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15.04.2011

Iranischer Regisseur Asghar Farhadi: „Ich fühle mich dazu verpflichtet gute Filme zu machen“


Iranischer Regisseur Asghar Farhadi

Iranischer Regisseur Asghar Farhadi

Es folgt ein Gespräch zwischen Khabaronline und dem renommierten Filmemacher Asghar Farhadi, der jüngst auf der Berlinale für seinen Film „Nader und Simin: Eine Trennung“ mit dem goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Das Interview wurde durch Iranicum ins Deutsche übersetzt.

Die Beziehung Farhadis zu den Funktionären des iranischen Kinos war immer etwas angespannt. Im Iranian House of Cinema äußerte er seine Hoffnung, dass einige iranische Filmemacher die sich außerhalb des Landes niedergelassen haben, wieder in den Iran zurückkommen und dort ihre Karriere weiterführen. Unter ihnen Amir Naderi, Mohsen Makhmalbaf und Bahram Beizay.  Er verteidigte auch den künstlerischen Status von Jafar Panahi und Golshifte Farahani.

Seine nicht-politischen Kommentare verärgerten die Beamten der Kinoabteilung des Ministeriums für Kultur und Islamische Führung so sehr, dass diese die schon erteilte Drehgenehmigung für ‚Nader und Simin‘ annullierten, obwohl der Film schon in Produktion gegangen war. Farhadi äußerte, dass seine Aussagen missintepretiert wurden, während der für den Bereich Kino zuständige stellvertretende Kulturminister Javad Shamaqdari wissen ließ, dass Farhadi sich für seine Äußerungen entschuldigt hätte und das Verbot der Drehgenehmigung aufgehoben wurde.

Nachdem er im Jahr 2000 seine Karriere begann, genießt er zum aktuellen Zeitpunkt glorreiche Tage.  In einer Zeit, als der Mangel an neuen aussichtsreichen Künstlern zu einer ernsten Sorge heranwuchs, konnte Asghari mit seinen Filmen diese Sorgen teilweise beseitigen und trotz seines nicht ganz so jungen Alters von 41 Jahren, eine hoffnungsvolle Zukunftsaussicht für das iranische Kino schaffen.


Khabaronline: In einem Wettstreit unter prominenten Persönlichkeiten wie Shahab Hosseini (Schauspieler), Hamid Farokhnejad, Masoud Kimiaiyi (Regisseur) und Funktionären des iranischen Kinos, wurden Sie von den Lesern von Khabar Online zur Film-Persönlichkeit des Jahres gewählt. Jeder der Sie gewählt hat wird seine Gründe gehabt haben. Doch was sind aus Ihrer Sicht die Gründe dafür?

Asghar Farhadi: Das ist nicht leicht zu beantworten. Vielleicht ist es besser, nicht von Wettstreitern zu sprechen, da die von Ihnen genannten Namen meine Freunde und/oder Kollegen sind und es zwischen uns keinen Wettstreit gibt. Vielleicht mögen die Ereignisse die uns während der Dreharbeiten passiert sind [Anm.: annullierte Genehmigung] sich in die Köpfe der Fans eingeprägt haben und dies der Grund für sie war mich auszusuchen.

Khabaronline: Wie es aussieht, spielte Herrn Kiarostami eine Schlüsselrolle darin, dass Sie sich entschieden haben, ihrem Film oberste Priorität einzuräumen.

Asghar Farhadi: Es gibt da ein kleines Missverständnis in der Sache. Herrn Kiarostami hat mich damit nicht direkt adressiert, war jedoch der erste der zu diesem Ereignis Stellung bezog. Daher meine Wertschätzung für seine Aussage.

Khabaronline: Durch ihre Arbeit haben wir einen jungen Regisseur entdeckt, welcher das Klima des iranischen Kinos geändert und neue Hoffnung für die Zukunft gegeben hat. Wie sehen sie diese Beschreibungen mit Hinblick auf Ihre Arbeit?

Asghar Farhadi: Ich habe versucht mich nie von diesem äußeren Image verführen zu lassen. Dieses Image stimmt nicht mit dem Bild überein, welches ich von mir selbst habe. Ich sage das nicht aus Bescheidenheit. Ich habe ein sehr sarkastisches Bild von mir. Ich selbst denke meist über meine Unfähigkeiten und Mängel nach.

Khabaronline: Aufgrund der guten Kritiken haben einige Filmemacher viel Aufmerksamkeit bekommen. Jedoch änderten die Kritiker kurze Zeit später ihre Meinungen bezüglich einiger Regisseure. Obwohl Ihre Filme vielmals gelobt wurden, haben Sie sich niemals auf diese Bewunderungen verlassen. Waren Sie jemals besorgt, dass Sie in Konflikt mit iranischen Filmkritikern geraten könnten?

Asghar Farhadi: Meine einzige Sorge ist wie ich gute Filme machen kann. Ich fühle mich einfach dazu verpflichtet sie zu machen. Wenn ein Regisseur einen guten Film dreht, brauch er sich keine Sorgen zu machen. Auch wenn ein Film anderen aktuell nicht gefällt, kann er immer noch auf lange Sicht seinen Status erlangen. Gute Filme werden in der Kinogeschichte nicht vergessen. Man wird sie Anfangs vielleicht  vernachlässigen, doch in ein paar Jahren wird man sie zu schätzen wissen. Auf der anderen Seite gibt es wiederum viele Filme, die zwar die Aufmerksamkeit der Kritiker und Leute erlangen, aber dennoch im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten.

Aus diesem Grund fühle ich mich dazu verpflichtet gute Filme zu machen, die am besten meinen Fähigkeiten entsprechen. Die anderen Probleme werden sich schon lösen lassen. Es ist falsch zu versuchen die Gunst der Kritiker mit etwas anderem als guten Filmen zu gewinnen, da sonst die Beziehungen fragil blieben und nach einer Weile verloren gingen. Wenn man sich jedoch dem Publikum – seien es normale Zuschauer oder Filmkritiker – annähert, hat man stabile Beziehungen, die nicht zu Bruch gehen.

Khabaronline: Wie definieren sie Grenzen? Während Sie einen Film drehen sind Sie ihrer Familie fern, ignorieren jegliche Kritik von außen und fokussieren sich nur auf ihre Arbeit. All das vergegenwärtigt einen konkreten Begriff: Konzentration. Ashghar Farhadi scheint ein sehr konzentrierter Mensch zu sein.

Asghar Farhadi: Meine Konzentration ist auf meine Arbeit begrenzt. Bezüglich anderer Dinge bin irgendwie geistesabwesend. Beim Autofahren zum Beispiel. Da fahre ich ständig den falschen Weg. Skrupellosigkeit in Sachen Arbeit entstammt meiner Familie und Kindheit. Wenn ich in einem Text ein Wort durchstreichen muss, kann ich ihn nicht mehr bis zum Ende schreiben. Ich muss dann wieder neu anfangen und alles noch einmal neu schreiben. Das ist eine meiner persönlichen Eigenschaften.

Immer wenn ich eine Szene drehe, einen Satz oder Dialog schreibe, denke Ich mir nämlich, dass es etwas ist was Bestand hat. Also muss ich es so gut gestalten wie möglich, da man es sonst nicht mehr rückgängig machen oder korrigieren kann. Man sollte sich im Klaren sein, dass der Moment der Kreation ein unverfälschter und kostbarer Moment ist, welcher auf  die bestmögliche Art und Weise zu Nutze gemacht werden sollte.

Khabaronline: Wenn man sagt, dass Asghar Farhadi zum Regisseur geboren ist, würde man seinen künstlerischen Lernprozess vernachlässigen. Aber dennoch kommt es einem so vor, als ob sie ein Naturtalent im Filmemachen wären.

Beides ist richtig. Natürlich gab es da ein gewisses Potential welches mich dazu führte, zu lernen wie man Filme macht. Das natürliche Talent und das Talent sich auch zu entwickeln ergänzen sich gegenseitig. Wenn eines von beiden nicht existiert, kann das andere auf dem Weg der Schöpfung nicht verdinglicht werden.

Asghar FarhadiAls eine Person die von klein auf Kinobegeistert war, haben Sie die Werke von diversen Regisseuren mitverfolgt. Wessen Werke haben ihnen am meisten gefallen?

Meine Lieblingsregisseure änderten sich von Zeit zu Zeit. Bevor ich mich ins Kino verliebte war ich als junger Erwachsener sehr an Literatur interessiert. Ich studierte dramatische Literatur an der Universität. Die Jahre meiner frühen Jugend habe ich mit dem Lesen iranischer Prosa überbrückt. Die soziale Sicht meiner Werke stammt aus diesem Lebensabschnitt. Das Lesen von Werken von Dolat Abadi, Choubak und Saidi war meine Hauptbeschäftigung bis ich 18 war.

Natürlich habe ich in der Zeit auch Filme geschaut. In Sachen Kino sah ich mir alles an, was man sich für die damalige Zeit als gut vorstellen konnte. In bestimmten Zeiten waren  die Werke gewisser Regisseur bedeutend für mich. Es gab eine Zeit, in der die Werke von Herrn Taghvayi meine Lieblingsfilme waren. Es gab andere Perioden, in denen meine Aufmerksamkeit der Arbeit von Darioush Mehrjuyi und Bahman Farman Ara galt.

Khabaronline: Haben sie mit so einer Moral nie mit Regisseuren oder Fotografen wie Mahmoud Kalari gehabt, der schon einige Jahre an Erfahrung sammeln konnte?

Asghar Farhadi: Nachdem ich all die Jahre im Theater, Kino und TV gearbeitet habe, ist mir in Sachen Moral Mahmoud Kalari sogar am nahsten. Wir sind ähneln uns sehr. Abgesehen das wir bei der Arbeit keine Probleme haben, genießen wir es auch miteinander assoziiert zu werden. Wenn eine Filmcrew zusammengestellt wird, haben die Mitglieder mehr Spaß an ihrem Job, wenn sie merken, dass der Regisseur nicht über sondern neben ihnen steht.

Khabaronline: Viele Schauspieler haben ein Interesse daran eine Rolle in ihren Filmen zu spielen. Wie sehen Sie das?

Asghar Farhadi: Die wissen alle, dass sie danach ausgesucht werden, wie sehr sie einem Charakter in meinem Film ähneln. Wenn ich mich nicht für sie entscheide, wissen sie, dass es nicht daran lag, dass sie nicht gut genug sind, sondern dass  sie einfach nicht zum Charakter passen. Jedes mal wenn ich einen Schauspieler aussuche, schaue ich mir seine Vita und seine Persönlichkeiten an, egal ob ich vorher schon mal mit ihm gearbeitet habe oder nicht.

Khabaronline: Wie balancieren sie die Erwartungshaltung von Publikum, Kritikern und Kollegen aus? Ignorieren sie die einfach, versuchen Sie das zu tun was Sie als bestes sehen oder gehen Sie Kompromisse ein?

Asghar Farhadi: Man kann nicht sagen, dass ich all diese Sichtweisen ignorieren würde. Ich bin all diesen Dingen ausgesetzt und es wäre Geheimnistuerei wenn ich sagen würde, dass ich all dem keine Aufmerksamkeit schenke. Von all dem wird man bewusst oder unbewusst beeinflusst. Aber solange man seine eigenen Erwartungen nicht dem äußeren Image unterordnet, übersteht man das alles unbeschadet.

Ich bin keine Person, die es sich nach einem Erfolg lange gut gehen lässt. Ich will nicht sagen, dass die Auszeichnungen für mich wertlos sind. Nur gebe ich mich nicht lange mit einem Erfolg ab. Das Vergnügen, welches man beim Drehbuchschreiben und Drehen eines Films wie ‚Nader und Simin‘ hat, ist nämlich mit keinem nachfolgendem Ereignis vergleichbar.

Während der Produktionsphase sage ich allen, dass sie das Beste aus diesen Momenten rausholen sollten, da dies die besten Abschnitte unseres Lebens sind. Natürlich freue ich mich auch wenn ich davon erfahre, dass ich ausgezeichnet werden soll. Aber dieses Gefühl hält nur ein paar Stunden.


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