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14.09.2011 Flynt Leverett und Hillary Mann Leverett

Iran und Syrien: Unterschiedliche Techniken und Taktiken zur Auflösung der Proteste


Unruhen 2009 in Iran

Im Unterschied zu Syrien (aber auch zu vielen anderen arabischen Staaten, wie Ägypten, Libyen oder Bahrein) verwendete der iranische Sicherheitsapparat weder Militär noch Revolutionsgarden bei der Niederschlagung der Proteste von 2009 im eigenen Land. Obwohl Iran gänzlich andere Techniken und Taktiken verwendete, wurden das militärische Personal und entsprechende Einrichtungen Irans kürzlich von der EU auf die Sanktionsliste gesetzt, mit der Begründung, dass diese bei der Niederschlagung der Unruhen in Syrien mit Know-how, Personal und Ausrüstung beteiligt wären. (Archivphoto von den Unruhen in Iran nach den Präsidentschaftswahlen 2009)

Im letzten Jahr haben wir Joby Warrick von der Washington Post für die von ihm herausgegebenen Berichte, die sich „fast vollständig auf nicht genannte US-Vertreter und eine bekannte terroristische Organisation“ stützten, zur Verantwortung gezogen, der die  falschen Behauptungen hinsichtlich des Iraks  auf die Islamische Republik Iran überträgt, indem er behauptet, dass die Islamische Republik danach strebt, Nuklearwaffen zu bauen (vgl. Öffnet externen Link in neuem Fensterhier und Öffnet externen Link in neuem Fensterhier). Nun hat Warrick eine Öffnet externen Link in neuem FensterTitelseite in der Washington Post veröffentlicht, die sich ausschließlich (und nicht „nahezu“) auf ungenannte „US-Vertreter und einen Diplomaten von einer verbündeten Nation“ beruft, in der er Folgendes berichtet:

Iran entsendet eine zunehmende Anzahl von Trainern und Beratern – darunter Mitglieder seiner Eliteeinheit, den Quds-Brigaden – nach Syrien, um bei der Niederschlagung von Demonstrationen gegen die Regierung,  die zum Sturz des wichtigsten Alliierten Irans in der Region aufrufen, Beistand zu leisten. Der Zustrom von iranischen Personalkräften ergänzt den ständigen Hilfsstrom aus Teheran, der nicht nur aus Waffen und Kampfausrüstungen, sondern auch aus hochwertigen Überwachungsgeräten besteht, die den syrischen Behörden dabei helfen sollen, Oppositionelle durch deren Konten auf Facebook und Twitter ausfindig zu machen.

Wir widersprechen  Warricks Behauptung, dass „Anti-Regierungs-Demonstrationen“ in Syrien „mit dem Sturz von Irans wichtigstem Alliierten in der Region drohen“, entschieden. Ein anderer Artikel (vgl. hier) in der gleichen Ausgabe der Washington Post bietet eine weit präzisere Charakterisierung der syrischen Proteste, die „darin gescheitert seien, die Anzahl [an Demonstranten] aufzubringen, die in den ersten Monaten dieses Jahres die Präsidenten von Ägypten und Tunesien zu Fall gebracht haben“.  Darin wird weiterhin bemerkt,  dass es „trotz der Bemühungen (der Protestierenden) keine Anzeichen dafür gegeben hat, dass die Armee bereit wäre, sich gegen das Regime zu stellen.“ Wir möchten noch hinzufügen, dass die andauernden Demonstrationen in Syrien sich im Wesentlichen auf die Peripheriegebiete des Landes konzentriert haben.

Aber um solche Punkte zu ergründen, bedarf es eines ernsthaften Journalismus; und das ist nicht das, was Warrick hier betreibt. Was er hier tut, ist Unterstützung bei der Verbreitung der von der Obama-Regierung gewählten Propagandalinie : allgemeine Unruhen machen Präsident Assad genau so „illegitim“ wie Ghaddafi in Libyen, und die Islamische Republik Iran unterstützt einen Diktator in Syrien – im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, die tapfer an der Seite des „Volkes“ von Syrien bei dessen Bemühen stehen, einen Diktator zu stürzen.

Aus unserer Sicht unterscheidet sich die Realität wesentlich von dieser Propagandalinie:  Die USA, die ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht haben, haben zugunsten von einer Seite im  Bürgerkrieg in Libyen interveniert,  haben es aber dennoch noch nicht geschafft, Ghaddafi zu vertreiben. Im Gegensatz dazu gelangendie Unruhen in Syrien nirgends bis an die Schwelle eines Bürgerkriegs. Unserer Ansicht nach verfügt Präsident Assad noch über die Unterstützung von mindestens der Hälfte der syrischen Bevölkerung. Aber die Obama-Administration ist beunruhigt über Irans wachsendes Ansehen und steigenden Einfluss in der gesamten Region; und sie bedient sich dabei jedes erdenklichen Propagandainstruments, um die Popularität der Islamischen Republik im Nahen und Mittleren Osten, die über mehrere Jahre hindurch bei mehreren öffentlichen Meinungsumfragen nachgewiesen wurde, „zurückzudrängen“.

In seinem Artikel – abgesehen von der offensichtlich sehr eingeschränkten Quellenangabe - macht sich Warrick nicht die Mühe, eine alternative Perspektive zu der Linie, die ihm von der Obama-Regierung vorgegeben wurde, anzubieten. Warrick zitiert einen externen Kommentator – Michael Singh vom Washingtoner Institut für Nahost-Politik. Wir kennen, mögen und respektieren Michael Singh. Aber bevor Warricks Artikel von der Washington Post publiziert wurde, hatte Michael bereits seinen eigenen Gastbeitrag im Wall Street Journal veröffentlicht (vgl. Öffnet externen Link in neuem Fensterhier), indem er den Behauptungen der Obama-Administration über die iranische Beteiligung in Syrien beipflichtet. Zudem ist das Washingtoner Institut von der AIPAC gegründet, das eine programmatische Agenda in Bezug auf die Islamische Republik und Syrien hat. Als er Michael Singh als einzigen externen Kommentator hinzunahm, versicherte Warrick, dass die bevorzugte Propagandalinie der Obama-Regierung in seinem Artikel nicht in Frage gestellt würde.

Warricks Artikel hebt hervor, dass

viele frühere Berichte - die meisten waren von westlichen Vertretern - über technische Hilfe von Seiten Irans bei der Belieferung Syriens mit Schutzhelmen, Schlagstöcken und anderen Geräten zur Kontrolle der Massen während der seit 10 Wochen andauernden Demonstrationen gegen Präsident Bashar Al-Assad berichtet haben.

Selbst wenn das wahr wäre, würden Warrick oder seine ungenannten Quellen etwa vorziehen, dass die Iraner Panzer und Mannschaftstransportwagen nach Syrien schicken, zur Unterstützung einer weitaus militanteren Reaktion? Wir führen diesen Punkt später noch weiter aus.

Weiter heißt es:

Im Bericht des Diplomaten und der offiziellen US-Vertreter heißt es, dass die iranischen Militärausbilder nach Damaskus gebracht wurden, um die Syrer in Techniken zu unterrichten, die der Iran 2009 gegen die 'Grüne Bewegung' seines Volkes angewandt hatte.

Welche „Techniken“ meint Warrick? Die wirksame Auflösung von Protesten und die Verdeutlichung, , dass die Opposition keine glaubhaften Beweise  für eine Wahlfälschung bei den Präsidentschaftswahlen der Islamischen Republik vom Juni 2009 hatte, wodurch diese den größten Teil ihrer sozialen Basis verlor, die sowieso nie auch nur  die Nähe einer Mehrheit reichte?

Wenn Warrick bei seiner Berichterstattung gewissenhafter gewesen wäre, hätte er vielleicht einige Schwachstellen in der Geschichte, die ihm die Obama-Regierung übergab, erkannt. Einer unserer regelmäßigen Kommentatoren weist darauf hin, dass der Bericht der US-Administration über die iranische Unterstützung für den syrischen Sicherheitsapparat, der angeblich entweder von der NAJA (nationale iranische Polizei) oder den Revolutionären Garden kommt, grundsätzlich im Widerspruch steht zu dem, was die Syrer tatsächlich machen. Die syrische Reaktion auf die Massenunruhen ist unter dem massiven Einsatz von Armeeeinheiten stark militärisch ausgefallen, was besonders im Einsatz gepanzerter und gut ausgerüsteter Einheiten gegen Demonstrationen zum Ausdruck kommt. Das ist etwas, was die Islamische Republik nie gemacht hat.

Die iranische Reaktion auf die Unruhen in den Städten nach der Präsidentschaftswahl im Juni 2009 erfolgte durch die NAJA mit Volontären der Basidj. Weder die reguläre Armee noch die Revolutionsgarden wurden zu diesem Zweck eingesetzt. Außerdem gehört es nicht zur Ausbildung oder Erfahrung - weder der NAJA noch der Revolutionsgarden - gepanzerte und gut ausgerüstete Einheiten zur Niederschlagung von Demonstrationen einzusetzen. Unser Kommentator fragt daher: Wie genau soll das ablaufen, dass die NAJA und/oder die Revolutionsgarden angeblich bei der  Unterstützung der syrischen Abwehrreaktionen beraten? Warrick ergründet diese Unstimmigkeiten nicht einmal ansatzweise. Er plappert dagegen unkritisch eine Behauptung nach, die Iran beschuldigt, Syrien bei der Durchführung der Abwehrmaßnahmen gegen die Massenproteste zu unterstützen, die die Syrer in Wirklichkeit nicht implementieren.

Dies erinnert stark an die Art von journalistischem Missbrauch, der von der Washington Post, der New York Times und anderen großen Medien 2003 im Vorfeld der Invasion im Irak betrieben wurde. Wie der Präzedenzfall des Irak demonstriert, kann die Sanktionierung von „Schurkenstaaten“ (und die Obama-Regierung hat jetzt wegen der mutmaßlichen Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen in Syrien gegen iranische Verantwortlichen und Einrichtungen Sanktionen erlassen) auf der Basis von dämonisierenden Berichten, die völlig unkritisch von den Mainstream- Medien übernommen werden, die USA in einen Krieg hineinschlittern lassen. In Anbetracht der Erfahrung der USA im Irak, wäre es  für die Vereinigten Staaten wirklich kriminell, noch einmal im Mittleren Osten einen Krieg unter Vortäuschung falscher Tatsachen zu führen.

Warrick fügt noch – ohne jede Quellenangabe - hinzu, dass „die Iraner auf brutale Weise bei der Niederschlagung dieser Proteste effektiv waren.“ Mit der Beteiligung an der erfundenen Linie des Washingtoner politischen Establishments über das politische Leben in Iran – wiederum ohne jegliche Bemühung einer kritischen Bewertung - erweist Warrick seinen Lesern einen schlechten Dienst. Das konkurrenzfähige Wesen der iranischen Politik, das sicherstellt, dass Gruppen oder Fraktionen, die heute eine politische Schlacht verlieren, in der Zukunft andere Stücke vom Kuchen bekommen werden – unterscheidet die Islamische Republik von Bahrain oder anderen Staaten im Mittleren Osten, wo große Teile der Gesellschaft (im Fall von Bahrain eine klare Mehrheit) überhaupt nichts erhalten. Das mag als Erklärung dafür dienen, warum die Proteste in Iran nach den Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 sehr schnell wieder abebbten und nur eine kleine Anzahl von Oppositionellen zurückblieb, die sich selbst außerhalb der etablierten Staatsordnung stellte –  ein Verlauf, der sich stark von der Entwicklung  in Ägypten,  Tunesien oder auch von dem, was jetzt in Syrien geschieht, unterscheidet. Solche vergleichende Analysen würden beträchtlich für Aufklärung sorgen, aber Warrick unternimmt diesbezüglich keine Versuche. 

Zugleich wäre es gute journalistische Praxis, die Reaktion der syrischen Regierung auf die Massenunruhen – ob nun mit ausländischer Unterstützung oder nicht -, mit denen anderer Regimes in der Region zu vergleichen, die jetzt ähnlichen Herausforderungen gegenüberstehen (was in Iran nicht der Fall ist). Wenn die Washington Post oder jedes andere Medienunternehmen die syrische Reaktion mit der des Regimes von Bahrain vergleichen würde, so müssten ihre Reporter nicht auf ungenannte offizielle Quellen in Washington zurückgreifen und sich dabei ausschließlich auf deren unbegründete Angaben über ausländische Beteiligung verlassen. Dazu gibt es genügend Öffnet externen Link in neuem FensterFilmmaterial von Al-Jazeera und von anderen professionellen Medien, die saudische Soldaten zeigen, die in großer Anzahl über die Dammstraße vom Königreich Saudi-Arabien nach Bahrain hereinströmen, um eine Massenbewegung für politischen Wandel, die eindeutig die Mehrheit der Bahrainis repräsentiert, niederzuschlagen.

Sicher kann die Washington Post etwas Besseres tun, als einfach die Propaganda der Obama-Regierung nachzuplappern.

® The Race for Iran Öffnet externen Link in neuem Fenstervon 30. Mai 2011; übersetzt von Fatima Radjaie


hans16-09-11

Die negative Berichterstattung über Iran ist eine folge der aggressiven und menschenverachtenden Politik der mullahs. Sie haben Iran weltweit isoliert.

Schuhmacher16-09-11

Nö, es ist viel mehr die Feindschaft u den Mächtigen dieser Welt. Ansonsten müsste Saudi Arabien den ganzen Dreck abbekommen.

Humanist16-09-11

Lächerlich, wenn hier propagandistisch behauptet wird Iran sei beliebt unter den Nachbarländern. Eine dreiste Lüge.
Irans Popularität hat massiv abgenommen (http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2011/07/152196/Arab
In einem vom Staatsfernsehen geführten Interview sagt ein Afghanischer Experte mutig die Wahrheit (http://www.youtube.com/watch?v=x-kKYr8dgb0&feature=player_embedded)
Und wofür sollte der Iran beliebt sein?
a) wegen Unterdrückung seine Bevölkerung seit 32 Jahren?
b) wegen Einmischung in die Angelegenheiten anderer Länder
c) wegen Unterstützung von Hamas, Hezbollah und Assad
d) wegen seiner tollen Wirtschftslage
e) wegen Zensur, Geschlechtertrenung, und Massenhinrichtungen
f) wegen besonderer Fürsorge für Umwelt, wie in Orumijeh
g) wegen Verbot von Wasserspielen?
h) wegen eEinführung des HalalInternet
I)wegen besonders humanem Umgang mit Oppositionellen und Gefangenen

Jakob17-09-11

Wie lange kann sich das klerikal-faschistische Unterdrückungssystem in Persien noch halten?

MA21-09-11

Die Nützlichkeit von Youtube-Videos in denen arabisch gesprochen wird ist auf einem deutschsprachigen Forum begrenzt.

Erstes Video
http://www.youtube.com/watch?v=5Wr2ulyfGIQ&feature=related

Zwei Männer werden gefragt wer sie sind. Sie antworten "wir sind Schiiten" (meiner Meinung nach sehr auffällig gestellt, wohl niemand antwortet schon auf die Frage nach der Identität mit "Ich bin Schiite"), dann auf Nachfrage, "Schiiten aus Iran" (mit syrischem Dialekt). Dann wird darüber gesprochen, wie sie angeblich Aktionen gegen die Bevölkerung durchgeführt hätten und auf sie geschossen hätten.

Zweites Video
http://www.youtube.com/watch?v=4U8HfS5O9Gg&feature=related

Ein Mann spricht in die Kamera, offenbar in Offizierskleidung. Nachdem er sagt welche Stellung er im syrischen Militär besetzt und seinen im Video nicht lesbaren Personalausweis als (vermeintlichen) Nachweis vorzeigt verkündet er seine Abspaltung von der syrischen Armee. Seine Gründe 1.: Das Abweichen der Armee von seiner eigentlichen Aufgabe, dem Schutz der Grenzen und der Bevölkerung. 2. Der Wechsel der Aufgabe der Armee vom Schutz der Nation zu einem Schutz der Herrschenden. 3. Das Töten von Mitbürgern 4. Das Säen von Zwietracht (Fitna) durch sektiererische Spaltungen der Opposition und der demokratischen Bewegungen, 5. Habe ich nicht ganz verstanden aber wahrscheinlich das Vorgehen gegen friedliche Demonstrationen, 6. Die Einmischung von Hisbollah und Iran für das brutale Regime. Schließlich fordert er seine Kameraden, vor allem hohe und andere Offiziere zum Desertieren auf. Schließende Worte sind übliche Sätze wie "es lebe Syrien"

Ahmed05-03-12

Religionen sind potentielle Staatsfeinde, denn jede Religion verffcgt fcber mehr oder wengier viele Glaubensinhalte, die nicht im Einklang mit der Verfassung stehen. Der Staat we4re besser beraten, wenn er zu den Religionsgemeinschaften auf gleichme4dfige Distanz gehen wfcrde und den Religionen klarere Grenzen ffcr deren Bete4tigungsfeld aufzeigen wfcrde.Heute ist der Islam-Vizepre4sident Hamidi zurfcckgetreten, weil er eine durchaus ge4ngige dcberzeugung der Moslems vertreten hat, dass ne4mlich Sport nichts ffcr die Frauen we4re. Dabei hat er nur etwas ausgesprochen, was in den 11 islamischen Schulen in Wien den Kindern selbstverste4ndlich beigebracht wird. Der Stadtschulrat will ihn abziehen.Aber es besteht Religionsfreiheit. Niemand sagt aber genau, wie weit diese gehen darf.* Darf die katholische Kirche von ihren Priestern verlangen, dass diese auf urmenschliche Bedfcrfnisse nach Familie und Kinder verzichten? ist eine solche Regel wegen ihrer Grausamkeit nicht generell abzulehnen? (Ganz abgesehen von den fatalen Folgen, die wir aus der Geschichte kennen.)* Darf eine Religion wie der Islam das Ziel beanspruchen, selbst den Staat fcbernehmen zu wollen? Zitat aus einem Lehrbuch der Volkshochschule Oldenburg: „Ffcr einen Muslim ist der Einklang von Religion und Gesetzgebung die Grundlage seiner Existenz (..) Wird diese Grundlage verletzt, (..) wird der Muslim versuchen diese durch Verteidigung zu erhalten.“

Jakob10-08-12

''Es ist Irrsinn, für das Assad-Regime zu sein!''
Hrach Macoushian ist Musiker aus dem syrischen Aleppo. Der Armenier mit syrischer Staatsbürgerschaft kam vor zwei Jahren nach Jerewan, um dem Militärdienst in Syrien zu entgehen. Lennart Lehmann sprach mit ihm über die Perspektiven der armenischen Minderheit in Syrien, und seine Erfahrungen mit dem Assad Regime.

.Wie steht die armenische Minderheit in Syrien zum Assad Regime?

Hrach Macoushian: Die Armenier in Syrien leben außerhalb der Kampfzone. Viele von ihnen sind für Assad.

Warum?

Macoushian: Weil sie dumm sind (lacht). Sie denken, dass Assad die Minderheiten beschützt. Dabei sollte jeder wissen, dass es eine Lüge ist, dass das Regime die Minderheiten beschützt. Es gab da nie ein Problem. Außerdem haben die Armenier den Muslimbrüder-Komplex – sie denken dass die Muslimbrüder nach dem Sturz des Regimes mit Gewalt gegen Armenier und Christen vorgehen werden. Die Armenier glauben die Propaganda des Regimes. Aber in der Vergangenheit haben die Muslimbrüder nie Armenier ermordet. Sie haben immer nur gegen die Nationalisten gekämpft. Dabei wurden alle syrischen Muslimbrüder entweder von der Regierung ermordet oder sind ins Exil gegangen. Das negative Image der Muslimbrüder wurde später auch vom Regime kreiert um, sie zu diskreditieren. Diese Partei, vor der die Leute Angst haben, gibt es nicht mehr. Das ist der Unterschied zu den ägyptischen Muslimbrüdern.

Wie sehen die Armenier in Syrien den Bürgerkrieg?

Macoushian: Die Armenier leben sehr losgelöst von dem, was in Syrien passiert. Sie haben diese Scheuklappen. Sie bewegen sich kaum außerhalb ihrer Gemeinden. Die meisten Armenier haben keine arabischen Freunde. Und das bedeutet: Mehr Paranoia! Was außerhalb der Nachbarschaft passiert, das erklären ihnen der Präsident und die staatlichen Medien. Die sagen ihnen: Da gibt es Terroristen, die, wenn sie an der Macht sind, Armenier, Christen und andere Minderheiten umbringen werden.

Was war der Auslöser für Deine Ablehnung des Baath-Regimes?



"Die Armenier leben sehr losgelöst von dem, was in Syrien passiert. Sie haben diese Scheuklappen. Sie bewegen sich kaum außerhalb ihrer Gemeinden. Die meisten Armenier haben keine arabischen Freunde. Und das bedeutet: Mehr Paranoia!", sagt Hrach Macoushian. Macoushian: Ich war immer begeistert von Menschen, die sich selbst ausdrücken können und eingängige Ideen haben. Ich fing an, auf Konzerten zu spielen, als ich 17 war und ich verbrachte viel Zeit mit Musikern. Als ich 18 war, kamen eines abends Sicherheitskräfte zu uns nach Hause und belogen meinen Vater: Sie gaben vor, es habe in der Nähe seines Geschäftes einen Diebstahl gegeben und baten ihn, zur Direktion für Politische Sicherheit kommen. Seinen Sohn solle er auch mitbringen. Auf der Direktion befahlen sie meinem Vater, zu gehen. Mich behielten sie dort. Ich wurde also entführt. Sie fingen an, mich zu verhören. Sieben oder acht Personen, die mich bedrohten und mir Fragen stellten. Die Namen aller meiner Freunde. Die Leute, die ich kenne. Sieben Stunden lang. Am Ende musste ich ein Papier unterschreiben, auf dem ich versprach, dass ich meinem Land helfend zur Verfügung stehe. Dann brachten sie mich nach Hause. Dieses Verhör hat dazu geführt, dass einer meiner Freunde ins Gefängnis kam und dort gefoltert wurde. Und manchmal denke ich, dass ich daran schuld bin. Es ging nur um die Ansichten meines Freundes. In dem Verhör habe ich die Ansichten meines Freundes preisgegeben, und sie haben ihn gefoltert, weil er Ansichten hatte. Also, das war vielleicht der Schlüsselmoment, wo der Hass auf das Regime begann.

Warum misstraute euch das Regime?

Macoushian: Wir spielten westliche Musik. Metallica, Led Zeppelin. Wir trafen uns in Wohnungen. Es gibt normalerweise nur wenige Gründe für Versammlungen in Syrien: Familienfeste und religiöse Feiern. Nun sahen die Sicherheitskräfte, dass sich junge Leute versammelten, und sie betrachteten das als eine Bedrohung. Sie wollten wissen, was wir dachten, worüber wir redeten. Manchmal trafen wir uns auch in der Straße, fünf Leute nur, nicht mehr, und die Polizei fragte uns: "Warum versammelt ihr euch?" Ich meine, es ist doch wohl das natürlichste der Welt, dass Menschen sich versammeln, und sie wollen wissen, warum?!

Du sagst, deine Freunde sind gefoltert worden?

Macoushian: Ja. Und ich habe die Foltermaschinen gesehen. Diese Foltermaschinen haben keine richtigen Namen. Nur Spitznamen. Eine zum Beispiel heißt "Fliegender Teppich". Sie verbiegt dir langsam den Rücken, bis du nicht mehr atmen kannst. Ich habe mal einen getroffen, dem hatten sie mit Elektrokabeln die Fußsohlen zerschlagen. Es waren fürchterliche Wunden. Ein anderer Freund von mir verlor während seines Militärdienstes ein wichtiges Dokument. Sie haben ihn dafür drei Monate in eine kleine, dunkle, lichtlose Kiste eingeschlossen, die sie "Polnisches Gefängnis" nennen. Er hörte die Schreie von Menschen, die gefoltert wurden. Nur einmal am Tag haben sie ihn für ein paar Minuten dort herausgeholt. Er konnte danach lange nicht laufen. Weißt du, er hatte kein Verbrechen begangen. Er hatte niemanden umgebracht, und sie steckten ihn in eine "Black Box". Ich traf ein kurdisches Mädchen. Ihr Bruder wurde entführt, genauso wie ich. Sie folterten ihn und zogen ihm die Fingernägel raus. Er kam noch nach Hause. Andere kamen nicht nach Hause. Jeder in Syrien kennt solche Geschichten. Jeder weiß darüber Bescheid. Und wenn du ein Dissident bist, und du lebst in einer Mietwohnung in einem Hochhaus – dann schießen sie das ganze Gebäude zusammen. Es ist verrückt, für Assad zu sein. Du bist für dieses Regime? Du bist für diese Prozeduren? Natürlich nicht! Deshalb sage ich: Die Armenier sind dumm.

Manche politische Gruppen in der Welt tun sich schwer damit, sich gegen das Assad-Regime zu stellen. Viele Leute hatten ursprünglich auch Hoffnungen mit dem jungen Präsidenten Baschar al-Assad verknüpft...

Macoushian: Die Baath-Partei wurde von nationalistischen Muslimen und Christen gegründet. Dann riss einer von ihnen die ganze Macht an sich. Wenn du heute über die Baath-Partei redest, dann sehe ich nicht mehr Sozialismus, Einigkeit und Freiheit. Ich sehe da nur einen gierigen Machtmenschen und seine Familie, die Syrien 60 Jahre lang beherrscht haben.



"Wenn du aufwächst wie Assad, als Sohn eines Diktators, dann lebst du in einer gefälschten Realität. Jeder lügt dich an, niemand ist ehrlich zu dir. Ich denke, dass Assad Probleme hat, die Wahrheit zu erkennen", sagt Macoushian. 

In den 1980er Jahren, als Hafiz al-Assad 50.000 Menschen in Hama umbringen ließ, da war das noch eine ideologische Sache. Aber das, was jetzt in Syrien passiert, hat nichts mehr damit zu tun. Baschar al-Assad kämpft einfach nur um die Macht.Wenn du aufwächst wie Baschar, als Sohn eines Diktators, dann lebst du in einer gefälschten Realität. Jeder lügt dich an, niemand ist ehrlich zu dir. Ich denke, dass Baschar Probleme hat, die Wahrheit zu erkennen. Und ich bezweifle, dass irgendjemand in der Welt von jemandem regiert werden möchte, der Probleme hat, die Realität zu erkennen. Und das System setzt sich fort: Journalisten haben Baschar gefragt, wie er die Ereignisse seinen Kindern erklärt. Er hat geantwortet, dass er ihnen sagt, die Leute, gegen die er kämpft, das seien alles Terroristen. Er gibt also dieses gestörte Realitätsbild an seine Kinder weiter, die irgendwann einmal Syrien regieren sollen.

Wie schätzt du die Lage der syrischen Opposition ein?

Macoushian: Die Opposition versucht, sich zu organisieren. Es gibt dort sehr viele Aktivisten, die das Regime bekämpfen. Was mich optimistisch macht, ist, dass die syrische Opposition nicht zentralisiert ist, wie in Armenien. Die syrische Opposition eint der Kampf gegen das Regime. Aber die Akteure sind sehr vielfältiger Natur. Die syrische Opposition ist sehr offen und sehr breit strukturiert. Wer sagt, das sei eine Schwäche, der denkt ausschließlich in klassischen Mustern. Kritiker sagen, die Opposition sei desorganisiert. Aber ich sage, sie ist dezentralisiert. Ich finde nicht, dass das eine Schwäche ist. Es ist nur so, dass du es nicht so leicht durchschauen kannst.

Wie beurteilen die Armenier in Syrien die Zukunft des Konfliktes?

Macoushian: Sie glauben, das Regime wird alles unterdrücken und alles wird wieder so sein wie zuvor. Syrien wird aber nie wieder so sein wie zuvor. Syrien wird anders sein. Du hast ein gemeinsames Ziel, und das ist, gegen Unterdrückung zu kämpfen. Danach wird das Leben ein anderes sein. Nun müssen die Syrer sich ausdrücken, sich artikulieren. Sie konnten das nicht tun für viele Jahre. Gut möglich, dass nicht alles gut wird, nach dem Sturz des Assad Regimes. Aber es kann nicht schlimmer sein, als dieses Regime.

Interview: Lennart Lehmann





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