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13.06.2010 Shayan Arkian

Es gab keine Twitter-Revolution der Grünen Bewegung


Twitter, Iran

Twitter-Mania über Iran

Die Forschungen des US-amerikanischen Instituts World Public Opinion stellten fest, dass iranische Wähler, die regelmäßig das Internet benutzen doppelt so viel Mousavi gewählt haben als Ahmadinejad. Unter diejenigen die das Internet noch nie benutzt haben ist es gegenteilig: fast dreimal soviel bevorzugte diese Gruppe Ahmadinejad vor Mousavi. Und diejenigen, die das Internet kaum benutzen, kreuzten bei Ahmadinejad mehr als dreimal soviel als bei Mousavi.

Ergo lag es auf der Hand, dass man in Facebook, Twitter & Co. fast nur Anliegen der Opposition zu lesen war. Abgesehen davon haben nur Eindrittel der Iraner/innen einen Internetzugang.

In diesem Zusammenhang eine interessante Lektüre von Foreign Policy, zusammengefasst von intern.de:

Die in Teheran geborene Journalistin Golnaz Esfandiari, die selbst als Korrespondentin über Ereignisse im Iran und in Afghanistan berichtet, rückt die Berichte über Twitters Rolle bei den Unruhen im Iran im vergangenen Sommer gerade. Der Einfluss des Dienstes und seiner Tweets über die Ereignisse im Iran war demnach innerhalb des Landes selbst mit Null gleichzusetzen.

Twitter half weder dabei, die Proteste zu organisieren, noch sich vor Zugriffen der Basij-Milizen zu schützen, noch um die Kommunikation mit dem Ausland in bedeutsamem Ausmaß aufrecht zu erhalten. Doch so wie  Esfandiari es darstellt, wollten das Teile der Presse gar nicht hören. Sie sei vor einem der Proteste im letzten Jahr beispielsweise von einer deutschen Journalistin nach drei prominenten Twitter-Konten befragt worden.

Die hinter den Konten stehenden Personen berichteten nach damaliger Vorstellung unmittelbar über die Geschehnisse in Teheran. Doch die deutsche Kollegin schien enttäuscht, als Esfandiari ihr mitteilte, dass einer der Autoren in den USA und der andere in der Türkei beheimatet ist. Der dritte Twitterer, der immer dazu auffordere, die Sache "auf die Straße zu tragen", lebe in der Schweiz. Und das waren keine Ausnahmen.

Trotz des immer wieder aufgenommenen Themas in der Presse habe sich niemand gefragt, wieso die Twitter-Berichte zur iranischen Wahl in erster Linie in englischer Sprache verfasst waren. Unklar blieb beispielsweise auch die Rolle des vom Guardian interviewten "Oxfordgirl", dem eine wichtige Rolle bei der Organisation der Proteste zugesprochen wurde - obwohl ihre Darstellung in der Zeitung einen logischen Knick enthielt: Sie konnte gar nicht wie von ihr beschrieben mit den Protestanten mobil kommunizieren, weil die Regierung den Mobilfunk in Teheran an Tagen des Protests komplett abgeschaltet hatte.

Doch Oxfordgirl erreichte 10.000 Follower, während ein von Esfandiari genannter echter Aktivist außerhalb des Stadtgebiets nur 300 Follower zählt. Obwohl dieser häufig wertvolle Informationen liefere - aber eben in persischer Sprache, was westliche Berichterstatter jedoch eher selten verstehen.

Dafür hat Twitter laut Esfandiari eine nicht unwesentliche Rolle bei der Verbreitung von Gerüchten und Unwahrheiten gespielt. Etwa die Berichte aus den ersten Tagen, wonach Polizeihubschrauber Säure und kochendes Wasser auf die Protestanten versprühen. Oder die Verhaftung von Saeedeh Pouraghayi*, die auf dem Dach ihres Hauses "Allah Akbar" gerufen hatte und dafür vergewaltigt, entstellt und getötet wurde.

Die Geschichte von der Märtyrerin erwies sich später als unwahr, denn Pouraghayi selbst erklärte im staatlichen Fernsehen, dass sie in der fraglichen Nacht vom Balkon gesprungen war und gar nicht verhaftet werden konnte. Stattdessen sei sie einige Zeit untergetaucht. Was allerdings auch wieder zu der Behauptung führte, dass die Regierung diese Geschichte selbst aufgebracht hatte, um Zweifel an Berichten über Vergewaltigungen Inhaftierter zu erwecken.

Das Resümee der Journalistin Esfandiari lautet daher, dass die Rolle Twitters bei den Unruhen im Iran nichts mit einer "Twitter Revolution" zu tun hatte. Twitter und die Twitter-Autoren, die über die Ereignisse berichteten, haben fraglos schon eine Rolle gespielt. Doch das war nicht von einer derart übergeordneten Bedeutung, wie es damals dargestellt wurde.

Womit sich die Frage stellt, warum die US-Politik der Rolle Twitters so große Bedeutung beimaß. Wieso forderte beispielsweise US-Außenministerin Clinton Twitter dazu auf, anstehende Wartungsarbeiten zu verschieben, um die Kommunikation nicht zu behindern? Warum wollte ein Berater des früheren Präsidenten Bush Twitter gar für den Nobelpreis nominieren - was nebenbei gesagt eine sehr einfache Übung ist.

Wie es scheint, spielte sich die Twitter-Berichterstattung über den Iran hauptsächlich unter US-Anwendern ab, die nur wenige originäre Informationen aus Teheran erhielten. Doch diese Kommunikation beziehungsweise die Aufmerksamkeit für das Ereignis war den Politikern wohl auch sehr wichtig - so wie es für die Menschen im Iran wichtig war, dass man von ihren Anstrengungen hörte.

Die Rolle Twitters war also weniger spektakulär als dargestellt, aber auch nicht irrelevant. Eben so, wie Twitter auch in anderer Hinsicht einzuordnen ist.

*Die Geschichte von Saeedeh Pouraghayi war alles andere als eine Fabrizierung der Regierung. Mir Hossein Mousavi nahm persönlich an ihre Trauerfeier teil, obwohl es noch nicht einmal eine Leiche gab.

Saeedeh ist ein junges Mädchen die schon mehrmals von ihrem Elternhaus geflüchtet war (dieses Phänomen ist im Iran relativ weit verbreitet). Sie war eine quasi unpolitische Teenagerin. Als sie diesmal wieder flüchtig war und die Eltern es anzeigten riefen Unbekannte im Namen der Opposition die Mutter an und meldeten, dass Saeedeh an den Unruhen teilnahm. Sie war angeblich festgenommen und vergewaltigt worden, ihre Leiche wurde angeblich ab Unterleib mit Säure verstellt und an einen unbekannten Ort begraben. Wegen der damaligen kochenden Emotionen in der Opposition glaubte man dort die Story ungeprüft. 

Als Saeedeh von ihrer Trauerfeier und ihrem angeblichen Tod erfuhr, meldete sie sich lebend. Sie hatte jedoch Angst, dass ihr nun wirklich etwas zustößt, schließlich stand die Glaubwürdigkeit der Opposition wieder mal in Frage.

Solche Vorfälle über Berichte von Toten, die in Wirklichkeit nicht Tod waren gab es während den Monaten nach den Wahlen oft. Die Vertrauenswürdigkeit der Opposition wurde daher stark beschädigt. Das sind die Gründe, weshalb am gestrigen Tag es keine Demonstrationen im Iran stattfanden. Fehlende Anhängerschaft der Oppositionsführer.


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