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19.10.2010 Alastair Crooke

Die wahre Bedeutung von Ahmadinejads Libanon-Besuch


Suleiman, Ahmadinejad, Khamenei

Was durch den Medienhype vollständig untergegangen ist: Der libanesische Staatspräsident Michel Suleiman (m.) war bereits vor zwei Jahren Gast in Teheran. Rechts von ihm sitzt der iranische Präsident Mahmud Ahmadinejad und links gegenüber von ihm die graue Eminenz Ayatollah Khamenei. (Archivphoto)

Bezüglich der Libanon-Reise Ahmadinejads waren die Reaktionen im Westen gemischt. Eine vortreffliche Analyse seiner Reise ist von dem ehemaligen britischen Diplomaten Alastair Crooke auf der Webseite The Race for Iran erschienen. Im Folgenden die deutsche Übersetzung von Jila Hamrah:

Lassen Sie uns erst einmal mit dem Unsinn aufräumen: Beim Besuch des iranischen Präsidenten ging es nicht darum, sich den Libanon als Teil des iranischen Staates einzuverleiben, noch ging es darum, den Weg für die Hisbollah zu irgendeiner "Übernahme" des Libanon zu ebnen, noch kann der Besuch als "Provokation" bezeichnet werden. Natürlich war es selbstverständlich beabsichtigt, gegen israelische militärische Hegemonie Abscheu auszudrücken und eine Kontra-Abschreckung gegenüber jeder israelischen militärischen Bedrohung geltend zu machen – das aber unterscheidet sich von einem "Akt der Provokation", der absichtlich eine israelische Reaktion heraufbeschwören sollte. Alle diese Behauptungen den Besuch betreffend sind bloß Teil einer psychologischen Kriegsführung, die gegen den Iran aufgebaut wurde, und können getrost ignoriert werden.

Der Besuch war in der Tat ein Staatsbesuch. Der iranische Präsident wurde offiziell vor einiger Zeit vom maronitisch-christlichen Präsidenten des Libanon eingeladen. Iran ist ein bedeutender Staat in der Region, ebenso wie die Türkei - deren Premierminister zufällig heute in Beirut zu Besuch ist.

Irans Popularität auf den Straßen sollte niemanden überraschen. Sie ist echt, und sie ist herzlich - und sie erstreckt sich über die Schiiten im Süden von Beirut hinaus. Nachdem ich während des gesamten Krieges von 2006 hier in Beirut anwesend war, erlebte ich die fast einhellige Empörung darüber, wie Führer und so genannte "Freunde des Libanon" wie Tony Blair und Condoleezza Rice versuchten, einen Waffenstillstand abzuwehren und hinauszuzögern - um Israel mehr Zeit einzuräumen, "den Job zu beenden", d. h. um mehr Brücken, mehr Infrastruktur zu zerstören und um zivile Opfer zu erzwingen – als unser "Preis", der für die Gefangennahme israelischer Soldaten durch die Hisbollah bezahlt werden müsse. Emotionen kochen hier noch immer hoch bei diesem Thema, und in allen Meinungsebenen weiß man, dass die einzige wirkliche Unterstützung für den Libanon in diesen dunklen Stunden von Syrien und dem Iran kam. Es überrascht daher nicht, dass es eine direkte Verbindung gibt im Ausdruck der Dankbarkeit an den Iran in den letzten Tagen sowohl für die Unterstützung von damals als auch seine anschließende wirtschaftliche Hilfe, um die Schäden zu beheben.

Doch das macht nicht die tiefere Bedeutung der Begrüßung aus, die dem Vertreter des Iran im Libanon zuteil wurde - Libanon, der Indikator der gesamten Politik des Nahen Ostens. Es geht über ein verspätetes 'Dankeschön' hinaus.

Im Mai dieses Jahres hielt Zbig Brzezinski eine kurze Rede vor dem Rat für auswärtige Beziehungen (Council for Foreign Relations) in Montreal. Er sagte seinen Zuhörern, dass es zwei Faktoren gebe, die die globale Politik in der heutigen Welt prägten. Der erste sei, sagte er, dass „zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte die Menschheit politisch erwacht und aufgewühlt ist", und er fügte hinzu, dass „überall auf der Welt Menschen wissen, was politisch los ist und ihnen die globalen Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten, Demütigung und Ausbeutung bewusst sind".

Sein zweiter Punkt war, dass die Eliten, die uns beherrschen, weniger einig seien und stärker gestreut als vorher (als Beispiel führte er den Übergang von der G8 in die G20 an); die Elite sei beides, weniger homogen und weniger gezügelt durch das Festhalten an traditionellen Werten und an Kultur; die Folge davon sei eine stärker überwachte und eine besser kontrollierte Gesellschaft, schrieb Brzezinski.

Was diesen letzten Punkt betrifft, so hat Brzezinski die Warnungen aus Michael Youngs 1958 erschienenem Buch „Der Aufstieg der Meritokratie" übernommen, wo eine soziale Revolution sich herauskristallisiert durch das „Aussieben von Menschen anhand der schmalen Bandbreite von Werten in der Erziehung" und eine neue [Elite] erschafft, die - zumindest bis vor kurzem - ihre Stellung in der Gesellschaft und ihrer individuellen „Lebensführung" als Bestätigung ihrer „Fähigkeit" und ihres „Talents" betrachteten, und diejenigen, die ausgeschlossen waren, lediglich als Erscheinungen von persönlicher Schwäche, Fehler und Versagen anderer sah.

Es muss wohl kaum hinzugefügt werden, dass eine solche Beschreibung sich nicht auf die Eliten des Westens beschränkt: Die Superreichen, narzisstischen und herablassenden Eliten des Nahen Ostens sind ebenso vom Rest der Menschheit abgehoben, und genauso ausbeuterisch und selbstverliebt wie irgendein Mitglied der Wall Street Upperclass.

Wenn Mahmoud Ahmadinejad oder Hassan Nasrallah den Ausspruch Imam Alis (Schwiegersohn des Propheten) zitieren, dass Muslime die „Freunde der Unterdrückten und die Feinde der Unterdrücker" sein sollen, oder von westlichen „doppelten Standards" sprechen, dann spötteln die Besserwisser der New York Times vielleicht darüber mit „Große Klappe, nichts dahinter"; aber sie begreifen schlicht und einfach nicht das Wesentliche.

Es mag für den einen oder anderen simplifizierend klingen - islamische Bewegungen und die iranischen Führer bringen ständig ein und dieselbe Leier vor: die globalen Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten, Demütigung und Ausbeutung, denen Brzezinski das beispiellose politische „Erwachen" zuschreibt. Das Blatt hat sich gewendet: da die Werte „des Marktes" und der säkularen, liberalen Weltordnung denjenigen zunehmend hohl erscheinen, die in ihr nur Privileg, Wohlstandsgefälle und sich selbst bereichernden Eigennutz sehen, hallt die Sprache des Widerstands und Verachtung der westlichen politischen und wirtschaftlichen Eliten, die sich selbst als „die internationale Gemeinschaft" hochstilisieren, natürlich nachhaltig im Nahen Osten wider, der am „politischen Erwachen" und „in Regung" ist.

Dies ist, das sollte begriffen werden, die zugrunde liegende Dynamik bei der Verlagerung des strategischen Gleichgewichts im Nahen Osten und der Entstehung einer „Achse des Widerstands" gegen die sehr Elite-dominierte „Weltordnung" und deren Kontrollsysteme, die den Gesellschaften aufgezwungen worden waren. Die Eliten fürchten dieses Erwachen, und sie sind fest entschlossen, dieses zu verhindern.

Kurz gesagt, der Islam - vor allem der schiitische Islam - stülpt sich das Kleid der europäischen Frührenaissance (vor der Aufklärung) über; der Islam steht für viele Muslime für einen Humanismus und für Achtung der Gerechtigkeit und Menschenwürde und für Ablehnung der Tyrannei, die Europa einst verfochten hat. Natürlich, einige im Westen werden es folgendermaßen sehen: Sie waren zu sehr mit der Herstellung eines umgekehrten Spiegelbild dessen beschäftigt, was sie noch immer als westliche „Tugenden" wahrnehmen - und nennen es iranische „Theokratie".

Die Bedeutung des Besuches von Präsident Ahmadinejad war der Ausdruck dieses Erwachens des Volkes, und Ausdruck eines umfassenden Kampfes, der damit einhergeht - mehr als nur ein Zeichen der Dankbarkeit gegenüber einem iranischen Präsidenten!


iranopoly.wordpress.com19-10-10

Sehr schön.

Interessant wäre auch ein artikel der sich dann mit "der wahren bedeutung der kritik des libanon-besuch ahmadinejads" beschäftigt.

es war sehr amüsant mit anzusehen wie unsere westliche presse auf den teufel kommraus versucht hat "kritik" zusammenzutragen, während sich der iranische präsident mit so ziemlich jeden wichtigen politiker libanons traf und damit zeigte das diese "kritiker" zumindest nicht libaneische interessen vertereten.

Homayoun H.21-10-10

Einige interessante Videos (auf englisch) diesbezüglich:

Inside-Story - Will Ahmadinejad use or support Lebanon?

http://www.youtube.com/watch?v=MhTqv2lebvY

Ahmadinejads Rede in Lebanon:

http://www.youtube.com/watch?v=adjEL87CZ_c

Gast26-10-10

Sehr schöner Photo mit passendem Untertitel.

josephalzoghbiwissen30-11-10

wissen




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