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17.11.2010 Thomas Effe

Das Atomprogramm und die gemeinsamen strategischen Bedürfnisse des Irans und der USA


Dr. Kayhan Barzegar

Dr. Kayhan Barzegar

Im Folgenden ein Interview mit dem iranischen Nahost-Experten Dr. Kayhan Barzegar. Das Interview erschien bei „Mosallas Weekly“ auf Persisch und wurde anschließend von „Iran Review“ ins Englische übertragen. Die deutsche Übersetzung stammt von Florian Weiss.

Kayhan Barzegar ist Fakultätsmitglied des „Science and Research Campus“ der „Islamic Azad University“ und Direktor für internationale Angelegenheiten im „Center for Middle East Strategic Studies“. Er vertritt die These, dass das iranische Atomprogramm den Iran und die USA entweder zu vermehrter Zusammenarbeit oder in den Krieg führen wird. In einem Interview mit „Mosallas Weekly“ betonte er, dass die USA momentan nicht in der Lage sind, einen neuen Krieg in der Region beginnen zu können. Während der Iran sich auf eine Fortsetzung seiner unabhängigen Urananreicherungs-Politik eingestellt hat, läuft die Zeit (im Hinblick auf das iranische Atomprogramm) gegen Washington. Der Iran seinerseits ist an direkten Gesprächen und einer Aufhebung der derzeitigen Sanktionen interessiert. Wegen der beiderseitigen strategischen Bedürfnisse, insbesondere hinsichtlich der Lösung des iranischen Atomkonflikts, werden beide Seiten zusammenarbeiten müssen. Das führt jedoch nicht unbedingt zu engen freundschaftlichen Beziehungen. Der Charakter der Angelegenheiten, in der beide Seiten involviert sind, ist von solcher Art, dass der Iran und die USA auch in der Zukunft ideologische und strategische Rivalen bleiben werden.

Mosallas Weekly: Was ist das Hauptproblem, dass den Iran und die USA auch nach mehr als 30 Jahren weiterhin voneinander trennt?

Dr. Kayhan Barzegar: Das Hauptproblem ist die simultane Existenz von ideologischen und strategischen Diskrepanzen. Die islamische Revolution von 1979 war ein ideologisches Phänomen, mit dem sich der Iran von der größten hegemonialen Macht zur damaligen Zeit, den USA, unabhängig machen wollte. Washington hatte davor eine lange Tradition der Interventionen in die inneren Angelegenheiten des Iran aufzuweisen, darunter auch den Staatsstreich vom 19. August 1953, der auf vielerlei Art die spätere Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran hervorrief. Diese Diskrepanzen haben - zusammen mit der US-Unterstützung des Baath-Regimes im iranisch-irakischen Krieg (1980-1988) und der Verhängung der unilateralen Sanktionen gegen den Iran – zu einer Vertiefung der Feindseligkeiten zwischen den beiden Seiten geführt. Die terroristischen Angriffe des 11. September 2001, die US-Invasion und die Besetzung des Irak haben (neben den bisherigen ideologischen) zu weiteren strategischen Unstimmigkeiten geführt. Obwohl der Iran den USA in Afghanistan geholfen hat, bezeichnete Präsident Bush den Iran als Teil der „Achse des Bösen“ und verfolgte eine „Regime Change“-Politik gegenüber dem Iran. Diese Politik war die denkbar Schlechteste, die eine US-Administration hätte wählen können - und folglich fügte es dem Image der USA im Iran schwere Schäden zu. Der tiefere Grund hinter der Aufnahme dieser Politik war die US-Präsenz im Mittleren Osten und der Regimewechsel in bestimmten Ländern mit dem Ziel, Washingtons regionalen Einfluss und die ideologische Dominanz zu verstärken. Diese Entwicklungen standen grundsätzlich im Konflikt mit den nationalen Interessen und der Sicherheitsbedürfnissen des Iran. Politische Entwicklungen sowie Veränderungen der Sicherheitslage, die nach der Besetzung des Irak im Jahr 2003 entstanden, stärkten aber den regionalen Einfluss des Iran und machten ihn zu einer bedeutenden regionalen Macht. Jetzt streben beide Seiten nach einer Institutionalisierung ihrer jeweiligen regionalen Rolle - jenseits strategischer und ideologischer Konflikte. Obwohl ideologische und strategische Unstimmigkeiten weiterhin existieren, werden die strategischen Konflikte vermehrt in den beidseitigen Beziehungen angesprochen. Es kommt hinzu, dass dieselben strategischen Konflikte aber gleichzeitig auch ein Potential zur Herstellung einer Annäherung zwischen Teheran und Washington bieten. Zum Beispiel gehört zum Wesen des iranischen Atomprogramms, dass es beiden Seiten mit „gemeinsamen strategischen Bedürfnisse“ begegnet. Dies ist der Grund, weshalb zum ersten Mal die Notwendigkeit auf mehr praktische Akzente in den direkten Gesprächen gelegt wurde.

Mosallas Weekly: Sie wiesen auf die Möglichkeit von strategischen Gesprächen zwischen dem Iran und der USA hin. Warum wurden die bisherigen direkten Gespräche, beispielsweise im Irak, nicht fortgesetzt?

Dr. Kayhan Barzegar:Der Iran und die USA benötigen den jeweils anderen in zwei Angelegenheiten: Erstens zur Bewältigung regionaler Probleme, d. h. im Irak und in Afghanistan, und zweitens, um den Atomkonflikt zwischen dem Westen und dem Iran zu entschärfen. Obwohl der Iran in beiden Bereichen am längeren Hebel sitzt, ergibt die praktizierende Politik, die von beiden Ländern verfolgt wird, jeweils unterschiedliche Ergebnisse. Die beiden Länder können sich nur in Gespräche über regionale Angelegenheiten begeben, wenn ihre nationalen Interessen und ihre Sicherheitsinteressen nahe beieinander liegen. Im Moment verfolgen beide Seiten hinsichtlich der verschiedenen regionalen Krisen entgegengesetzte Strategien. Zum Beispiel gibt es Differenzen darüber, was die Ursachen für die Bedrohungen der Sicherheit und die Präsenz fremder Streitkräfte in der Region angeht. Die iranische Strategie im Libanon und in Palästina besteht in der Unterstützung von Widerstandsbewegungen wie der Hisbollah und der Hamas. Eine solche Strategie steht im Gegensatz zur US-Strategie, welche die Legitimität dieser Bewegungen in der Region völlig in Frage stellt. Deshalb sollte man nicht erwarten, dass beide Seiten eine gleiche Haltung zum israelisch-palästinensischen Friedensprozess einnehmen werden. Abgesehen davon wird die Anstrengung der USA, durch Unterzeichnung von politischen und sicherheitsrelevanten Abkommen im Irak Fuß zu fassen, vom Iran als Grund für die angespannte Sicherheitslage angesehen. Dasselbe trifft auf Afghanistan zu, wo die USA versuchen, ihre Interessen mittels weiterer Truppenentsendungen und der Bekämpfung von Al-Qaida und den Taliban zu wahren, während der Iran die starke US-Militärpräsenz als direkte Bedrohung seiner nationalen Sicherheit und Auslöser für die anhaltende Krise empfindet. Daher haben beide Länder bezüglich der regionalen Angelegenheiten unterschiedliche Ansichten. Allerdings sehen die Amerikaner durch das iranische Atomprogramm die nationale und internationale Sicherheit gefährdet, was Washington zu direkten Gesprächen mit Teheran zwingt. Das Wesen des iranischen Atomprogramms und sein Schwerpunkt auf der „Beherrschung eines eigenen nuklearen Zyklus“ sind von solcher Art, dass Washington sich entweder mit Teheran verständigen oder den Krieg erklären muss. Die Vereinigten Staaten sind im Moment nicht in der Lage, einen weiteren Krieg, der unvorhersehbare Folgen haben würde, in der Region zu führen. Im Hinblick auf das iranische Atomprogramm ist die Zeit nicht auf der Seite des Westens. Deshalb muss sich der Westen mit dem Iran interagieren und sehen wie sich die Sanktionen auf die Politik des Iran auswirken werden. Der Westen setzt große Hoffnungen auf die derzeitige Sanktionspolitik.

Mosallas Weekly: Repräsentanten des Iran und der Vereinigten Staaten haben sich zwei Mal getroffen und die Gespräche wurden nicht fortgeführt. Was ist der Grund?

Dr. Kayhan Barzegar: Nun, der Iran hat seine Offenheit für Verhandlungen bewiesen und positive Signale, wie unter anderem durch die Unterzeichnung der „Teheraner Deklaration“ (das iranisch-türkisch-brasilianische Uran-Abkommen), gesendet. Präsident Ahmadinejad war diesen September auch eine Woche in New York und hat bei mehreren Anlässen die Bereitschaft des Iran zu bilateralen Gesprächen erklärt. Aber ich glaube, dass die amerikanische Seite noch immer unsicher und noch nicht bereit zu Gesprächen ist. Ein Grund für diese Unsicherheit könnten die Ereignisse im Anschluss an die letzten Präsidentschaftswahlen (im Iran) sein, welche - in gewisser Weise - die Politik der Obama-Administration veränderten. Die Administration dachte, dass die sich herausbildende Spaltung zwischen den politischen Lagern eine gute Möglichkeit zur Erreichung ihrer Ziele zu einem geringen Preis wäre und man so die Oberhand in den Atomverhandlungen mit dem Iran gewinnen könnte. Darum ist das Eintreten für Solidarität und nationale Einheit so wichtig für unser Land. Als eine Folge dessen [d. h. der Wahlunruhen, Anm. d. Red.] ist die Obama-Administration vielleicht nicht bereit, (bilaterale) Gespräche zu initiieren, allerdings wurde noch keine endgültige Entscheidung darüber getroffen, da man die Auswirkungen der harten Sanktionen gegen den Iran abwarten möchte. Ich denke, dass dies der falsche Weg ist, da Sanktionen die Atompolitik des Iran nicht beeinflussen werden. Im Gegenteil werden dadurch alle politischen Kräfte (im Iran) integriert, die dann die Regierung nur stärken. Abgesehen davon, dass es eine nationale Angelegenheit ist, ist das Atomprogramm Konsens bei allen politischen Richtungen im Iran und meiner Meinung nach hat das Atomprogramm einen „Point of no Return“ in dem Sinne erreicht, dass sich keine politische Gruppe dagegen stellen kann, um die Sanktionen gegen den Iran aufzuheben.

Mosallas Weekly: Präsident Ahmadinejad argumentiert, dass eine Unterscheidung zwischen den iranisch-amerikanischen Differenzen und dem Fokus auf internationale Angelegenheiten vorgenommen werden müsse. Er schlug letztes Jahr sowie auch in diesem Jahr eine Debatte mit Präsident Obama zur Lösung der internationalen Streitigkeiten vor. Wie stehen sie zu dieser Sache?

Dr. Kayhan Barzegar: Ich denke, dass der Iran beide Aspekte berücksichtigen sollte. Es ist für eine Regionalmacht wie den Iran zwingend erforderlich, unabhängige nationale Strategien zu verfolgen und eine aktive Rolle in den internationalen Angelegenheiten - wie der weltweiten atomaren Abrüstung, dem Krieg gegen den Terror und der friedlichen Verwendung der Atomenergie usw. - zu spielen. Der Iran muss Prioritäten setzen. Ich denke, dass sich der Iran mehr auf strategische und regionale Aufgaben konzentrieren sollte, wo effektiver Einfluss genommen werden kann und was für die internationale Gemeinschaft von größerem Interesse ist. Während seines letzten Besuches bei der Vereinten Nationen legte Präsident Ahmadinejad den Schwerpunkt mehr auf regionale Angelegenheiten wie die umfassende regionale wie auch globale Abrüstung, die Krisen in Afghanistan und dem Irak, und die Anschläge vom 11. September, welche als Vorwand zur Lancierung regionaler Kriege dienten. Wenn diese Punkte auf eine Art diskutiert worden wären, welche die konstruktive Rolle des Irans hervorhebt, dann hätte es die Verhandlungsposition des Irans in den Atomgesprächen und in bilateralen Verhandlungen mit den USA gestärkt. Internationale Angelegenheiten sind wichtig, aber es sollte mehr Augenmerk auf die strategischen Vorteile und Potentiale des Irans zur Lösung regionaler Aufgaben gelegt werden, welche von internationaler Bedeutung sind. Während z. B. die Krisen in Afghanistan, dem Irak und auch der arabisch-israelische Konflikt regionale Belange sind, sind sie doch auch direkt mit der internationalen Sicherheit verknüpft.

Mosallas Weekly: Manche Analysten betonen, dass bilaterale Gespräche zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten nur eine Bedrohung und keine Chance wären. Es gibt auch eine gegenteilige Meinung, welche besagt, dass - anstatt sich auf die imperialistischen Aspekte der USA zu konzentrieren - die USA mit der Islamischen Republik Iran in direkte Verhandlungen treten kann, um den Arabern, Chinesen und Russen beim Ausspielen der „Iran-Karte“ (gemeint ist die Erreichung von Zugeständnisse von den USA, wenn Staaten in der Iran Frage den USA entgegenkommen, Anm. de. Red) zuvorzukommen. Wie sehen sie das?

Dr. Kayhan Barzegar: Das Hauptbedenken derjenigen, die denken, dass direkte Gespräche eine Bedrohung und einen Schaden für den Iran darstellen würden, ist, dass der Iran wohl nicht gleichberechtigt an Verhandlungen teilnehmen könnte, da die Amerikaner nur an Verhandlungen teilnehmen würden, wenn gewisse Zugeständnisse von iranischer Seite gemacht werden. Wenn man sich das bisherige Verhalten der USA vergegenwärtigt, so scheint dieses Argument plausibel. * Aber man sollte dazu anmerken, dass der Iran bereits im Hinblick auf seinen Einfluss auf viele regionale Angelegenheiten den USA gleichwertig  geworden ist. Ein strategischer Streitpunkt wie das iranische Atomprogramm (mit dem Schwerpunkt auf dem Aufbau eines eigenen nuklearen Zyklus) hat dem Iran die Erlangung der Oberhand ermöglicht. Deshalb sollte der Iran sich nicht vor dem Schaden aus direkten Verhandlungen fürchten. Der Iran befindet sich in einer guten Position, um jegliche Verhandlungen in Richtung seiner eigenen strategischen Interessen zu lenken. Man muss anmerken, dass regionale Entwicklungen leicht die derzeitigen regionalen Vorteile des Irans umkehren könnten. Währenddessen beanspruchen die anhaltende Rivalität bzw. der Konflikt mit den Vereinigten Staaten die politischen und ökonomischen Kräfte des Irans, was auf lange Sicht die wirtschaftlichen Ressourcen schwächen könnte.

Mosallas Weekly: Wie schätzen Sie die praktischen Aussichten von direkten Gesprächen ein?

Dr. Kayhan Barzegar: Wir müssen realistisch bleiben. Ich meine, wir sollten nicht zu optimistisch sein, dass ein Lächeln und ein paar versandte Briefe alles sind, um Verhandlungen zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Die Vereinigten Staaten verfolgen ein tief greifendes strategisches Interesse in der Region und sie sind nicht gewillt, die Rolle des Irans und seine Macht anzuerkennen. Ich meine, dass es die Machtstruktur der Vereinigten Staaten dem Weißen Haus nicht erlaubt, dies zu tun. Trotzdem sollten wir auch nicht zu skeptisch sein und glauben, dass die USA ihre Iran-Politik niemals bedeutend ändern werden. Wie ich schon sagte: die Beschaffenheit der aktuellen Themen zwischen den beiden Nationen ist von großer Wichtigkeit. Der Iran und die USA befinden sich im Moment in einer Phase des gemeinsamen strategischen Bedarfes - und trotz der ideologischen Konflikte und der bitteren historischen Erinnerungen müssen sie interagieren. Natürlich muss eine Zusammenarbeit nicht zwangsläufig eine enge Freundschaft bedeuten. Der Iran und die Vereinigten Staaten erheben den Anspruch auf Führung bei Themen der regionalen politischen Sicherheit und führen zwei ideologische Blöcke an - sie werden ideologische und strategische Rivalen bleiben. Dennoch ist das iranische Atomprogramm an einem Punkt, an dem sich die strategischen Bedürfnisse beider Länder konvergieren. Manche Analysten betonen, dass Verhandlungen mit weniger empfindlichen Themen, wie die Kooperation in Afghanistan, beim Krieg gegen Al-Qaida oder im Irak, wo sich die Interessen beider Länder decken, begonnen werden sollten, was als Einleitung von Verhandlungen über empfindlichere und umfassendere Themen, wie der Atomkonflikt, dienen könnte. Jedoch - als ein Resultat ihrer widersprechenden Ansichten und wie dies die ersten drei Runden bilateralen Gespräche im Irak belegt haben - tendieren beide Seiten dazu, dem anderen bezüglich vieler regionaler Themen Vorwürfe zu machen. Dazu kommt, dass die Kooperation in dieser Hinsicht nur den USA Vorteile bringt. Man sollte beachten, dass die Bemühungen des Iran, sich regionaler Aufgaben anzunehmen, auch Bemühungen sind, um umfassenden Gesprächen mit dem Westen den Weg zu ebnen. Dies ist bisher nicht passiert. ** Deshalb denke ich, dass sämtliche direkte Gespräche sich im Grunde um ein wichtigeres nationales Thema von strategischer Wichtigkeit drehen sollten, zumindest für die iranische Seite. Ich denke, dass das iranische Atomprogramm das nötige Potential in dieser Hinsicht besitzt, da sich die Eliten beider Länder einig sind, dass die Notwendigkeit besteht, sich an den Verhandlungstisch zu begeben.

Ende.


* Anm. d. Red.: Bis heute werden diese Stimmen im Iran falsch gedeutet. So denkt irrtümlich Obamas einflussreicher Berater Karim Sajjadpour, dass der Iran grundsätzlich nicht an Gesprächen mit den USA interessiert wäre, weil u. a. der jetzige Staatsoberhaupt Khamenei bisweilen sowie zuvor der Gründer der Republik, Ayatollah Khomeini, solche Gespräche ablehnten und sie mit dem Verhältnis zwischen einem Lamm und einem Wolf verglichen. Offensichtlich ist Sajjadpour die Bedeutung dieser Metapher nicht bewusst und er trägt als einziger „Khamenei-Experte“ im Westen mit seinem Wirken zur Vermittlung einer völlig abwegigen Iran-Bildes in der westlichen Öffentlichkeit maßgeblich bei.

** Derzeit betreibt die Islamische Republik exakt diese Politik. Gespräche über die regionalen Themen haben nicht zu einer Aufwertung des Irans geführt. Weitere Gespräche sind nun mit der Forderung geknüpft, u. a. die Sanktionen einzufrieren, siehe Analyse „Iran-USA Beziehungen: Gefahren und Chancen“.


Homayoun H.18-11-10

Ich denke Dr. Barzegar macht es sich zu einfach mit diesen 2 Alternativen.

Es kann nämlich auch sein, dass die US Regierung weder mit Iran reden und zusammenarbeiten will, noch einen konventionellen Krieg anfangen will, wie Herr Barzegar sagte.

Die USA hat noch weitere Optionen. Ich persönlich denke dass die USA weiter daran arbeitet das iranische Regime (und Iran als Ganzes) zu destabilisieren und dazu gibt es ja nicht nur die Kriegsoption.

Gleichzeitig betreibt sie höchtwahrscheinlich eine Kombination aus Eindämmungspolitik (Containment) und Rollback-Politik, in dem sie gleichzeitig versucht so viele iranische Nachbarn wie möglich als Gegengewicht zu stärken und mehr oder weniger auf seine Seite (USA) zu ziehen, Iran zu isolieren und gleichzeitig Terroristen, Separatisten, regimefeindliche Gruppierungen und aufständische und oppositionelle Individuen unterstützt.

Hinweise für all diese Bemühungen gibt es ja zur Genüge.

Ausserdem denke ich dass die USA bemüht ist (durch dritte Parteien verdeckt), Elemente in den iranischen Sepahe Pasdaran und Revolutionsgarden zu einem millitärischen Coup zu animieren. Eine Figur könnte z.b. der Millardär Jahanchahi sein. Wobei meiner Meinung nach diese Alternative wenig Aussichten im Iran hat. Aber nichtsdestotrotz laufen Bemühungen diesbezüglich. "Glücklicherweise" hat die USA keine Botschaft mehr im Iran und ist somit sehr beschränkt handlungsfähig und ausserdem ist das duale iranische System (Revolutionsgarden -Artesh) ziemlich resistent gegenüber solchen Aktionen.

Immer mehr Sanktionen und mehr Druck auf Iran sind weitere Indizien.

Ausserdem hatte man neue "Ideen" um mehr Zeit zu gewinnen, z.B. der Stuxnet Virus der jetzt nachweislich extra für Iranische Atomanlagen konstruiert wurde.

Ich denke die USA versucht durch die Kombination all dieser Bemühungen Iran in die Knie zu zwingen, ohne "reden" und zusammenarbeit.

USA will Iran "loswerden". Ganz einfach.

Die Frage ist wie lang der iranische Atem ist und wie man im Iran mit all diesen Bemühungen fertig wird.
Die Aussichten dass man damit fertig wird, sind nicht so schlecht, da man 30 Jahre Erfahrung sammeln konnte. Allerdings sehe ich in der US Politik der letzten Jahre (egal ob Bush oder Obama) eine deutlichere und härtere Gangart der USA, die es anscheinend so langsam darauf ankommen lassen wollen und nicht mehr tatenlos zusehen wollen wie der iranische Einfluss immer größer wird.

Die direkte militärische Konfrontation wird wohl die letzte Alternative bleiben. Aber wie gesagt, zwischen Reden und Zusammenarbeit und Krieg, gibt es sehr viele Optionen die man gerade ausprobiert !

Desweiteren ist die US Strategie immer abhängig davon, was Israel tut und kann sich deshalb schlagartig ändern. Angenommen Israel entscheidet sich iranische Atomanlagen anzugreifen. Die USA wäre auf einmal gezwungen mitzuhelfen, ob nun gewollt oder nicht und egal ob man vorher doch angefangen hatte zu "reden" oder nicht.

Dr. Barzegars Sicht ist erstens zu einfach und zweitens zu "optimistisch" (aus iranischer Sicht), obwohl er sagt dass man die Sachlage nicht zu optimistisch betrachten sollte, so tut er es doch durch seine einfache Sichtweise.

TE18-11-10

Denken Sie Homayoun, dass die USA das iranische Atomprogramm nur zum Anlass nimmt, um auf den Iran weltweit Druck ausüben zu können? Und der Iran fälschlicherweise annimmt, durch das Atomprogramm von den USA Zugeständnisse bekommen kann?

Wenn ja, entspricht das genau derjenigen konservativen Linie im Iran, die am skeptischsten gegenüber den Vereinigten Staaten sind. Obama Politik hat diese Richtung im Iran sogar gestärkt.

Homayoun H.18-11-10

Die Gedankengänge der USA bezüglich Iran haben sich nicht geändert. Einzig die Methoden ändern sich - wenn überhaupt - von Präsident zu Präsident.

Die Option "wir akzeptieren die islamische Republik, ihren Einfluss und ihren Anspruch" gibt es in USA nicht und wird es auch wahrscheinlich nicht geben.

Es ist nunmal so, dass die USA in diesem Gebiet nur kontrollierbare und abhängige Regierungen akzeptiert.

Das allerhöchste der Gefühle aus US Sicht (wenn nichts anderes klappt) wäre wohl eine islamische Republik, die nur im Iran das Sagen hat, und keinerlei Einfluss und Ambitionen jenseits ihrer Grenzen.

Zwei Hinweise, warum das iranische Atomprogram nur Mittel zum Zweck ist, sind beispielsweise die Reaktion von Obama/Clinton damals als Iran zusammen mit Brasilien und Türkei einen Vorschlag ausgearbeitet hatte. Die Reaktion die darauf aus USA folgte - nämlich sofort weitere Sanktionen - zeigt deutlich dass man an der Oberfläche so tut als ob man an einer Einigung interessiert ist, jeder Schritt seitens Irans wird allerdings effektiv so beantwortet, dass dem iranischen Regime nichts anderes übrig bleibt als wieder zurückzurudern.

Oder das Angebot zu Beginn der Amtszeit von Obama. Es sollte der Eindruck erweckt werden, man hätte dem Iran ein tolles Angebot gemacht. Die Formulierung war allerdings so dass der Iran wohl nicht darauf eingehen konnte.

Wäre ich US Präsident und hätte Regime Change im Sinn, wären Das wohl auch einige meiner Methoden, damit es nicht zu offensichtlich wird. Ich sende Norooz Grüße, halte eine Rede in Kairo, tue so als ob ich dem iranischen Regime tolle Angebote gemacht habe, die sie angelehnt haben, usw.

Zu guter Letzt zittiere ich eine Passage aus einem Papier aus 2009 vom Think Tank Brookings.
Das ist keine Verschwörungstheorie aus dem konservativen Lager Irans, sondern die Vorschläge der Denkfabriken der Demokraten (Obama) selbst!

Dann muss man rückblickend nur noch das damals "Vorgeschlagene" mit dem was dann tatsächlich in dem Jahr passiert ist vergleichen, und es bleibt mir persönlich nichts anderes übrig als so zu denken wie ich denke.

Zitat:

First, the United States might opt to employ some version of Persuasion to set up regime change.
Regime change would seem far more palatable to Americans, Middle Easterners, Europeans, and Asians—and probably even to the Iranian people—if they believe that Iran had been offered a very good deal and turned it down. Indeed, if this is the perception among Iranians, more of them might be willing to oppose the regime. Thus, starting with some effort at Persuasion would be a good way to begin, but if regime change were really Washington’s goal, the United States would have to ensure that the Iranians turned down the offered deal, while making sure that the deal looked attractive to others. If the Iran experts are
right that Tehran is unlikely to compromise no matter what it is offered as long as it feels threatened, then a clever approach to regime change might be to simultaneously offer a good deal (albeit not one so good that Tehran might overcome its paranoia) while ratcheting up a range of regime change programs that the leadership would perceive as a threat. Arguably, this is what the Bush 43 Administration did —although that was certainly not the intention of most members of the administration charged with handling Iran. (Then again, it may have been the intention of others working elsewhere within the administration.)

:-)

Homayoun H.18-11-10

Würde man davon ausgehen, dass meine "Bedenken" stimmen, blieben nur noch die Fragen:

Was soll die Regierung im Iran tun und was sollen die Iraner im Iran tun?

Die Regierung im Iran muss sich der Ernsthaftigkeit der Lage vollkommen bewusst sein und einsehen dass das Spiel in den nächsten Jahren in die Endphase gelangen könnte. Sie muss sehr gut abwägen, was sie innenpolitisch und aussenpolitisch tut. Innenpolitisch muss sie sich viel mehr anstrengen, selbstkritischer werden und versuchen die Bürger des Landes in all ihren Sorgen und Belangen zufrieden stellen, und zwar auch ihre "nicht so gut auf sie zu sprechende" Schicht, die Minderheiten und alle Ethnien, usw. Die Nationale Einheit und Sicherheit hat oberste Priorität. Und hier sind nicht nur die regimekritischen Menschen gefragt, sondern auch die kompromisslos Regimetreuen wie Basijis, etc. Dämonisierungen müssen auf beiden Seiten so schnell wie möglich aufhören oder zumindest Grenzen haben. Desweiteren ist es sehr wichtig, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und jeden Bürger detailliert und, ohne die übliche 08/15 Propaganda - sogar fernab aller religiösen Erklärungen, denn sie braucht man nämlich garnicht - über die echten nackten blanken Gefahren zu informieren. Das Volk muss davon überzeugt sein, dass die Nationale Einheit und Sicherheit letztendlich Ihnen zu Gute kommt und nicht (nur) der Regierung und dass sie für Jeden überlebenswichtig ist, wenn man nicht als Bürger eines zerstückelten Landes mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen enden will. Sie muss überzeugt sein, dass die Einmischung und die Pläne die man aus dem "Ausland" für Iran hat, einzig der Interessen dieser Länder dienlich sind und nicht die der Iraner (weder Obama noch Merkel noch sonst jemand interessieren sich für iranische Menschenrechte). Und sie muss davon überzeugt sein, dass man "Famillienstreitigkeiten" innerhalb der Famillie lösen muss und keinen "Fremden" dazu holen darf (oder einem Fremden erlauben darf mitzumischen), da ansonsten die ganze "Famillie" zerstört werden kann. Glücklicherweise gibt es diese Einstellung bei vielen Iranern, allein bedingt durch die Geschichte Irans, aber sie wird in der nächsten Zeit mehr als jemals zuvor auf die Probe gestellt werden, denn manchmal ist die Versuchung den "Famillienstreit" mit allen Mitteln zu gewinnen, so groß dass man die Augen vor der Wahrheit veschließen könnte. Insbesondere in einer polarisierten Gesellschaft wie den momentanen Iran. Dies gilt sowohl für die Machtelite im Iran als auch für den "einfachen" Bürger. Denn letztendlich verbindet alle Iraner eine Sache, und das ist das Land in dem sie leben. Auch wenn man sich gegenseitig durch viele Ereignisse und Verhaltensweisen teilweise "hasst", so kann man doch das Land in dem man lebt nicht hassen. Und wenn man weiss dass dieses Land in Gefahr ist, dann geht man eben vorsichtiger mit diesen Gefühlen um.

TE18-11-10

Ich teile eher die Meinung von Barzegar, was die US-Politik angeht.

"Aber ich glaube, dass die amerikanische Seite noch immer unsicher und noch nicht bereit zu Gesprächen ist. Ein Grund für diese Unsicherheit könnten die Ereignisse im Anschluss an die letzten Präsidentschaftswahlen (im Iran) sein, welche - in gewisser Weise - die Politik der Obama-Administration veränderten. Die Administration dachte, dass die sich herausbildende Spaltung zwischen den politischen Lagern eine gute Möglichkeit zur Erreichung ihrer Ziele zu einem geringen Preis wäre und man so die Oberhand in den Atomverhandlungen mit dem Iran gewinnen könnte. Darum ist das Eintreten für Solidarität und nationale Einheit so wichtig für unser Land. Als eine Folge dessen [d. h. der Wahlunruhen, Anm. d. Red.] ist die Obama-Administration vielleicht nicht bereit, (bilaterale) Gespräche zu initiieren, allerdings wurde noch keine endgültige Entscheidung darüber getroffen, da man die Auswirkungen der harten Sanktionen gegen den Iran abwarten möchte."

Diese Ansicht vertreten auch viele reformorientierte Politologen im Iran. Ich möchte auch daran erinnern, dass die Propaganda der anti-iranischen Kräfte im Westen sich vorwiegend auf die Propaganda der iranischen Opposition stützt, wie dass Ahmadinejad angeblich ein Hojjatieh wäre, er ein „Apokalyptiker“ sei, die Pasdaran die Mächtigsten seien usw.

Steffen19-11-10

@ Homayun

Barzegar: "Die Vereinigten Staaten verfolgen ein tief greifendes strategisches Interesse in der Region und sie sind nicht gewillt, die Rolle des Irans und seine Macht anzuerkennen. Ich meine, dass es die Machtstruktur der Vereinigten Staaten dem Weißen Haus nicht erlaubt, dies zu tun. Trotzdem sollten wir auch nicht zu skeptisch sein und glauben, dass die USA ihre Iran-Politik niemals bedeutend ändern werden."

Die Hoffnung stirb zuletzt. :-)

Homayoun H.20-11-10
TE22-11-10

@Homajun

Diese Stimmung gab es auch verschärft unter Bush, dennoch zettelte er keinen neuen Krieg an. Er verbat in seinem letzten Amtsjahr Tel Aviv auch den Job zu machen.

Die US-Angriffe der letzten Jahrzehnte wurden gegen kriegsgeschädigte Staaten geführt, um aus innenpolitischen Gründen die eigene Verluste gering zu halten. Ein Angriff kann deshalb nur nach einer Zermürbung des Irans erfolgen. Da die Welt aber immer multipolarer wird und sie immer weniger harte Sanktionen gegen den Iran mitträgt, dürfte kein unmittelbarer Angriff bevorstehen. Wir im Westen wären gut beraten, wieder zur Realpolitik zu finden und dem Iran auf Augenhöhe zu begegnen. Auf diesem Weg können wir mehr gewinnen als verlieren.

Homayoun H.22-11-10

Der Artikel sollte nicht zeigen dass jetzt unmittelbar ein Krieg bevor steht. Sondern dass in USA momentan 2 Lager vorhanden sind. (1) Krieg und (2) Regimechange durch Zermürbung (details wie das gemacht wird, habe ich schon oben erwähnt).

Wenn Sie die Think Tanks analysieren, werden Sie auch mehr oder weniger diese 2 Lager wiederfinden.

Deshalb bleibe ich bei meiner pesimistischen Sicht.

Und wie kommen Sie zu der Aussage, dass die Welt immer weniger Sanktionen mitträgt ? Ich beobachte das genaue Gegenteil in den letzten Jahren, und zwar dass sie immer mehr Sanktionen mitträgt und zusätzlich noch von Ländern die bis vor kurzem noch solche Sanktionen nicht mitgetragen hätten.

TE22-11-10

"Überraschend positiv fiel dagegen Christiane Hoffmann auf, die unter allen Diskutanten nicht nur mit Sachlichkeit und Ehrlichkeit auffiel, sondern auch den Mut hatte, dieses auszusprechen. Als womöglich einzige Journalistin in Deutschland sprach sie von der Tatsache, dass es den USA ungemein schwer fiel, die letzten UN-Sanktionen zu beschließen (Irananders berichtete zuvor an mehreren Stellen darüber, wie hier, hier und hier) und dass die nächsten Sanktionen wahrscheinlich erst mindestens in ein oder zwei Jahren praktikabel wären."

Aus http://irananders.de/analysen/news/article/podiumsdiskussion-die-iranische-sicherheitspolitik-nach-den-praesidentschaftswahlen.html

TE24-11-10

Passt zum Thema:

"The 13th of Aban is also a symbol of the United States’ avarice, the Leader noted, adding, 'The Iranian nation must keep in mind that the United States never seeks normal relations with other countries; rather it seeks some sort of master and slave relations as well as the exploitation of their resources.'

http://www.mehrnews.com/en/NewsDetail.aspx?NewsID=1184726






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