Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 6.0 von 6. 10 Stimme(n).

Wunschdenken als Mittel der politischen Legitimation


Iran, Larijani, Ägypten, Mubarak

Bilaterales Treffen der seltenen Art: Links der iranische Parlamentspräsident Dr. Ali Larijani und rechts der „ewige“ ägyptische Präsident Husni Mubarak. (Archivphoto von Dezember 2009: ISNA)

Alljährlich feiern die Muslime die 27. Nacht des Monats Ramadans als Nacht des Schicksals. In jener Nacht soll der Qur’an erstmalig dem Propheten Muhammad offenbart worden sein. Der ägyptische Präsident Husni Mubarak hielt zu diesem Anlass eine Rede und warnte vor neuen Gefahren in der Region. Er führte jedoch nicht aus, welche Gefahren er meinte, und aus dem Kontext seiner Rede konnte man dies ebenfalls nicht eindeutig beurteilen. Ebenso ägyptische Beobachter sind sich nicht einig, von welchen Gefahren der uneingeschränkt herrschende Präsident spricht. Einige ägyptische Medien sprachen von der Warnung vor religiös motiviertem Extremismus in der Region, andere wiederum (wie der Dekan Suad Saleh von der sunnitischen theologischen Hochschule Al-Azhar) erkennen dagegen eine Warnung vor aufkeimenden „liberalen Intellektuellen“ in der Region.

Im Westen jedoch war das Urteil einhellig: es konnte nur der Iran gemeint sein. Das Weshalb und das Warum wird nicht begründet. Einige Medien implizieren zumindest, dass ihre Annahme eigentlich Spekulation sei, andere wiederum sehen es als ausgemachte Sache.

Wenn man im Westen stets von seinen festgefahrenen Vorstellungen ausgeht, alle  Phänomene in der Region von diesem Standpunkt aus betrachtet und auf dieser „unwirklichen Realität“ basierend seine Politik formuliert - ohne die Bereitschaft, neue Phänomene anzuerkennen - dann wird die westliche Politik gerade deswegen seine Ziele nicht erreichen können. Die Geschichte der letzten Jahrzehnte im Nahen Osten hat dies immer wieder gezeigt. Sie ist geradezu überhäuft von Fehlurteilen und vom Wunschdenken. Trotz mehrmaligem Scheiterns hat dies aber nie zu einer grundlegenden Kurskorrektur geführt. Ganz im Gegenteil: die falsche Politik wurde häufig sogar noch verstärkt fortgeführt, wobei man sich der Illusion hingab, dass man dadurch konkrete Ergebnisse erzielen könne. Dies verhält sich beim aktuellen Nahost-Friedensprozess nicht anders, wo man glaubt, dass man Syrien und die Hamas ausblenden könnte. Und es trifft auch auf die aktuelle Iran-Politik zu, wobei man irrtümlicherweise davon ausgeht, dass die angebliche zunehmende Isolation Teherans das Ergebnis der Blockade- und Sanktionspolitik sei.

Der Westen ist nicht unfähig, Realitäten zu erkennen: so werden heute die wichtigsten globalen Wirtschaftsfragen in der G-20 behandelt, während sie noch vor fünfzehn Jahren in der G-8 auf die Tagesordnung gesetzt wurden. Man erkennt z.B. die immer wichtiger werdende Rolle Chinas und trägt dem Rechnung. Im Nahen Osten ist allerdings die Wahrnehmung neuer Begebenheiten und eine darauf aufbauende flexible und offene Politik nicht gelungen. Dort ortet man bisweilen die Ursache dafür in der „westlichen Arroganz“, was aus der Position eines Schwächeren nachvollziehbar sein kann. Näher an der Wahrheit ist wohl aber die nicht unwesentliche Fremdbestimmung der westlichen Nahost-Politik durch diverse Interessensgruppen. So gesehen bekommen Thilo Sarrazins Feststellungen eine neue außenpolitische Bedeutung: Das, was diverse Interessensgruppen an Lobbyarbeit im Westen schaffen, können Muslime, Türken und Araber nie vollbringen. Das mag auf den ersten Blick stimmen, doch gravierende Veränderungen können auch nicht durch die beste Lobbyarbeit aufgehalten werden. In diesem Sinne sind wir im Westen in unserem ureigenen Interessen dazu angehalten, unsere Nahost-Politik - besser früher als später entsprechend der Realitäten - signifikant zu modifizieren.


Homayoun H.10-09-10

Der Artikel ist Allgemein Richtig, nur finde ich das Beispiel "Mubarak" welches genommen wurde nicht gut und nicht sehr überzeugend. Auch wenn Mubarak Iran nicht Explizit erwähnt hat (eher diplomatisch), so liegt zumindest der Verdacht sehr Nahe dass Er Iran gemeint hat. Man beobachtet zunehmend diese Iran-feindliche Linie bei einigen "speziellen" arabischen Staaten. Das mag zwar mit der Meinung der Bevölkerung dieser Länder nicht übereinstimmen, aber in den Führungspositionen sind solche Äußerung direkt und indirekt sehr oft gemacht worden, so dass es auch in diesem Falle nicht abwägig wäre davon auszugehen. Zumal Mubarak in der Vergangenheit gesagt hat dass der Iran versucht in der arabischen Welt Unruhe zu stiften, sie "aufzufressen", usw.

http://www.youtube.com/watch?v=FAHmeceBdeI

Obwohl auch Hier die Medien im Westen einfach etwas dazu dichten, so gibt es doch viel bessere Beispiele als Mubarak!

Burkhardt10-09-10

Wenn er eindeutig den Iran meinte, dann hätten seine Worte nicht in Ägypten selbst für Spekulationen gesorgt haben müssen. Auch wenn der Iran tatsächlich gemeint war, zeigt es trotzdem wie parteiisch und voreingenommen unsere Medien sind, weil sie andere Möglichkeiten nicht einmal erwähnen.

william wolfo14-09-10

Der Artikel beschreibt sehr schön die Logikprobleme, die sich daraus ergeben, wenn man seinen unkontrollierten Wünschen folge leistet.
Auch der Zusammenhang "Sarrazin" wird zutreffend bewertet. In diesem Zusammenhang noch ein Zitat der FAZ, was der Nutzen der ganzen Propaganda sein könnte:
"Angela Merkels Solidarität mit Westergaard, die einen hohen außenpolitischen Preis fordern könnte, inspiriert die Freiheitsbewegung in Iran und verleiht auch den internationalen Einsätzen der Bundeswehr eine symbolische Legitimation."
http://www.faz.net/s/Rub9B4326FE2669456BAC0CF17E0C7E9105/Doc~E6762D4CF046141829F1A9533368C843E~ATpl~Ecommon~Scontent.html

M.A.22-09-10

Auch ganz aktuell, warum rüsten arabische Staaten alle auf? Natürlich alle gegen Iran. Mag sein, dass das auch ein Bedenken ist, aber überall wird ausschließlich Iran als Feind der Araber hochstilisiert, so wie hier: http://www.handelsblatt.com/politik/international/persischer-golf-araber-ruesten-ihre-streitkraefte-gegen-iran;2658925




* Bitte haben Sie Verständnis, dass die Redaktion Beiträge editiert oder nicht freigibt mit dem Ziel einen moralischen Austausch zu gewährleisten.