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22.06.2011 Flynt Leverett und Hillary Mann Leverett

Ägypten, Iran und das sich neu entwickelnde Kräfteverhältnis im Mittleren Osten


Irans Staatsoberhaupt Ayatollah Ali Khamenei mit Mohammed el-Baradei

Der ägyptische Hoffnungsträger Mohammed el-Baradei (l.) im Gespräch mit dem iranischen Staatsoberhaupt, Ayatollah Ali Khamenei (r.), in Teheran. (Archivphoto: ISNA)

Das volle Ausmaß der  Konsequenzen der außergewöhnlichen Entwicklungen in Ägypten seit Beginn dieses Jahres - für Ägypten selbst, für den Nahen und Mittleren Osten und für die Welt - wird erst in  einiger Zeit klar werden. Zum jetzigen Zeitpunkt scheint es allerdings so gut wie sicher, dass das Ägypten nach Mubarak eine weitaus augewogenere Außenpolitik haben wird, als dies mehrere Jahrzehnte lang der Fall war.

Eines der auffälligsten Merkmale in der neuen Richtung der ägyptischen Außenpolitik ist die durchwegs positive Veränderung in der Haltung Kairos gegenüber der Islamischen Republik Iran. Erst gestern [Anm. d. Red.: 06.04.2011] berichtete die palästinensische Zeitung Al-Quds Al-Arabi (mit Sitz in London) darüber, dass der Außenminister Nabil al-Arabi nach einem Treffen mit dem Leiter der iranischen Interessenvertretung in Kairo bekanntgab, dass "die ständigen Kontakte zwischen Kairo und Teheran auf eine Normalisierung der Beziehungen“ abzielen, „denn das ‚nachrevolutionäre Ägypten’ möchte normale Beziehungen zu allen Staaten der Welt aufbauen. Er bestätigte daraufhin, dass er eine Einladung des iranischen Außenministers nach Teheran angenommen hat."

In einer gestrigen Stellungnahme [Anm. d. Red.: 06.04.2011] wies der Chefredakteur von Al-Quds Al-Arabi, Ad al-Bari Atwan, darauf hin, dass die Außenpolitik von Ägypten "die gleiche Methode anwendet wie ‚Erdogans Türkei’, d. h. die Normalisierung der Beziehungen mit allen Nachbarn, basierend auf einer ‚Null Probleme-Politik’, wobei ökonomische und strategische Interessen die Oberhand haben und man sich des Dialogs bedient, um alte Konflikte zu lösen.“ Atwan fasst dann eine Anzahl von wichtigen Merkmalen dieser neuen ägyptischen Politik zusammen:

1) Der geheime Besuch des neuen ägyptischen Geheimdienstchefs, Brigadegeneral Murad Mawafi, der die Nachfolge von Omar Suleiman angetreten hat, in Syrien und sein Treffen mit hohen syrischen Beamten, um Sicherheitsfragen und strategischen Koordinationen zwischen beiden Ländern auf verschiedenen Ebenen zu diskutieren.

2) Die Genehmigung , die mehreren Hamas-Führern im Gazastreifen gewährt wurde, über den Kairoer Flughafen nach Damaskus zu reisen - zum ersten Mal nach Monaten, was einen klaren Bruch der Blockade, die vom Regime des abgesetzten Präsidenten verhängt worden war, darstellt. Diese Blockade erlaubte es diesen Führern nicht, den von den Israelis abgesperrten Gaza-Streifen zu verlassen, es sei denn, die Hamas würde das palästinensische Versöhnungsabkommen unterzeichnen.

3) Die Zulassung der Durchfahrt von iranischen Kriegsschiffen durch den Suez-Kanal auf dem Weg zum syrischen Hafen Lattakia - ohne jegliche Störungen, ungeachtet israelischer und amerikanischer Proteste.

4) Die Mäßigung des Tons gegenüber der Hisbollah und ihrer Verbündeten im Libanon und schließlich die Entstehung einer  freundlicheren Haltung - bei einer gleichzeitigen Abkehr von der Allianz des 14. März unter der Führung des früheren Premierministers Sa'd al-Hariri.

5) Die Wahl des Sudan als erste Station des neuen ägyptischen Ministerpräsidenten Issam Sharaf, was die Priorität des Nilbeckens für die neue Ära bestätigt, die alle anderen übertreffen wird - insbesondere die Sicherheit des Golfs.

Dies sind in geopolitischer Hinsicht aufregende Veränderungen. Es gibt dazu eine Sichtweise, die  von einigen Beobachtern in der Region und einer Anzahl von amerikanischen Analysten und Kommentatoren (einschließlich einiger, denen wir normalerweise zustimmen) weiterentwickelt wurde, dass im Laufe der Zeit Ägypten damit beginnen wird, mit Iran um regionalen Einfluss zu konkurrieren und dabei als attraktiver sunnitischer Partner für Syrien, die Türkei und andere Länder auftreten wird. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet wird Ägyptens Rückkehr zu so etwas wie seiner traditionellen Rolle in der arabischen und muslimischen Welt anderen Staaten in der Region größere diplomatische "Optionalität" einräumen, und auf lange Sicht gesehen sogar die Stellung der Islamischen Republik schwächen.

Wir glauben, dass es Ägypten in einer Staatsordnung nach Mubarak sehr daran gelegen sein wird, bessere Beziehungen mit der Islamischen Republik und anderen Mitgliedern des "Widerstandsblocks" im Nahen und Mittleren Osten anzustreben. (Dieser Trend ist in den verschiedenen Punkten in Atwan’s Stellungnahme klar umrissen.) Von einer strategischen Perspektive aus gesehen bedeutet dies unserer Ansicht nach, dass Ägypten sein beträchtliches Gewicht in die Achse Iran-Syrien-Türkei (und vielleicht Irak) einbringen wird.

Iran und die Türkei sind beides große Länder mit einem - unter ihren gegenwärtigen Führungen - außenpolitischen Kurs, der von ihren eigenen Bevölkerungen sowie den Völkern in der Region mitgetragen wird. (Syrien ist natürlich nicht annähernd so groß wie Iran oder die Türkei, vertritt aber seine eigenen feststehenden Prinzipien in der Außenpolitik.) Ägypten ist ebenfalls groß, hat sich aber unter Sadat und Mubarak durch geheime Absprachen mit Israel und seiner strategischen Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten aus diesem attraktiven Bündnis herausgelöst.

Nun ist Ägypten wieder im Spiel - mit einem beträchtlichen Potential, um von sich aus eine attraktivere politische und außenpolitische Strategie zu entwickeln. Das Argument, dass es dies in Konkurrenz mit Iran und der Türkei tun könnte, ist nicht unbegründet, aber wir glauben, dass es falsch ist. Es scheint uns viel eher wahrscheinlich, dass Ägypten seinen gesamtpolitischen und außenpolitischen Kurs an der Seite Irans und der Türkei entwickeln wird. In dieser Hinsicht bleiben wir weiterhin betroffen von der Beobachtung, die uns Syriens Präsident Baschar al-Assad im letzten Jahr dargelegt hat. Dabei geht es darum, dass Iran, Syrien und die Türkei alle in der Lage waren, gemeinsam ihren regionalen Einfluss zu erhöhen. Wir nehmen vorweg, dass Ägypten willkommen sein wird, sich dieser gemeinsamen Vormachtstellung anzuschließen, und dass es sich für das Kairo nach Mubarak lohnen wird, dies zu tun.

Hohe ägyptische Diplomaten sagen natürlich, dass das, was Ägypten anstrebt, "normale Beziehungen - ganz normale Beziehungen - nicht weniger und nicht mehr" mit dem sind, siehe hier. Das ist genau das, was die Türkei unter der AKP gemacht hat - nämlich normale Beziehungen zu regionalen Parteien aufzubauen, mit denen sie zuvor zerstritten war. Die Türkei hat deswegen aber weder ihre Beziehungen zu den USA abgebrochen, noch ist sie aus der NATO ausgetreten oder irgendetwas in dieser Richtung. Sie hat einfach nur die Reichweite ihrer regionalen Beziehungen erweitert. Aber das kann, wie wir gesehen haben, zu enormen geopolitischen Konsequenzen führen.

Und das ist genau das, was unter Umständen mit Ägyptens neuer Außenpolitik passieren könnte. Im Hinblick auf Ägyptens Beziehungen zu Israel äußern sich hohe ägyptische Diplomaten dahingehend, dass jene Beziehungen mehr oder weniger die gleichen bleiben werden - man sollte aber zur Kenntnis nehmen, dass "die unmittelbare Bereitschaft Ägyptens, israelischen Bedenken und Forderungen  aus dem Wunsch heraus entgegenzukommen, den USA zu imponieren, freilich vom Tisch ist", siehe hier. Wenn Ägypten "ganz normale Beziehungen" mit Iran und anderen Akteuren des Widerstandsblocks aufnimmt, werden die geopolitischen Konsequenzen gewaltig sein, sogar dann, wenn Kairo die meisten Elemente seiner Beziehungen mit Israel und den Vereinigten Staaten beibehält.

® The Race for Iran von 7. April 2011; übersetzt von Fatima Radjaie


Dr. Mitte22-06-11

"normal" heißt menschlich, menschlich heißt gerecht. Die Normalisierung kommt!

Qan04-07-11

"Gegendarstellung": http://de.qantara.de/wcsite.php?wc_c=16443&wc_id=16660

Der Autor in Qantara gibt Belege aus den 80ern wieder um zu beweisen, dass Ägyptens Außenplitik souverän war, und unterschlägt somit, dass Ägypten seit den späten 90ern immer mehr von den USA abhängig wurden und daher seitdem in der Regel amerikanischen Interessen verfolgt wurden.






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