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30.01.2011 Leo Schmitt

Das Mächtegleichgewicht im Nahen Osten zwischen Iran und den USA auf dem Prüfstand


Machtkampf zwischen den USA und Iran

Der Machtkampf zwischen den USA und Iran im Mittleren Osten wird wohl nicht militärisch ausgetragen, so Prof. Marandi.

Prof. Dr. Mohamad Marandi ist ein angesehener iranischer Wissenschaftler und Leiter des „Institute for North American Studies” der Teheraner Universität. Er kommentiert regelmäßig politische Ereignisse für internationale Fernsehstationen. Nachfolgender Artikel von Prof. Marandi ist eine umfassende Beschreibung der iranischen Sichtweise über die Machtkonstellation im Nahen Osten, über die westlichen Fehleinschätzungen der iranischen Politik sowie zur Stabilität des Landes und auch seine Stellung in der Region. Das Original ist auf Englisch bei Conflicts Forum erschienen. Prof. Marandi hat bei den Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren nicht Mahmud Ahmadinejad gewählt.

Irans Interesse an einem stabilen Nahen Osten ist nennenswert größer als das der USA – schließlich handelt es sich um Irans Nachbarschaft. Iran braucht stabile Nachbarstaaten und sichere Grenzen für sein Wachstum und seine Entwicklung. Ein armes, instabiles Afghanistan bremst beispielsweise den Handel und verstärkt möglicherweise den Zustrom an Flüchtlingen und Drogen in den nordöstlichen Teil Irans.

Die Stabilität im Irak ist wohl noch entscheidender für Iran als die Stabilität in Afghanistan. Der Iran-Irak-Krieg brachte enormes Leid über die iranische Bevölkerung; die Iraner werden das noch in Jahrzehnten nicht vergessen haben. Auch werden sie nicht vergessen, dass ihr Leid zu einem großen Teil auch auf die US-amerikanische und europäische Unterstützung Saddam Husseins zurückgeht – inklusive deren Unterstützung bei der Anschaffung von Massenvernichtungswaffen, die Saddam regelmäßig gegen Iraner und gegen irakische Zivilisten einsetzte. Von westlichen Regierungen und selbst von westlichen Medien gab es keine Verurteilung dieser brutalen und barbarischen Taten. Die Iraner glauben, dass westliche Führer ebenso schuldig für diese Verbrechen gegen die Menschheit sind wie Saddam Hussein selbst. Wichtig ist es dabei zu erwähnen , dass Iran während und nach dem Krieg nie chemische Waffen produziert oder eingesetzt hat, trotz der technischen Möglichkeiten dies zu tun. Iran weist regelmäßig darauf hin, dass das allein Beweis genug dafür ist, dass die Islamische Republik Iran es ehrlich meint, wenn gesagt wird, dass sie nicht nach Atomwaffen strebt.

Die iranische Geschichte macht es verständlich, dass man es nie wieder erlauben will, dass Irak zu einer Plattform zum Angriff oder zur Destabilisierung Irans gemacht wird. Die Iraner werden es ihren Feinden, Gegnern und Gegenspielern in Zukunft nicht erlauben, Irak als eine Basis für irgendeine Art von Konflikt mit der Islamischen Republik Iran zu betrachten.

Die USA und Saudi-Arabien geben ihre Versuche nicht auf, religiöse Spannungen und Rassismus zwischen Iran und seinen Nachbarn zu verstärken. Ich war persönlich im Al-Jazeera-Studio in Doha, als der amerikanische Botschafter im Live-Fernsehen auf die „Rassen-Karte“ setzte und behauptete, dass die Perser seit Jahrhunderten kaum etwas anderes als Ärger und eine dauerhafte Bedrohung für den Rest der Region bedeutet hätten. Nichtsdestotrotz hat eine solide Mehrheit der Iraker starke religiöse, historische und kulturelle Bindungen zu Iran. Viele irakische Führungskräfte und Intellektuelle haben jahrelang im Iran gelebt und sprechen fließend Farsi. Viele heirateten Iranerinnen während der düsteren Jahre, als nur die Islamische Republik und Syrien die irakische Opposition zu Saddam unterstützt und anerkannt hatten.

Während vom Westen gesponserte und im Westen ansässige persische Fernsehsender regelmäßig verwerfliche und abfällige Statements über Araber äußerten, haben die Iraner innerhalb der Islamischen Republik bemerkenswert starke Gefühle der Sympathie für  die Irakern gefühlt, die unter Saddam Hussein und anschließend unter der US-Besatzung gelitten haben. Ebenso hegen die Iraner starke Gefühle der Sympathie für die überwiegend sunnitischen palästinensischen Araber, die unter dem leiden, was Iraner als das einzig offizielle Apartheidregime der Welt betrachten.

Iran ist davon überzeugt, dass ein grundlegender Wandel in den iranisch-irakischen Beziehungen mehr als eine Option für die Zukunft ist. Der Wandel hat bereits begonnen.

Das bedeutet nicht, dass Iran eine schwache Regierung im Irak will. Vielmehr ist der dramatische Anstieg von Handel, Tourismus und Investitionen zwischen den zwei Ländern seit dem Fall Saddam Husseins ein Hauptantrieb für die iranische Wirtschaft gewesen. Die iranisch-irakische Grenze, die die meiste Zeit bis 2003 einer Sackgasse glich, erlebt mittlerweile lange LKW- und Bus-Kolonnen, die auf die Überschreitung der Grenze warten. Die Führer beider Länder sind dabei, eine Grenz-Infrastruktur aufzubauen, die es erlaubt, den Handel und die Investitionen weiterzuentwickeln. Sie versagen aber ständig dabei, die wachsende Nachfrage der Geschäftsleute und Pilger zu stillen. Deshalb möchte die Islamische Republik Iran einen starken und stabilen, aber auch einen Iran-freundlichen Irak und deshalb wird daran gearbeitet, die Interessen der Bevölkerungen der Region als Ganzes voranzubringen. Das jüngste Statement des irakischen Premiers Nouri al-Maliki, dass die US-Truppen das Land bis Ende 2011 verlassen haben müssen, ist ein starkes Zeichen dafür, dass das [die Entwicklung der regionalen Interessen, Anm. d. Ü.] bereits geschieht.

Dieselbe Logik trifft auch auf Afghanistan zu. Die Mehrheit der Afghanen verbindet eine starke religiöse und kulturelle Bindung mit Iran, die meisten sprechen die persische Sprache. Trotz der iranischen Auffassung über das Versagen der US-Politik in Afghanistan, investierte Iran kräftig in den relativ stabilen Norden des Landes - in den Bau von Straßen und in die Infrastruktur. Auch der Handel ist stark angestiegen. Moderate Sunniten und Schiiten, die von Iran bereits unterstützt wurden, als es die USA noch wirkungsvollen damals von Saudi-Arabien und den Emiraten finanzierten Taliban erlaubten, das Land zu überrollen, wandten sich  bei ihrer Suche nach Unterstützung zunehmend in Richtung Iran. Währenddessen spüren die Menschen im Land, dass die Vereinigte Staaten den Krieg verloren haben und sich früher oder später unvermeidbar gezwungen sehen werden, das Land zu verlassen.

Ich habe von den „damals von den Saudis finanzierten“ Taliban geschrieben, obwohl ich einfach hätte schreiben sollen: die „von den Saudis finanzierten Taliban“. Durchgesickerten Wikileaks-Dokumenten zufolge ist Saudi Arabien noch immer der größte finanzielle Unterstützer der Taliban. Tatsächlich finanzieren fast alle undemokratischen arabischen Regime am Persischen Golf noch immer die Taliban. Das war in diesem Teil der Welt schon immer ein offenes Geheimnis. Freilich unterstützen diese Staaten nicht nur die Taliban, sondern in der Realität weltweit auch die Ideologie der Taliban, die zudem starke Ähnlichkeiten mit der Al-Qaidas aufweist. Viele fragen sich, wie die Amerikaner annehmen können, dass ihre Allianz mit dem Regime der Saudis auf lange Sicht im Interesse der Vereinigten Staaten sein kann. Hat die Verbreitung der salafitischen Ideologie am Horn von Afrika, im Jemen, in Europa und woanders etwa keinen Bezug zu den jährlichen, viele Milliarden Dollar schweren ideologischen Investitionen dieser Regime, angeführt von den Saudis?

Die Iraner glauben, dass die Verantwortlichen in der US-Außenpolitik sich Probleme einhandeln, wenn sie ihre Augen vor der saudischen Unterstützung für die Hardliner verschließen. Dieser Fehler steht in einer Linie mit der misslichen Situation, in die sich die USA mit einer – aus iranischer Sicht – törichten Invasion im Irak und mit einem Versagen in ihrer Afghanistan- und Pakistan-Strategie hineinmanövriert haben. Dazu kommt eine in  den Augen Teherans blinde Unterstützung für den weltweit letzten Apartheidstaat, der Frauen und Kinder der einheimischen palästinensischen Bevölkerung einsperrt und missbraucht und steinewerfende junge Männer tötet, die in Internierungslagern ähnlichen Umständen gefangen sind. All das macht die derzeitige US-Politik im Nahen Osten auf lange Sicht unhaltbar. Besonders zutreffend ist diese Ansicht vor dem Hintergrund, dass aufstrebende strategische und wirtschaftliche Rivalen der USA, wie die „BRIC“-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China), auf allen Ebenen Boden gutmachen, während die USA weiterhin verbluten.

Ein weiterer Umstand, der diese Tendenz verstärkt ist, dass die Hauptorganisationen von Sunniten und Schiiten in der Region unter dem Druck der  tyrannischen Regimes stehen, die mit den USA verbündet sind und ihr eigenes Überleben sichern wollen. Unter solchen Bedingungen wächst die Feindschaft zu den Vereinigten Staaten und ironischerweise florieren zusätzlich von den Saudis finanzierte extremistische Ideologien. Mit dieser Investition erkauft sich das saudische Königshaus zwar derzeit seine Stabilität, jedoch nicht für den Rest der Welt und den Vereinigten Staaten. Die Frage ist natürlich, ob diese US-unterstützten Regime überhaupt überleben können oder nicht. Sollten sie nicht überleben, wie werden die Bevölkerungen dieser Staaten auf die vorhergegangene US-Politik der Unterdrückung reagieren?

Das man sich arabische Despoten als Verbündete genommen hat – sei es in Saudi-Arabien, wo Frauen kein Auto fahren und größtenteils nicht einmal ein unabhängiges Konto auf der Bank führen dürfen, oder  in Ägypten und Jordanien – kann in Zukunft ernsthafte Konsequenzen für die USA haben. Den Iranern, die in einem Land leben, dessen Studenten zu 63 Prozent Frauen sind, bleibt die Ironie dieser Tatsachen nicht verborgen. Die meisten meiner Doktoranden sind Frauen und die Leitung meiner Fakultät an der Universität Teheran hat eine Frau inne.

Des Weiteren sahen die Iraner die Reaktion der USA auf Ägyptens Wahl-Farce, während sie gleichzeitig Iran vorwerfen undemokratisch zu sein. Und das geschieht, obwohl alle iranischen Führer direkt von den Bürgern oder von öffentlich gewählten Organen gewählt werden. In Bezug auf die Präsidentschaftswahlen 2009 gibt es keinen Zweifel, dass Ahmadinejad einen erdrutschartigen Wahlsieg errungen hat. Schlüssige Beweise dafür wurden (auf Englisch) von Wissenschaftlern, Akademikern und Meinungsforschern geliefert. Vor diesem Hintergrund unterstützten und verfochten die USA in den Augen einer breiten Mehrheit von Iranern eine „Pöbelherrschaft“ auf den Straßen Teherans.

Die Vereinigten Staaten warfen der iranischen Regierung vor, die Wahlen gefälscht zu haben, ohne in irgendeiner Form glaubwürdige Beweise für diese Behauptung zu liefern. Der Standpunkt der Vereinigten Staaten stützt sich unkritisch auf Behauptungen finanzkräftiger, sogenannter „Iran-Experten“ in den USA, die selbst nur wenig über das Land wissen und größtenteils eine tiefe und irrationale Feindschaft gegen die Islamische Republik hegen. Diese Leute haben jahrelang Behauptungen und Vorhersagen über Iran getroffen; ein Rückblick auf ihre bisherigen Leistungen enthüllt ein regelrechtes Armutszeugnis. Solange sie aber das sagen, was die politische Elite von ihnen hören möchte, müssen sie keine Rechenschaft für ihre Fehleinschätzungen und ihre absurden Analysen ablegen und ihnen wird weiterhin freigebige finanzielle Unterstützung gewährt. Interessant dabei ist, dass die unter ihnen, die Farsi sprechen, eine komplett andere Redeweise an den Tag legen, wenn sie sich in  vom Westen finanzierten oder regierungseigenen Fernsehsendern in Farsi äußern, als dann, wenn sie in der englischen Sprache vor US-amerikanischen Think-Tanks oder im US-Fernsehen auftreten. Der Grund dafür ist vor allem der, dass sie vor dem iranischen Publikum nicht absurd klingen wollen.

Die Kommentatoren aber, die es riskieren, etwas anderes und  rationaleres vor einem westlichen Publikum zu äußern, werden  von den US-Medien und den so genannten Iran-Experten, die noch immer in einer Fantasie-Vorstellung über Iran leben, hart attackiert. Den Drohungen, Anschuldigungen und dem Rufmord zum Trotz, berichten diese Kommentatoren den Amerikanern und den Europäern weiterhin die Wahrheit, um eine törichte oder sogar tragische Fehleinschätzung der westlichen Regierungen zu verhindern. Aber sie tun das unter großen persönlichen Opfern.

Natürlich begannen manche Leute im Westen nach den landesweiten, massiven und beispiellosen Protesten gegen Moussavi nach den Ashura-Unruhen im Dezember 2009 auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. Dann kam der 11. Februar 2010, der Jahrestag des Sieges der Islamischen Revolution, als die westlichen Medien alle ihre gemeinsamen Hoffnungen auf die Behauptungen der sogenannten „Grünen Bewegung“ setzten. Deren Parteigänger behaupteten, dass sie Millionen auf die Straßen Teherans bringen und den Azadi-Platz vor laufenden Kameras übernehmen würden. Als dann indessen Millionen von Menschen auf die Straßen Teherans gingen (und in allen Teilen Irans), gab es nirgendwo auch nur Anzeichen von Unterstützern Mussavis. Westliche Analysten begannen widerwillig einzusehen, dass sie die Ereignisse in der Islamischen Republik Iran möglicherweise fehlgedeutet hatten.

Ironischerweise haben die Ereignisse 2009 Iraner mehr geeint als jemals zuvor seit den ersten Tagen der Revolution. Selbst die meisten Kritiker und Gegner des Präsidenten Ahmadinejad waren von Herrn Moussavis Handeln nach den Wahlen schockiert, nachdem er es verpasst hatte, irgendwelche aussagekräftige Beweise für eine Fälschung zu liefern. Dazu kommt, dass er gewissermaßen mit westlich unterstützten, finanzierten und im Westen ansässigen Organisationen (inklusive schonungsloser Terrororganisationen wie der MEK, die Saddam Hussein  über zwei Jahrzehnte als Söldner gedient hatten), mit in den USA ansässigen Schah-Anhängern und mit gewalttätigen Randalierern, die Polizisten und Ordnungskräften in Teherans Straßen töteten und verletzten, im Bund stand. Das ist der Grund dafür, dass die Demonstrationen für die Islamische Republik, die landesweit am Jahrestag der Islamischen Revolution gehalten wurden, so beispiellos groß und leidenschaftlich waren.

Es gilt als sicher, dass im Gegensatz zu dem, was im Westen verbreitet worden ist, die meisten Mainstream-Reformisten in Iran Moussavis Handeln verurteilten und schon sehr früh die Legitimität und Richtigkeit der Wahlen anerkannten. Reformer aus dem Parlament, die ich persönlich kenne und respektiere, haben dies wiederholt öffentlich und privat geäußert. Herr Mohammed-Reza Tabesh, Vorsitzender der Reformisten-Fraktion im Parlament hat das durchweg zu verschiedenen Anlässen wiederholt. Reformistische Abgeordnete wie Dr. Kavakebian, Dr. Habbaz und Dr. Pazeshkian und viele andere (wie Professor Aref) nahmen ebenfalls diesen Standpunkt ein, obwohl sie in starker Gegnerschaft zu Präsident Ahmadinejad stehen. Dennoch hören westliche Politiker und westliche Medien nur das, was sie hören möchten oder brauchen.

Das heißt jedoch nicht, dass es keine Brutalität seitens der Polizei gegeben hat oder dass einige Regierungsbeamte nicht falsch gehandelt hätten. Aber dennoch legt eine große Mehrheit der Iraner das Gros der Schuld – wegen seinem Handeln und seiner gegenstandslosen Anschuldigungen – direkt auf die Schultern von Herrn Moussavi.

Gewissermaßen ging die US-Reaktion auf die Wahlen, die wie bereits ausgeführt haben, zum großen Teil auf schlecht informierte und der Agenda folgende „Iran-Experten“ zurück, die die Chancen für jede Form einer bedeutsamen Annäherung zwischen den zwei Ländern in naher Zukunft erheblich verschlechterten. Das heißt nicht, dass es vorher große Gelegenheiten gab. Wie die Wikileaks-Dokumente nun enthüllen, waren die iranischen Verdächtigungen berechtigt, und Obamas Behauptung, an einer Neudefinition der iranisch-amerikanisch Beziehungen interessiert zu sein, war von Anfang an nicht wirklich ehrlich gemeint. Die Wikileaks-Cables enthüllten auch, wie schlecht die USA über iranische Fakten informiert sind. US-Botschaften in Irans Nachbarstaaten erhalten, genau wie die meisten westlichen Botschaften in Teheran, Informationen von gleichgesinnten Iranern oder solchen, die aus praktischen Gründen ihrem Auftraggeber das erzählen, was dieser hören möchte. Das spiegelt auch Obamas schriftliche Unterstützung für die brasilianisch-türkischen Vermittlungsbemühungen wider, ebenso seine anschließend außergewöhnliche 180-Grad-Kehrtwende unmittelbar nach der Unterzeichnung der Deklaration in Teheran.

Fehleinschätzungen über Iran sind nichts Neues und sie sind auch nicht auf die Wahlen begrenzt. Die US-Politik gegenüber dem iranischen Atomprogramm ist bisher überwiegend auf eine - aus der Sicht der meisten Iraner - große Fehleinschätzung gegründet. Nicht nur, dass das Atomprogramm beim iranischen Volk eine Frage der nationalen Souveränität ist, es ist auch eine mehrere Milliarden schwere Investition, in der zehntausende von Iranern nunmehr seit Jahrzehnten involviert sind. Folgerichtig findet das Atomprogramm Unterstützung bei so gut wie allen Iranern. Tatsächlich ist einer der Gründe, warum Ahmadinejad beide Präsidentschaftswahlen gewonnen hat, dass er in den Augen der meisten Iraner nicht gewillt war, den Westmächten im Nuklearstreit nachzugeben. Die Legende Khatamis, der des Öfteren als nachgiebig gegenüber westlichem Druck angesehen wurde, hatte in dieser Schlüsselfrage gelitten.

Das Wunschdenken in manchen westlichen Ländern über die Lage der iranischen Wirtschaft und ihren angeblich unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch ist eben nur Wunschdenken. In den letzten Wochen wurde seitens sogenannter „Iran-Experten“ und westlicher Medien wiederholt behauptet, dass die Kürzung der Subventionen ein Zeichen sei, dass die Sanktionen greifen. Das deckt aufs Neue das tiefe Unverständnis für die Realitäten der Islamischen Republik Iran auf. Die Iraner begreifen sehr wohl, dass die „lähmenden“ Sanktionen eingesetzt wurden, um - allen Behauptungen amerikanischer und europäischer Offizieller zum Trotz - das iranische Volk zu schädigen. Die aufgezwungenen Sanktionen haben tatsächlich Wut und Feindschaft gegenüber den Vereinigten Staaten verstärkt.

Darüber hinaus ist die Kürzung der Subventionen, welche das mit Abstand bedeutendste wirtschaftliche Reformprogramm in der jüngeren Geschichte Irans ist, in Wirklichkeit ein klares Zeichen, dass die aktuelle iranische Regierung stark und selbstbewusst ist. Obwohl die Reformierung des Systems der Subventionen seit Jahren diskutiert worden ist, fehlte es den Vorgängerregierungen an Mut es umzusetzen. Die jetzige Regierung hat nun nach intensiver Planung mit ihrer Durchsetzung begonnen. Es gibt keine Anzeichen von Unruhen und die meisten Iraner glauben, dass die Reformen in Zukunft zu einer weitaus stärkeren Wirtschaft führen werden. Kritiker der Regierung, seien es Konservative oder Reformer, unterstützen das Programm größtenteils. Bezeichnenderweise befinden sich auch die iranischen Gold- und Devisenreserven auf einer absoluten Rekordhöhe.

Das heißt nicht, dass Iran nicht nach einer Lösung im Nuklearstreit strebt. Aber es kann zweifellos gesagt werden, dass die westlichen Staaten den ersten Schritt machen und Irans Recht auf Urananreicherung zu friedlichen Zwecken anerkennen müssen, wenn positive Ergebnisse erwünscht sind. Im Gegensatz zu westlichen Behauptungen ist genau das der Standpunkt der internationalen Gemeinschaft. So haben die Blockfreien Staaten, zusammen mit den Ländern der „Organisation der Islamischen Konferenz", offiziell ihre Unterstützung für Irans Standpunkt beteuert.

Knapp zwei Jahre lang hat Iran sogar mehr getan als nur die Urananreicherung auszusetzen - effektiv wurde fast das gesamte Atomprogramm gestoppt und das Zusatzprotokoll angewendet. Es erlaubte der IAEA aufdringliche Besichtigungen, von denen viele nicht einmal mit dem Atomprogramm zu tun hatten und eher den Anschein hatten, als handele es sich um ein Zusammentragen von Geheimdienstinformationen im Dienste der US-Regierung. Die Tatsache, dass die Internationale Atomenergiebehörde – eine undemokratische Einrichtung, die stark unter westlichem Einfluss steht – keinerlei Beweise dafür gefunden hat, dass das iranische Atomprogramm andere als friedliche Zwecken verfolgt und nun dennoch Irans Atomprogramm ablehnt, ist ein weiterer Grund, warum die Iraner den westlichen Regierungen wenig Vertrauen schenken. Die US-Beziehungen mit dem israelischen Regime, Indien und Pakistan, welche alle nukleare Waffen haben, sind eng. Und das obwohl z. B. Pakistan eine schwache Zentralregierung hat, die die Fähigkeit ihrer eigenen Armee bezweifelt, dass sie es  verhindern könne, dass diese Waffen in die Hände der Taliban oder Taliban-ähnlicher Gruppen fallen.

Amerikanische Führungskräfte führen sich selbst hinters Licht wenn sie glauben, ihre Position gegenüber Iran würde durch die Wikileaks-Depeschen, die eine Feindschaft einer Reihe arabischer Führer gegenüber Iran beschreiben, gestärkt. In Wirklichkeit bewirken diese Dokumente genau das Gegenteil. Sie verringern nämlich das Ansehen dieser ohnehin unbeliebten Despoten in den Augen ihrer eigenen Bevölkerung. Das wird bei einem Blick auf die „Arabic Public Opinion Poll” deutlich, die darlegen, dass eine sehr große Mehrheit der Araber Irans Atomprogramm unterstützen. Darüber hinaus heißt es in der gleichen Studie, dass 88 Prozent der Araber das israelische Regime, 77 Prozent die Vereinigten Staaten, aber nur zehn Prozent die Islamische Republik Iran als eine Bedrohung wahrnehmen (zum Vergleich: Zehn Prozent sahen auch Algerien als Bedrohung an).

Es ist mit Blick auf Palästina und Libanon auch ein großer Fehler westlicher Experten zu glauben, dass die Unterstützung der Islamischen Republik Iran für die Völker dieser Länder (und insbesondere für Palästina) in irgendeiner Form zynisch sein soll. Betrachtet man die Statements von heutigen iranischen Führern aus den Zeiten vor der Revolution, so stellt man fest, dass die Palästinenserfrage ein zentraler Beschwerdepunkt war, der in der Opposition zum Schah angeprangert wurde. Sicher war es auch einer der vielen Fehler der so genannten „Grünen Bewegung“, sich während der Krawalle am letzten Freitag des Ramadan 2009 (Al-Quds-Tag, Anm. d. Ü.) im Hinblick auf die tiefe Sympathie der Iraner für das palästinensische Volk so stark zu verschätzen. Ein weiterer Punkt, der noch mehr Verdruss auslöst, ist die Entführung und Ermordung iranischer Wissenschaftler und ehemaliger Regierungsbeamter durch israelische Agenten.

Die iranische Unterstützung für Palästina, Libanon und die Widerstandsbewegungen ist unveränderlich und jede Erwartung im Westen, Iran würde unter bestimmten Umständen diese Politik beenden, ist unbegründet. Dennoch hat die iranische Politik immer beteuert, dass Iran, obwohl er Israel wegen seines Charakters als Apartheidstaat nicht anerkennen wird (die gleiche Politik, wie gegenüber Südafrika während der Apartheid), es jede Entscheidung, die das palästinensische Volk in dieser Hinsicht trifft, akzeptieren wird. Aus iranischer Sicht wird jede Entscheidung die Palästinenser in und außerhalb des Landes mit einbeziehen müssen; das heißt auch die Millionen, die in verschiedenen Staaten in Flüchtlingslagern leben. In Bezug auf Libanon unterstützt Iran die Unabhängigkeit und Souveränität des Landes. Iran ist dabei davon überzeugt, dass Libanon und die libanesische Zivilbevölkerung nur durch den Widerstand im Süden des Landes vor israelischen Aggressionen beschützt werden kann. Deshalb wird die Islamische Republik Iran die Hisbollah um jeden Preis unterstützen.

In Teheran herrscht eine feste Überzeugung, dass die Verhältnisse in der Region sich dramatisch zugunsten der Hisbollah, der Palästinenser und des Widerstands wenden. Das regionale Gleichgewicht ist einerseits gekennzeichnet durch den Aufstieg einer unabhängigen Türkei, geführt von einer Regierung, deren Standpunkte sich wesentlich von denen der US-amerikanischen, deutschen, britischen und französischen Regierungen unterscheiden, und andererseits geprägt von einem relativen Schrumpfen des saudi-arabischen und ägyptischen regionalen Einflusses. Die saudische Inkompetenz während der Kämpfe mit jemenitischen Rebellen in der Grenzregion beider Länder, der umfassende Niedergang des ägyptischen Regimes und die nahezu universelle Geringschätzung der arabischen Bevölkerung für die Führer dieser beiden Länder und für die anderen pro-westlichen arabischen Regimes (inklusive ihrer korrupten Eliten) sind Zeichen dafür, dass die Achse nicht Bestand haben kann. Die Tatsache, dass der iranische Präsident und der türkische Premierminister in den arabischen Ländern derart beliebt sind, während die meisten arabischen Führer als zutiefst unpopulär gelten, ist ein Hinweis darauf, dass die Region sich verändert. (Der Text wurde vor der Revolution in Tunesien und den Unruhen in Ägypten geschrieben, Anm. d. Red.)

Es gibt Spekulationen, dass eben - weil der Niedergang der sogenannten „moderaten arabischen Staaten“ mit der Machtkorrosion der Vereinigten Staaten einhergeht - Washington in die Versuchung kommen könnte, vor den US-Präsidentschaftswahlen 2012 eine beschränkte militärische Konfrontation mit der Islamischen Republik zu wagen. Die Iraner halten das für sehr unwahrscheinlich. Aber die Iraner glauben auch, dass Stabilität und Instabilität - von den Grenzen des Mittelmeers bis nach Indien - nicht von Frieden und Stabilität in der Golfregion zu trennen ist. Ein Blick auf die Landkarte verdeutlicht, dass Iran die Fähigkeit hat, Bedrohungen in der ganzen Region und darüber hinaus zu beantworten. Sollte es keine Sicherheit für Iran geben, dann wird es aus Sicht der Iraner auch keine Sicherheit für Irans Gegenspieler in der Region geben. Im Falle solcher Umstände sollten die USA nicht davon ausgehen, dass Öl oder Gas aus dem Persischen Golf, Nordirak oder Zentralasien hinaus fließt. Irans Selbstvertrauen ist im Angesicht regelmäßiger US-amerikanischer militärischer Bedrohungen gewachsen. Ebenso ist die Überzeugung davon gewachsen, dass die westlichen Regierungen begreifen, dass Iran seine Bürger beschützen kann. Westliche Regierungen müssen erkennen, dass Iran nach Frieden sucht, sich aber nicht durch Kriegsdrohungen einschüchtern lässt; effektiv lassen solche Drohungen die westlichen Regierungen eher plump und unzivilisiert aussehen. Die Erinnerung an die verblüffende Niederlage des israelischen Regimes gegen die deutlich kleinere und schlechter ausgerüstete Widerstandsbewegung im Südlibanon ist etwas, woran man sich in Teheran mit Stolz erinnert.

Iran ist in der Lage in den kommenden Jahren weiter ohne Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu leben und immer mehr junge Iraner und Geschäftsmänner wenden den Blick nach Asien und auf Länder wie China, Indien, Brasilien und Südafrika auf der Suche nach akademischer Bildung, Gewerbe und Handel. Nichtsdestotrotz aber gibt es noch immer Menschen die sich fragen, ob die Vereinigten Staaten vielleicht doch ein möglicher Partner sein könnten, die sich eine andere US-Außenpolitik vorstellen können, die über eine wirkliche Neudefinierung der amerikanisch-iranischen Beziehungen nachdenken.


Holger Steffen02-02-11

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für Ihre Informationen.
Schön, daß es -auch Dank Ihnen- möglich ist, sich jenseits der Kriegshetze unserer Regierungen und der angeschlossenen Medien (An sich schon ein Verstoß gegen unser Grundgesetz und unser Strafgesetz) zu informieren. Ich hoffe sehr, daß der gewünschte Krieg ausfällt, wenn auch nicht aus moralischer Erkenntnis unserer Oberen, so vielleicht wenigstens aus der Erkenntnis, daß der Krieg nicht zu gewinnen ist. Ihnen weiterhin alles Gute!

Rurik05-02-11

Eine sehr sachliche und zutreffende Analyse. Der "Westen" befindet sich auf dem sprichwörtlichen Holzweg, wenn er von sich auf andere schließt. Es gibt ja den alten Spruch: "Was ich denk und tu, trau ich andern zu." Mißt man den "Westen" an diesem Spruch, dann kann man nur ein wahrlich vernichtendes Urteil über ihn fällen!
Ich möchte mich ausdrücklich meinem Vorredner, Holger Steffen, anschließen. Ich wünsche Ihnen und dem iranischen Volk all das, was ich mir auch für mein eigenes Volk wünsche! Frieden, Ordnung, Freiheit, Sicherheit, Wohlstand und Weiterentwicklung der arteigenen Kultur!

Grom08-02-11

Es ist skandalös und zutiefst beschämend das die US Aussenpolitik immer noch am Nasenring der Zionisten hängt und somit im Interesse der Zionisten eine agressive und islamfeindliche Politik weltweit betreibt, vor allem gegenüber starken und großen islamischen Ländern wie dem Iran, welche als eine der ganz wenigen weltweit den Mut und Anstand besitzen, die Weltverbrecher Nr.1 und Nr.2 der Erde, USA und Israel, auch ganz offen und direkt beim Namen zu nennen.
Feindschaft und Kriegspropaganda gegen den Iran wiederstreben den iInteressen des Amerikansichen Volkes, es wird Zeit das sich die USA daher als Handlanger der Zionisten emanzipieren.

Bardia10-04-11

Endlich mal ein wahres Wort!

Isa23-06-11

90% Wischi wasch geschwätz!!!!!

(E) Tima10-09-11

Das finde ich toll, dass der Iran ein fridliches Land im Nahen Osten ist, obwohl er aus Sich der USA und Israel eine Bedrohung ist. Es ist klar, dass die USA einen schwächen Iran will, damit das Öl des Landes umsonst kaufen konnte. Amerika ist jetzt Zahlungsunfähig und braucht Propaganda gegen den Iran, damit die Konzentration der eigenen Bevölkerung auf etwas anderes bringt. Die USA unterstützte die Diktatoren im Nahen Osten, aber es gab kein Problem, denn diese Diktatoren waren Unterwerfner der USA. Wenn die USA sieht, dass die Iraner nicht unter ihren Einfluss sind, dann behaupten, Der Iran ist eine Bedrohung. Nur Quatsch !






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