrifugen - all das sind Indikatoren für Irans wissenschaftlichen Scharfsinn.

Was machte das möglich? Die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts waren ein verhängnisvolles Jahrzehnt für die Wissenschaft in Iran. Aufgrund der revolutionären Übergriffe und des langen Kriegs mit Irak gab es eine Vernachlässigung des Bildungssektors bei der staatlichen Förderung. Aber das änderte sich in den 90ern, als trotz der Sanktionen und Exportkontrollen, die Iran nach 1979 auferlegt wurden, die politische Elite – sowohl Konservative als auch Reformer – die wissenschaftliche Forschung wiederbeleben wollte. Neue Einrichtungen, wie das Zanjan Institut für Entwickelte Studien in Grundlagenforschung und das Institut für Theoretische Physik und Mathematik wurden gegründet; alte Institutionen, wie die Sharif-Universität für Technik wurden wiederbelebt. Die Atomenergieorganisation, die von Hashemi Rafsanjani sogar im Durcheinander der Revolution in Obhut genommen wurde, erfreute sich eines neuen Managementteams und größerer staatlicher Zuwendungen. In einem Land, in dem Politik häufig einem Hahnenkampf ähnelt, haben Reformer und Reaktionäre in ihrem Bekenntnis zum wissenschaftlichen Fortschritt einen gemeinsamen Punkt der Einigkeit gefunden. Die Ergebnisse waren beeindruckend: Die Anzahl wissenschaftlicher Schriften, die iranische Forscher in international anerkannten Fachzeitschriften hervorbrachten, ist drastisch angestiegen und viele Universitäten verfügen über ausreichend Ressourcen und Fachexpertise, um eigene Doktorantenprogramme anzubieten.

Statt Ausfällen und Einschränkungen durch sanktionsbedingt gedrosselte Finanzierungen erwies sich der Staat als ein großzügiger Unterstützer der Wissenschaften. Irans Wissenschaftler entwickelten sich zu soliden Patrioten, fest entschlossen, über eine störrische Politik hinwegzusehen und ihr Land mit dem vollen Spektrum technologischer Entdeckungen zu versorgen – inklusive der Fortschritte in den Nuklearwissenschaften. Irans Pariah-Status hat ironischerweise einen Kameradschaftsgeist innerhalb der wissenschaftlichen Community hervorgebracht. Forscher verübeln es ihren internationalen Kollegen, dass sie von ihnen gemieden werden, sind verärgert über den Ausschluss aus gemeinschaftlichen Arbeiten mit westlichen Forschungszentren und sind erzürnt durch die gezielte Tötung ihrer Kollegen. Im heutigen Iran haben Regierende und Wissenschaftler einen nationalen Pakt geschmiedet, in dem der Staat die Ressourcen verteilt, während die Wissenschaftler dem Land die Fähigkeiten verleihen, an die hohen Errungenschaften der Technik zu gelangen und nebenbei die Mullahs mit den Mitteln zum Bau einer Atombombe zu versorgen.

Die Einschätzungen schwanken, aber in den nächsten Jahren wird Iran in der Lage sein, einen nuklearen Sprengkopf zu zünden. Eine aggressive Theokratie, die mit der Bombe bewaffnet ist, wird einen gefährlichen Schatten über die politischen Umwälzungen der Region werfen. Aber die Konsequenzen werden nicht auf den Nahen Osten beschränkt sein. Eine iranische Bombe wird voraussichtlich den größten spalterischen Parteienstreit in diesem Land (Anm. d. Übers.: gemeint sind die USA) seit der Debatte 1949 über die Frage „Wer verlor China?“ hervorbringen. Am Ende wird sich weder die turbulente Ordnung des Nahen Ostens noch die Parteienpolitik Washingtons eine mit atomaren Waffen bestückte Islamische Republik leisten können.

Von Ray Takeyh, leitender Wissenschaftler am Council on Foreign Relations, aus „The march toward a nuclear Iran“ in Washington Post von 4. August 2011; übersetzt von Leo Schmitt.


Le Mec11-10-11

Ich bin zwar mit den Schlussfolgerungen von Herrn Takey größtenteils einverstanden, aber seine Grundannahmne, dass Iran die Bombe baut, bzw. es will ist einfach falsch!

Meryem16-10-11

Ich hoffe auch, dass die Weisung des Staatsoberhauptes Imam Chamenei, dass schon die Herstellung einer Atomwaffe ein Kriegsverbrechen ist, auch durchgesetzt wird. Es ist zwar verständlich, dass das Volk durchaus dafür ist, dass Iran Atomwaffen herstellt - bei der ganze Hetze und Drohungen - aber dass es unislamisch ist bleibt dabei immer noch wahr.

Navid17-10-11

@Meryem, Schauen Sie sich die antiiranische Hetze an, es vergeht kein Tag, in der Presse der westlichen Welt ohne eine Hetze gegen Iran. Glauben Sie mir, wir leben in einer gefährlichen Welt, die beherrschet wird von einem asozialen Parasit gepaart mit einer Mafia- und Räuber Mentalität in Kombination mit Cowboy-Manier. Es ist überlebenswichtig für unabhängige Länder für den Ernstfall gerüstet zu sein. Mich wundert es, warum Iran mit Russland und China und einigen Südamerikanischen Ländern kein militärischer Pakt als Gegenwehr zu north atlantic terror organization ( NATO)? eingeht?

Man18-10-11

Danke für Ihre unabhängige arbeit.

Homayoun H.20-10-11

[...] und nebenbei die Mullahs mit den Mitteln zum Bau einer Atombombe zu versorgen."

Wie kommt Herr Takeyh zu dieser Annahme?






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